Die bezaubernde Florentinerin von Salman Rushdie

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2008unter dem Titel „The Enchantress of Florence“,deutsche Ausgabe erstmals 2009, 448 Seiten.ISBN 3-498-05783-9.Übersetzung ins Deutsche von Bernhard Robben.

»Die bezaubernde Florentinerin« kaufen oder zum Merkzettel hinzufügen

bestellen bei amazon

in mein Bücherregal

Kurzgefasst:

1572: In den Palast Akbars im indischen Fatehpur Sikri kommt ein junger, blonder Mann, der behauptet, er sei den ganzen Weg um Afrika herum aus der Stadt Florenz im fernen Europa angereist. Übrigens heiße er Vespucci und sei Akbars Onkel. Der ob der überraschenden Verwandtschaftsbeziehung verblüffte, aber von der Neugier gepackte Moguln-Herrscher gewährt ihm Gastfreundschaft – ist er doch einem gut gesponnenen Garn nie abgeneigt. Ja, er hat sich sogar eine fiktive Lieblingsfrau erkoren, was für einen stets sicherheitsgefährdeten Weltenherrscher unbestreitbare Vorteile hat. Zwei Jahre lang behält Akbar Vespucci am Hof und lässt sich in dämmrigen Abendstunden fasziniert erzählen. So erfährt er von Machiavelli, Botticelli, dem Admiral Andrea Doria, Dracula, den Medicis und tausend anderen. Die Schauplätze von Vespuccis weitschweifigem Bericht reichen vom indischen Subkontinent über das Italien der Renaissance, die Küsten Afrikas und den Nahen Osten bis nach Amerika. Aber in ihrem Zentrum steht stets Argalia, die zauberhafte Florentinerin, schönste Frau der damals bekannten Welt. Und siehe da, sie ähnelt verdächtig einer Figur auf den Bildern von Akbars Hofmaler – jener, die er sich zur Lieblingsfrau erkoren hat …

Das meint Histo-Couch.de: „Rushdie verblendet Magie mit Historienerzählungen zu einem faszinierenden Blendwerk über Macht, Lust und Liebe“88Treffer

Rezension von Almut Oetjen

An den Hof des indischen Herrschers Akbar kommt ein gelbhaariger Europäer. Akbar sieht in ihm bald einen Mann, der ihm gleicht, mit dem er frei und offen sprechen kann. Einen Mann, den er vielleicht als möglichen Erben seinen geliebten, aber nicht für die Nachfolge würdig erachteten Söhnen vorziehen könnte. Jedoch, der Gelbhaarige ist ein Betrüger, Magier und Geschichtenerzähler mit eigenen Absichten.

Die Handlung des Romans spielt größten Teils in der Stadt Fatehpur Sikri, die der Mugal-Herrscher Akbar 1571 gebaut hat. Akbar ist eine in Paradoxien und Absurditäten eingewebte Figur. Sein Gegenüber, Onkel, Freund, Gegenspieler, möglicher Nachfolger und Erbe, weiß dies zu nutzen.

Verblendetes Blendwerk

Wir lesen über einen indischen Herrscher und einen europäischen Abenteurer; über Piraten, Kriege, Bordelle; drei grausame und dekadente Herrscherkinder in Indien und drei befreundete Jungen in Florenz, die von der Alraunewurzel und ihren Möglichkeiten fasziniert sind; über Maler, Träumer, Politiker; über eingebildete und physisch existente Frauen; über die Titelfigur des Romans, „Schwarzauge“ Qara Köz, eine Prinzessin, deren Name aus der Geschichte des Herrscherhauses getilgt wurde, als sie den persischen König heiratete.

Der gelbhaarige und charismatische Europäer mit den drei Namen (Uccello di Firenze, Mogor dell’Amore und Niccolò Vespucci) strickt Geschichten um „Schwarzauge“, die zur Herausforderung an seine Glaubwürdigkeit werden. In den immer wilderen und fantastischeren Erzählungen wird die bezaubernde Florentinerin zur wichtigsten Brücke zwischen den Kulturen.

