Die Tuchvilla von Anne Jacobs

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2014unter dem Titel „Die Tuchvilla“,, 704 Seiten.ISBN 3-442-38137-1.

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Kurzgefasst:

Augsburg, 1913. Die junge Marie tritt eine Anstellung als Küchenmagd in der imposanten Tuchvilla an, dem Wohnsitz der Industriellenfamilie Melzer. Während das Mädchen aus dem Waisenhaus seinen Platz unter den Dienstboten sucht, sehnt die Herrschaft die winterliche Ballsaison herbei, in der Katharina, die hübsche, jüngste Tochter der Melzers, in die Gesellschaft eingeführt wird. Nur Paul, der Erbe der Familie, hält sich dem Trubel fern und zieht sein Münchner Studentenleben vor – bis er Marie begegnet …

Das meint Histo-Couch.de: „Downtown Abbey in Augsburg“59

Rezension von yvs

Im Herbst 1913 kommt die junge Waise Marie als Küchenhilfe in die Villa der Fabrikantenfamilie Melzer in Augsburg. Mit harter Arbeit und ausgeprägtem Geschäftssinn hat es Jakob Melzer als Tuchfabrikant zu Reichtum und Wohlstand gebracht. Seine aus verarmtem pommerschem Adel stammende Ehefrau Alicia sorgt für den notwendigen gesellschaftlichen Glanz im Hause Melzer. Zur Familie gehören neben dem Sohn Paul auch die beiden Töchter Elisabeth und Kitty. Paul verliebt sich bald in die stille Marie und auch Marie findet Gefallen an Paul, wohl wissend, dass diese Liebe keine Zukunft hat.

Marie, die in ihrem Leben bisher nur Armut und Härte kennengelernt hat, steht als Küchenhilfe in der Hierarchie der Bediensteten ganz unten und wird dementsprechend schlecht behandelt. Die unkonventionelle Kitty freundet sich jedoch mit Marie an und macht sie zu ihrer Kammerzofe. Marie, die bereits als Kleinkind ins Waisenhaus kam, hegt bald den Verdacht, dass Jakob Melzer etwas über ihre Herkunft weiß und ihr etwas verheimlicht. So begibt sich Marie auf die Suche nach ihren Wurzeln. Doch dann brennt Kitty mit einem Franzosen durch und Marie wird in den Strudel der Ereignisse gezogen.  

Ein historischer Roman ohne Historie  

Nach dem großen Erfolg der britischen TV-Serie Downtown Abbey ist die Zeit um die beiden Weltkriege, die bis dahin in historischen Romanen kaum vertreten war, plötzlich in und Familien- und Gesellschaftsromane à la Downtown Abbey sprießen wie Pilze aus dem Boden. So verlegt auch Anne Jacobs die Handlung ihres Romans in die Textilstadt Augsburg anno 1913/14. Es ist eine Zeit gravierender Umbrüche: das Aufbrechen gesellschaftlicher Strukturen, das sich ändernde Frauenbild, die politischen Verwicklungen am Vorabend des Ersten Weltkrieges usw. Eine Unmenge an historischem Material stand der Autorin hier zur Verfügung, aus dem sie hätte schöpfen können, wenn sie es denn gewollt hätte. Nun, sie wollte nicht. Denn statt einen historischen Roman zu schreiben, der dieses Label auch verdient und der ein zeitgeschichtlicher Bilderboden jüngerer deutscher Geschichte ist, beschränkt sich die Autorin darauf, ihren Lesern eine Liebes- und Familiengeschichte nach althergebrachten Mustern zu stricken, die sich auf ausgetretenen Plot-Pfaden bewegt und nichts Neues bringt. Sie reiht sich ein in die Masse der vielen historisierenden Familiengeschichten, die den Buchmarkt bevölkern.

