Die rote Löwin von Thomas Ziebula

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2017unter dem Titel „Die rote Löwin“,, 384 Seiten.ISBN 3-404-17476-3.

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Kurzgefasst:

Anno 1205. Nach dem Tod ihrer Eltern sind Runja und ihr Bruder auf sich allein gestellt. In Magdeburg geraten sie in die Fänge des machthungrigen Domdekans Laurenz. Dieser sieht in Runja die einmalige Gelegenheit, seinen Rivalen Pirmin auszuschalten. Denn Runja hat verblüffende Ähnlichkeit mit dessen toter Frau. Während er ihren Bruder als Geisel hält, zwingt Laurenz Runja in den Orden der Vollstrecker, wo sie zur Mörderin ausgebildet wird. Doch das Schicksal will es, dass sie sich in Pirmin verliebt. Nun muss sie sich zwischen dem Leben ihres Bruders und dem ihres Geliebten entscheiden.

Das meint Histo-Couch.de: „Mittelalterlicher Rachefeldzug“90Treffer

Rezension von Carsten Jaehner

1205. Runja und ihr Bruder Waldemar sind die Kinder von Unger von Seefeld, dem Hofmarschall des Grafen von Schwerin. Bei einem Überfall auf die Burg kommt fast die gesamte Familie ums Leben, nur Runja und ihr Bruder können fliehen. Der Überfall wurde durch eine Intrige erleichtert, indem von innen die Burg geöffnet wurde. Runja und ihr Bruder schwören Rache an den Mördern ihrer Familie.

In Magdeburg gerät Runja in die Fänge von Domdekan Laurenz von Magdeburg, der scharf auf den Bischofsstuhl ist, zumal der derzeitige Amtsinhaber bereits kränkelt. Rom macht ihm Hoffnung, doch hat er in dem Gelehrten Pippin von Paris, der in Magdeburg lehrt, einen Konkurrenten, der intelligent und zudem jung ist. Zu allem Überfluss sieht Runja aus wie Pippins verstorbene Frau, und die beiden beginnen eine leidenschaftliche Affäre.

Das ist natürlich Laurenz ein Dorn im Auge. Er lässt Runja von einem geheimnisvollen Orden zur Kämpferin ausbilden, die sich so nach und nach ihrer rachegeschworenen Feinde erledigt. Währenddessen versucht Laurenz, der eine Vorliebe für Domknaben hat, Runjas Bruder Waldemar als Nachfolger seines zu alt gewordenen derzeitigen Bettgespielen zu sich zu holen. Doch Waldemar will nicht und fällt so in Ungnade. Runja kann ihn nur retten, wenn sie ihren nächsten Auftrag erledigt. Das Opfer soll Pippin sein …

Cliffhanger

Wenn man eines Thomas Ziebula nicht absprechen kann, dann ist es Langeweile und langsames Tempo. Von der ersten Seite an nimmt der Autor seine Leser mit auf eine spannende, blutige und mitreissende Reise, die den Leser kaum zu Atem kommen lässt. Der Autor spart nicht mit Cliffhangern zwischen den Kapiteln, was den Leser nötigt, doch weiterzulesen, auch wenn man gerade mal eine Pause einlegen will. Dabei behält er stets die Übersicht und alle Fäden in der Hand, und jede der teilweise komplizierten Verwebungen erhält ihre Entwirrung – und sei es mit dem Schwert.

Ziebula hat sich einen geschichtsträchtigen Ort ausgesucht, in dem sich seine Handlung abspielt. Endend mit dem historischen Zusammensturz des Magdeburger Doms, präsentiert der Autor dem Leser in den zwei Jahren zuvor Intrigen, die sich gewaschen haben. Dabei lässt er ein Personal auflaufen, das es dem Leser leicht macht, die Handlung mitzuverfolgen und Gut und Böse zu unterscheiden.

Junge und gutaussehende Kämpferin

Die Protagonistin ist Runja die eine erstaunliche Wandlung durchmacht. In kurzer Zeit erlernt sie vom Orden der Vollstrecker (ein recht martialischer Name) Kampf- und Tötungstechniken, die sie auch Gelegenheit hat, in epischer Breite auszuprobieren. Man kann Autor eine gewisse fantastische Fantasie an verschiedenen Möglichkeiten, auf welche unterschiedlichen Weisen man einen Gegner töten kann, nicht absprechen. Keine zwei Gauner sterben auf dieselbe Art und Weise, und da in diesem Roman viel gestorben wird, meist unfreiwillig, kommt man sich teilweise fast vor wie in einem Fernsehfilm, der des nachts auf RTL2 läuft und der in der Wertung der Programmzeitschriften den Daumen nach unten bekommen hat. Doch schlecht ist das bei Ziebula nicht, es mag nur manchen Leser stören, so viele sehr brutale und ausgiebig beschriebene Folter- und Tötungsszenarien zu lesen zu bekommen, dass zart besaitete Leser das Buch vielleicht nicht bis zu Ende lesen.