Historisches als Repräsentation

Man mag, ein bekanntes Problem der Rezeption historischer Belletristik, bemängeln, dass die Biographie einer historischen Persönlichkeit in der Fiktion verändert wird. Aber die Postmoderne geht davon aus, dass eine (publizierte) Biographie nur eine mögliche Darstellung eines gelebten Lebens sein kann. Rushdie, ein exponierter Vertreter der Postmoderne, nimmt eine Neuzeichnung Akbars vor und münzt ihn darin zuallererst in eine fiktionale Figur um. Darüber hinaus erzeugt er eine andere Repräsentation biographischer Momente und stellt so die vielfach angenommene Authentizität von Biographien in Frage.

Für Leser, die mit einer Biographie Akbars, z.B. der aus Wikipedia, vertraut sind, eröffnet Rushdies Spiel die Möglichkeit, statt eines Abgleichs biographischer Elemente und der Figurenzeichnung mit dem Ergebnis der Kritik an Rushdies „Verfälschung“, seine Sicht auf Akbar zu hinterfragen. In einer Zeit, in der Menschen über ein ganzes Arsenal an Masken verfügen, die sie teils bewusst verwenden, sollte dies als selbstverständlich angenommen werden können: Wer war Akbar, und wenn ja, wie viele? Eine Frage, die auch Rushdies Herrscherfigur umtreibt. Das cartesianische „Cogito (, ergo sum)“ findet Eingang in sein fernöstliches Denken, rund zwanzig Jahre vor Descartes Geburt, kurz bevor der Florentiner bei ihm eintrifft, der zwei Jahre bei ihm verweilt und ihm die westliche Welt näher zu bringen versucht.

Ach, diese Frauen

Auf Seite 53 in Rushdies Roman erfahren wir, dass Jungen vögeln, um Männer zu werden, dass Männer vögeln, um Kinder zu machen. Der Kreislauf der Welt, der Kreislauf des Lebens, der Kreislauf des Mannes. Schwer zu ertragen für den Kreislauf der Frauen. Deren klar umschriebener Sinn darin besteht, entweder Jungen auf die Welt zu bringen, die vögeln, oder Mädchen, die gevögelt werden. Manchmal, aber nur manchmal, haben Frauen es vielleicht gerne, wenn sie einen Wert darüber hinaus zugewiesen bekommen. Beispielsweise den Wert eines Kunstwerks. Der Bildhauer Pygmalion hat bekannter Maßen die Elfenbeinstatue einer Frau geschaffen, in die er sich verliebt, wo er von fleischlichen Frauen herbe enttäuscht ist. Die bekannteste literarische Umsetzung dieses Stoffes stammt von George Bernhard Shaw, dessen Pygmalion, Professor Henry Higgins, die arme Blumenverkäuferin Eliza Doolittle nach seinen Vorstellungen formt.

Eine dieser Frauen bei Rushdie, Akbars imaginäre Traumfrau, heißt Prinzessin Jodha, oder Jodhabai. Die nicht-existierende Geliebte beseelt Akbar und seine Fantasien, bis er von „Schwarzauge“ hört und seinen Begehrensgenerator auf sie ausrichtet.

Rushdies bezaubernde Florentinerin ist ein weiteres Geschöpf aus der Welt Pygmalions. Sie ist zwar nicht Audrey Hepburn nachempfunden, sieht aber dennoch sehr gut aus. Und sie ist in beiden Welten, Florenz und Indien zu Hause.

„Schwarzauge“ muss sich mit mächtigen Männern einlassen, um ihr Leben ihren Vorstellungen gemäß gestalten zu können. Als Verzaubernde und Bezaubernde verfügt sie jedoch über die Mittel, Männerfantasien hervorzurufen und zu steuern, das Begehren in Tatsachen zu transformieren. Der Maler des Herrschers, Dashwanth, erweckt „Schwarzauge“ in seinem Bilderzyklus „Abenteuer von Schwarzauge“ zum Leben, imaginiert in ihr seine Fantasien von Liebe und Erotik, wobei er einen sehr speziellen Weg findet, sich mit dem Objekt seines Begehrens zu vereinen.

