„Die Übersetzer bleiben bei der Lektüre unsichtbar“ 

Die Histo-Couch im Interview mit der Übersetzerin Karolina Fell über Shakespeare, Bernard Cornwell und ihre Leidenschaft für das geschrieben Wort

Histo-Couch: Frau Fell, mit Ihnen begrüßen wir zum ersten Mal eine Übersetzerin von Romanen in unseren Interviews. Aktuell neu erschienen ist Bernard Cornwells Roman „Narren und Sterbliche“, ein Shakespeare-Roman. Können Sie beim Übersetzen eigentlich den Roman an sich genießen oder ist es „nur“ Arbeit?

Karolina Fell: Zunächst einmal vielen Dank für Ihr Interesse an meiner Arbeit – im besten Fall spüren die Leser ja nicht, dass ein Buch übersetzt worden ist, sondern lassen sich von der Erzählung mitnehmen, und die Übersetzer bleiben bei der Lektüre unsichtbar.

Zu Ihrer Frage: Beim Übersetzen taucht man tief in die Erzählwelt eines anderen ein, in seine Art der Sprachgestaltung, der Figurenführung und so weiter. Das ist für mich jedes Mal interessant und niemals „nur Arbeit“. Wenn dann wie bei Cornwell der Roman so viele erzählerische und sprachliche Einfälle enthält und noch dazu einfach gut geschrieben ist, wird die Arbeit manchmal wirklich zum Genuss. Im Übrigen kann ich mir ganz allgemein kaum vorstellen, dass es Übersetzer gibt, die in ihrer Tätigkeit „nur“ eine Arbeit sehen. Dafür erfordert sie dauerhaft zu viel Konzentration und, wie ich meine, auch eine gewisse Leidenschaft für das geschriebene Wort.

Histo-Couch: Der Roman ist ja nicht ihre erste Begegnung mit Bernard Cornwell. Ist er gut zu übersetzen?

Karolina Fell: Es kommt darauf an, was man unter „gut zu übersetzen“ versteht. Bernard Cornwell schreibt sehr detail- und kenntnisreich, hat einen stark melodischen Stil, bettet die Handlung in historische Hintergründe ein, in denen er sich auskennt wie in seiner Westentasche, für die er historische Quellen nutzt, aus denen er auch zitiert, und deren Sprachgebaren er in sein Vokabular einfließen lässt. Seine Texte sind also eine komplexe Angelegenheit, auf die man sich beim Übersetzen voll einlassen und für die man reichlich recherchieren muss, um Entsprechungen für historischen Sprachgebrauch oder beispielsweise sämtliche minutiös geschilderten Bestandteile und Funktionen einer Waffe zu finden. Auf der anderen Seite schafft Cornwell überzeugende Handlungskonstellationen und eindrückliche, anziehende Charaktere mit Brüchen und Widersprüchen. Sie bewegen sich vor Hintergründen, bei deren Beschreibung bis ins Detail und bis in abgelegene Wissensgebiete alles stimmt. Es gibt praktisch keine Anschlussfehler oder Irrtümer. Cornwell ist also „gut zu übersetzen“, was aber nicht immer „leicht zu übersetzen“, bedeutet. Und natürlich hilft mir inzwischen meine Erfahrung mit Cornwells Romanen.

Histo-Couch: In seinen anderen Romanen geht es ja mehr um Kriege und Schlachten, in diesem Fall mehr um Englands größten Dichter. Hat er da anders geschrieben als sonst?

Karolina Fell: Es stimmt, in „Narren und Sterbliche“ nimmt Cornwell seine Leserschaft in keinen Schildwall und in keinen Krieg mit. Dieses inhaltliche Element spielt also keine Rolle.

Was die Sprachgestaltung anbelangt, bleibt sich Cornwell aber treu. Auch in „Narren und Sterbliche“ finden sich seine Melodik, sein Humor, seine Liebe zum Detail und auch die unvergesslichen Bilder, mit denen er die Leserschaft mitten in die Erzählung hineinzieht. In anderen Romanen mag das etwa die Beschreibung der mehr oder weniger gut erhaltenen Leiche eines Heiligen sein, die vorneweg in die Schlacht getragen wird, um beim Sieg zu helfen. In „Narren und Sterbliche“ lässt er es beispielsweise von unzufriedenem Publikum Bierflaschen und Pflastersteine auf die Schauspieler regnen oder Richard erzählen, wie er sich unter einen eben Gehenkten kauern sollte, weil der Glaube bestand, der herabtröpfelnde Urin könne ihn vor einem Lebensweg als Sünder bewahren.

