K von Tom McCarthy

Buchvorstellung und Rezension

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Originalausgabe erschienen 2010 unter dem Titel „C“, deutsche Ausgabe erstmals 2012 , 480 Seiten. ISBN 3421044899. Übersetzung ins Deutsche von Bernhard Robben.

Kurzgefasst:

England, vor der Wende zum 20. Jahrhundert: Serge Karrefax kommt mit einer Glückshaube zur Welt, was dem Jungen eine außergewöhnliche Zukunft verheißt. Und tatsächlich, sein Leben spiegelt all die Wunder des soeben angebrochenen neuen Zeitalters. »K« steht für Kommunikation: Begeistert von der neuen Funktechnologie, verbringt Serge die Nächte mit der Suche nach Signalen im Äther. »K« steht für Krieg: Im Ersten Weltkrieg wird er als Funker eingezogen, und er liebt es, in seiner Flugmaschine, Kokain im Blut, Hölderlin auf den Lippen, über die Verwüstungen hinwegzufliegen. »K« steht aber auch für Krypta: Nach Séancen, Sex und Paranoia im Swinging London der Zwanziger verschlägt es Karrefax in das Ägypten Howard Carters. Bis sein Leben an jenem Tag, an dem er in eine der altägyptischen Grabkammern hinabsteigt, eine Wendung nimmt …

Das meint Histo-Couch.de: „Die Welt kalt und unsentimental beobachten“

von Almut Oetjen

Serge Karrefax wird 1898 im südenglischen Anwesen Versoie geboren. Sein Vater arbeitet als Lehrer in einer Gehörlosenschule und ist ein Erfinder, der die Entwicklung der Elektronik voranbringt. Seine Mutter ist taub, war einmal Schülerin seines Vaters und fertigt Seide. Schon früh führen Serge und seine Schwester Sophie Experimente durch, basierend auf dem „Spielbuch der Wissenschaften“. Während Sophie später am Imperial College Biologie studiert, beschäftigt sich Serge mit Funkgeräten. Er absolviert die Schule für Militärische Aeronautik und geht zur Air Force, die ihn im Ersten Weltkrieg als Aufklärer einsetzt, bis er in deutsche Gefangenschaft gerät. Nach dem Krieg studiert er Architektur und arbeitet in Ägypten für das britische Nachrichtenwesen.

Ein Liebling der literarischen Avantgarde

Tom McCarthy wird in Großbritannien gehandelt als Vorhut einer neuen Literatur. Sein dritter Roman K, im Original C, beginnt traditionell, wie eine viktorianische Geschichte: Der frisch zugelassene Arzt Dr. Learmont schaukelt auf seinem Einspänner seinem Ziel entgegen, dem Ort, an dem die Hauptfigur der Erzählung, der Engländer Serge Karrefax, geboren wird. Im weiteren Verlauf arbeitet sich die Geschichte aus dem Viktorianismus heraus in die Moderne, beschreibt Szenen aus dem Leben des jungen Serge in einer Zeit, die mit dem Aufkommen und der Blüte der literarischen Avantgarde zusammenfällt.

Wiederkehrende Motive

Als Serge mit 15 Jahren im Jahr 1913 nach Kloděbrady fährt, um ein Magenproblem zu kurieren, bezeichnet der Arzt die Krankheit als einen Prozess. Die Rhythmisierung erfolgt über einen (K wie) Kreislauf aus Einläufen und Hydrotherapie. Ein Einlauf wird nachvollziehbar beschrieben. Serges Sicht verschlechtert sich, er hat den Eindruck, durch Seide zu blicken. Beide Motive sind wiederkehrend in K, wie McCarthy überhaupt mit Wiederholungen, Variationen und Echos arbeitet.