Runjas Bruder Waldemar ist nur ein Spielball, der sich nicht gegen sein Schicksal wehren kann. Pippin ist ein aufstrebender Lehrer mit familiärer Vergangenheit, die er allerdings hinter sich gelassen glaubt, die durch Runja aber wieder aufgelebt wird. Doch steht Runja einer möglichen klerikalen Karriere im Weg? Schwer zu entscheiden.

Man würde selbst gerne mal …

Konnte man zu Beginn des Romans noch einige Sympathien mit Laurenz von Magdeburg aufbringen, dass er die katholische Karriereleiter nach oben klettern möchte, wird man nach einigen wenigen Seiten jedoch ernüchert, dass er seinen Weg dorthin nicht unbedingt auf christliche Weise nehmen möchte. In Laurenz findet der Leser das personifizierte Böse, beinahe klischeehaft, mit einem geheimen Orden als Handlanger für äusserst dreckige Geschäfte an der Hand und immer, wenn man denkt, jetzt sei der Höhepunkt der Grausamkeiten erreicht, setzt er noch einen drauf. Dass er einen Knaben braucht, an dem er sich nachts ausweinen kann und sich noch auf andere Weise gegenseitig Trost spenden möchte, ist dann der Gipfel und an Perfidität nicht mehr zu überbieten. Man ertappt sich am als Leser Ende dabei, welches möglichst brutale und quälende Ende man als Autor selbst dem Domdekan für die letzten Seiten herbeischreiben möchte – verdient ist es allemal.

Ziebula hält während der gesamten knapp 380 Seiten die Spannung hoch und für den Leser trotz voraussehbarer Handlungsteile auch einige Überraschungen parat. Nicht nur die Spannung, sondern auch das Tempo ist enorm hoch und lässt dem Leser kaum Zeit zum Verschnaufen. Auch wenn jederzeit die Gefahr der Klischeehaftigkeit über dem Roman und den Figuren schwebt, weiß Ziebula doch den Figuren Nuancen zu verpassen, die dem entgegenwirken. Die Historie ist gut und sprachlich passend erfasst, das Magdeburg der Zeit spielt keine grosse Rolle, als Kulisse ist es aber doch stets präsent und erfüllt seinen Zweck.

Vielfältiger Anhang

Eine Karte ist jeweils den Innencovern des Buches aufgedruckt, zudem gibt es ein Personenregister, eine Zeittafel und am Ende des Romans einen Kommentar des Autors, der den einen oder anderen Aspekt des Romans aufgreift und erklärt. Dieses Nachwort beatwortet tatsächlich einige Fragen, die sich den Leser nach der Lektüre förmlich aufdrängen.

Wer einen spannenden, ungewöhnlichen mittelalterlichen Martial Arts-Roman lesen möchte, der trotzdem Farbtupfer zu setzen weiß und ein hohes Tempo vorlegt, eine (teils detailreiche) Liebesgeschichte dazu haben möchte und ein paar Kämpfe (mit überaus blutigem Ausgang) nicht verschmäht, wird mit Die rote Löwin den richtigen Griff tun. Man darf gespannt sein, ob der Autor künftig diese von ihm gesetzte Marke halten kann. Die Leserschaft würde sich freuen.

Ihre Meinung zu »Thomas Ziebula: Die rote Löwin«

dorli zu »Thomas Ziebula: Die rote Löwin«08.02.2017
Schwerin 1205. Ein Tross kriegerischer Wenden überfällt die Burg des Grafen Gunzelin von Schwerin. Dabei wird die Familie des Hofmarschalls Unger von Seeburg brutal ermordet, nur dessen Kinder Runja und Waldemar können nach Magdeburg fliehen und wollen bei ihrem Oheim Unterschlupf finden. Doch sie werden abgewiesen und schließen sich daraufhin in ihrer Not dem fahrender Ritter und Gaukler Jeremias an – und landen im Kerker.

