Dein Name sei Menschenfischer von Stefan Blankertz

Buchvorstellungund Rezension

Dein Name sei Menschenfischer von Stefan Blankertz

Originalausgabe erschienen 2012unter dem Titel „Dein Name sei Menschenfischer“,, 334 Seiten.ISBN 3937897496.

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Kurzgefasst:

Antiochia am Orontes, eine der größten, reichsten und schillerndsten Städte der Antike, 49 n. Chr. Der Apostel Paulus befindet sich im Aufbruch zu seiner zweiten Missionsreise. Da erreicht ihn die Nachricht über einen Fall von „Blutschande“ unter den Christen von Paphos auf Zypern. Paulus schreibt einen Brief an die Gemeinde und fordert die Bestrafung der Missetäter. Der Apostel Barnabas ist anderer Auffassung als Paulus. Die beiden Freunde zerstreiten sich und gehen fortan getrennter Wege. Barnabas begibt sich nach Zypern und unterstützt dort die Wahl der von Paulus zu Unrecht verurteilten Sergia Minor Lucia zur Bischöfin der Gemeinde.

Das meint Histo-Couch.de: „Keiner ist unfehlbar, nicht einmal Paulus!“84

Rezension von Annette Gloser

Die Geschichte beginnt im Jahr 33 nach Chr. mit der Steinigung des Stephanus und schildert den Weg Josefs, der mit dem Beinamen Barnabas in die Geschichte der frühen Christen eingehen wird.

Josef Barnabas ist in tiefer Zuneigung und Liebe mit Stephanus verbunden. Den Verlust des Freundes wird er sein Leben lang betrauern. Als im Jahr 37 n.Chr. Saul verlangt, in den Kreis der Christusanhänger und Menschenfischer aufgenommen zu werden, ist Barnabas zutiefst betroffen. Denn Saul hatte sich aktiv an der Steinigung des Stephanus beteiligt, hatte die konservativen Ideen des Hohen Rates radikal vertreten. Als er nun von einer Vision auf dem Weg nach Damaskus berichtet, die ihn zum Umdenken zwang und zum bedingungslosen Anhänger der Lehren des Jeschua aus Nazareth machte, schlägt ihm das Misstrauen der Gemeinde entgegen. Bald aber glaubt Barnabas, in Saul einen Ersatz für den ermordeten Stephanus gefunden zu haben und er lässt sich in den Bann der neuen Ideen ziehen, die dieser Mann in die Gemeinde einbringt: Nicht mehr nur gläubige und beschnittene Juden sollen die neue Form des Glaubens annehmen dürfen. Vielmehr soll der Glaube an Jesus allen Menschen offen stehen. Um dies zu ermöglichen müsse man sich von der Einhaltung der rituellen Gebote und Verbote des Judentums abwenden, die Beschneidung abschaffen und auch die Speisegebote ignorieren.

Solche Gedanken sorgen für Aufruhr in den noch jungen, aber ständig wachsenden Gemeinden, sowohl in Judäa als auch in der Diaspora. Gemeinsam machen sich Barnabas und Saul auf, um Menschen zu „fischen“, die Gemeinden zu besuchen und neue Gläubige zu taufen. Zuerst führt ihr Weg sie nach Antiochia, denn Barnabas wurde ausgewählt, das Amt des Bischofs von Antiochia auszuüben. Dort aber wird Saul von einer Frau wieder erkannt, die ihn der Blutschande mit der eigenen Halbschwester bezichtigt. Erschüttert hört Barnabas das Geständnis des Freundes, kann ihn jedoch nicht verurteilen.

Jahre später führt der gemeinsame Weg Saul und Barnabas nach Zypern. Saul tauft dort den römischen Prokonsul Quintus Sergius Paulus. Fortan lässt er selbst sich ebenfalls mit dem Namen Paulus benennen. Barnabas jedoch wird mit seiner eigenen, wenig rühmlichen Vergangenheit konfrontiert, und mit Sergia Minor Lucia, der Tochter des Prokonsuls.

Gegensätze ziehen sich an

Dieser Roman ermöglicht dem Leser tiefe Einblicke in das frühe Christentum, in jene Auseinandersetzungen, die erst ermöglichten, daß das Christentum zu einer Weltreligion wurde. Dabei werden weder Barnabas noch Saul/ Paulus als abgehobene Lichtgestalten geschildert. Paulus mit seinem Fanatismus trägt nicht unbedingt sympathische Züge.