Der historische Gehalt dieses Romans beschränkt sich auf lieblos hier und da in die Handlung geworfene Fakten, die oberflächlich bleiben und zudem fehlerbehaftet sind. Der Leser erfährt kaum etwas über Zeitgeschichte oder über Augsburger Stadtgeschichte und ihre Bedeutung als damals wichtigste Textilstadt Süddeutschlands. Die Beschreibung Augsburgs geht zudem über ein paar wenige touristische Allgemeinplätze nicht hinaus, die sich wie Zitate aus schlechten Reiseführern lesen. Auch die kunstgeschichtlichen Inhalte dieses Romans sind eher dürftig und oberflächlich.

Mehr Familiendrama mit Liebesgeschichte als ein historischer Roman

Die Dramaturgie dieses Romans orientiert sich überwiegend an der Liebesromanbranche und bedient auch deren althergebrachte Stereotype und Klischees, was besonders bei der Figurenzeichnung deutlich wird. Während beispielsweise Elisabeth, die ältere der beiden Melzer-Töchter, zwar klug, aber missgünstig, intrigant, snobistisch und (wie sollte es auch anders sein!) natürlich dick und unscheinbar ist, ist ihre Schwester Kitty der strahlend schöne und charmante Wirbelwind mit dem kindlich-sonnigen Gemüt, der alle zu Füßen liegen und die sich alles erlauben darf und der man alles verzeiht und nachsieht, selbst die Leichtfertigkeit, mit der sie ihre eigene Ehre und die ihrer Familie aufs Spiel setzt. Kitty war wohl die Rolle der sich emanzipierenden Frau zugedacht, was aber gründlich daneben gegangen ist. 

Die Protagonistin Marie trägt den Heiligenschein, ist charakterlich natürlich fehlerlos und perfekt, als Figur zwar nett und sympathisch, aber langweilig. Gerade bei Marie hätte man sich ein paar mehr Ecken und Kanten in der Figurenzeichnung gewünscht, was sie um ein Vielfaches interessanter und vor allem glaubwürdiger gemacht hätte. Das angebliche Geheimnis um Maries Herkunft ist schnell durchschaut und aufgrund der Vorhersehbarkeit der Geschichte kommt auch kaum Spannung auf.

Die Handlung wird mit überflüssigem Füllmaterial künstlich aufgeblasen, dabei hätte es ihr sicher gut getan und sie auch ein stückweit aufgewertet, wenn die Autorin stattdessen mehr zeitgeschichtliche Themen in die Handlung integriert hätte. Es gibt weder Höhen noch Tiefen noch interessante Wendungen. Es bleibt größtenteils bei einer dahinplätschernden Aneinanderreihung von Banalitäten, die dann in einem kitschigen Heile-Welt-Happy End gipfelt und damit der ganzen Geschichte den Stempel der Unglaubwürdigkeit aufdrückt.

Welche Zielgruppe?

Unterm Strich ist Die Tuchvilla eine leichte und dank der schlichten Sprache flüssig zu lesende, hier und da auch unterhaltsame Geschichte, wenn man diesen Stil mag. An der vordergründigen Liebesgeschichte werden Romantikerinnen ganz sicher ihre Freude haben, vor allem wenn sie zugleich ein Faible für die zuckersüße Herz-Schmerz-Prosa haben, in die die Autorin gerne mal abdriftet.

Ihre Meinung zu »Anne Jacobs: Die Tuchvilla«

venatrix zu »Anne Jacobs: Die Tuchvilla«19.05.2015
Die Autorin entführt die Leser in das Augsburg von 1913.
In der herrschaftlichen Villa der Fabrikantenfamilie Melzer läuft das Leben in – für die damalige Zeit – normalen Bahnen ab.

