Die Venezianerin und der Baumeister von Gudrun Lerchbaum

Buchvorstellungund Rezension

Die Venezianerin und der Baumeister von Gudrun Lerchbaum

Originalausgabe erschienen 2015unter dem Titel „Die Venezianerin und der Baumeister“,, 448 Seiten.ISBN 978-3-7466-3093-9.

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Kurzgefasst:

Vicenza, 1526: Nach dem Tod ihrer Mutter wird die kleine Waise Mariangela vom Tischler Marcantonio aufgenommen. Sie wächst an der Seite seiner Kinder auf, vor allem seine Tochter Allegra ist wie eine Schwester für sie. Doch dann verliebt sich Mariangela in den jungen ehrgeizigen Steinmetz Andrea Palladio. Ihre Gefühle werden von ihm nicht erwidert; stattdessen heiratet ihn Allegra ein Vertrauensbruch, der Mariangela ins Unglück stürzt und schließlich in große Gefahr bringt. Nachdem Palladio sie daraus befreit, verzeiht sie ihm und unterstützt fortan seinen Aufstieg zum bedeutendsten Architekten der italienischen Renaissance.

Das meint Histo-Couch.de: „Überraschend facettenreich“85Treffer

Rezension von Rita Dell'Agnese

Die kleine Mariangela verliert ihre Mutter durch ein Fieber. Voller Mitleid bringt Allegra, die bei Mariangelas Mutter Geld für ein Spinnrad abholen sollte, das verängstigte Kind mit in die elterliche Tischlerei. Gegen den Willen der Tischlers-Frau darf das Kind bleiben und als Schwester von Allegra und dem kleinen Fabio heranwachsen. Kaum den Kinderschuhen entwachsen, lernt Mariangela den aufstrebenden Architekten Andrea Palladio kennen und verliebt sich in ihn. Dem jungen Architekten scheinen im Venetien des 16. Jahrhunderts kaum Grenzen gesteckt und Mariangela träumt von einer Zukunft an seiner Seite. Doch Andrea heiratet ausgerechnet Allegra. Enttäuscht wendet sich Mariangela ab und stürzt sich in die Ehe mit Sandro, ohne aber ihre eigentlichen Gefühle ganz vergessen zu können. Als Sandro ums Leben kommt, kommen sich Mariangela und Andrea näher. Mariangela gerät in einen Gewissenskonflikt: Sie ist Allegra sehr zugetan und will deren Ehe nicht zerstören. Zwischen den dreien kommt es deshalb immer öfters zu Spannungen.

Keine seichte Geschichte

Wer beim Titel unvermittelt zusammenzuckt und hinter dem Cover mit weiblichem Torso-Abschnitt den Beweis für durchschnittliche Massenware im Bereich des historischen Romans sieht, lässt sich von unglücklich gewählten Äußerlichkeiten täuschen. Gudrun Lerchbaum hat einen überraschend facettenreichen Roman geschrieben, der gleich mehrere Konfliktthemen beleuchtet, ohne zu überladen zu wirken. Zum einen ist es die heimliche Liebe zum Mann der Schwester, für die Mariangela durchs Feuer gehen würde, und der sie doch insgeheim neidisch ist. Zum anderen ist es das stetige Heimweh, das die aus der Fremde stammende Mutter von Allegra umtreibt und schließlich zum Nährboden des Zerfalls der kleinen Familie wird. Schließlich ist der Roman aber auch ein Portrait. Das Portrait des großen Architekten der Renaissance, Andrea Palladio, der seiner Zeit nicht nur weit voraus war, sondern durch seine Werke auch heute noch bekannt ist. Die Genialität von Andrea Palladio fängt Gudrun Lerchbaum in ihrem Roman hervorragend auf, ohne in eine unangenehme Schwärmerei zu verfallen.

Starke Charaktere

Obwohl gerade bei Allegra einige Vorbehalte gemacht werden müssen sie wird teilweise etwas gar zu liebenswürdig und selbstlos dargestellt stimmt nicht nur der Plot, sondern stimmt auch die Charakterzeichnung. Die Autorin staffiert ihre Figuren mit viel Persönlichkeit aus und macht auch nicht Halt davor, die Heldin mal in einem weniger vorteilhaften Licht zu präsentieren. Das macht nicht nur die Geschichte glaubwürdiger, es bringt die Charaktere den Leserinnen und Lesern auch auf eine angenehme Art näher. Auch wenn man ob der einen oder Handlungsweise den Kopf schütteln mag, so wirkt es doch stimmig, wie sich die Figuren verhalten. Da und dort mag man sich gar selber dabei erkennen, wenn es allzu menschlich zu und her geht.

