Der Mann, der niemals schlief von Simon X. Rost

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2012unter dem Titel „Der Mann, der niemals schlief“,, 480 Seiten.ISBN nicht vorhanden.

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Kurzgefasst:

1865. Jahre ist es her, dass Tom zusammen mit seinem Freund Huck St. Petersburg unsicher machte. Jahre, dass er die Stadt verließ, um als Detektiv zu arbeiten. Jahre, in denen er sich einen Namen gemacht hat, das Attentat auf Präsident Lincoln aber nicht verhindern konnte. Seither hat Tom kein Auge mehr zubekommen. Um an der Hochzeit seines Halbbruders Sid teilzunehmen, kehrt er in seine Heimatstadt zurück. Dort aber erwartet ihn keine Hochzeitsfeier, sondern Tante Pollys Beerdigung. Sie wurde heimtückisch erschlagen. Eigentlich hat sich Tom geschworen, nie wieder als Detektiv zu arbeiten. Doch unter Verdacht steht ausgerechnet sein bester Freund Huckleberry Finn …

Das meint HIsto-Couch.de: „Die Wahrheit würdest du nicht vertragen!“90Treffer

Rezension von Annette Gloser

Zehn Jahre ist es her, seit Tom Sawyer St. Petersburg verlassen hat. Nun kehrt er zurück und die kleine Stadt am Mississippi hat sich nicht verändert. Nur die Welt rund herum ist eine andere geworden. Es gab einen Bürgerkrieg und die Sklaverei ist abgeschafft, eine Eisenbahn donnert am Ufer des Big Muddy entlang. Und Tom hat sich verändert. Ein paar Jahre hat er für die Detektei Pinkerton gearbeitet, danach war er für den Schutz von Abraham Lincoln zuständig. Aber Tom konnte das Attentat auf Lincoln nicht verhindern. Das raubt ihm den Schlaf. Seit Wochen kriegt er kein Auge zu.

Völlig übermüdet kommt er in St. Petersburg an, folgt der Einladung seines Bruders Sidney. Denn Sid will heiraten. Allerdings wäre Tom wohl gar nicht nach Hause gefahren wenn er gewusst hätte, wer die Braut ist: Becky Thatcher, seine Jugendliebe! Und mindestens genauso erschüttert Tom die Mitteilung, dass seine Tante Polly ermordet wurde. Huckleberry Finn soll Tante Polly erschlagen haben, davon sind in St. Petersburg alle überzeugt. Schließlich hat Sid Huck dabei erwischt, wie dieser sich in der Küche über die tote Polly beugte. Und Huck Finn ist sowieso ein Taugenichts, das ist klar.

Aber Tom glaubt nicht an die Schuld seines besten Kumpels. Er beginnt, Fragen zu stellen und kollidiert sehr schnell mit einem anderen Kumpel aus früheren Zeiten, Joe Harper, der mittlerweile Sheriff ist und gerne wiedergewählt werden möchte. Und auch als es Tom gelingt, Huck zu stellen, ist dieser wenig hilfreich. „Die Wahrheit würdest du nicht vertragen!“, raunt er Tom zu, bevor er sich mit Toms Revolver eine Kugel in den Bauch schießt. Huck überlebt schwer verletzt und Tom gibt seine Suche nicht auf.

In Tante Pollys Haus findet er eine alte Dose mit Zeitungsartikeln über verschwundene Frauen. Eine junge Küchenhilfe ist nicht mehr auffindbar. Und allmählich dämmert ihm, was keiner in dem verschlafenen Spießernest am Mississippi bisher bemerkt hat: Hier treibt ein Serienkiller sein Unwesen und wahrscheinlich wurde Polly ein Opfer dieses Dämons. Denn ein Dämon muß es sein, das versichern Tom zumindest die Potowatomi-Indianer. Sie wissen, dass er sein Unwesen in den Wäldern treibt. Sie sahen die Spuren seiner Taten. Tote Hunde, aufgeschlitzt und liegen gelassen, eine Frau, deren Geist völlig verwirrt ist und die von den Indianern zu ihrer Familie zurück gebracht wurde. Aber sie sahen nie einen Menschen. Es muß ein Dämon sein, ein Wolf in Menschengestalt. Tom jedoch ist ein Hund, ein Jagdhund, der sich nun aufmacht, den Mörder zu fangen.

Keine Lausbubenidylle

Man kennt sie alle: Tom Sawyer, Huck Finn, Becky Thatcher und Joe Harper, den alten Jim und Lehrer Dobbins. Man kennt St. Petersburg und den großen Fluß. Und wenn da zunächst eine gehörige Portion Misstrauen ist, ob denn eine derartige „Fortsetzung“ dem Original das Mississippi-Wasser reichen kann, so ist das wohl verständlich. Allerdings sind derartige Befürchtungen unbegründet. Ganz sicher erreicht dieses Buch nicht die literarische Einmaligkeit der Vorlage von Mark Twain, aber es ist ein spannender, komplexer Krimi, der ein durchaus freudvolles Wiedersehen mit den geliebten Helden aus der Kindheit beschert.

Simon X. Rost gelingt es, das fiktive St. Petersburg ein zweites Mal heraufzubeschwören. Diesmal jedoch ist es keine Stadt, die man mit Kinderaugen sieht. Kneipe, Eisenbahn und Puff spielten in der Kindheitswelt des Tom Sawyer keine Rolle. Aber mittlerweile schreibt man das Jahr 1865, Tom ist erwachsen und sein Weg führt ihn an all diese Orte. Der Leser erfährt in diesem Buch auch, wie es eigentlich dazu kam, dass Tom und Sid bei ihrer Tante Polly aufwuchsen – darüber verliert Mark Twain nicht viele Worte. Und da Tom mittlerweile erwachsen ist, hat sich auch sein Verhältnis zu Tante Polly verändert. Er sieht nicht mehr die Nervensäge aus der Kindheit, die strenge Tante mit den Ohrfeigen. Rost zeichnet ein sehr liebevolles Beziehungsgeflecht zwischen Polly und Tom, zeigt einen Tom, der so manches Mal zerknirscht an seine Sünden zurück denkt. Und stellt einen eifersüchtigen Sid daneben, der immer glaubte, dass Polly ihn viel weniger liebte als den Rüpel Tom.

