Die Winterfrau von Vilborg Davídsdóttir

Buchvorstellungund Rezension

Die Winterfrau von Vilborg Davídsdóttir

Originalausgabe erschienen 2005unter dem Titel „Hrafninn“,deutsche Ausgabe erstmals 2011, 352 Seiten.ISBN 3-442-74223-4.Übersetzung ins Deutsche von Anika Lüders, Gisa Marehn.

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Kurzgefasst:

Grönland, Mitte des 15. Jahrhunderts. Die Eskimofrau Naaja wird beschuldigt, mit ihren Zauberkräften Unheil über ihr Dorf zu bringen, und wird verstoßen. In der Eiseskälte des tiefsten Winters bedeutet dies den sicheren Tod für sie. Dennoch überlebt Naaja. Und findet einen neuen Mann, den isländischen Jäger Mikjáll, dem sie das Leben rettet. Aber die Isländer betrachten sie mit Misstrauen: Ist sie als Ungläubige nicht doch mit den Mächten des Bösen im Bunde?

Das meint Histo-Couch.de: „Eindrücklicher Roman über Missbrauch, Ausgrenzung und Überlebenskampf“94Treffer

Rezension von Rita Dell'Agnese

Naaja ist fast noch ein Kind, als ihr Vater anstelle der verstorbenen Gefährtin mit in die Wildnis von Grönland nimmt. Weit abseits der Siedlung, in der sie groß geworden ist, muss Naaja lernen, mit der Natur umzugehen. Ihr Vater, ein geschickter Jäger und von den anderen auch für seine handwerklichen Fingerfertigkeiten geachtet, versucht, dem Mädchen das Notwendige beizubringen, um in der Wildnis überleben zu können. Als Naaja nach seinem Tod in die Gemeinschaft zurückkehrt, wird sie zunächst freundlich aufgenommen. Doch das Mädchen hat nach dem Glauben der Eskimos im 15. Jahrhundert große Schuld auf sich geladen. Dies scheint der Grund für ihre spätere Kinderlosigkeit zu sein. Als sie ihre Verfehlungen gesteht, wird Naaja aus der Gemeinschaft ausgestoßen und kehrt alleine in die Wildnis zurück. Im eisigen Winter stößt sie auf den verletzten isländischen Jäger Mikjáll. Dieser nimmt die junge Frau schließlich mit in sein Heimatdorf. Dort wird die Fremde aber argwöhnisch beobachtet. Vor allem der Dorfpfarrer vermutet, dass die Ungläubige mit bösen Kräften im Bunde steht und Unglück über die Siedlung bringt. Naaja soll sterben …

Eindringliche Schilderung

Vilborg Davídsdóttir macht es dem Leser leicht, in die Geschichte einzusteigen. Obwohl sie eine hierzulande ungewohnte Erzählweise pflegt – sie bleibt oftmals distanziert und deutet Verschiedenes nur an – fühlt man sich von der Geschichte sofort aufgenommen und mitgetragen. Die isländische Autorin geht mit großem Feingefühl an die Sache heran und schildert sowohl die Zerrissenheit in der Seele der für ihr Alter und ihre Kultur recht selbstbestimmten Naaja, als auch die Umstände, unter denen sie lebt. Hier gelingt es Davídsdóttir, eine eindringliche Atmosphäre zu schaffen, die einen Eindruck von den Lebensumständen der Eskimos vermittelt. Der Pragmatismus, mit dem die Autorin ihre Protagonistin handeln lässt, wird zu einem Markenzeichen des Romans. Und dabei wird deutlich, dass die Überlebenschancen Naajas mit ihrem Pragmatismus in direktem Zusammenhang stehen. So wird das Buch – quasi nebenher – zu einem Plädoyer für mehr Gelassenheit.