Vier Kreisläufe

Das Buch ist in vier Teile gegliedert, in denen Serge vier wichtige Entwicklungen durchläuft: seine Kindheit und die Behandlung während einer schweren Erkrankung, den Ersten Weltkrieg, die Nachkriegszeit einer missbrauchten Generation, die sich in der Welt kaum mehr zurechtfindet, sich verausgabt in Sex und Drogenerlebnissen, sowie der Zeit in Alexandria, während der Serge mitarbeitet an den Grundlagen einer Welt der drahtlosen Informationsübertragung und mit der Welt des Übernatürlichen in Berührung kommt. Der Roman umspannt den Zeitraum von 1898-1922, wichtige Jahre in der Entwicklung weltumspannender Kommunikationsnetze.

Die vier Teile beginnen alle mit der Abbildung eines beinahe die (jeweils linke) Buchseite füllenden K, das von Mal zu Mal stärkere Auflösungserscheinungen zeigt. Die Teile tragen die Überschriften „Kappe“, „Krieg“, „Kollision“ und „Kammer“ – Begriffe, die für zentrale Ereignisse im jeweiligen Kapitel stehen. Die Kapitel folgen grob der Kreislauflogik aus Geburt, Tod und Wiedergeburt. Ein Erschießungskommando, ein Autounfall und eine Krypta sind wichtige Elemente dieser Logik.

McCarthy verschränkt in K die Moderne mit der Antike, den wachsenden Fortschrittsglauben mit der Sphäre des Spirituellen. Die Britische Luftwaffe, für die Serge Aufklärungsflüge durchführt, ist nicht als Bestandteil einer Kriegsmaschine inszeniert, sondern als ein Todeskult, der Serge die Erfahrung vermittelt, worum es tatsächlich geht – so abstrakt wie morbide im Roman formuliert.

Die Geschichte als Saatgut

Serge ist als Charakter völlig unterentwickelt und uninteressant. Es ist aber auch nicht seine Aufgabe, ein Charakter zu sein. Vielmehr ist er eine Wahrnehmungsinstanz. Er schaut auf das Leben und wichtige Entwicklungen der Zeit, emotionslos und auf eine nicht-betroffene Weise beschreibt er alles detailliert. An dieser Nicht-Betroffenheit ändert auch nichts, dass er während einer Beerdigung eine Erektion bekommt und einmal sagt, dass ihm der Krieg gefällt. Serge träumt Träume der Zukunft, von der Synthese des Fleisches mit Metall.

McCarthy hat zwar einen historischen Roman geschrieben, ist aber an der Historie weniger interessiert als daran, diese als das Saatgut dessen zu konstruieren, was wir heute ernten. Leserinnen und Leser, die etwas über das Innenleben von Figuren erfahren wollen, die auf der Suche nach Gefühlen sind, werden an diesem Roman wohl keine Freude haben, ihn kalt, spröde, sperrig finden.

Tom McCarthy hat mit K einen Bildungsroman geschrieben, dessen vielfältigen Bezügen und Verschlüsselungen man mit entsprechender Entdeckungsfreude nachspüren kann.

Ihre Meinung zu »Tom McCarthy: K«

Rosamunde zu »Tom McCarthy: K« 06.05.2012
Dem Kommentar von Banon stimme ich zu, dass der Einstieg in das Buch nicht leicht fällt. Auch dem Einwand, dass manche Passagen irritieren und langwierig sind. Manche Informationen sind umfangreicher, als man sie in einem Roman vielleicht lesen möchte.
Deshalb würde ich, auch wenn die Rezension sehr treffend ist, den Roman etwas weniger gut bewerten.

Mir gefällt die Form sehr gut. Dass K ein Bildungsroman ist, dem würde ich vorbehaltlos zustimmen. Dazu sollte man das Zeit-Interview mit dem Übersetzer Bernhard Robben lesen. Dort erklärt er, wie K in Schichten angelegt ist, beginnend als nahezu klassischer Bildungsroman. Sicher, besonders im Teil, in dem Serge seine Erkrankung in Kloděbrady auskuriert, kommt der Roman klassisch rüber. Das erinnert doch sehr an den Zauberberg von Thomas Mann. Aber als klassisch würde ich ihn dennoch nicht unbedingt bezeichnen wollen.

