Hotel ohne Wiederkehr von Herbert Beckmann

Buchvorstellungund Rezension

Hotel ohne Wiederkehr von Herbert Beckmann

Originalausgabe erschienen 2018unter dem Titel „Hotel ohne Wiederkehr“,, 244 Seiten.ISBN 3839223164.

»Hotel ohne Wiederkehr« kaufen oder zum Merkzettel hinzufügen

bestellen bei amazon

Kurzgefasst:

Im November 1918 – der Krieg ist verloren, im ganzen Land herrscht Revolutionsstimmung – kämpft der jüdische Arzt Alfred Muesall in Berlin gegen die Folgen der verheerendsten Seuche seit der Pest des Mittelalters: die Spanische Grippe. Und mitten in dem allgemeinen Chaos bittet ihn der Rechtsanwalt Paul Levi um die konspirative Behandlung einer denkbar ungewöhnlichen Patientin: Rosa Luxemburg. Ihre Ermordung nur wenige Wochen später, zusammen mit Karl Liebknecht am 15. Januar 1919, wird Muesall ebenso wie Levi, ein Leben lang verfolgen.

Das meint Histo-Couch.de: „Dramatischer Jahreswechsel 1918/19 lebendig dargestellt“80

Rezension von Jörg Kijanski

Der jüdische Nervenarzt Alfred Muesall kämpft zum Jahreswechsel 1918/19 in Berlin gegen einen neuen, unheilvollen Gegner an. Das Ende des Großen Krieges steht unmittelbar bevor, da rafft die Spanische Grippe die Menschen dahin. Die Krankenhäuser sind voll, die Ärzte weitgehend machtlos, zumal sie keine Unterstützung durch die Medien erhalten. Noch herrscht Krieg, die lebensbedrohliche Krankheit wird verschwiegen, um den Feind zu täuschen und keine Panik zu erzeugen. Doch an der Front ist sie, nicht zuletzt aufgrund der katastrophalen hygienischen Zustände, längst angekommen. Diejenigen, die jetzt nach und nach heimkommen, tragen sie unwissentlich in die Städte.

„Massenhaft sind sie in den Krieg gezogen, glaubten, ihr Vaterland zu verteidigen, es vor den Barbaren schützen zu müssen. Die uns angeblich umzingelten, finster entschlossen, uns, unsere Frauen und Kinder bluten zu lassen. Aber in Wahrheit, Muesall, waren wir die Barbaren. Ganz wild darauf, die Anderen zur Ader zu lassen, um uns an ihrem Blut besoffen zu saufen.“

Auch Muesalls Lebensgefährtin Anne ist erkrankt als ihn ein Anruf von Rechtsanwalt Paul Levi erreicht. Zuletzt sahen sich die beiden Männer vor dem Krieg, damals sagte Muesall bei einem Prozess als Sachverständiger aus. Doch Levi verlor seinen Fall. Seine Mandantin, niemand geringeres als Rosa Luxemburg, wurde verurteilt und saß seitdem im Gefängnis. Inzwischen ist sie wieder frei, versteckt sich in einem Hotel und leidet unter Erschöpfung. Die Begegnung mit Luxemburg wird das weitere Leben von Muesall jahrelang prägen …

Der Doppelmord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, die Revolution von 1918/19 und der ganze trübe Rest

Die Handlung, die der jüdische Arzt Alfred Muesall rückblickend erzählt, spielt überwiegend in der Zeit von November 1918 bis Mitte 1919 und beleuchtet die dramatischen Ereignisse jener Wochen sehr lebendig. Der Krieg ist verloren, die Republik wird ausgerufen (gleich zwei Mal), doch das Morden geht weiter. Dieses Mal auf offener Straße, mitten in den deutschen Städten. Die heimgekehrten Soldaten wollen die Waffen nicht niederlegen, die Dolchstoßlegende von der unbesiegten Armee, die verraten wurde, kursiert, während die neu gegründete KPD und andere von der Revolution träumen. Darunter der Spartakusbund mit Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg an seiner Spitze.

„Die Seeblockade der Westmächte hat von Beginn des Krieges an zur Hungersnot in Deutschland beigetragen, und das Brot, das Hunger stillt, wird gewöhnlich nicht danach gefragt, wie kommunistisch sein Mehl ist. Jedenfalls nicht von mir.“

„Eben, Muesall! Genau deshalb brauchen wir ja die scharfzüngige Luxemburg, einen Menschenfreund wie Levi und Unbestechliche wie den Liebknecht.“

Deren Ermordung und der anschließende (Schau-)Prozess gegen die mutmaßlichen Täter bilden rund zwei Drittel des Romans. Abschließend erfolgt noch ein Ausblick auf jenen Prozess des Jahres 1929, in dem die Umstände des Doppelmords mit rund zehnjähriger Verspätung, dieses Mal vor einem Gericht, welches den Namen verdient, erneut dargestellt werden. Gerade in diesem letzten Kapitel wird es jedoch ein wenig „verwirrend“, da hier zwischen den Jahren 1918 bis 1938 (in diesem Jahr lebt der Ich-Erzähler inzwischen) häufig hin und her gesprungen wird, so dass erhöhte Konzentration beim Lesen erforderlich ist.

„Und als die Ersten aus ihren Reihen protestierten, Liebknecht und Luxemburg vor allen anderen, da sahen Ebert und seine Leute ruhig zu, wie ihre sprachgewaltigen, gewaltlosen Genossen verhaftet wurden, weil sie etwas dagegen hatten, dass deutsche Arbeiter auf französische, britische oder russische Standesgenossen schossen. Bis Liebknecht und Luxemburg schließlich keine Genossen der SPD mehr waren, sondern “Unabhängige„. Die jedoch die unangenehme Eigenschaft besaßen, als Pazifisten noch immer äußerst überzeugend zu sein.“

Der Protagonist Muesall, der bereits in dem Roman Die Nacht von Berlin mitwirkte, schildert nicht nur die dramatischen Ereignisse während des Übergangs vom Kaiserreich zur Republik. Er trifft zudem interessante Personen der damaligen Zeit wie den Anwalt Paul Levi, den Schriftsteller und Arzt Alfred Döblin oder – wenngleich nur kurz – den Begründer der Psychoanalyse Sigmund Freud, dem er in großzügiger Abneigung gegenübersteht, da er diesen für einen Scharlatan hält. Außerdem erfährt man viele Details über die Arbeit der Ärzte und den Stand der medizinischen Wissenschaft zu jener Zeit, so dass sowohl an deutscher Geschichte (Epoche der Weltkriege) sowie medizinisch interessierte Leser zugreifen können. Hundert Jahre nach Ende des Ersten Weltkrieges gibt es zwar eine ganze Reihe von Romanen, die sich mit diesem Thema befassen (hierzu lohnt sich unter anderem ein Blick in das Programm des Gmeiner-Verlages), aber das vorliegende Buch ragt da schon ein wenig aus der Masse heraus. Kurzweilig und jederzeit spannend geschrieben (von den vielen Zeitsprüngen im letzten Kapitel abgesehen) bietet Herbert Beckmann einige interessante Geschichtslesestunden mit einem farbenfrohen Themenspektrum.

Ihre Meinung zu »Herbert Beckmann: Hotel ohne Wiederkehr«

Ihr Kommentar zu Hotel ohne Wiederkehr

Hinweis:Wir behalten uns vor, Kommentare ohne Angabe von Gründen zu löschen.Beachten und respektieren Sie jederzeit Urheberrecht und Privatsphäre.Werbung ist nicht gestattet.Lesen Sie auch die Hinweise zu Kommentaren in unserer Datenschut­zerklärung.