Gute Kombination

Gudrun Lerchbaum hat eine überzeugende Geschichte verfasst, bringt es fertig, viel von der Lebensgeschichte des berühmten Architekten Andrea Palladio einfließen zu lassen und kann bei all dem auch eine große Portion Ambiente aufbieten. So präsentiert sie einen auf weiten Strecken überzeugenden Roman, der zwar noch die eine oder andere Kinderkrankheit aufweist – dies vor allem im Bereich jener Figuren, die sich zu sehr ins Gut-Böse-Raster einpassen lassen – aber in seiner Gesamtheit überzeugt. Das offen gehaltene Ende lässt den Schluss nahe, dass in absehbarer Zeit mit einer Fortsetzung zu rechnen ist. Die Leserinnen und Leser von Die Venezianerin und der Baumeister werden nun vielleicht nicht vor Ungeduld zappeln. Aber sie werden wohl gerne zu einem zweiten Band mit den bekannten Protagonisten greifen, um zu erfahren, wie es mit Mariangela, Allegra, Andrea, Fabio und all den anderen Figuren weiter gehen mag. Damit hat Gudrun Lerchbaum schon mal eine kleine Fangemeinde um sich geschart.

Ihre Meinung zu »Gudrun Lerchbaum: Die Venezianerin und der Baumeister«

Maren Bohm zu »Gudrun Lerchbaum: Die Venezianerin und der Baumeister«13.12.2016
Brillant geschrieben, faszinierend, wahrhaftig

