Herr Maschine oder vom wunderlichen Leben und Sterben des Julien Offray de La Mettrie von Bernd Schuchter

Buchvorstellungund Rezension

Herr Maschine oder vom wunderlichen Leben und Sterben des Julien Offray de La Mettrie von Bernd Schuchter

Originalausgabe erschienen 2018unter dem Titel „Herr Maschine oder vom wunderbaren Leben und Sterben des Julien Offray de La Mettrie“,, 180 Seiten.ISBN 3992002012.

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Kurzgefasst:

Julien Offray de La Mettrie (1709-1751), Gottseibeiuns der französischen Frühaufklärung, lebte als Arzt, Sozialreformer und klandestiner Autor und Philosoph gleich mehrere Leben, ehe er – von Diderot, Voltaire und dem halben intellektuellen Europa gehasst – in Potsdam seinen berühmten Pastetentod starb. Was kann uns Herr Maschine, wie La Mettrie nach seinem berühmtesten Buch L’Homme Machine genannt wurde, heute noch erzählen? Geboren in Saint-Malo, der Heimatstadt berüchtigter Piraten, ist auch La Mettrie ein Freibeuter auf literarischem wie philosophischem Gebiet, ungezähmt, kompromisslos und mutig – als Mediziner ein Freund der Schwachen und Kritiker der Ärzteschaft, als Philosoph ein origineller Denker des Materialismus, der früh das Gewaltpotenzial aller Religionen anprangert und stattdessen ein epikureisches Ideal der Körperlichkeit propagiert. Verfolgt und verfemt muss er ins Exil, zuerst ins niederländische Leiden, später nach Preußen, wo er am Hof des Philosophenkönigs Friedrich II. Asyl findet, ehe ihn mit nur 42 Jahren ein Abendessen aus dem Leben reißt.

Das meint Histo-Couch.de: „Von halb Europa gehasst – eine wahre Geschichte“90Treffer

Rezension von Carsten Jaehner

Ob vergiftet oder „nur“ verschluckt, das wird wohl nie mehr bis zur Gänze geklärt werden können, sicher ist aber, das der Philosoph Julien Offray de la Mettrie am 11. November 1751 an der Folgen des Genusses einer Pastete in Potsdam als Schützling Friedrichs des Großen verstarb. Wie er sich in den fast 42 Jahren seines Lebens zuvor in der Welt beliebt und unbeliebt machte, davon erzählt Bernd Schusters Romanbiografie aus dem Hause Braumüller.

Ein stolzer Bretone

Wichtig für La Mettrie war vor allem seine Herkunft. Geboren in St. Malo, einer kleine Hafenstadt in der Bretagne, die allerdings eine beeindruckende Wehrmauer hat und somit quasi uneinnehmbar war, wuchs der Junge schon mit dem Wiederstand im Hinterkopf auf. Von 1725 an (mit 16 Jahren) studiert er Medizin in Paris und promoviert 1733 in Rennes. In Leiden in den Niederlanden lernt er den Arzt Herman Boerhaave kennen, dessen Schriften er ins Französische übersetzt. Nach einer Zeit als Schiffschirurg lässt er sich 1742 als Arzt in Paris nieder. 174ݰ nahm er als Feldarzt an den Österreichischen Erbfolgekriegen teil und bereicherte so seine medizinischen Kenntnisse und Notwendigkeiten um nachhaltig nachwirkende Erlebnisse.

In der folgenden Zeit fühlte sich La Mettrie getrieben, seine Erkenntnisse in Schriftform festzuhalten, vor allem als Kritik an den medizinischen Verhältnissen. Seine Arbeit im Krankenhaus brachte ihn immer wieder der „Franzosenkrankheit“ genannten Syphilis in Berührung, und seine Forschungen auf dem Gebiet der sexuellen Krankheiten waren gerade bei alteingesessenen Medizinern nicht angesehen. Als Sozialmediziner wollte La Mettrie helfen, und ihm wurden Steine in den Weg gelegt, was er kritisierte und sich damit in seinem Stand direkt unbeliebt machte. Sogar dergestalt, dass man ihn verjagte und er fast alle folgenden Schriften anonym verfassen musste.