Auch in der Struktur von „Narren und Sterbliche“ finden sich Ähnlichkeiten zu anderen Romanen. Hier wie dort lässt Cornwell vor einem konfliktbeladenen historischen Hintergrund (dem Existenzkampf der elisabethanischen Theater gegen die puritanische Obrigkeit Londons) die persönlichen Dramen der Figurengeschichte spielen (der Underdog Richard im Kampf um die Anerkennung seines Bruders William).

Eine besondere Erweiterung dieser Handlungsstruktur erfährt der Roman durch die Verschränkung mit Shakespeares „Sommernachtstraum“. Dieses Theaterstück enthält selbst ein Theaterstück, nämlich „Pyramus und Thisbe“, und Cornwell dreht die Schraube noch weiter, indem er in der Shakespeare-Truppe seines Romans inhaltliche und personelle Spiegelungen zu „Pyramus und Thisbe“ aufbaut und damit noch eine weitere Ebene des Spiels im Spiel eröffnet.

Cornwell macht also in „Narren und Sterbliche“ einen Ausflug in die Theaterwelt, aber dort behält er nicht nur seine Erzählstruktur und seinen Stil bei, sondern es geht auch genauso fesselnd und abenteuerlich zu wie in seinen anderen Romanen. Man hätte sich übrigens vorstellen können, dass Cornwell sehr viel früher einen Theaterroman schreibt. Denn er steht seit Jahren mit Begeisterung selbst auf der Bühne – auch in Shakespeare-Stücken.

Histo-Couch: Haben Sie Bernard Cornwell einmal kennengelernt? Was sagt er über „seine“ Übersetzungen?

Karolina Fell: Das hat sich bisher nicht ergeben. Cornwell lebt ja seit Langem in den USA.

Histo-Couch: Hatten Sie auch Gelegenheit, selber Shakespeare zu übersetzen oder sind diese Passagen eine feste deutsche Übersetzung?

Karolina Fell: Mit der Frage nach einer festen deutschen Übersetzung von Shakespeare bringen Sie einen sehr großen Stein ins Rollen. Die Geschichte der deutschen Shakespeare-Übersetzungen ist nämlich beinahe eine Wissenschaft für sich.

Von den ersten Adaptionen einiger Stücke im 17. Jahrhundert über die berühmte sogenannte Schlegel-Tieck-Übersetzung aus dem 18./19. Jahrhundert bis zur, soweit ich sehe, jüngsten Übersetzung von Frank Günther gibt es einen langen Reigen von unvollständigen, vollständigen, freien, textnahen, romantischen, lückenhaften, zensierten, überarbeiteten, modernen und historisierende Versionen. Und alle diese Übersetzungen sind vom jeweiligen Zeitgeschmack und den  Auffassungen und Zwecken der Übersetzenden beeinflusst. Weil Shakespeare ein Bühnenautor ist, kommen aufgrund der Aufführungspraxis noch weitere Besonderheiten hinzu. Es ist beispielsweise ziemlich sicher, dass heute kaum noch jemand verstehen würde, worum es geht, wenn dazu nur die „Schlegel-Tieck“-Übersetzung herangezogen würde. Insofern sind die deutschen Shakespeare-Übersetzungen ein sehr gutes Beispiel dafür, dass Übersetzen auch immer Aneignen und Interpretieren ist. Sonst gäbe es ja nur eine Shakespeare-Übersetzung, hier und da würden vielleicht noch ein paar Fehler korrigiert, aber ansonsten würde eine einzige Übersetzung für alle Zeiten, Leser und Nutzungen ausreichen.

Cornwell hat, da er ja Englisch schreibt und den englischen Originaltext von Shakespeare verwendet, diese Gelegenheit genutzt, um seinen Roman teilweise bis in die Wortwahl und die Sinnbezüge hinein mit den Shakespeare-Passagen zu verschränken, die er in „Narren und Sterbliche“ zitiert. Weil ich dieses meist sehr humorvolle Spiel mit dem Text auch für die Leser meiner Übersetzung sichtbar machen wollte, diese ganz bestimmten Worte und Sinnbezüge in vorhandenen deutschen Übersetzungen jedoch meist nicht auftauchen, habe ich mit Ausnahme des Liedes „An Silvia“ alle Shakespeare-Passagen in „Narren und Sterbliche“ selbst übersetzt.  

Histo-Couch: Würden Sie selber mal einen kompletten Shakespeare übersetzen wollen?