Gudrun Lerchbaum gelingt das beinahe Unmögliche, die Renaissance in Italien vor den Augen des Lesers entstehen zu lassen, als lebte er inmitten dieser Zeit. Vicenza, Padua, Rom.
Die Autorin führt uns in Palazzi, zu Gelagen unter freiem Himmel, auf Märkte, Gassen, zu Baustellen, in Wirtshäuser, Küchen und Schlafgemächer. Wir schmecken den Bohneneintopf und die raffinierte Weinschaumcreme, wir riechen Holz, Staub, betasten den geruchlosen Marmor, und dies alles nicht als Beiwerk, sondern gemäß dem Kunstideal des Protagonisten Andrea Palladio: Die Fassade ist ein Abbild der Struktur: Wahrhaftigkeit. In diesem hohen Sinne ist der Roman mit jedem Wort wahr.
Der Roman beginnt im Jahr 1526. Der junge, geniale Andrea, Sohn eines Müllers, der zugleich Schiffer ist, träumt davon, ein Baumeister des Lichts zu werden, berühmt in der gesamten christlichen Welt – und empfindet trotz seiner hochfliegenden Pläne Mitleid mit Mariangela, einem Mädchen, das gerade seine Mutter verloren hat. Dabei stellt er nüchtern fest: „Als Magd würde sie enden, wenn sie Glück hatte, als Hure im anderen Fall.“
Damit setzt die Autorin die beiden großen Spannungsbögen, die den Roman in einem Zeitraum von gut 20 Jahren umfassen und den Leser in Atem halten: Wie gelingt es Andrea trotz seiner vergleichsweisen niederen Herkunft Andrea Palladio, Architetto, der große Mensch zu werden, als den ihn Goethe ehrt? Welche Konzessionen muss er machen bzw. seinen Mitmenschen abverlangen, um adelige Auftraggeber zu gewinnen? Gelingt es ihm sein Selbst, das er als Leben voller Arbeit versteht, vor den Ansprüchen seiner Gönner zu bewahren?
Und was wird aus Mariangela? Darf der Leser wirklich nichts für sie hoffen?
Psychologisch feinsinnig beschreibt Lerchbaum die Verzweiflung Mariangelas, die zwar Unterkunft in der Familie eines Tischlers findet dank der Hartnäckigkeit seiner Tochter Allegra, doch erst wieder ins Leben zurückfindet, als sie selbst beginnt, dem rohen Holz Tiere zu entlocken, Tiere zu schnitzen.
Doch dann sieht es tatsächlich so aus, als gäbe es für Mariangela keine Freude in ihrem Leben, denn ausgerechnet sie ist es, die ihrer engsten Vertrauten Allegra ihre Liebe Andrea mit den Worten präsentiert: „Du wirst ihn lieben“, nicht ahnend, dass Allegra und Andrea sich daraufhin heimlich treffen und Andrea um Allegras Hand anhalten lässt, und zwar neben erotischer Anziehung auch aus Karrieregründen, da man Allegra, in teure Kleider gehüllt, für eine Comtessa halten könnte. Die Heirat bedeutet Verrat, gerade weil Allegra genau weiß, wie abgrundtief Mariangela Andrea liebt, mehr als sie selbst.
Mariangela bleibt nichts anderes übrig, denn als Tante der sich schnell vergrößernden Kinderschar im Haushalt Allegras und Andreas die Arbeit einer Magd zu verrichten.
Aber sie ist keine Magd, sie ist eine Intellektuelle, mit der der Leser eine tiefe Sympathie empfindet. Schon als Klosterschülerin interessiert sie sich für die Widersprüche in der Politik, nimmt eine kritische Haltung gegenüber der Kirche ein, sie ist Künstlerin, sie diskutiert mit Andrea über Architektur. In Gesprächen reflektiert sie die Möglichkeiten und vor allem die Beschränkungen der Frau in der damaligen Gesellschaft.
Sehr informativ zu lesen: die Huren müssen spät nachts heimkehren, sonst haben sie schlecht gearbeitet, Mägde dürfen sich bei Tage auf den Gassen ohne männliche Begleitung bewegen, um ebenfalls ihren Pflichten nachzukommen. Als verheiratete Frau wird Allegra von Andrea zurechtgewiesen, als sie ihn auf der Baustelle aufsucht. Und adelige Frauen leben wie Gefangene. Gudrun Lerchbaum entwirft ein repräsentatives Bild der damaligen Gesellschaft und dabei Einzelschicksale, die den Leser ergreifen wie das Geschick eines Mädchens, das als Elfjährige verkauft wird. Die Personen sind authentisch, jede Geste sitzt und drückt das Innere aus. Seismographisch werden Veränderungen in den Beziehungen dargestellt, so als Andrea seiner Frau eine Kostbarkeit, das Buch „Decamerone“, schenkt und aufgrund ihrer abweisenden Reaktion traurig feststellen muss, dass er es besser Mariangela hätte schenken sollen.
Sprachlich genau ist der Roman ein feinsinnig psychologisches Kunstwerk, das den Leser zu einem überraschenden Schluss führt.
Trine Trinchen zu »Gudrun Lerchbaum: Die Venezianerin und der Baumeister«27.05.2016
Als Leserin vieler historischer Romane muss ich diesen leider unter uninteressant ablegen.
Ich finde den Roman sehr langweilig, habe ihn trotzdem zu Ende gelesen.
Es ist anspruchslose, dahin plätschernde Literatur und erzählt von einer unerwiderten Liebe, ein wenig von Architektur und hat weder Spannung, noch Erotik, noch Scharfsinnigkeit, noch historisch interessante Bestandteile.
Er ist nicht gut recherchiert und der Aufbau hat keinen Bogen sondern schleicht als Ebene vor sich hin. Schaffe, dass Thema hätte sicherlich Potential.
KirstenD zu »Gudrun Lerchbaum: Die Venezianerin und der Baumeister«24.03.2015
Gudrun Lerchbaums Roman über die unerwiderte Liebe der Venezianerin Mariangela zu dem ehrgeizigen und später gefeierten Renaissance-Architekten Andrea Palladio bietet in mehrfacher Hinsicht größtes Lesevergnügen: Die Autorin erzählt eine spannende, anrührende Story mit lebendigen Figuren, die uns in jeder Szene das Leben im 16. Jahrhundert in Venetien so plastisch vor Augen führt, dass wir die sicherlich akribische Recherche darüber vergessen und vollkommen in die Geschichte eintauchen können. Befürchtungen, man müsse über Spezialwissen im Bereich Architektur verfügen, um den Roman mit Gewinn zu lesen, haben sich nicht bestätigt; der Focus liegt auf dem Menschen Andrea Palladio und den starken Frauen an seiner Seite, ohne die der berühmte Baumeister seinen Weg möglicherweise nicht hätte machen können. Sprachlich souverän, gelingt es der Autorin zudem, das in der Renaissance neu aufkommende Gedankengut überzeugend darzustellen. Fazit: ein eindrucksvoller Roman, dem viele LeserInnen zu wünschen wären!
fusur zu »Gudrun Lerchbaum: Die Venezianerin und der Baumeister«22.03.2015
Ein wunderbarer, hervorragend recherchierter Roman der Einblick in die Epoche der Renaissance und das Leben des bedeutenden Architekten Andrea Palladio gibt
Gudrun Lerchbaum hat mich mit diesem Buch in den Bann gezogen. Die Figuren wirken allesamt natürlich, deren Handlungsweisen nachvollziehbar und der Epoche entsprechend. Die Autorin schafft es auf wunderbare Weise historische Fakten und die fiktive Geschichte der Mariangela zu verweben. Geschickt und im richtigen Ausmaß werden Andrea Palladios zukunftsweisende Konzepte der Baukunst in die Handlung integriert. Große Gefühle, welche die Handlung natürlich mit sich bringt werden ohne Ansatz von Kitsch beschrieben, was diesem Buch einen größeren Leserkreis bringen sollte.
Kurzum: Ein in jeder Hinsicht gelungener Roman mit einem dann doch etwas überraschenden Ende!
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