Wintergewitter von Angelika Felenda

Buchvorstellungund Rezension

Wintergewitter von Angelika Felenda

Originalausgabe erschienen 2016unter dem Titel „Wintergewitter“,, 438 Seiten.ISBN 978-3518467190.

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Kurzgefasst:

München 1920. Kommissär Reitmeyer ist aus dem Krieg zurückgekehrt, versucht die dort erlittenen Traumata vor seiner Umgebung zu verbergen und dämpft aufkommende Panikattacken mit Geigenspiel. Dabei hat die Polizei alle Hände voll zu tun: Nahrungsmangel und Geldentwertung haben dazu geführt, dass die Stadt von einer regelrechten »Diebstahlseuche« heimgesucht wird und Schieber und Schleichhändler dicke Geschäfte machen. Da wird die junge Cilly Ortlieb, Kleindarstellerin in schlüpfrigen Produktionen des Münchner Filmkonzerns Emelka, tot im Keller einer Gastwirtschaft gefunden. Was zunächst wie ein Unfall aussieht, entpuppt sich als Mord mit einer großen Menge Morphium. Während die rechte Einwohnerwehr durch die Straßen Münchens marschiert, sucht Kommissär Reitmeyer von seinen Vorgesetzten argwöhnisch beäugt in illegalen Spielclubs, Bars und Geheimbordellen nach einem zweifachen Frauenmörder. Dabei begegnet er Gerti Blumfeld, die auf der Suche nach ihrer abgetauchten Schwester eines der Mordopfer kennengelernt hat und bald selbst auf die Todesliste des Täters gerät …

Das meint Histo-Couch.de: „Die Folgen des Ersten Weltkrieges wiegen schwer“85Treffer

Rezension von Jörg Kijanski

München, 1920. Kriminalkommissär Sebastian Reitmeyer wird zum „Roten Adler“ gerufen. Am Fuß der steilen Kellertreppe liegt eine junge Frau, tot, doch anscheinend brach sie sich nicht das Genick. Ein Unfall? Wenig später herrscht Klarheit. Bei dem Opfer handelt es sich um Cilly Ortlieb, eine „Künstlerin“, die sich selber als Schauspielerin bezeichnete, jedoch eher im einschlägigen Milieu aktiv war. Eine Überdosis Heroin oder Morphium wurde ihr zum Verhängnis. Wenig später stirbt eine enge Freundin von Cilly unter ähnlichen Umständen an einer Überdosis. Eine vielversprechende Spur führt Reitmeyer zu Dr. Löber, einem Mitarbeiter im Handelsministerium, der als Verbindungsmann zur bayerischen Filmindustrie tätig ist und Cilly offenbar näher stehen wollte, als es dieser gefiel. Reitmeyer sieht jedoch kein Motiv hinsichtlich des zweiten Opfers, da entscheiden seine Vorgesetzten den vermeintlichen Mörder zu präsentieren. Eine politisch motivierte Handlung, denn ein weiterer Tatverdächtiger ist Mitglied der einflussreichen Einwohnerwehr und soll geschützt werden.

„Wenn ein möglicher politischer Hintergrund aufschimmerte, weil eine Tat aus Eifersucht und Habgier nicht sehr wahrscheinlich war, griff man zu kühneren Konstruktionen: Sumpfbewohner im Drogenrausch hatten sich gegenseitig hingemeuchelt. Die Frauen waren verdorbene Subjekte, bewegten sich in einem verdorbenen Milieu und waren durch gleichermaßen verdorbene Subjekte zu Tode gekommen – fernab vom Kreis der rechtschaffenen, vaterländischen Kräfte.“

Während Reitmeyer und seine Mitarbeiter Gefahr laufen, in ein politisches Minenfeld zu treten, gerät die junge Gerti Blumfeld aus Berlin in Gefahr. Eigentlich ist sie in München, um ihre Schwester zu suchen und fand dabei Unterschlupf bei Cilly. Kurz vor deren Tod übergab ihr eine unbekannte Frau, wie sich später herausstellt das zweite Opfer, einen Umschlag, der offenbar heiß begehrt ist. Gerti sieht sich bald verfolgt, will sich aber nicht der Polizei anvertrauen&