Der Vater verbringt die meiste Zeit in seiner Fabrik und verdient viel Geld.
Die Mutter, aus verarmten adeligen Hause gibt dasselbe für sich und ihre Familie aus.
Der Sohn studiert auf Befehl des Vaters Jus in München und führt ein recht komfortables Studentenleben.
Die kapriziöse Tochter Kitty malt und becirct alle mit ihrer Schönheit.
Die zweite Tochter, Elisabeth, mollig und griesgrämig, ist auf Kitty neidisch und spinnt allerlei Intrigen.

Ein wenig Unruhe erfährt der Haushalt als Marie, ein Waisenmädchen als Küchenmädchen engagiert wird. Die alt eingesessenen Dienstboten betrachten das Mädchen argwöhnisch, da es sich nicht einschüchtern lässt. Weder von der „Gnädigen“ noch von der intriganten Hausdame, die selbst Butter am Kopf hat, wie der geneigt Leser erfahren muss.

Das Buch beschreibt die Lebensweise des Personals aus dessen Sicht recht anschaulich. Die Autorin schreibt leicht und flüssig. Es kommt kaum Langeweile auf. Die Figuren haben Ecken und Kanten.

Mich stört, dass das Werk als „historischer Roman“ vermarktet wird. Historie kann ich kaum erkennen. Außer dem deutschen Kaiser wird keine historische Persönlichkeit genannt, von einem Auftritt in der Geschichte ganz zu schweigen. Wenn nicht die Jahreszahl und der Ort des Geschehens (Augsburg) angeführt wären, könnte die Geschichte überall in Deutschland/Österreich ev. England zwischen 1848 und 1914 spielen. Selbst in den Schlusskapiteln, die zeitlich im Frühjahr/Sommer 1914 angesiedelt sind, merkt man wenig von der drohenden Kriegsgefahr.

Mag sein, dass das Säbelrasseln des Deutschen Kaisers in der Provinzstadt Augsburg weniger deutlich zu hören war als in München oder Berlin. Dennoch, der Bräutigam von Elisabeth, ist immerhin Leutnant, der müsste doch über die aktuelle Gefahr informiert gewesen sein.
leseratte1310 zu »Anne Jacobs: Die Tuchvilla«26.01.2015
August 1913: Die Tuchvilla beherbergt neben der Familie Melzer auch noch eine Reihe Dienstboten. Johann Melzer hat sich hochgearbeitet und führt sein Leben in der Fabrik. Seine Frau Alicia stammt aus verarmtem Adel und ist für die häuslichen Belange zuständig. Die Kinder Paul, Elisabeth und Katharina führen ein privilegiertes Leben. Paul soll eigentlich Jura studieren, was ihm nicht so liegt und sein Vater wirft im Unfähigkeit vor. Die hübsche und sehr kapriziöse Kitty wirbelt einiges durcheinander, was man ihr nachsieht, da sie unter Schlaflosigkeit leidet. Da ist es kein Wunder, dass ihre Schwester Elisabeth von Neid zerfressen ist.
Aber auch die Waise Marie, die neu in diesen Haushalt als Küchenmagd kommt, sorgt für eine gewisse Unruhe, denn obwohl sie auf der untersten Stufe in der Dienstbotenhierarchie steht, lässt sie sich nicht unterbuttern. Bald schon stellt sie fest, dass es eine Verbindung zwischen ihr und der Familie Melzer geben muss. Sie versucht herauszufinden, wo ihre Wurzeln sind und was in der Vergangenheit, über die keiner reden will, geschehen ist.
Aber auch unter den Dienstboten gibt es sehr eigenwillige Persönlichkeiten, sei es Robert, der in Kitty verliebt ist oder Auguste mit dem losen Mundwerk oder die Zofe Maria Jordan mit Ihre Vorhersagen. Die resolute Köchin Fanny Brunnenmayer ist eine wahre Künstlerin in ihrem Metier und kann einem schon Angst machen, wenn sie herumwirbelt. Alle Dienstboten unterstehen der Hausdame Eleonore Schmalzler. Marie aber ist die zentrale Figur in dieser Geschichte.
Man bekommt einen guten Eindruck, wie es in jener Zeit zuging. Standesdünkel werden gepflegt, der Schein muss gewahrt werden, ganz egal was passiert. Der Vater ist der Herr im Haus, auch wenn er durch ständige Abwesenheit glänzt. Geschäftsinteressen bestimmen, welchen Partner man heiraten darf.
Alle Charaktere sind sehr ausführlich und glaubwürdig beschrieben und gerade weil sie Ecken und Kanten haben, ist für Konfliktpotenzial gesorgt. Zum Ende lösen sich die Probleme und dennoch bleiben Fragen, die sich wohl in einer Fortsetzung des Buches klären werden.
Der Schreibstil ist flüssig und angenehm, das Tempo der Erzählung eher ruhig, hin und wieder hätte ich mir ein wenig mehr Straffung gewünscht. Da die Charaktere sehr ausführlich beschrieben sind, waren ihre Verhaltensweisen und Entscheidungen nachvollziehbar, dennoch konnte ich mich nicht immer in sie hineinversetzen. Der politische Hintergrund und die Auswirkungen der Industrialisierung sind nur angerissen.
Eine unterhaltsame Familiengeschichte.
Imlammenien zu »Anne Jacobs: Die Tuchvilla«04.01.2015
Augsburg 1913: Das Waisenmädchen Marie tritt eine Stelle als Küchenmädchen in der Tuchvilla, dem opulenten Heim der Fabrikantenfamilie Melzer an. Sie muss sich unter den Dienstboten behaupten und stellt bald fest, dass irgendwo in der Vergangenheit ein Geheimnis existiert, dass sie und den Fabrikanten Johann Melzer verbindet. Marie macht sie auf die Suche nach der Wahrheit.

