Der Friedhof in Prag von Umberto Eco

Buchvorstellungund Rezension

Der Friedhof in Prag von Umberto Eco

Originalausgabe erschienen 2010unter dem Titel „Il Cimitero di Praga“,deutsche Ausgabe erstmals 2011, 528 Seiten.ISBN 3-446-23736-4.Übersetzung ins Deutsche von Burkhart Kroeber.

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Kurzgefasst:

Paris, 1897. Der Italiener Simonini erwacht in einer Pariser Wohnung ohne Erinnerung an die vergangenen Tage. Er beginnt Tagebuch zu schreiben, um sich von seiner Kindheit über die Erlebnisse während des Risorgimento und der Pariser Kommune an die Gegenwart heranzutasten. Doch während er schläft, kommentiert jemand seine Einträge und entlarvt Simonini nicht nur als durchtriebenen Fälscher und Agenten, sondern auch als höchst gefährlichen Antisemiten und Mitverfasser der Protokolle der Weisen von Zion.

Das meint Histo-Couch.de: „Fälscherwerkstatt des Wortes“91Treffer

Rezension von Almut Oetjen

Die Hauptfigur ist Simon (im ital. Original: Simone) Simonini, ein unheimlicher Fälscher. Simonini, geboren 1830, wächst auf in einem Umfeld, in dem er lernt, Juden und Frauen, Kommunisten und Jesuiten zu hassen. Er verachtet die Religion, liest aber leidenschaftlich Eugène Sue und Alexandre Dumas, dessen Roman Joseph Balsamo über den italienischen Alchimisten und Hochstapler, der als Graf von Cagliostro berühmt ist, er liebt. 1855 macht Simonini sein juristisches Examen, sein Großvater stirbt, sein Erbe ist ein Schuldenberg. Er schlägt eine Laufbahn als Fälscher ein, ist so erfolgreich, dass der savoyische Geheimdienst auf ihn aufmerksam wird. Als Spion kommt er in Sizilien während des Zweiten Italienischen Unabhängigkeitskrieges mit Giuseppe Garibaldi, dessen Stellvertreter Nino Bixio und Vizeschatzmeister Ippolito Nievo zusammen.

Simonini übernimmt auch Aufträge für den französischen und den preußischen Geheimdienst. Er gerät in den Deutsch-Französischen Krieg 1870/71, findet sich in der Pariser Kommune wieder, ist als Mann mit vielen Gesichtern in politische Affären verstrickt, so die Verschwörung um den jüdischen Hauptmann Alfred Dreyfus, und hat mit einem Terroranschlag in Paris zu tun.

Seine wichtigste Arbeit aber, sein leidenschaftliches Herzensanliegen, ist die an einem Dokument, das die Jesuiten diskreditieren soll. Er schwenkt bald um auf die Juden als Zielgruppe, schreibt einen verlogenen Bericht über ein geheimes Treffen auf dem jüdischen Friedhof von Prag. Dort sollen Rabbis die Pläne für die Übernahme der Weltherrschaft und die Zerstörung des Christentums besprochen haben. Inspiriert ist Simonini durch Werke von Dumas und Sue, zusätzliches Material entnimmt er einem Pamphlet des Anwalts und Schriftstellers Maurice Joly. Das Dokument Simoninis erlangt später notorische Berühmtheit unter dem Titel „Die Protokolle der Weisen von Zion“.

Die Mutter der Weltbeherrschungslügen

In Ecos sechstem Roman Der Friedhof in Prag setzt ein Fälscher eine Verschwörungstheorie in die Welt, die sich wie ein Lauffeuer ausbreitet und weitere Verschwörungen anregt. Die antisemitische Hetzschrift Die Protokolle der Weisen von Zion, die Simonini schreibt, wurde tatsächlich von Matwej Golowinski im Auftrag der russischen Geheimpolizei Ochrana verfasst. Er benutzte für seine Arbeit verschiedene belletristische und verschwörungstheoretische Schriften. Das Gerüst ist eine französische Broschüre mit dem Titel Dialogue aux enfers entre Machiavel et Montesquieu (Gespräche in der Unterwelt zwischen Machiavelli und Montesquieu oder Der Machiavellismus im XIX. Jahrhundert), im Jahr 1864 verfasst von Maurice Joly in der Absicht, die Politik Napoleon III. anzuklagen. Joly war auch ein Fälscher, der seine Ideen dem Roman Die Geheimnisse des Volkes von Eugène Sue entnommen hatte. Darin waren die Verschwörer Jesuiten. Jolys Arbeit wiederum wurde plagiiert von Hermann Goedsche, einem Agent provocateur der preußischen Geheimpolizei. Der nahm die Gespräche Jolys 1868 in sein Buch „Biarritz. Historisch-politischer Roman“ auf. Dieser Roman, veröffentlicht unter dem Namen Sir John Retcliffe, wurde 1872 ins Russische übersetzt. Nachdem das Kapitel über den jüdischen Friedhof von Prag und die dortige Versammlung von Verschwörern in Russland umgelaufen war, wurden 1905 die Protokolle von dem Mystiker Sergej Nilus in der zweiten Auflage seines Buches Das Große im Kleinen veröffentlicht.

