Im Auftrag des Stadtvogts von Wolfgang Kemmer

Buchvorstellungund Rezension

Im Auftrag des Stadtvogts von Wolfgang Kemmer

Originalausgabe erschienen 2017unter dem Titel „Im Auftrag des Stadtvogts“,, 311 Seiten.ISBN 3839221315.

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Kurzgefasst:

Anno 1548  Reichstag in Augsburg. Der erste Religionskrieg auf deutschem Boden ist beendet. Karl V. hat die Anhänger der Reformation in die Schranken verwiesen. Nur der abgesetzte sächsische Kurfürst Johann Friedrich trotzt dem Kaiser sogar noch in der Gefangenschaft. Sein ehemaliger Jagdhelfer sucht derweil in der Maske des Bärenführers Barnabas unter den kaiserlichen Landsknechten nach dem Mörder seiner Familie und muss schmerzhaft erkennen, wie wenig Wahrheit und Gerechtigkeit im Machtspiel der Großen zählen.

Das meint Histo-Couch.de: „Von Wahrheitsfindung und Gerechtigkeit“82

Rezension von Carsten Jaehner

Augsburg, 1548. Der Reichstag geht seinem Ende entgegen und wird den ersten Religionskrieg auf deutschem Boden beenden. Da kommt ein Bärenführer in die Stadt, der auf dem Markt seine Künste mit seinem Bären zeigt. Dort freundet er sich mit Lienhart an, dem Sohn des Schmieds. Doch der Schmied ist ein brutaler Mann, schlägt seine Stieftochter Liesbeth und auch Lienhart kommt nicht ungeschoren davon.

Als die Mutter von einem Besuch bei ihrer Schwester nach Hause kommt, findet sie das Haus des Schmieds verwüstet vor, die Magd verschreckt, die Stieftochter fehlend, aber Blutspuren im Haus, so dass der Verdacht nahe liegt, ein Bär wäre in das Haus eingedrungen und hätte der Tochter den Garaus gemacht. Der herbeigeeilte Untersuchungsrichter findet den Schmied betrunken in der Schmiede auf und verhaftet ihn wegen des Verdachts, seine Stieftochter ermordet zu haben.

Doch das alles löst sich bald auf, Lienhart will aber nur ungern wieder seinen Vater auf freiem Fuß sehen. Bärenfüherer Barnabas hat sich mit der Familie angefreundet, scheint aber heimlich mit dem Fürsten zu sprechen, der gefangen im Gefängnis sitzt. Er war früher als Jagdhelfer für den Fürsten tätig und sucht nun Rache an dem Mann, der damals seine Familie getötet hat. Und tatsächlich scheint sich dieser Mann in Augsburg herumzutreiben. Und das noch in gehobener Stellung. Wird es ein gutes Ende für alle Beteiligten geben?

Ein geheimnisvoller Bärenführer

Wolfgang Kemmer hat nach langer Zeit mal wieder einen historischen Roman geschrieben, in dem es zwar ein paar Tote gibt, der aber trotzdem kein Kriminalroman ist. Hier geht es nicht um die Aufklärung von Morden oder Hinrichtungen, denn der Leser ist den Protagonisten natürlich immer ein paar Schritte voraus, vor allem auch wegen des Prologs. In Kemmers Roman geht es vielmehr um die Darstellung von Gerechtigkeit in der damaligen Zeit, wenn man diese denn als Gerechtigkeit bezeichnen möchte. Dabei spart Kemmer auch nicht an unangenehmen Situationen, die er gottseidank nicht allzu sehr ausschmückt und einiges der Fantasie der Leser überlässt. Wenn man einen Menschen töten will, dann macht man das eben. Ganz einfach.

Kemmer nimmt den Leser mit in das Augsburg zur Zeit des Reichstags 1548, und der Leser kann hier einiges über die Stadt und ihre Geschichte lernen, zum Beispiel woher der heutige Augsburger Stadtteil Bärenkeller seinen Namen hat. Wer sich in Augsburg auskennt, wird bestimmt ein paar interessante Details erfahren, die auch am beigefügten Stadtplan nachvollzogen werden können.

Augsburger Stadtgeschichte

Neben dem gut erfassten geschichtlichen Hintergrund sind es natürlich auch die Protagonisten, die Erwähnung bedürfen. Da ist Liesbeth, die Stieftochter des brutalen Schmieds, die noch jung ist, aber einen Liebsten hat, mit dem sie sich im Wald versteckt, und für ihn hat sie ihren Tod vorgetäuscht, damit sie nicht mehr zurück zu ihrem Vater muss. Der allerdings steht deswegen unter Mordverdacht und ein paar Tage hinter Gittern können ihm bestimmt nicht schaden, nur ist die Frage, was mit ihm sein wird, wenn sich herausstellt, dass er unschuldig ist, da das Mädchen noch lebt. Sein Sohn Lienhart hätte gerne, dass er eingesperrt bleibt, damit es alle zuhause besser habe, aber die Schmiedearbeit macht sich auch nicht von allein.

Da taucht der geheimnisvolle Bärenführer Barnabas auf, der scheinbar nicht nur weiß, wie man mit Bären umgeht, sondern der auch eine geheimnisumwitterte Vergangenheit hat, für die er sich als Bärenführer ausgibt. Mehr soll nicht verraten werden, aber es geht um politische und private Dinge gleichermaßen, in die schließlich die ganze Geschichte verwoben ist.

Familiengeschichten

Es geht also um vergangene Familiengeschichten, Rache und darum, dass der Gerechtigkeit genüge getan werden muss, wenn das im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten liegt. Dass nicht jeder der Protagonisten und Antagonisten lebend die letzte Seite des Buches erreicht, ist zum Teil logisch, aber auch überraschend. Hier weiß der Autor den Leser doch herauszufordern, und er geht nicht zimperlich mit dem Leser um. Das ist manchmal vielleicht zu viel des Guten (oder Bösen), und wie so oft zeigt sich: Es bleibe jeder in seinem Stand verhaften, dann gibt es auch keinen Ärger.

Der Reichstag selber spielt nur eine untergeordnete Rolle, das Hauptaugenmerk des Romans liegt auf den normalen Bürgern, mit kleinen Abstechern in die (im Kerker einsitzende gefangene) Obrigkeit. Manchen Leser mag die nicht ganz klare politische Ausgangslage in Augsburg mit dem Reichstag verwirren. Abhilfe schafft hier eine informative Zeittafel mit dem entsprechenden Ablauf des Reichstags und Luthers Taten drumherum. Hinzu kommen die bereits erwähnte Karte von Augsburg, ein Glossar und eine kurze Schlußbemerkung des Autors.

Insgesamt ist Im Auftrag des Stadtvogts ein schön zu lesender historischer Roman, der den Leser in die Zeit der Reformation und des Reichstags in Augsburg 1548 entführt. Der Autor legt einen soliden Roman vor, der besonders Geschichtsinteressierte aus der Region interessieren dürfte, allen anderen einen bisweilen spannenden und mit Überraschungen versehenen Roman beschert, der einem ein paar schöne Lesestunden verschafft. Allein was der Titel mit dem Roman zu tun hat, ist nicht unbedingt erkennbar, soll aber das Lesevergnügen nicht stören.

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