Der Leser kann diese Emotionen gut nachvollziehen und es wird schnell klar, dass Tom mit seinen detektivischen Erfahrungen den Mord an Polly einfach aufklären muß. Dabei bewahrt der Autor dem erwachsenen Tom auch viele der Wesenszüge, die ihn als Kind schon so liebenswert machten – obwohl das Leben mit ihm nicht gerade sachte umgegangen ist. Und so zeigt das Buch auch einen grüblerischen Mann mit schwersten Schlafstörungen, gelegentlich an der Grenze zum Wahnsinn. Das Motto der Pinkerton-Detektei „We never sleep“ fällt scheinbar als Fluch auf ihn zurück, nachdem er das Attentat auf Lincoln nicht verhindern konnte.

Der Zorn gegen den Wolf

Der weit gereiste Tom Sawyer bringt mit seinen Ideen und Moralauffassungen auch Unruhe in das Städtchen. Während man dort auch nach dem Bürgerkrieg weiter brav seine Verachtung für die Schwarzen pflegt ist Tom ganz auf der Seite des von ihm tief verehrten Lincoln und ergreift Partei für die Schwarzen. Auch seine Zweifel an der Schuld Huck Finns bringen die Bürger gegen ihn auf.

So strickt Rost in Der Mann, der niemals schlief nicht nur einen spannenden Kriminalfall um seinen Helden herum, sondern auch das gelegentlich beklemmende Genrebild einer Südstaaten-Kleinstadt kurz nach dem Bürgerkrieg. Das Konfliktpotential liegt praktisch auf der Straße und der Autor lässt Tom immer wieder im hohen Bogen in Fettnäpfchen springen. Ausgesprochen witzige Szenen wechseln mit spannungsgeladenen Momenten. Lange tappt Tom im Dunkeln bei seiner Suche nach dem Serienmörder, erst nach und nach findet er einzelne Fäden, die ihn schließlich auf die richtige Spur bringen. Und auch dem Leser gegenüber ist der Autor nicht gnädig, gibt ihm keine Hinweise. Jeder weiß nur genau so viel wie Tom selbst. Dessen Zorn gegen diesen Wolf in Menschengestalt treibt ihn jedoch durch die Geschichte und nimmt auch den Leser mit.

Allerdings läßt es Rost nicht bei dem Kriminalfall bewenden. Immer wieder baut er neue Konflikte ein, sei es die Politik, sei es die Liebe, seien es Rassenprobleme. Dabei werden die einzelnen Handlungsstränge immer wieder konsequent zum roten Faden des Romans zurück geführt, zur Suche nach dem Serienmörder. So geht man gerne mal einen Nebenweg mit, denn man weiß, dass man immer wieder auf der Hauptstraße landen wird.

Bitte mehr davon

Dieses Buch macht Spaß, es ist spannend und es garantiert einige Stunden ungetrübter Lesefreude. Der Lübbe Verlag hat die Hardcover Ausgabe liebevoll gestaltet. Nicht nur, dass auf dem Titel einer von diesen wunderbaren Mississippi-Dampfern prangt und das Buch so mit einer tatsächlich inhaltsbezogenen Gestaltung punktet. Auch ein sehr lesenswertes Nachwort findet sich, allerdings bitte wirklich erst NACH dem Roman lesen, dort wird gespoilert. Rost gibt hier auch einige Erklärungen zu den naturwissenschaftlichen Problemen, die im Roman angesprochen werden.

Alles in allem ein sehr empfehlenswertes Buch, nicht nur für eingefleischte Tom- und Huck-Freunde, aber wohl vor allem für sie. Und letztendlich ist man als wahrer Fan ja auch froh, es schon immer gewusst zu haben. Nämlich gewusst zu haben, dass aus diesem unmöglichen Bengel mal ein ganzer Kerl wird. Über den würde man gerne öfter mal was lesen.

Ihre Meinung zu »Simon X. Rost: Der Mann, der niemals schlief«

kevin26 zu »Simon X. Rost: Der Mann, der niemals schlief«11.01.2014
Mir hat das Buch an sich ganz gut gefallen, nur ab der Halbzeit war es etwas übertrieben und sehr weit hergeholt, einiges ist nicht wirklich nachvollziehbar. Im Großen und Ganzen aber eine runde du kurzweilige Sache, da man nach jedem Kapitel wissen will wie es weitergeht und vor allem wer der Mörder ist. Auf einer Scala von ´1-10 hat es 7 verdient.
mitteney zu »Simon X. Rost: Der Mann, der niemals schlief«15.04.2013
Allein der Einband vermittelt bereits diese Südstaatenstimmung, die uns Mark Twain in seinem Tom Sawyer so wunderbar überliefert hat. Ja, und nun hat sich Herr Rost die Fortsetzung heraus genommen. Und das wirklich gekonnt. Spannung und Spaß halten sich die Waage, unvorhergesehene Ereignisse überspielen manche Länge im Text und dann gibt es immer mal wieder diesen Kick, diese aufkommende Erinnerung an den Originaltext, wenn Namen, Menschen, Orte auftauchen, die man als Kind so gut zu kennen schien. Erfreuliche Unterhaltung und jeden Euro wert.
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