Anne Jacobs beschreibt den Mikrokosmus aus Dienstboten, Herrschaft und ihren Gästen in der Tuchvilla anschaulich und mit wohlgewählten Worten. Die Charaktere haben alle Ecken und Kanten und manche auch liebenswerte Züge, die sich erst im Verlauf der Geschichte offenbaren. Historische Ereignisse spielen in diesem Roman allerdings eine untergeordnete Rolle, vielmehr geht es hauptsächlich um das Leben in der Tuchvilla, die Interaktionen zwischen ihren Bewohnern, um Intrigen, unausgesprochene Worte, Träume, Hoffnungen und Gefühle.

Insgesamt liest sich der Roman sehr flüssig und zu keinem Zeitpunkt langweilig, wenn manches sicherlich auch etwas geraffter hätte dargestellt werden können.

Am Ende lösen sich für meinen Geschmack zu viele Probleme in Wohlgefallen auf. Allerdings schreibt die Autorin gerade an einer Fortsetzung, so das zu hoffen bleibt, dass mancher dieser vermeintlich aufgelösten Stränge noch in einem handfesten Problem für die Figuren münden könnte. Wünschenswert wäre das in jedem Fall!

FAZIT: Eine angenehme und unterhaltsame Lektüre, die den Liebhabern von Familiengeschichten empfohlen werden kann.
Anna S. zu »Anne Jacobs: Die Tuchvilla«22.12.2014
Brav, fleißig und sehr, langweilig erzählt. Immer wenn die Geschichte vor lauter Bravheit seitenlang auf der Stelle tritt und alle Rüschen und Borten der Damenkleidung bis ins Detail beschrieben wurden, kommt ein großer Zufall wie ganz zufällig daher und es geht weiter ...Ja, die Zeit vor 1914 war sicherlich anders, aber so ganz behäbig und langsam ging es auch bei "Fabrikants" damals sicherlich nicht zu. Schade, hab mir das letzte Drittel gespart, weil ich ohnehin schon seit dem 1. Drittel wusste, wie es ausgehen wird ...
Nur zu empfehlen, wenn man gar nichts anderes zu tun hat ...
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