Bedrückende und gewaltgeladene Stimmung herrscht im Land

Der eiserne Sommer spielte im Sommer 1914 kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges, der zweite Band der Sebastian-Reitmeyer-Reihe Wintergewitter spielt rund sechseinhalb Jahre später. Der Krieg ist vorbei, doch die Folgen sind überall spürbar. Die Versorgungslage ist katastrophal, das Geld zunehmend weniger wert. Stattdessen sammeln sich in Bayern „vaterländische“ rechtskonservative Kräfte und machen mobil. Die von den Alliierten geforderte Entwaffnung wird hintertrieben, Waffen werden gar nach Österreich verschoben, wo man mit vereinten Kräften von einer Wiedervereinigung träumt. Die Niederschlagung der Räterepublik ist über ein Jahr her, der Kapp-Putsch inzwischen verarbeitet. Zunehmend treiben sich desillusionierte Wehrmachtsangehörige und -offiziere auf den Straßen. Verschlissene Armeemäntel und abgenutzte Stiefel bestimmen das Stadtbild. Die Dolchstoßlegende ist beliebt, die jüdischen Schieber und Kriegsgewinnler an allem schuld. Ein gewisser Adolf Hitler ist der neue Festredner politischer Treffen.

„Ich spreche von dem Gesindel, das nach dem Kapp-Putsch im März zu uns nach Bayern geströmt ist. Diese Tausende von ehemaligen Freikorpsleuten, diese Landsknechtsnaturen, die nix gelernt haben außer Schießen und Marodieren. Die von den Preußen rausgeschmissen worden sind, aber bei uns in der Einwohnerwehr freundliche Aufnahme finden, wo sie aber natürlich nicht genug verdienen. Und dann organisieren sie sich eben anderweitig etwas, mit Diebstahl und Einbruch, mit Zuhälterei und Falschspiel und was weiß ich noch.“

Auch an der Polizei ging der Krieg nicht spurlos vorüber. Polizeischüler Rattler ist noch immer in der Ausbildung. Krieg und anschließende Krankheit verhinderten den Abschluss. Zwei Gasverletzungen setzen seiner Atmung noch heute zu. Reitmeyer ist ebenfalls schwer gezeichnet. Immer wieder überkommen ihn plötzliche Panikattacken, ein Grund, warum er auf Abstand zu seiner Jugendliebe Caroline von Dohmberg geht. Sie soll von seinem schlechten Zustand nichts mitbekommen, was sich für die weitere Geschichte als wichtige Komponente erweisen soll, denn Gerti findet überraschend bei Caroline Unterschlupf. Neben Caroline und Rattler sind auch die übrigen bekannten Figuren aus dem ersten Band wieder mit dabei.

„Das soll ein Fleischpflanzl sein? Straßendreck mit Sägmehl verrührt ist das. Das kann doch kein Mensch fressen. Das schmeißt man doch keiner Sau hin!“

„Wurst und ähnliche Produkte müssen fünf Prozent Fleisch enthalten. Ansonsten dürfen Ersatzmittel verwendet werden …cirka elftausend ...“

„Ersatz, Ersatz! Den ganzen Krieg durch ham wir Ersatz gefressen! Ersatzeier, Ersatzweizen, Ersatzbutter, in der Marmelad ist kein Obst mehr drin, der Mist ist bloß mit Rübensaft gefärbt, und der Fleischanteil in dem Pflanzl …Was sind die fünf Prozent? Hund, Katz oder Ratz? Was steht in der Verordnung?“

„Das ist nicht genau spezifiziert. Aber Ratte wär auf jeden Fall besser als Rattenersatz.“

Wintergewitter zeichnet sich neben einem spannenden Krimiplot vor allem durch seine atmosphärische Zeichnung aus. Zwielichtige Amüsierlokale und Filmproduktionen blühen auf, die Unterscheidung zwischen Prostituierten und Schauspielerinnen ist nicht immer einfach. Die Mischung zwischen Hunger und Frust, dem Aufkommen nationaler Bestrebungen und andererseits das ausufernde Feiern bar jeder Hemmungen ist beeindruckend und erschreckend zugleich. Denn letztlich weiß ja jeder Leser, was eine gute Dekade später begann.

