„Ich hatte immer eine Schwäche für die japanische Geschichte.“

Susanne Wahl sprach mit der Histo-Couch über ihr historisches Debüt „Kirschblüten im Wind“, weibliche Samurai und über das Borgen von Charakterzügen bei der eigenen Tochter.

Histo-Couch: Frau Wahl, in ihrem ersten historischen Roman „Kirschblüten im Wind“ finden sich gleich zwei Themen, die wenig besprochen sind. Zum einen ist dies der Schauplatz Japan im Zusammenhang mit der Ostindischen Kompanie …

Susanne Wahl: Nun, ich habe Ethnologie studiert. Dabei hatte ich immer eine Schwäche für die japanische Geschichte. So habe ich mich intensiv ins Thema eingelesen. Informationen fand ich teilweise auch in der Japanologie in Tübingen. Eine Recherche übers Internet ist bei diesem Thema nicht sehr ergiebig. Es gibt nur wenig und es braucht viel Zeit, um alles zusammen zu suchen.

Histo-Couch: Was aber war der Auslöser dafür, dieses doch recht aufwändige und schwierige Thema zu wählen?

Susanne Wahl: Über unseren Sohn bin ich mehrfach mit dem Thema Samurai konfrontiert worden. Als ich mich dann etwas intensiver damit auseinander setzte, habe ich erstaunt festgestellt, dass es tatsächlich weibliche Samurais gegeben hat. Auf viele dürfte gerade dieser Teil unwahrscheinlich wirken, doch habe ich meinem Roman eine ausführliche Literaturliste angefügt, so dass sich jeder kundig machen kann, der sich für diese Frage interessiert. Der Umstand mit den weiblichen Samurais hat mich sehr angesprochen und so war für mich klar, dass mein Roman in dieser Zeit spielen würde.

Histo-Couch: Nebst dem unüblichen Schauplatz haben Sie auch ein Thema gewählt, das nicht schon in der ganzen Breite besprochen wurde: die medizinischen Erkenntnisse über Blutkreislauf und mehr.

Susanne Wahl: Mir scheint, dass die Menschen im 17. Jahrhundert in Sachen Medizin waren wie Kinder: Sie begannen nachzufragen, wollten wissen, wie alles funktioniert. Allerdings hat es auch das ethnozentristische Selbstverständnis der Europäer in Frage gestellt, als man feststellen musste, dass die Menschen unabhängig von ihrer Hautfarbe gleich sind. Gerade zu jener Zeit gab es ja die Diskussionen, die sich darum drehten, ob „Eingeborene“ überhaupt menschliche Wesen sind.

Histo-Couch: Können Sie sich einen Reim darauf machen, weshalb diese Fragen gerade die Menschen im 17. Jahrhunderte so bewegten?

Susanne Wahl: Es war zu jener Zeit plötzlich alles möglich. Die starre Fessel der Religion begann sich zu lockern und dadurch war die Phantasie nicht mehr so eingeschränkt.

Histo-Couch: Sie lassen ihre Protagonistin in eine klassische „Hosenrolle“ schlüpfen. Gerade diese Richtung wurde aber schon so breit gewalzt, dass viele Leserinnen und Leser die Nase rümpfen und das Buch im Regal liegen lassen. Wieso haben Sie sich dennoch für diese Richtung entschieden?

Susanne Wahl: Das hat sich so ergeben. Ausgegangen ist das Ganze von der Rolle des Kaishakunin, die ja einen tragenden Teil des Buches darstellt. Dadurch war klar, dass die Hauptperson eine Frau sein musste, schliesslich sollte sie ja in das Schema der Wiedergeburt passen. Eine Frau wäre aber zu jener Zeit nie auf regulärem Weg nach Deshima gekommen. Damit stand fest, dass sich meine Protagonistin auf ungewöhnlichem Weg Zutritt verschaffen würde. Klar war auch, dass die Protagonistin irgendwo am Rhein gelebt haben musste, um auf diesem Weg nach Holland zu kommen, das im 17. Jahrhundert mangels genügend einheimischer Anwärter tatsächlich eine grosse Zahl von Deutschen in den Dienst genommen hat. So entstand also das Bild von Katharina, die in Frankfurt als Tochter eines reichen Mannes und dadurch mit einer gewissen Bildung heranwuchs.

