Moabit von Volker Kutscher

Buchvorstellungund Rezension

Moabit von Volker Kutscher

Originalausgabe erschienen 2017unter dem Titel „Moabit“,, 88 Seiten.ISBN nicht vorhanden.

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Kurzgefasst:

Wen fasziniert sie nicht? Charly Ritter, die große Liebe von Kriminalkommissar Gereon Rath, die ihren eigenen Kopf hat, so charmant wie neugierig ist und ein Geheimnis in sich zu tragen scheint. In »Moabit« lernen wir Charly kennen, als sie noch Lotte heißt und bei ihren Eltern wohnt, in einer Beamtenwohnung am Zellengefängnis Moabit. Gerade hat sie das Abitur im Kleistlyzeum geschafft, und dies, obwohl sie aus einfachen Verhältnissen stammt. Ihre frisch errungene Freiheit genießt Lotte vor allem nachts, bei heimlichen Eskapaden mit ihrer Freundin Greta durch die Tanzlokale Berlins. Tagsüber lernt sie Schreibmaschine und Stenografie, denn eins ist klar: Ihr Studium wird sie sich selbst finanzieren müssen. Charlottes Vater ist Gefängniswärter – ein einfacher, ehrlicher Mann. Doch seine Ansprüche an seinen Augenstern Lotte in puncto Bildung, Ehre und Anstand sind hoch. Und Lotte ist ein Vaterkind. Kein Wunder, dass es nicht spurlos an ihr vorübergeht, als ihr Vater eines Tages in ein brutales Attentat im Moabiter Gefängnis verwickelt wird. Ein Vorfall, der Charlottes weiteres Leben prägt und der aus Lotte letzten Endes Charly macht.

Das meint Histo-Couch.de: „Illustrierte Vorgeschichte von Charly Ritter“98Treffer

Rezension von Carsten Jaehner

Berlin, 1927. Im Gefängnis Moabit wird der Häftling Adolf Winkler, ein großer Kopf der Berolina und der nur noch eine Woche abzusitzen hat, von einem Besuchsgespräch zurück in seine Zelle geführt, als sein Wächter ihn wegen eines Magenproblems kurz auf dem Gang alleine lassen muss. Winkler wird von einem anderen Häftling, der ebenfalls auf dem Gang steht, angefallen und versucht, zu töten. Erst als ein weiter Wächter zufällig hinzukommt, kann dieser die beiden trennen, indem er den Angreifer mit seinem Stock niederschlägt.

Der zweite Wächter heisst Christian Ritter und ist eigentlich gar nicht im Dienst, daher gilt es, einige Fragen zu beantworten, nicht nur, warum er da war, sondern auch, wie überhaupt zwei Häftlinge unbewacht im selben Raum sein konnten, warum der eine den anderen angefallen und ob dieser Angreifer, der seitdem bewusstlos in der Krankenstation liegt, überhaupt überleben wird. Aufseher Ritter indes wagt es nicht, zu Hause, was quasi direkt in den Mauern des Gefängnisses liegt, seiner Tochter, mit der er alles besprechen kann, zu erzählen, was passiert ist. Lotte hingegen ist nun fast zwanzig, macht einen Schreibmaschinenkurs, ist auf der Suche nach Arbeit und hat neuerdings entdeckt, dass man nachts ausserhalb des Hauses auch feiern gehen kann. Ihre neue Freundin nennt sie nicht mehr Lotte, sondern Charly.

Illustrierter Kurzroman

Der Berliner Galiani Verlag gönnt sich seit einiger Zeit eine kleine Reihe mit illustrierten Hardcoverromanen, die alle von Kat Menschik grafisch gestaltet werden und die damit den Roman und seinen Inhalt noch aufwerten und für den Leser griffiger machen. Nach Werken von Kafka, Shakespeare und E.T.A. Hoffmann erschien 2017 erstmals ein Roman, der extra für die Reihe geschrieben wurde. Volker Kutscher steuerte einen Seitenband seiner Gereon Rath-Krimis bei, indem er in dem 82seitigen Band die Vorgeschichte von Gereon Raths Freundin Charly Ritter erzählt. Wie aus Lotte Ritter Charly Ritter wurde und somit ein kleines Mädchen erwachsen.

Schafft es Kutscher in seinen Romanen sonst, mit seinen Worten, den Leser ins Berlin der ausgehenden 1920er und beginnenden 1930er Jahre zu holen, gelingt ihm dies hier auch mit wenigen Worten auf weniger Seiten, allerdings wird er durch die Zeichnungen Menschiks grandios unterstützt. Die Grafiken sind dreifarbig gehalten und vermitteln durch ihre Farbwahl orange-blau-braun die schummerige Stimmung der Zeit. Neben Personenporträts gibt es Werbeplakate, Orte und kleine Details wie Streichholzschachteln, die immer zu den Seiten passen, in denen sie auftauchen und dem Leser somit plastischer machen, worum es gerade geht.

Spannende Geschichte

Die Geschichte selber besteht aus drei Teilen, die jeeils aus der Sicht einer anderen Person erzählt werden, sich aber am Ende zu einer ganzen GEschichte komplettieren. Der erste Teil wird erzählt aus Sicht des „Schränkers“ Winkler, der überfallen wird und deshalb „Schränker“ genannt wird, weil er sich auf Geldschränke spezialisiert hat, was ihn als hohen Kopf der Berolina eben auszeichnet, und alles in Selbstgespräch-Du-Form. Der zweite Teil wird aus Sicht des Wärters Christian Ritter in Ich-Form erzählt, der dritte aus Sicht von Charly Ritter in neutraler Form. Hier zeigt Volker Kutscher auf wenigen Seiten sein erzählerisches Können und schafft somit ein kleines perfektes Universum aus den drei möglichen Erzählperspektiven. Das ist große unnachahmliche Kunst.

Die Geschichte selber ist kurz und knapp erzählt und bietet doch genug Raum für Spekulationen und angedeutete Irrwege. Gegen Ende des Büchleins mag man fast Gereon Rath um die Ecke spazieren sehen und sich am liebsten direkt wieder in die Romanreihe stürzen, von dessen Qualität jeder Kutscher-Leser bereits überzeugt sein dürfte.

Moabit ist eine schöne, gelungene und kunstvolle Ergänzung des Gereon-Rath-Universums, das in den Bücherschrank jedes Fans der Reihe gehört. Gerne dürfen noch weitere Teile aus diesem Bereich des Universums folgen. Es sieht nicht nur gut aus, sondern passt wunderbar und zeigt, dass Volker Kutscher einer der großen Könner seines Fachs ist.

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