Ihre Meinung zu »Angelika Felenda: Wintergewitter«

M.Reinsch zu »Angelika Felenda: Wintergewitter«08.10.2017
Fazit: Toll recherchiertes Zeitgemälde, mit einem „Flair von Krimi“
Im Nachkriegsmünchen (1.Weltkrieg) muss sich Kommissär Reitmeyer nicht nur mit zwei Mordfällen herumschlagen, sondern auch mit der politisch brisanten Situation und dem Standesdünkel der Bevölkerung…
Dieses Buch ist wieder so ein schwieriger Fall, entweder man mag es oder eben nicht. Ich bin Hin und Her gerissen, da Angelika Felenda (wohl auch durch ihre Hauptberufliche Tätigkeit) erstklassige Recherchearbeit geleistet hat. So entsteht für den Leser ein München, wie man es aus den Geschichtsbüchern kennt/kennen kann. Hier treffen Kriegsheimkehrer auf Kriegsgewinnler, Aktienschieber auf die ersten Pornofilmer, reiche Fabrikbesitzer, die sich ehrenwerte Namen als Ehemänner für ihre Töchter suchen führen Nobelbordelle, Politischer Umbruch und Unmut treffen auf eine stark rechtspopulistische Neue Politikrichtung (z.B. A.Hitler) und mittendrinn die Heimwehren (Bürgerwehren aus ehemaligen Soldaten), die neben der Polizei für (ihre Art) Ordnung sorgen. Die Bilder, die Frau Felenda da erstellt sind sehr lebendig und wer sich für diese Zeit interessiert, wird beste Informationen und Unterhaltung finden (mir geht es leider nicht so). Der eigentliche „Krimi“ ist immer wieder nur in Ansätzen zu finden, zwar wird hier ein wenig über die damalige Polizeiarbeit berichtet, aber ich werde das Gefühl nicht los, das die Autorin, den Krimi nur als Aufhänger für eine recht bildgewaltige Erzählung über die von ihr gewählte Zeit nutzt. So kommen die Protagonisten eigentlich mit allen Gegebenheit der 20er Jahre in Berührung, der beginnende Charleston (Tanz), neue Mode, Heimwehren, Bürgerarmut, Parteipropaganda (NSDAP). Spannungsspitzen gibt es vereinzelt und auf den letzten 40 Seiten wird etwas an der Temposchraube gedreht, sonst aber eher ein Sitte- und Lebensumstände Gemälde mit viel politischem Begleittext jener Zeit. Vielleicht hätte man auch nicht mit dem zweiten Band beginnen sollen, denn aus meiner Sicht fallen fast alle Protagonisten sehr nach Schema aus. Keine wirkliche Tiefe und einen ganzen Teil Ungereimtheiten, wie die zwischenzeitliche Verwandlung von Gerti. Als etwas ängstliches Großstadtmädchen verwandelt sie sich in eine gewiefte Betrügerin, die Männer in ihren Bann zieht (ziehen will) um sie für sich ein zu spannen. Ein Kommissär, der bei seiner Tante in geregelter Armut lebt, aber teure Blumengeschenke macht und auch sonst eher verschwenderisch mit seinem Geld umgeht. Ein Polizeischüler, der viel auf eigene „Rechnung“ ermittelt ist wohl einer der heimlichen Stars in diesem Roman. Für mich war eigentlich nur die sehr gute Recherchearbeit und deren Umsetzung sehr interessant, der Krimi an sich ist ein bisschen zu lauwarm…
Keiner999 zu »Angelika Felenda: Wintergewitter«09.02.2017
Inhalt:

Die Münchener Bevölkerung erlebt im Jahre 1920 einen harten Nachkriegswinter. Die Menschen frieren, hungern und leben in ärmlichen Verhältnissen, Gaunereien und Betrügereien sind an der Tagesordnung. Kommissär Reithmeyer und sein Team haben reichlich Beschäftigung, außerdem hat der Kommissär selbst mit den Nachwirkungen des Krieges zu kämpfen. Immer wieder bringen ihn Panikattacken um seinen Schlaf. Da wird eine junge Frau tot aufgefunden, was zuerst wie ein Unfall wirkte, entpuppt sich dann als Mord. Als eine zweite Frau auf die gleiche Art zu Tode kommt, geht die Angst vor einem Serienmörder um. Bei ihren Ermittlungen stoßen die Polizeibeamten auf immer neue Verwicklungen, die sich bis in die höchsten Kreise erstrecken.

Meine Meinung:

Der Autorin ist es, wie auch in dem vorhergehenden Roman, wieder hervorragend gelungen, die einzelnen Personen detailgenau darzustellen. Außerdem wurde das Gesellschaftsbild der damaligen Zeit sehr gut eingefangen. Die politische Entwicklung, mit der Tendenz zu dem, was Deutschland später ins Verderben stürzte , wurde sehr gut beschrieben.
Wer einen Krimi mit atemloser Spannung sucht, liegt bei diesem Buch nicht richtig. Der Leser jedoch, der Kriminalromane mit viel geschichtlichem Hintergrund und präzisen Ermittlungen liebt, ist hiermit bestens bedient.

Ich spreche eine Leseempfehlung aus und freue mich auf den nächsten Band mit dem sympathischen Kommissär Reithmeyer.
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