Die Protokolle wurden in der Folge als Begründung für Pogrome verwendet. 1921 wies Philip Graves, ein Journalist der Londoner Times, nach, dass sie Fälschungen sind. Dennoch hält sich der Glaube an ihre Authentizität bis heute in Teilen der Welt beharrlich.

Nachrichten aus dem Reich der Fälschung, der Lüge und der Dummheit

Im Jahr 1897 leidet der 67 Jahre alte Simonini aus unbekanntem Grund an Gedächtnisverlust. Auf Anraten des Psychiaters Froïde führt er ein Tagebuch, in dem er sein Leben zu rekonstruieren versucht. Dabei wird sukzessive deutlich, dass er ein Fälscher und Spion ist, der Geheimdienstaufträge durchführt und auch vor Mord nicht zurückschreckt. Simonini sieht sich nicht als Fälscher, sondern als Kopisten von Urkunden, die verloren gegangen sind oder nicht mehr ausgestellt werden konnten, jedoch existieren könnten und müssten. Dem Tagebuch Simoninis entnehmen wir, dass er sich eine ganze Bibliothek an Identitäten geschaffen hat, zwischen denen er häufig wechselt. Bisweilen droht er den Überblick zu verlieren. Er ist ein wilder Identitätenwandler, dessen innere Buchhaltung nicht mitkommt.

Simonini selbst hat es nie gegeben, dafür aber fast alle anderen im Roman auftretenden Figuren.

Außer Simonini als Tagebuchschreiber gibt es noch zwei weitere Erzählinstanzen. Der Abbé Dalla Piccola ist ein Mitbewohner Simoninis, der diesem aber nie begegnet. Der Abbé mischt sich ein und kommentiert Tagebucheinträge, während Simonini schläft. Er ist ebenfalls ein Fälscher und existiert vielleicht nur im Kopf des Tagebuchschreibers. Eine dritte Instanz nennt sich Erzähler. Er hat das Tagebuch gefunden und fügt ihm seine eigenen Notizen und Änderungen hinzu, während er es liest. Der Erzähler kommentiert die beiden ersten Autoren, füllt die Lücken zwischen den Einträgen und nimmt Korrekturen vor (In Wirklichkeit war es...). Das Gesamtwerk halten wir als durchgehenden Text, in dem die Einträge der drei Schreiber typografisch gegen einander abgesetzt sind, in Händen.

Eco spielt einmal mehr mit verschiedenen Erzählebenen, mit unserem Vertrauen, das wir als Leser dem Erzähler entgegenbringen. Simonini schreibt in sein Tagebuch, woran er sich erinnert, oder was er zur Gestaltung seines Selbstbildes benötigt. Wie soll die Autobiographie eines Bösen aussehen? Der Abbé als zweite Instanz gibt vor, mehr zu wissen als Simonini, der ihm zufolge ein Fälscher seiner Biographie ist. Der Zusammenhang zwischen Simonini und dem Abbé ist bis kurz vor Schluss des Romans ein Spannungselement. Da der Abbé ein nicht sichtbarer Mitbewohner Simoninis ist, kann er vielleicht als dessen Gewissen bezeichnet werden. Wie glaubwürdig wären ein Meisterfälscher mit vielen Gesichtern und sein Gewissen? Ist der Abbé ein Fälscher der Fälschungen des Fälschers?

Der Friedhof in Ecos Werk

Eco hält in Der Friedhof in Prag die Verbindung zu seinem Werk, insbesondere Die Insel des vorigen Tages. Dessen Triade aus Erzähler, Kommentator und kommentierend-manipulierendem Über-Erzähler hat er in seinen neuen Roman aufgenommen. Der Erzähler, der die Aufzeichnungen Simoninis und des Abbés durcharbeitet, ist eine Entsprechung zu dem Gelehrten in Die Insel des vorigen Tages. Der Abbé wird aktiv, während Simonini schläft. Der zweite Erzähler in Die Insel des vorigen Tages behauptet, sich in den Schreiber der Aufzeichnungen, Roberto de La Grive, hineindenken und- fühlen zu können, gar seine Träume zu kennen. Die Nähe von Schlaf und Traum ist offensichtlich.

