Kreideweiß von Tom Wolf
Buchvorstellung und Rezension
Originalausgabe erschienen 2008 unter dem Titel „Kreideweiß: Letzte Schreie“, , 272 Seiten. ISBN 3898095126.
Kurzgefasst:
Juli 1772: Friedrich der Große gibt ein Geburtstagsfest für seine Schwester Ulrike. Eingeladen sind auch Couturiers aus Paris und London, die ihre Entwürfe erstmals an lebenden Modellen zu zeigen beabsichtigen. Mehrere Hofdamen der Königin probieren die Roben, doch eine nach der anderen erstickt aufgrund zu enger Korsagen, wie es scheint. Der König jedoch vermutet perfide Manöver ausländischer Agenten und beauftragt Honoré Langustier, der Sache auf den Grund zu gehen.
Seine Majestät König Friedrich II. von Preußen hat zum Geburtstag seiner Schwester Ulrike geladen. Nicht gerade berühmt für seinen modischen Geschmack, hat er zudem vier Couturiers aus Paris und London eingeladen, die ihre Kreationen im rückständigen Berlin erstmals an lebenden Modellen vorzeigen sollen.
Präsentiert werden sie von einigen Hofdamen und nicht, wie bisher, von Holzpuppen. Der Tod einer Hofdame wird den zu engen Korsagen zugeschrieben, allerdings bleibt es nicht bei dem einen Todesfall und so schickt der Preußenkönig wieder seinen genialen Zweiten Hofküchenmeister Honoré Langustier aus, um dem geheimnisvollen Tod der Damen auf die Spur zu kommen.
Kabinettstückchen im Kabinett
In seinem bislang neunten Fall (der in der chronologischen Reihenfolge eigentlich der achte wäre) lässt Autor Tom Wolf wieder einen beliebten und beleibten Zweiten Hofküchenmeister Langustier ermitteln. Dabei führt er den Leser nicht so sehr in den Bereich der Küchen, sondern vielmehr in den Bereich der Mode. Der Leser merkt schnell, dass er es hier mit einer eigenen Welt mit entsprechend sich gebärenden Menschen zu tun hat. Dabei beweist Wolf eine scharfe Beobachtungsgabe und lässt auch die grausame Gerüchteküche und die Gehässigkeiten der Modemacher unter sich und gegen andere nicht aus.
Dem kochenden Detektiv steht neben dem Polizeichef Philippi in diesem Falle auch die Fürstin Daschkowa zur Seite, eine Russin und Herausgeberin eines Modejournals, die für ihr Blatt von dem allseits mit Spannung erwarteten Ereignis der Modenschau berichten soll. Mit ihr zusammen hat Langustier eine Person zur Seite, die sich im Metier auskennt und mit ihrem Wissen so manche Lücke beim Hofküchenmeister zu schließen weiß. Dabei gelingt dem Autor das eine oder andere Kabinettstückchen wie in der Szene, wo er lernt, wie sich Damen anziehen – während die Daschkowa hinter dem Parawan eingekleidet wird und detailliert Schritt für Schritt en Detail mit Varianten erklärt. „Das ist groß“, wie die Daschkowa des Öfteren sagt.
Enorme Detailverliebtheit
Überhaupt zeigt Wolf eine große Detailversessenheit und das führt leider im Mittelteil des Buches dazu, dass man als Leser leicht den Faden verliert. Für weitere Wirrnis sorgt er, indem es sehr viele handelnde Personen gibt und man daher leicht aus dem Tritt kommen kann, wer nun gerade wer ist und wer gerade mit wem spricht. Hier wäre ein Ausdünnen des Personenkreises sicher übersichtlicher gewesen. Gerade wenn Langustier mit einem Rattenschwanz von Anhängern wie seiner Frau, seinen Enkeln, dem Komponisten Robert Burney, der Daschkowa und den vier Couturiers durch die Gegend reist, verliert man leicht den Überblick.
Äußerst gelungen ist der Roman allerdings vom Sprachlichen her. Wie man es aus seinen Preußenkrimis gewohnt ist, versteht Wolf es, jeder Person die richtigen standesgemäßen Worte in den Mund zu legen. Reden die Couturiers mit einer gewissen Delikatesse, versuchen die Adeligen stets, Haltung zu wahren und sich gewählt auszudrücken. Angereichert mit diversen sprachlichen Köstlichkeiten wird der ganze Roman somit zu einem humorvollen verbalen Gestelze, wie man es sich aus dieser Zeit vorstellt. Besonders Friedrich mit seinem gebrochenen Deutsch ist köstlich getroffen. Sein Französisch war allerdings besser, das kommt auch in dem Roman immer wieder zur Sprache.