Domdekan Laurenz von Magdeburg befreit die beiden und nimmt die Jugendlichen unter seine Fittiche. Während Waldemar die Domschule besuchen soll, wird Runja nicht nur von dem Domscholaster Pirmin in Latein und Griechisch unterrichtet, sondern außerdem von dem geheimnisvollen Mönch Dagomar in die Kunst des Tötens eingewiesen – vorgeblich, damit sie Rache an den Mördern ihrer Familie nehmen kann. Welch böses Spiel der machthungrige Laurenz wirklich treibt, erkennt Runja viel zu spät…

In seinem historischen Roman „Die rote Löwin“ entführt Thomas Ziebula den Leser in das frühe 13. Jahrhundert nach Magdeburg und erzählt zum einen die Geschichte einer jungen Frau, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, den brutalen Mord an ihrer Familie zu rächen und dabei mit nicht minder heftiger Brutalität vorgeht; und zum anderen die Geschichte eines Domdekans, der ausschließlich an sein persönliches Wohl denkt und für sein großes Ziel, Bischof zu werden, über Leichen geht.

Thomas Ziebula hat einen angenehm flott zu lesenden Schreibstil. Schon auf den ersten Seite zeigt sich, wie hervorragend der Autor in der Lage ist, dem Leser die vorherrschende Stimmung zu vermitteln – der Angriff der Wenden auf Runjas Familie wird in seinen barbarischen Einzelheiten geschildert und katapultiert den Leser hinein in eine grausame Welt aus Wut und Rache, Machtgier, Intrigen und Mord.

Die Akteure bilden eine bunte Mischung und werden lebendig und bildhaft dargestellt. Besonders Runja hat mich mit ihrem unbedingten Willen, ihren Bruder zu schützen, beeindruckt. Thomas Ziebula lässt Runja durch einen wahren Strudel an Emotionen rauschen. Wut, Angst, Hass, Liebe, Verzweiflung – es gelingt dem Autor ausgezeichnet, das Gefühlschaos, das die 18-Jahrige im Verlauf der Handlung durchlebt, zu veranschaulichen. Sie ist aufgebracht, handelt ungestüm und impulsiv. Man kann gut nachvollziehen, was sie antreibt.

Ich kannte von Thomas Ziebula bisher nur „Die Hure und der Spielmann“ – ein Roman, der mich mit seinen detailreichen Beschreibungen, ausführlichen Schilderungen und raffinierten Verwicklungen besonders begeistert hat. Auch „Die rote Löwin“ hat mich in ihren Bann gezogen, obwohl diese Geschichte ganz anders ist. Rasanter, actionreicher. Blutig und brutal. Ein im Mittelalter angesiedelter Thriller.
LizzyCurse zu »Thomas Ziebula: Die rote Löwin«26.01.2017
Runja und ihr Bruder sind nach dem grausamen Mord an ihren Eltern auf sich allein gestellt und schlagen sich nach Magdeburg durch. Dort angekommen geraten sie zwischen die Finger des machthungrigen Domdekans Laurenz, der seine ganz eigenen Pläne mit den beiden jungen Geschwistern hat. Beide geraten in einen Strudel aus Gewalt und Intrigen, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint.

Ich entdeckte das Buch in der Vorschau des letzten Jahres und der Klappentext fiel mir sofort ins Auge. Er hörte sich nicht so an, und (was mir wichtig ist) so als würde es in diesem Buch nicht allzu viele (unnötige) Schnäbeleien und Liebesgeflüster geben. Außerdem kenne und schätze ich Thomas Ziebulas Bücher, seine fantastischen muss ich zugeben ein wenig mehr als seine historischen. Die rote Löwin war überraschend schlank im Vergleich zu Ziebulas vorherigen historischen Romanen. Eigentlich - eigentlich! - bevorzuge ich die dicken Wälzer, aber ich wurde eines besseren belehrt. Zum Glück!

Doch beginnen wir dort, wo auch die Geschichte beginnt. Im Mittelalter - ich liebe gut recherchierte historische Romane und bei diesem Buch spürt man schon auf den ersten Seiten, dass der Autor viel Mühe in die historische Genauigkeit gelegt hat. Er war ziemlich gründlich bei der Recherche, betrieb jedoch zu keiner Zeit Infodumping. Bei manch anderen Autoren hat man manchmal das Gefühl, sie wollen möglichst viel an Wissen in die Geschichte pressen. Thomas ist stets dem Plot gefolgt und an der Seite seiner Charaktere gewandelt. Nicht jeder Autor schafft es, das Gleichgewicht zwischen der Geschichte, die erzählt werden soll, und historischen Fakten zu wahren. Thomas ist das in diesem Buch famos gelungen. Immer wieder webt er die Fakten geschickt in die unterschiedlichen Erzählperspektiven, die „Die rote Löwin“ vorantreiben, mit ein.