Der Mensch eine Maschine

Bernd Schuchter beschreibt hervorragend die Zeit und die Orte, in denen man La Mettrie antreffen konnte und setzt somit sein Leben und Wirken in einen grossen Zusammenhang. Das ist interessant und spannend und mit einer Unzahl an Anekdoten gewürzt, dass es eine Freude ist, dem Leben des Philosophen, sei es noch so tragisch verlaufen, zu folgen. Zwar stellt sich beim Leser kein Bedauern gegenüber La Mettrie ein, hat er sich doch sein Schicksal im Wesentlichen selbst zuzuschreiben.

Mit der Zeit löst sich La Mettrie von den medizinischen Schriften und wird eher allgemeinphilosophisch, bis der 1748 sein wohl bekanntestes Werk L’Homme Machine (dt. Der Mensch eine Maschine) veröffentlicht – natürlich anonym.

Der Mensch ist eine Maschine, welche so zusammengesetzt ist, daß es unmöglich ist, sich zunächst von ihr eine deutliche Vorstellung zu machen und folglich sie zu definiren. Deßhalb sind alle Untersuchungen theoretischer Natur, welche die größten Philosophen angestellt haben, das heißt, indem sie gewissermaaßen auf den Flügeln des Geistes vorzugehen versuchten, vergeblich gewesen. Also kann man nur practisch, oder durch einen Versuch der Zergliederung der Seele, nach Art der Aufklärung über die körperlichen Organe, ich will nicht sagen mit Sicherheit die Natur des Menschen enträthseln, aber doch wenigstens den möglichst höchsten Grad von Wahrscheinlichkeit über diesen Gegenstand erreichen.

(Julien Offray de La Mettrie, „Der Mensch eine Maschine“)

Für diese Zeit ungeheuerliche Thesen zwangen ihn, in die Niederlange zu fliehen, ehe er eine Einladung Friedrichs des Großen erhielt, zusammen mit anderen Freigeistern am Hofe von Sanssouci zu leben. Eine Einladung, die La Mettrie nur zu gern annahm. Natürlich legte er sich mit seinen Thesen und Gedanken direkt mit allen bei Hofe an, vor allem Voltaire mochte ihn wohl nicht, daher mag die Trauer um seinen plötzlichen Tod durch Lachspastete sich auch in Grenzen gehalten haben und eben auch das Gerücht, er sei sogar vergiftet worden, würde nicht verwundern, sollte es sich je bestätigen.

Hervorragende Historie

All dies beschreibt Schuchter in einer der Zeit angemessenen Sprache und fügt (immer kursiv) auch Zitate aus La Mettries Schriften ein, die dem Leser verdeutlichen, wie sehr sich La Mettrie in die Nesseln setzte und wie die Reaktionen seiner Umwelt auf ihn und seine Schriften waren. Zwar erschienen diese anonym oder unter Pseudonym, doch war natürlich der Stil bekannt und es dauerte niemals lange, bis der Autor der Schriften gefunden war. Dass La Mettrie indes auch Frau und Kind in Paris zurücklassen musste und sein Kind der einzige Grund für ein Einlenken gewesen wäre, macht ihn dennoch zu einem Menschen, wenn auch aus kleinen Einzelteilen zusammengesetzt, wie er ja selbst sagt, was selbst für die Aufklärung zu weit ging.

Bernd Schuchter setzt dem Philosophen ein gelungenes literarisches Denkmal und beantwortet die eine oder andere Frage, von der der Leser nicht wusste, dass er sie vielleicht einmal stellen würde. Der häufige Gebrauch des Wortes „klandestin“, das vorsichtshalber nicht erklärt wird, lässt den Leser sich auch außerhalb des Buches mit demselben beschäftigen. Ein kleiner Nachtrag und ein Literaturverzeichnis ergänzen das kleine Hardcover-Buch mit Lesebändchen, das im Innenteil der Coverseiten das einzige Porträt von la Mettrie enthält. Dass der freundlich-schelmisch daherblickende Herr von halb Europa gehasst wurde, mag man da gar nicht glauben. Lesenswert, auch wenn man es meiden sollte, wenn man nicht zu tief in die Philosophie eintauchen möchte. Historisch wertvoll, daher trotzdem kaufen und lesen.

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