Fremdes wird vertraut

Sehr gut setzt Vilborg Davídsdóttir die unterschiedlichen Kulturen in Beziehung zu einander. Bald verschwimmen die vermeintlich klaren Zuordnungen, welches das zivilisierte Volk ist und welches die „Wilden“ sind. Die unter anderem sprachlich bedingten Missverständnisse und die mangelnde Bereitschaft, sich der Fremden – oder auch nur des fremd gewordenen Mädchens des eigenen Stammes – auseinander zu setzen, führen zu unmenschlichen Handlungsweisen. Naaja bricht unter der Ablehnung, die ihr von ihrem eigenen wie vom fremden Volk entgegen schlägt, beinahe zusammen. Nur ihr mystischer Hintergrund scheint sie vor größerem Unbill zu schützen. Ein mystischer Hintergrund übrigens, der im Umfeld, in dem der Roman spielt, absolut adäquat ist.

Obwohl die Welt, in der Naaja lebt hierzulande weitgehend unbekannt ist, fühlt man sich nach einiger Zeit als ein Teil des Geschehens. Dies ist vor allem der überzeugenden Erzählkunst der Autorin zu verdanken. Sie macht „Die Winterfrau“ zu einem lange nachhallenden Leseerlebnis und dürfte einen Großteil der Leser dazu anregen, sich vermehrt mit der Kultur der Eskimos – aber auch mit der isländischen Kultur – auseinander zu setzen.
Dafür, dass dieser Roman vom Isländischen ins Deutsch übersetzt worden ist, gebührt der Verlagsgruppe Random House Dank. Dieses Buch ist eine schillernde Perle im weiten Feld der historischen Romane.

Ihre Meinung zu »Vilborg Davídsdóttir: Die Winterfrau«

anath zu »Vilborg Davídsdóttir: Die Winterfrau«18.06.2012
Dieses Buch punktet mit einer wahrhaft bestechenden Authentizität. Die Autorin erzählt die Geschichte der jungen Eskimofrau Naaja ohne Sentimentalität und sie erliegt vor allem nicht der Versuchung, eine Frau mit modernem Denken und Fühlen agieren zu lassen. Naaja , aufgewachsen in der engen, traditionell orientierten und patriarchalischen Welt der Inuit , fügt sich in die ihr zugedachte untergeordnete Rolle als Frau. Daß sie trotzdem in ihrer Gemeinschaft scheitert liegt nicht an einem eventuellen Wunsch, anders sein zu dürfen, eigenständige Entscheidungen treffen zu wollen oder Ähnlichem. Ein Teil ihres Lebens ist - ohne daß sie selbst darauf Einfluß gehabt hätte - anders abgelaufen als bei den anderen Dorfbewohnern. Das macht sie zum mißtrauisch beargwöhnten Fremdkörper in der Dorfgemeinschaft. Letztendlich führt eine Verkettung unglücklicher Umstände dazu, daß sie das Dorf verlassen muß.
Das alles ist fesselnd geschrieben und zieht den Leser geradezu magisch hinein in eine uns fremde Welt. Ich selbst jedenfalls mochte das Buch kaum aus der Hand legen. Leider wird das Erzähltempo zum Ende der Geschichte regelrecht atemberaubend schnell und irgendwie entstehen Diskrepanzen im Erzählfluß. Während die Autorin einerseits auf vermutlich - ich habe nicht nachgezählt - etwa zehn Seiten wunderbar poetisch ein kleines Mädchen die Heimkehr der Männer von der Jagd erleben läßt, rasselt sie den Schluß des Romans auf etwa dreißig Seiten herunter. Ich will hier nicht zu sehr ins Detail gehen damit ich niemandem zu viel über den Inhalt verrate. Nur so viel : Es stehen schwere innere Auseinandersetzungen an, Entscheidungen müssen getroffen werden, es gibt Blut und Tränen, aber mir ging das alles viel zu schnell. Bestimmte Entscheidungen waren für mich dann nicht mehr ohne Weiteres nachvollziehbar, blieben rätselhaft.
Trotzdem ein gelungenes und faszinierendes Buch und meine Empfehlung.
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