Die Protokolle der Weisen von Zion und Verschwörungstheorien im Allgemeinen sind wesentlich für Das Foucaultsche Pendel. Nur ist das antisemitische Pamphlet in Der Friedhof in Prag von herausragender Bedeutung, und der Erzähler ist ein überzeugter Antisemit. Simonini ist der erste abscheuliche Protagonist im Werk Ecos. Er ist beinahe der Inbegriff des Bösen und an so vielen wichtigen Ereignissen seiner Zeit beteiligt, dass er allgegenwärtig wirkt. Dies erinnert an den Song „Sympathy for the Devil“ von den Rolling Stones.

Seit Der Name der Rose ist Umberto Eco einer der exponierten Verfasser historischer Romane. Der Friedhof in Prag versetzt seine Leser in das 19. Jahrhundert. Der Roman ist spannungsreich und – im Werk Ecos – vergleichsweise leicht zu lesen. Die Erzählung lebt in der für ihren Autor typischen Weise von mannigfaltigen Verweisen auf die Politik, Kunst, Personen der Geschichte, auf Literatur, Esoterik und vieles mehr.

Kontroverse Rezeption

Die Veröffentlichung des Romans in Italien führte 2010 zu einer Kontroverse, verursacht durch die vatikanische Zeitung Osservatore Romano und den Oberrabbiner von Rom, Riccardo Di Segni. Professorin Lucetta Scaraffia vermutet, dass die Leser des Romans angesichts der Tatsache, dass in ihm lauter bekannte Personen auftreten, die an die jüdische Weltverschwörung glaubten, zu dem Schluss gelangen könnten, es sei vielleicht doch etwas wahr daran. Di Segni gibt zu bedenken, dass es nicht unproblematisch ist, wie Ecos Roman gleichsam auf jeder Seite abscheuliche Dinge über Juden enthält, dennoch die Leser den Unterschied zwischen einer wissenschaftlichen Abhandlung und einem fiktionalen Werk kennen. Aber die primitive und scheußliche Hauptfigur erscheint am Ende sympathisch. Die Historikerin Anna Foa schreibt, dass Eco die Protokolle als Fälschung aufzeigen möchte, die Wahrheit jedoch verdeckt wird durch Verwirrung.

Ein Thema in Ecos Werk ist die Trennlinie zwischen Realität und Fiktion. Diese Trennlinie bestimmt auch die Kontroverse. Hinzu kommt das Problem der Identifikation von Lesern mit einer Hauptfigur wie Simonini. Das Böse mag zwar banal sein, aber es übt offenbar eine größere Anziehung aus als das Gute.

Fazit

Eco konstruiert eine postmodern anmutende Form des Umgangs mit einem Schriftenbestand, durch den neue Schriften erzeugt werden, die doch nur wieder die alten Schriften sind, teils in neuem Gewand, teils in der Form oder im Inhalt verändert. Man ersetzt ein paar Begriffe, stiehlt hier, stiehlt dort, bringt die im Wesentlichen gleichen Anklagen gegen Gruppierungen oder Personen vor und steigert die Glaubwürdigkeit durch Wiederholung und Modifizierung.

Einmal mehr spielt Eco auf faszinierende Weise mit der Beziehung zwischen Autor und Leser, Roman und äußerer Welt. Realität und Fantasie laufen aufeinander zu, werden mehrfach gebrochen, vermischen sich in dieser großartigen Fälscherwerkstatt des Wortes, die rechtzeitig zum zehnjährigen Jubiläum der Verschwörungstheorien über den 11. September 2001 erscheint.

Ihre Meinung zu »Umberto Eco: Der Friedhof in Prag«

Akku zu »Umberto Eco: Der Friedhof in Prag«26.07.2013
Ein großartiges Buch! Die hier oben angeführten Kritiken mancher Fachleute halte ich für nicht zutreffend. Nur, weil man sich beim Lesen köstlich amüsiert und zuweilen dem widerlichen Haupthelden die Daumen drückt (und dies alsbald bemerkt), ist man als Leser trotzdem jederzeit in der Lage, das Böse als solches zu erkennen und die Geschichte der Erfindung und schrittweisen Verschärfung der "Protokolle" (zugegeben genüsslich) nachzuvollziehen. - Im absichtlichen und notwendigem Unterschied zu Geschichtsbüchern.
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