Karolina Fell: Shakespeare, und das begründet ja seinen über Jahrhunderte ungebrochenen Erfolg, hat es verstanden, die großen menschlichen Dramen von Liebe, Eifersucht, Machtwillen oder anderen existenziellen Konstellationen in eine beziehungsreiche, schillernde und zugleich rhythmisch fließende Sprache zu bringen, in der sich vielschichtige Gedankengänge genauso finden wie vulgärer Humor. Schon bei den wenigen Passagen, die ich für „Narren und Sterbliche“ übersetzt habe, musste ich mir an den gleichen Fragen wie andere Übersetzer die Zähne ausbeißen. Was soll Priorität haben? Soll Shakespeares Blankvers erhalten bleiben, der eine erhebliche Fessel darstellt, oder soll man sich davon lösen? Soll man einen neuen, eigenen Witz erfinden, wenn klar ist, dass eine humoristische Anspielung aus der Shakespeare-Zeit heute nicht mehr verstanden wird? Wie sollte man mit Dialektwörtern umgehen und wie „modern“ darf der deutsche Text klingen, ohne den historischen Shakespeare zu verzerren?  – Einen kompletten Shakespeare zu übersetzen wäre also eine riesige Herausforderung, für die ich sehr, sehr viel Zeit bräuchte …das kann ich mir zumindest jetzt nicht vorstellen.

Histo-Couch: Wie lange haben Sie für die Übersetzung des Romans gebraucht?

Karolina Fell: Etwa drei Monate.

Histo-Couch: Verraten Sie uns, wie so ein Übersetzungsprozess vor sich geht? Wer sucht die Bücher aus, die Sie übersetzen, wie ist der grobe Fahrplan?

Karolina Fell: Die Bücher, die übersetzt werden sollen, sucht ein Verlag aus, von dem ich dann einen Auftrag bekomme. Zu diesem Zeitpunkt ist die Übersetzung meist schon in das Verlagsprogramm eingeplant. Es gibt daher ein bindendes Abgabedatum, das einige Zeit vor der Veröffentlichung liegt, denn zwischen meiner Abgabe und der Veröffentlichung sind noch andere Schritte wie die Redaktion, der Satz, die Korrektur, die Durchsicht der Fahnen, Druck und Auslieferung eingetaktet. Eine ganze Menge Menschen haben mitgearbeitet, bis eine Übersetzung schließlich als fertiges Buch auf dem Ladentisch liegt.

Histo-Couch: Wie arbeiten Sie? Sitzen Sie in einem Verlag oder zu Hause mit einem Stapel Wörterbücher auf dem Schreibtisch?

Karolina Fell: In einem Verlag sitze ich nicht, sondern an meinem eigenen Schreibtisch. Darauf stapeln sich in Zeiten des Internets mit den Online-Wörterbüchern weniger physische Wörterbücher als das Zusatzmaterial, das ich mir zu einer Übersetzung zusammenstelle. Das können – wie im Fall von „Narren und Sterbliche – London-Stadtpläne sein, Bilder des Globe-Theatre oder Informationen zur politischen Situation und elisabethanischen Kleidermoden, bei anderen Büchern sind es zum Beispiel Erläuterungen zum Bau von Langbögen oder andere Hintergrundinformationen zu der jeweiligen zeitlichen Epoche oder zu Spezialthemen. Es kommt mir dabei darauf an, mich in der Erzählwelt des Romans auszukennen, damit ich mich beim Übersetzen auf die Sprache konzentrieren kann.

Histo-Couch: Googelt man Ihren Namen, erfährt man fast nichts über Sie persönlich. Würden Sie uns Ihren Werdegang verraten? Wie sind Sie zum Beruf als Übersetzerin gekommen?

Karolina Fell: Nach meinem Studium habe ich zunächst eine Weile Deutsch als Fremdsprache unterrichtet und parallel journalistisch und als Redakteurin gearbeitet. Mit der Zeit kamen Verlagsaufträge wie Gutachten zu fremdsprachigen Büchern oder Übersetzungsredaktionen hinzu und schließlich der erste Übersetzungsauftrag.  Aus diesem ersten Auftrag ergaben sich weitere, sodass ich die anderen, verlagsfernen Arbeiten nach und nach aufgegeben habe.

Histo-Couch: Haben Sie einen Überblick, wie viele verschiedene Autoren und Romane Sie bereits übersetzt haben?

Karolina Fell: Ganz genau weiß ich das nicht, aber ich schätze, dass es bislang ungefähr anderthalb Dutzend Autoren und drei oder vier Dutzend Romane gewesen sind.

Histo-Couch: Haben Sie einen Lieblingsautor, den Sie übersetzen, und einen, den Sie nicht übersetzen?

Karolina Fell: Das ist eine für mich kaum zu beantwortende Frage. Die Romane, die ich übersetze, sind so unterschiedlich und bieten mir so unterschiedliche Reize beim Übersetzen, dass ich keinen einzelnen herausgreifen kann. Aber Cornwell ist sicher einer meiner Lieblinge!