Hauptsächlich verfolgen wir Runjas und Laurenz’ Erzählperspektive, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Runja ist voller Zorn und Rachegedanken, da ihre Familie ermordet wurde und sie nun nach Gerechtigkeit sinnt. Die Gefühle, die sie hegt, sind nachvollziehbar und verständlich. Ich mochte auch ihren Bruder sehr gern, der auch eine große Rolle einnimmt. Laurenz giert nach Macht und ist bereit dazu, über die ein oder andere Leiche zu steigen. Was habe ich über diesen Lustmolch geflucht und seine Intrigen und Spiele verdammt. Mit ihm hat der geneigte Leser seine Freude, glaubt mir.
Die beiden Perspektiven treffen sich recht rasch, und wo ich vorher die beiden Handlungen mit Interesse verfolgt habe, steigert sich die Spannung nun ungemein, da sich die Handlungen verflechten und neue Bindungen entstehen.
Der Plot an sich wies keine Längen auf, er ließ mich eher zum Schluss kaum noch zu Atem kommen.
Ziebula hat einen außergewöhnlichen Stil, das muss man eingestehen. Ich brauchte ein paar Seiten um mich an seine Sprache zu gewöhnen, aber das ging bei mir schnell und dann bereitete mir die Sprache unglaublich viel Freude. Das Buch ist nichts für zarte Wesen, um gleich eine Warnung anzuschließen. Es fließt viel Blut, es gibt Tote zu betrauern - das Buch birgt so manches Thriller-Element in sich (gerade jene konnten mich begeistern).

Auf den Umschlagseiten findet sich eine liebevoll gestaltete Karte. Auch eine Zeittafel zur besseren zeitlichen Einordnung und ein Dramatis Personae hat noch Platz im Buch gefunden (über so etwas freue ich mich ja persönlich immer besonders).

Was gibt es noch groß zu sagen? Das Buch konnte mich überraschen, trotz seiner Kürze begeistern und mich (die ich vielleicht die ein oder andere Schwierigkeit mit Ziebulas’ früheren historischen Werken hatte) doch noch zu einem Fan heranwachsen lassen.

Dieser tolle historische Roman hat seine fünf Sterne verdient.
PMelittaM zu »Thomas Ziebula: Die rote Löwin«21.01.2017
1205: Als die heimatliche Burg von Wenden überfallen wird, verlieren Rubina, Runja genannt, und ihr Bruder Waldemar nicht nur ihre Heimat, sondern auch ihre ganze Familie. Sie reisen nach Magdeburg, in der Hoffnung, dort bei Verwandten aufgenommen zu werden. Doch der Onkel jagt sie davon und sie müssen sich selbst durchschlagen. Schließlich landen sie beim Domdekan Laurenz, der hofft, sie für seine – unlauteren – Zwecke nutzen zu können. Runja ist seit dem Verlust ihrer Familie nur auf eines aus: Rache. Durch Laurenz scheinen sich nun Möglichkeiten dafür zu ergeben.

Der erste Blick ins Buch erfreut mein Herz: Eine farbige Karte (die ich allerdings während des Lesens kaum bemühen musste), ein Personenverzeichnis, in dem die, relativ wenigen, historischen Persönlichkeiten gekennzeichnet sind, und das man getrost vor der Lektüre durchlesen kann, denn es spoilert nicht, und eine Zeittafel, die von 805 bis 1207 für die Geschichte wesentliche Daten auflistet. Im Anhang findet sich neben einem Nachwort des Autors ein Glossar – insgesamt eine perfekte Ausstattung für einen historischen Roman.

Der Start ins Buch erweist sich als atemlos – nicht nur für Runja und Waldemar, sondern auch für den Leser. Die Geschwister werden erst von Wölfen, dann von Wenden gejagt, erzählt wird das in einer Art, die den Leser ebenfalls rasant durch das Geschehen führt und sich sogar in Worten ausdrückt „Als würde der Wald den Atem anhalten“ (S.13) – der also auch! Hier hatte ich das erste Mal das Gefühl von unrealistisch, Wölfe, die, zumal am Tag und im Frühjahr, Menschen jagen? Auch später hat mich dieses Gefühl öfter überfallen, sowohl bei Runjas Entwicklung und ihren Handlungen, als auch bei Laurenz Taten, und zwar zunehmend. Wobei es sein mag, dass ein Gottesmann solche Macht hat und tun und lassen kann, was er will, aber hier fragt man sich dann doch, warum niemand Fragen stellte, warum sich alle manipulieren ließen bzw. die Manipulationen nicht merkten, und warum es nicht wenigstens Gerüchte gab. Die Badehausszene dagegen, die der Autor meint, seinen Lesern erklären zu müssen, habe ich nicht in Frage gestellt, wer sich nur ein bisschen für das Mittelalter interessiert, hat entsprechende zeitgenössische Zeichnungen schon öfter gesehen.

