Totenliste von Harald Gilbers

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2018unter dem Titel „Totenliste“,, 512 Seiten.ISBN 978-3-426-52182-3.

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Kurzgefasst:

Berlin 1946. Nach Kriegsende nutzt Kommissar Oppenheimer seinen kriminalistischen Spürsinn, um Vermisste ausfindig zu machen. Routinemäßig besucht er dazu die Berliner Flüchtlingslager. Als der verunstaltete Leichnam eines vertriebenen „Volksdeutschen“ aufgefunden wird, bekommt Oppenheimer von dem sowjetischen Oberst Aksakow den Befehl, sich mit der Sache zu beschäftigen. Weitere brutale Morde lassen nicht lange auf sich warten. Offenbar arbeitet der Täter eine Liste mit NS-Schergen ab, um späte Rache zu nehmen ...

Das meint Histo-Couch.de: „Die mehrfach prämierte Krimiserie erfährt nach Kriegsende ihre spannende Fortsetzung“80

Rezension von Jörg Kijanski

Berlin, Dezember 1946. Anderthalb Jahre ist der Krieg vorbei, die Folgen in der Hauptstadt sind allgegenwärtig. Ruinen und Steinbrocken wohin das Auge blickt, Wohnraum ist so knapp wie nie und ausgerechnet jetzt findet eine der größten Umsiedlungsaktionen Europas statt. Der frühere jüdische Mordkommissar Richard Oppenheimer und seine Frau Lisa haben überlebt, wenngleich nicht ohne Folgen. Immerhin können sie bei ihrer Bekannten Hilde von Strachwitz unterkommen, die über ein großes Haus im amerikanisch besetzten Sektor verfügt. Dennoch ist die Versorgungslage katastrophal, es fehlt an Essen, Kleidung und vor allem Brennholz. Dabei sind die Temperaturen teils im zweistelligen Minusbereich.

„Die gesamte Trümmermenge wurde auf circa hundert Millionen Tonnen geschätzt, was wiederum einem Raumgehalt von fünfundsiebzig Millionen Kubikmetern entsprach. Mit anderen Worten: Es könnte bis 1970 dauern, bis sämtliche Überreste der Bombardierungen beseitigt waren.“

Oppenheimer arbeitet inzwischen für den Deutschen Suchdienst, doch als in einem Hinterhof in Neukölln eine Leiche entdeckt wird, bittet der russische Oberst Aksakow ihn um Hilfe, denn ein Tatverdächtiger wurde bereits verhaftet. Es handelt sich um Georg Hüttner, einen sogenannten Moskowiter, der aus dem selbst gewählten russischen Exil zurückgekehrt ist und nun im Osten der Stadt über gute, politische Kontakte zur neu entstandenen SED verfügt. Wenig später gibt es ein weiteres Opfer&   

Richard Oppenheimer ermittelt im Hungerwinter 1946

Konflikte zwischen den amerikanischen, britischen und russischen Besatzungsmächten bilden einen Schwerpunkt des bereits vierten Falls der Kommissar-Oppenheimer-Reihe, die inzwischen international renommierte Krimipreise einheimsen konnte (u. a. in Japan). Wie bei einer Serie üblich gibt es ein Wiedersehen mit alten Bekannten. Hier stellt sich besonders die Frage, wer den Krieg überlebt hat – außer Hilde, Lisa und Richard – Franz Schmude ist dabei, Otto Seibold ebenfalls und der „schwere Ede“ hat bereits wieder ein neues Tanzlokal eröffnet. Zudem gibt es für Oppenheimer ein Wiedersehen mit seinem alten Kollegen Billhardt, bei dem sich Oppenheimer insgeheim fragt, wie dieser die „Eignungsprüfung“ bestanden hat, denn gerade die Amerikaner achteten besonders darauf, dass nach Kriegsende nur diejenigen in den Polizeidienst kamen, die aus der Nazizeit unbelastet hervorgingen.

„Die beiden Opfer bereiten mit Kopfzerbrechen. Erst ein Volksdeutscher, der vermutlich Nazi-Anhänger war, und dann ein KZ-Überlebender. Wo ist da der gemeinsame Nenner?“

Neben dem ansprechenden Krimiplot überzeugt Harald Gilbers einmal mehr mit historischer Detailkenntnis. Die schon angesprochenen Konflikte zwischen den Besatzungsmächten sind ein interessanter Punkt, wenngleich deren Auftreten ein wenig sprunghaft erscheint. Auch ein kurzer Auftritt von Erich Mielke, dem späteren Leiter des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR, erschließt sich dem Leser nicht ganz, denn anschließend spielt Mielke keine Rolle mehr. So dient der Einschub (lediglich oder immerhin) wohl der Erkenntnis, dass Mielke an den „Polizistenmorden vom Bülowplatz“ (8./9. August 1931) aktiv beteiligt war, für die er 1993 wegen Mordes verurteilt wurde. Darüber hinaus werden die katastrophale Versorgungslage und das kulturelle Leben in Berlin beleuchtet. Die alles entscheidende Spur der Ermittlungen führt letztlich in das Konzentrationslager Sachsenhausen, wo die aktuelle Mordserie ihren Auslöser hat. Die Geschichte wird aus zwei Perspektiven erzählt; neben der Ermittlungsarbeit erlebt der Leser, wie der Mörder bereits das nächste Opfer in seine Gewalt gebracht hat. So wird der ohnehin ordentliche Spannungsbogen zusätzlich erhöht.

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