Histo-Couch: Lesen Sie privat auch Originale oder Übersetzungen und raufen sich manchmal die Haare, was andere Kollegen manchmal übersetzen?

Karolina Fell: Ich lese privat viel und auch Übersetzungen. Nach meinem Eindruck sind deutsche Übersetzungen im Allgemeinen recht gut.

Gelegentlich bleibe ich an einer Stelle hängen aber meist nicht, um mir die Haare zu raufen, sondern eher, weil ich denke, dass ich das vielleicht anders übersetzt hätte. Nicht unbedingt “richtiger", will ich damit sagen, sondern eventuell mit einer anderen Wortwendung oder einem anderen Adjektiv, um eine andere atmosphärische Assoziation hervorzurufen.

Natürlich lese ich manchmal in einer Übersetzung auch etwas, das ich nicht elegant oder gut gelöst oder auch falsch finde; und zum Ausgleich gibt es dann wieder Übersetzungen, die mir auffallen, weil sie so unheimlich gut gelungen sind.

Histo-Couch: Haben Sie mal einen Autor getroffen, dessen Buch Sie übersetzt haben?

Karolina Fell: Es gab, wie zum Beispiel mit Jojo Moyes, schon mehrere Treffen bei Verlagsterminen, Lesungen oder der Buchmesse. Das sind besondere Begegnungen, denn es gibt außer den Schreibenden, den Lektoren und Übersetzern wohl nur wenige, die sich so intensiv mit dem Text beschäftigen. Und es sind erfreuliche Begegnungen, denn dass ein Buch überhaupt übersetzt wird, ist ja schon ein großer Erfolg und keineswegs selbstverständlich.

Histo-Couch: Wieviel vom Ruhm eines Autors fällt auf Sie ab?

Karolina Fell: Romane sind das Werk ihrer Autoren. Dieser Ruhm gehört also ihnen. Sie sind es, die sich eine Geschichte ausdenken, Figuren, Schauplätze, Konflikte und all das in eine sprachliche Form bringen. Als Übersetzerin folge ich ihrem Werk und versuche es so treu wie möglich in ihrem Sinne zu übertragen. Wenn ein Buch in der Übersetzung erfolgreich ist, gewinnt man auch als Übersetzer Anerkennung aber das ist eine andere Kategorie als der Ruhm der Autoren.

Histo-Couch: Zurück zu Cornwell und Shakespeare. Der Roman wird von der ausländischen Presse, wo das Buch vor neun Monaten erschienen ist, jubelnd besprochen. Setzt Sie so etwas unter Druck?

Karolina Fell: Zunächst einmal freut es mich einfach. Unter Druck gesetzt fühle ich mich dadurch nicht. Wenn ich mich an einem Roman mache, weiß ich natürlich, ob der Autor bekannt ist oder nicht, aber das ist bei der Arbeit am Text unwesentlich. Unter Druck setze ich mich höchstens selbst, denn ich möchte, dass jede Übersetzung gut ist, ganz gleich, ob der Roman von einem Erfolgsautor oder von einem Neuling stammt.

Histo-Couch: Es gibt ja diesen Mythos und die Theorie, dass es Shakespeare als Person nie gegeben hat. Was ist Ihre Meinung dazu?

Karolina Fell: Nach dem, was ich bisher dazu gelesen habe eine Spezialistin bin ich in dieser Frage allerdings nicht – meine ich, dass der historische William Shakespeare auch der Autor William Shakespeare ist. Soweit ich es sehe, neigt heute die Forschung überwiegend zu dieser Auffassung. Es besteht anscheinend bei Shakespeare wie bei vielen anderen Berühmtheiten, deren Lebensweg nicht lückenlos belegt ist, der Hang zur Mythenbildung, indem die Lücken mit theoretisch denkbaren Erklärungen aufgefüllt werden. Allerdings hat trotz der Heerscharen von Shakespeare-Spezialisten, die über dieses Thema gestritten haben, bislang noch niemand beweisen können, dass die Texte nicht von ihm stammen.

Histo-Couch: Letzte Frage: Wenn Sie die Gelegenheit hätten, einen Tag mit Shakespeare zu verbringen, was würden Sie unternehmen und was würden Sie ihn fragen?

Karolina Fell: Ich würde mir seinen Schreibtisch und sein London zeigen lassen und natürlich eine Aufführung in seinem Theater besuchen. Fragen würde ich ihn nach den Lücken in seiner Biographie. Dann hätten weitere Generationen von Shakespeare-Forschern bestimmt jede Menge neuer Themen.

Das Interivew führte Carsten Jaehner.

Foto (1): Copyright bei Karolina Fell privat.