Der Kriminalfall selbst mit seinen zahlreichen Toten ist sehr verstrickt und mit einem (fast peinlichen) Ende schließlich doch sehr überraschend. Dabei wird es für Langustier sogar lebensgefährlich! Ermittlungen von mehreren Personen (Langustier, Daschkowa und Polizeichef Philippi) ziehen den ganzen Fall dabei unnötig auseinander. Hier hätte man sicherlich die Handlung etwas straffen können. Erst ganz allmählich löst sich das Dunkel und ist es doch zunächst recht umständlich, geht es dann doch schließlich ziemlich schnell. Hier hätte man dramaturgisch geschickter vorgehen können.
Lehrreicher Anhang
Mag auch so manche Kuriosität dieses Romans überzogen erscheinen, so erklärt Tom Wolf doch all diese Ereignisse und Erscheinungen in seinem gewohnt ausführlichen und lehrreichen Anhang. Hinzu kommt ein Modeglossar, der dem Leser die wichtigsten Begriffe erklärt. Vor den Roman hat Wolf eine Personenliste gestellt, aus der ersichtlich ist, welche der Personen tatsächlich historisch ist und welche seine Erfindung. So stellt man sich das für einen historischen Roman vor.
„Kreideweiß“ ist bestimmt nicht Langustiers bester Fall, aber auch nicht sein schlechtester. Gerne würde wir in naher Zukunft wieder einen neuen Fall des Zweiten Hofküchenmeisters lesen – vielleicht dann wieder mit mehr Küchenlatein.
Ihre Meinung zu »Tom Wolf: Kreideweiß«
- anath zu »Tom Wolf: Kreideweiß« 12.11.2008
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Ich habe dieses Buch erst einmal etwas sacken lassen bevor ich meinen Kommentar dazu abgebe denn ich war doch sehr hin-und hergerissen nach der Lektüre. Dieses Buch fällt etwas aus der bisherigen Reihe heraus. Waren die anderen Bücher sehr an der Realität orientiert so schafft dieses einen Handlungsrahmen, der mir persönlich kaum nachzuvollziehen war. Ein Modenfest ? Zum Glück klärt der Autor im Anhang darüber auf, wie Mode damals wirklich weiter verbreitet wurde. Unter Friedrich II. ? (Das ist der, der immer mit der schnupftabakbekleckerten Uniformjacke rum rannte!) Schwer vorstellbar.
Bekannt ist allerdings, daß Friedrich seine Schwester Ulrike nach Strich und Faden verwöhnte als sie ihn in Berlin besuchte. Warum also nicht ein Modenfest bei dem der Monarch höchstselbst in allerneustem Chic auftritt ?
Aber Elisabeth Christine !!! Eigentlich bin ich ja sehr froh, daß dieser Dame mal etwas mehr als nur ein paar lästernde Zeilen gegönnt werden. Ich gehöre zwar nicht zu ihrer ständig wachsenden Fangemeinde aber ich fand es schade, daß sie immer so links liegen gelassen wird neben dem ach so glanzvollen Herrn Gemahl - der sich nicht zu schade war, sie anzupumpen um seine militärischen Eskapaden zu finanzieren. Sehr angenehm, daß Tom Wolf hier auch ein wenig auf das eingeht, was Elisabeth Christine in ihrem Leben geschaffen hat, nämlich Schloß und Park Niederschönhausen.Er zeigt sie in ihrem Reich als gar nicht schüchtern-triefig sondern modebewußt,nicht sehr weltgewandt,großherzig.Eigenschaften, die sie sympathisch machen.
Eigentlich ist das also nicht so sehr ein Histo-Krimi sondern ein Krimi-Märchen -und Märchen mag ich sehr gerne, schließlich haben sie meist ein Happy end. Natürlich auch dieses - und warum auch nicht, es paßt zum Buch, auch wenn ich weiß, daß die grausame Realität für Elisabeth Christine eine andere war.
Alles in allem ein lesenswertes und auch spannendes Buch, aber bitte den Anhang nicht vergessen um wieder auf den Boden der Tatsachen zurück zu kommen.
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