Mir gefällt die Erzählweise, in der abwechselnd Runjas und Laurenz' Geschichte erzählt wird. Runjas Erzählstrang behält dabei in meinen Augen die Atemlosigkeit bei, während bei Laurenz alles etwas behäbiger wirkt. Insgesamt gefällt mir Thomas Ziebulas Erzählweise, sie ist sehr anschaulich, das Kopfkino springt an.

Mit Runja bin ich von Anfang an nicht warm geworden, ich fand einfach keinen Bezug zu ihr, sie hat mein Herz nicht berührt. Schön wäre es, so glaube ich, gewesen, sie erst einmal in ihrem normalen, glücklichen Leben kennen gelernt zu haben. Ihre Verantwortungsgefühle ihrem jüngeren Bruder gegenüber und ihre Rachegelüste kann ich durchaus nachvollziehen, nicht aber, die Art, wie sie sie auslebt, offenbar ist sie nicht in der Lage nachzudenken, sie lässt sich wie eine Marionette führen, stellt nichts in Frage und handelt bevor sie denkt. Hin und wieder wäre es auch sinnvoll gewesen, sich auszusprechen, Möglichkeiten hätte es gegeben. Irgendwann habe ich mich auch gefragt, warum sie nicht einfach Laurenz tötet, das wäre die Lösung vieler Probleme gewesen ...

Laurenz, der Antagonist, erschien mir lange der interessantere Charakter, auch wenn er als machthungriger, intriganter, über Leichen gehender und pädophiler Geistlicher schon fast zu sehr Klischees bedient. Leider driftet auch sein Handeln immer mehr ab, auch bei ihm scheint das Denken immer weniger zu werden.

Interessant finde ich die Einführung eines geheimen Ordens, Dagomar von Bamberg, ein Mitglied dieses Ordens, ist ebenfalls ein recht interessanter Charakter, über dessen Hintergründe ich gerne mehr gelesen hätte.

Runjas Liebesgeschichte mit Pirmin von Paris (wie immer verrät der Klappentext viel zu viel!) konnte ich nicht so ganz nachvollziehen. Gut, ein junges Mädchen verliert ihr Herz an einen schönen Mann, gut, Runja ähnelt sehr seiner verstorbenen Frau – aber reicht das? Hier wird, wie eigentlich im ganzen Buch (z. B. Laurenz' Verwicklungen mit den Wenden), die Geschichte zu verkürzt erzählt – ist halt so, Punkt. Das Ende des Romans wird dadurch noch unglaubwürdiger, mir erscheint es sowieso unpassend.

Zarte Gemüter sollten einen Bogen um den Roman machen, es gibt eine ganze Reihe sehr blutiger und explizit erzählter Szenen.

Der geschichtliche Hintergrund ist interessant, der Thronstreit zwischen Philipp von Schwaben und Otto IV, die Probleme mit den slawischen Völkern, sehr gut gefällt mir auch das Hintergrundwissen, das man erhält, z. B. über das Domkapitel. Gut gelungen auch die Verknüpfung des Geschehens mit dem Brand Magdeburgs Zunächst nimmt dieser historische Hintergrund einigen Raum ein, verliert er sich dann aber leider mehr und mehr, „Action“ tritt mehr und mehr in den Vordergrund.

Leider hat mich der Roman enttäuscht. Es war mein erster historischer des Autors, bisher kannte (und liebte) ich nur seine Geschichten aus dem Fantasybereich, die er unter den Namen Jo Zybell und Tom Jacuba veröffentlicht hat. Thomas Ziebula und seinen historischen Romanen werde ich daher auf jeden Fall noch eine zweite Chance geben.

Ich vergebe knappe drei Sterne, vor allem wegen der umfangreichen Ausstattung und des interessanten historischen Hintergrundes, der mich dazu brachte, mich weiter mit dem historischen Geschehen zu befassen. Die Geschichte an sich konnte mich leider nicht überzeugen.
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