Histo-Couch: Hatten Sie für Katharina ein Vorbild in ihrem näheren Umfeld?

Susanne Wahl: Sie ist zwar eine fiktive Figur aber gewisse Charakterzüge habe ich mir von meiner eigenen Tochter „geborgt“. Bei den Figuren greift man häufig auf Menschen zurück, die man kennt. Aber es ist gar nicht möglich, sich vollumfänglich auf einen bestimmten Charakter zu stützen, da braucht es die eine oder andere Anpassung und Veränderung.

Histo-Couch: Dennoch findet man in Ihrem Buch auch einige ganz reale Figuren…

Susanne Wahl: Ja, beispielsweise die Maria Sibylla Merian. Sie hat wirklich gelebt und dürfte auch zu der Zeit, in der der Roman spielt, von Frankfurt nach Holland gereist sein. Mich hat Merian immer fasziniert, doch gibt es bereits eine ganze Reihe von Büchern über sie, da wollte ich mich nicht mit einem weiteren Werk einreihen. Dann war auch Doktor Engelbert Kaempfer eine faszinierende Persönlichkeit und seiner Zeit weit voraus.

 

Histo-Couch: Sehr anschaulich kommt die Schiffsreise daher. Haben Sie diese selber erlebt?

Susanne Wahl: Nein, leider nicht. Ich muss zugeben, das Kapitel mit der Schiffsreise war wohl mit das Schwierigste am ganzen Buch. Aber ich hatte die Möglichkeit, mir über Logbücher von holländischen Kapitänen auszumalen, wie eine Schiffsreise damals gewesen sein musste. Da gab es auch einige unerwartete Details, wie etwa jene mit dem Käse oder mit dem Stockfisch.

Histo-Couch: Auf der Überfahrt widerfährt nicht nur Katharina selber Schlimmes, sie verliert auch einen guten Freund. Ist dies der Tribut, den Sie dem Wunsch der Leserinnen und Leser nach Dramatik zollen?

Susanne Wahl: Es ist wohl eher der Hintergrund für die Entwicklung von Katharina. Sie musste auf dieser Reise reifen und das ging eben nur über Kummer und Verlust.

Histo-Couch: Wussten Sie, als Sie zu schreiben begannen, wie die Geschichte ablaufen würde?

Susanne Wahl: Die Geschichte entwickelt sich von selber, während ich schreibe. Ich mache zwar meist ein Exposé, aber hier hat sich alles aufgrund logischer Verläufe entwickelt.

Histo-Couch: Heisst das, dass der Roman Ihnen sozusagen in die Feder geflossen ist?

Susanne Wahl: Nein, keineswegs. Rund 90 Prozent ist harte Arbeit und nur etwa 10 Prozent „fliesst“ einfach so. Es ist schön, wenn das passiert, aber es kommt wirklich nicht häufig vor.

Histo-Couch: Wie geht es Ihnen, wenn ein Buch von Ihnen auf dem Markt erscheint?

Susanne Wahl: Grundsätzlich bin ich zu diesem Zeitpunkt bereits mit einem neuen Buch beschäftigt, habe also das „alte“ Projekt bereits loslassen müssen. Aber zwei drei Wochen nach Erscheinen beginne ich schon, überall nachzusehen, ob es vielleicht irgendwo eine Besprechung dazu gibt. Da kann es dann auch mal Frustration oder Enttäuschung geben, wenn ich den Eindruck gewinne, dass das Buch gar nicht wahrgenommen wird.

Histo-Couch: Werden Katharina und Martin in einem weiteren Buch Abenteuer bestehen?

Susanne Wahl: Ich hoffe schon, dass es noch einige Abenteuer zu bestehen gibt. Die Geschichte ist ja noch nicht zu Ende erzählt. Allerdings spielt mein nächster historischer Roman an einem ganz anderen Ort… Zu Weihnachten erscheint mein nächster historischer Roman, der in Australien angesiedelt ist.