Grimms Morde von Tanja Kinkel

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2017unter dem Titel „Grimms Morde“,, 480 Seiten.ISBN nicht vorhanden.

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Kurzgefasst:

Kassel, 1821: Die ehemalige Mätresse des Landesfürsten wird nach Märchenart bestialisch ermordet. Die einzigen Indizien weisen ausgerechnet auf die Gebrüder Grimm. Weil die Polizei nicht in Adelskreisen ermitteln kann, die sich lieber Bericht erstatten lassen, anstatt Fragen zu beantworten, kommen den Grimms Jenny und Annette von Droste-Hülshoff zur Hilfe. Ein Zitat aus einer der Geschichten, welche die Schwestern zur Märchensammlung der Grimms beigetragen hatten, war bei der Leiche gefunden worden. Bei ihrer Suche müssen sich die vier aber auch ihrer Vergangenheit stellen: Vorurteilen, Zuneigung, Liebe und Hass, und diese Aufgabe ist nicht weniger schwierig. In einer Zeit, wo am Theater in Kassel ein Beifallsverbot erteilt wird, damit Stücke nicht politisch missbraucht werden können, Zensur und Überwachung in deutschen Fürstentümern wieder Einzug halten und von Frauen nur Unterordnung erwartet wird, sind Herz und Verstand gefragt. 

Das meint Histo-Couch.de: „Märchenhafte Anleitung zum Mord“95Treffer

Rezension von Rita Dell'Agnese

Eigentlich will Jacob Grimm nur Volksgut bewahren. Doch dann rücken die beiden Märchenbücher der Gebrüder Grimm im Frühjahr 1821 unvermittelt in den Fokus einer Mordermittlung. Die Leiche einer Mätresse des alten Kurfürsten weist just die Verletzungen und Entstellungen  auf, die in dem Märchen „Die drei schwarzen Prinzessinnen“ auf. Die Polizei forscht nach dem Urheber des Märchens. Doch just diese Geschichte haben Jacob und Wilhelm Grimm nicht etwa aus dem gewöhnlichen Volk erhalten, sondern von den beiden Fräuleins von Droste zu Hülshoff, also zwei Adligen aus dem fernen Münster. Um sich nicht als Betrüger entlarven zu müssen und seine ohnehin fragile Stellung als Bibliothekar des neuen Kurfürsten zu verlieren, schweigt sich Jacob über die Herkunft des Märchens aus. Doch Schwester Lotte will ihre beiden Brüder aus dem Mittelpunkt der Mordermittlungen herausholen und bittet die beiden Verfasserinnen des Märchens um Hilfe. Die Sache ist auch Annette und Jenny von Droste zu Hülshoff unangenehm. Denn sie haben „Die drei schwarzen Prinzessinnen“ als altdeutsches Märchen bezeichnet, doch in Wahrheit stammt es aus der Feder von Annette. Dank ihres Onkels gelingt es den beiden Fräuleins, nach Kassel zu reisen, um den Gebrüdern Grimm beizustehen und die Sache aufzudecken. Doch noch bevor die beiden jungen Frauen sich erklären können, geschieht ein weiterer Mord. Dieses Mal stirbt ein junger Schriftsteller, der sich von Jacob Grimm ungerecht behandelt fühlte und ihn deshalb bei der Polizei denunzierte. Ermordet wurde er nach dem Märchen „Schneewittchen“.  Nun ist Jacobs Ehrgeiz geweckt. Er will die Morde aufklären.

Demaskierung zweier Persönlichkeiten

Tanja Kinkel vereint in ihrem Roman mehrere Aspekte. Doch in einem Bereich treffen sich die unterschiedlichsten Richtungen klar: Die Autorin demaskiert. Zum einen zeigt sie sowohl Jacob Grimm als auch Annette von Droste zu Hülshoff von einer Seite, die sie nicht zu Sympathieträgern macht und wohl die eher negativen Charaktereigenschaften der beiden historischen Persönlichkeiten zum Ausdruck bringt. Zum anderen entlarvt sie auch die Sammlung der deutschen Kinder- und Hausmärchen als zumindest teilweisen Schwindel. Und doch wird der Leser weder gegenüber den beiden Persönlichkeiten noch dem heute noch bekannten Werk der Gebrüder Grimm eine eigentliche Antipathie entwickeln. Denn Tanja Kinkel zeigt mit ihrem Roman zwar zwei schwierige Menschen, die stark auf sich selber fokussiert sind, doch macht sie die beiden damit nicht zu „Bösewichten“. Es ist eher ein Zurechtrücken des gängigen Bildes, das sich die breite Öffentlichkeit von Grimm und Droste zu Hülshoff macht.

Viele überraschende Details

Neben dem eigentlichen Krimi-Plot bietet die Autorin den Lesern eine Fülle von unerwarteten Details. Besonders jenen, die sich bisher weder intensiv mit Grimm noch mit Annette von Droste zu Hülshoff beschäftigt haben, werden etliche Überraschungen geboten. Unter anderem etwa die Erkenntnis, dass Jacob Grimm nicht etwa nur den um ein Jahr jüngeren Bruder Wilhelm hatte, sondern weitere sechs lebende Geschwister, für die er größtenteils aufkommen musste. Das eher schwierige Geschwisterverhältnis die fünf anderen Brüder wie auch Lotte  fühlten sich gegenüber Wilhelm zurückgesetzt wird auf eine höchst eindrückliche Art beschrieben. So etwa konstatiert Lotte in einer Szene, dass für Jacob nur die Befindlichkeit Wilhelms zähle, die übrigen Geschwister würden für ihn kaum existieren. Nicht ganz so überraschend ist hingegen die Skizzierung der energischen und von Selbstzweifeln zerfressenen Annette von Droste zu Hülshoff. Über sie sind einige Überlieferungen vorhanden, die den schwierigen Charakter der bedeutenden deutschen Dichterin erahnen lassen. Allerdings zeigt die Autorin auch eine Ich-bezogene und in mancherlei Bereichen höchst berechnende Person, die sich nur mäßig für andere erwärmen kann. Ein Skandal in Bökendorf, der von Tanja Kinkel immer wieder ins Feld geführt wird, setzt dem adligen Fräulein so zu, dass sie sich von der Gesellschaft mehr oder weniger vollständig abzuwenden versucht.

Schönes Portrait einer bewegten Zeit

Quasi neben dem eigentlichen Erzählstrang präsentiert Tanja Kinkel ihren Leserinnen und Lesern ein umfassendes Portrait der Zeit um 1820. Dabei zeichnet sie unter anderem den aufwändigen Lebensstil der Kurfürsten mit ihren Mätressen nach, zum anderen gewährt sie einen tiefen Einblick in die politischen Ereignisse, die mit dem Wirken von Jérôme Bonaparte, König von Westphalen, und dessen Absetzung verbunden waren. Ebenso erfahren die Leser, wie es um die Literaturszene jener Zeit bestellt war.

Es ist ein überaus komplexes Werk, das Tanja Kinkel hier vorlegt. Aber eines, in das man sich nicht zuletzt aufgrund der feinen Sprache gerne vertiefen mag und das so viele Facetten bietet, dass selbst nach Aufklärung der Mordfälle das Interesse an der beschriebenen Zeit bestehen bleibt und den einen oder anderen dazu animieren wird, sich nochmals vertieft mit dem einen oder anderen Aspekt zu befassen.  Grimms Morde ist keine leichte Unterhaltungslektüre, aber ein unterhaltender Roman mit viel Tiefgang. Die Autorin hat hier ein eindrückliches Zeugnis ihres großen Potenzials geliefert.

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