Die Schichten, von denen Robben im Interview spricht, haben es mir besonders angetan. Es erinnert an das Schälen einer Zwiebel, wobei diese aus allen Schichten besteht, und es wohl nicht viel bringt, eine Hierarchie in das Schichtengefüge bringen zu wollen. In etwa so, dass eine Schicht relevanter oder wichtiger ist als eine andere. Ich denke, alle Schichten in ihrer Summe machen die Zwiebel K aus.

Die Schicht, die sich mir bisher noch nicht erschlossen hat, ist die des Wortes, wie der Übersetzer sie nennt. Hier argumentiert McCarthy vor allem auf Grundlage einer Intensivlektüre Jacques Derridas, den ich zwar ein wenig kenne, aber nicht so, dass ich ihn im Text selbst wieder finden würde, abgesehen von den Hinweisen, die Robben gibt. Aber ich werde mich gelegentlich auf diese Schicht einlassen, auch wenn beim zunehmenden Freilegen von Zwiebelschichten die Augen stärker tränen.
Banon zu »Tom McCarthy: K« 06.04.2012
Tom McCarthy erzählt die Lebensgeschichte von Serge Karrefax, der 1898 geboren wird - und das kann verraten werden, am Ende des Buches jung stirbt. In diesen Jahren tut sich viel auf der Welt. Die stattfindenden Veränderungen sind auch das Thema des Buches. Karrefax wächst im viktorianischen England auf. Sein Vater ist ein Technikfanatiker, seine Schwester eine naturwissenschaftliche Hochbegabung.
Die vier Hauptkapitel entsprechen den vier Lebensphasen von Serge. Mit der Kindheit, in der er schließlich zu einer Kur geschickt wird, startet das Buch mit einem Panorama, das mich etwas ratlos lies. Mir wird hier zuviel angerissen und nichts richtig zu Ende gebracht.
Das zweite Kapitel schildert seine Erlebnisse im 1. Weltkrieg, das anschließende dritte die Zeit danach. Dies sind für mich zugleich die stärksten des Buches. Sie zeigen eine Entwicklung. Karrefax zeigt seinen unverwechselbaren trockenen Humor und wird einem als Persönlichkeit näher gebracht. Gerade in der Zeit nach dem Krieg, in der er auf der Suche nach einem neuen Lebensansatz ist, geschieht dies am deutlichsten. Sein Absturz folgt nach Drogeneskapaden.
Karrefax ist nicht gerade ein emotionaler Typ. Er bleibt irgendwie seltsam losgelöst von seinen Erlebnissen. Trotzdem hat mich seine Person interessiert. Meine Hoffnung auf Weiterentwicklung wurde allerdings nicht erfüllt. Das abschließende Kapitel spielt in Ägypten. Ich war ehrlicherweise durch die Fülle von Fakten überfordert. Auch vom sinnlosen Einsatz Karrefax, der von einem Ort zum anderen reist und Aufträge erhält, deren Ergebnisse keine weitere Rolle spielen.

Der Einstieg in das Buch fiel mir schwer. Zu viele Details, zu wenig Orientierung wo mich das alles hinführen könnte - und doch: Etwas hielt mich bei der Lektüre. Die Beschreibungen McCarthys sind genau, sein Stil gut lesbar. Vielleicht gibt es manchmal zuviele Details. Irgendwie erinnerte mich das Buch an Thomas Pynchons "Gegen den Tag". Beide Bücher spielen im selben Zeitalter; die Themen sind der technische Fortschritt und der Aufbruch in die Moderne.
Das sind dann auch die Stärken von "K". Wer tiefergehende Charaktere und Entwicklungen sucht, wird hier nicht fündig.

Tatsächlich kann ich das Buch für mich nicht richtig einschätzen. Einerseits hat es mir gefallen, mich streckenweise fasziniert, andererseits gab es langwierige und irritierende Phasen, die meinen Lesefluß ins Stocken geraten ließen. Auf jeden Fall kein schlechtes Buch!

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