„Denkt bloß immer daran, welche Mißgeburt die Frau ist“, antwortete Bürger Paulus ohne Zögern."Wenn das begehren über euch kommt, denkt immer daran, daß das Fleisch bloß dazu da ist, euch von Gott abzulenken. Wenn eine Frau euch gegenübertritt und ihr sie begehrt, denkt immer fest daran, daß die kurze Freude, die sie euch höchstens verspricht, nichts ist gegen das Feuer, das euer Fleisch im Reich der Toten verbrennen wird.

Barnabas dagegen wird als von Schuldgefühlen geplagter Mann gezeigt. Seinen homoerotischen Neigungen versucht er zu widerstehen, aber seine von der Mutter aufdiktierte Hochzeit kann er nicht ungeschehen machen. Er weiß, daß seine Ehefrau Ruth unter seiner Lieblosigkeit litt und daß er ihr gegenüber in tiefster Schuld steht. Angesichts dieses eigenen Versagens fällt es ihm schwer, andere für ihre Verfehlungen zu verurteilen. Stefan Blankertz zeigt Barnabas als einen Mann, der sich von seinem Herzen leiten lässt, der voller Emotionen ist und in der Lage, auch die schönen Seiten des Lebens zu genießen. Saul/ Paulus dagegen hat an allem was zu meckern, pflegt seine Askese und zögert nicht mit seinem Urteil über andere Menschen, ungeachtet der eigenen Verfehlungen. So gesehen sind Barnabas und Paulus zwei sehr gegensätzliche Gestalten, die doch fest miteinander verbunden sind und nicht voneinander lassen können.

Der Autor greift in Dein Name sei Menschenfischer Konflikte auf, die das Leben und Denken der ersten Christen bestimmten. Dazu gehört die Auseinandersetzung unter den gesetzestreuen Juden darüber, ob und wie man sich für andere Völker öffnen will. In diesen Auseinandersetzungen zeigt sich Paulus als wortgewaltiger und überzeugender Redner, ein typischer Ultra, dem es oft gelingt, andere von seinen Ideen zu überzeugen.

Anspruchsvoll und intensiv

Mit diesem Roman hat der Autor seine Leser vor eine Herausforderung gestellt. Zum einen ist der Sprachduktus sehr grüblerisch und ein wenig behäbig. Dazu kommt, daß der gesamte Roman als direkte Anrede konzipiert ist. Es dauert ein Weilchen, bis man als Leser mitbekommt, wer da eigentlich angesprochen wird. Wer erzählt, wird erst in den letzten Kapiteln klar. Zum Anderen sind zwar alle Kapitel mit einer Zeitangabe versehen, jedoch ist der Leser gezwungen, sehr genau auf diese Jahreszahlen zu achten, denn vor allem am Anfang verläuft die Handlung nicht chronologisch. Sprachlich trägt Stefan Blankertz der Tatsache Rechnung, daß Judäa so wie der gesamte Mittelmeerraum zur Zeit des Barnabas ein Völker- und somit auch Sprachgemisch darstellte. In Judäa sprach man schon lange nicht mehr Hebräisch sondern Aramäisch, Griechisch oder Latein. Und so benennt der Erzähler die Protagonisten mal mit der griechischen, mal mit der aramäischen oder lateinischen Form ihres Namens, ebenso einige Städte. Das ist anstrengend beim Lesen, lässt immer wieder stutzen und verlangt viel Konzentration. Gleichzeitig gelingt mit dieser komplizierten Sprachstruktur jedoch auch eine emotionale Intensität, die den Leser in ihren Bann schlagen kann.

Ein Buch für ganz bestimmte Stunden

Dein Name sei Menschenfischer ist vermutlich nur für wenige Menschen entspannende Badewannenlektüre. Das Buch verlangt dem Leser viel Kopfarbeit ab und ist vermutlich auch nicht das Richtige für den morgendlichen S-Bahn-Nahkampf. Man sollte sich Zeit nehmen dafür, Ruhe und auch ein wenig Gelassenheit (z.B. wenn man mal wieder über ein Wunder stolpert). Eine umfangreiche Liste der Personen mit all ihren Namensvariationen hilft über größere Probleme hinweg. Dafür Dank an Autor und Verlag, ebenso für das ausführliche Glossar und die beigefügte Karte. Ein Stammbaum der Sergia Minor Luzia und eine Liste griechischer und römischer Gottheiten ergänzen den Anhang.

Ein Buch für jene Stunden, die man nicht immer reichlich hat, die man sich jedoch gelegentlich nehmen sollte. All die Denkanstöße und philosophischen Sentenzen wollen verarbeitet sein.

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