Spiegel und Echos

Vielfältige Spiegelungen verbinden die umspannende Geschichte mit den kleinen Geschichten, die erzählten Geschichten mit erzählter Historie. „Schwarzauges“ Sklavin trägt den Namen „Spiegel“, funktioniert als (unvollkommener) Spiegel und als ein Echo ihrer Herrin. Die bezaubernde Florentinerin, die im Original The Enchantress of Florence ist, ist in der zweiten Bedeutung des Wortes Enchantress eine Zauberin, eine Frau, die Magie praktiziert.

Spiegelungen und Echos sind nicht nur Figuren wie Schwarzauge und Spiegel, wie Akbar und Vespucci, oder Akbar und seinem Maler Dashwanth zugewiesen, sie erzeugen auch Ähnlichkeiten und Übereinstimmungen zwischen den beiden Kulturen.

Schließlich spiegeln sich Personen und Länder, Indien und Florenz sind ebenso Orte der Widersprüche wie Akbar und Vespucci. Akbar ist ein muslimischer Vegetarier, ein Mann, der vom Frieden träumt und Kriege in andere Regionen trägt. Vespucci ist ein Reisender, wie wir ihn von Italo Calvino kennen, den Rushdie sehr schätzt. Ein Mann, der in sieben Sprachen träumen kann, ein gelbhaariges Chamäleon des Angeblichen, anfangs Botschafter der Königin von England, später der Onkel Akbars. Vespucci ist ein Händler der Träume und Fiktionen, der mit vielen kleinen Geschichten aufwartet, um seine Position zu stabilisieren.

Gesammelte Geschichten

Rushdies Roman weist zwar einen gut nachvollziehbaren Handlungsbogen auf, besteht aber gleichzeitig und zu einem erheblichen Teil aus einzelnen, kleinen Geschichten. Die Architektur des Romans ist bestimmt durch Rundbögen – einen alles überspannenden großen und viele kleinere Handlungsbögen – , die wie Geschichten aus 1001 Nacht anmuten. Sie folgt alten hinduistischen Erzählbüchern wie dem Panchatantra und dem buddhistischen Jatakam (http://jataka.nibbanam.com/). Darin sind moralische Geschichten, Fabeln enthalten.

Rushdie betreibt in seiner bezaubernden Florentinerin postmoderne Spielereien bis hin zur Auflösung des Subjekts.

Das vordergründigste Beispiel hierfür ist Akbar, der gewohnt ist, nur im „Wir“-Modus zu denken und zu handeln, sich als Inkarnation aller Facetten seiner Welt zu begreifen. Er versucht sich als Individuum zu denken, das einer Geliebten als „Ich“ gegenüberzutreten und sie als „Du“ zu sehen vermag. Subjektivität hat zur Voraussetzung die Veränderung von Sprache, auch ein Thema dieses Romans.

Ihre Meinung zu »Salman Rushdie: Die bezaubernde Florentinerin«

Mireille zu »Salman Rushdie: Die bezaubernde Florentinerin«28.12.2010
Bloss eine kleine Berichtigung eines Namens in der "Kurzfassung" auf dieser Webseite in folgendem Satz: "Aber in ihrem Zentrum steht stets Argalia, die zauberhafte Florentinerin, schönste Frau der damals bekannten Welt." Sie wird zuerst Qara Köz und dann "Angelica" genannt. Argalia ist "Antonio Argalia" einer der drei Florentiner.
Mireille zu »Salman Rushdie: Die bezaubernde Florentinerin«28.12.2010
Bloss eine kleine Berichtigung eines Namens in der "Kurzfassung" auf dieser Webseite in folgendem Satz: "Aber in ihrem Zentrum steht stets Argalia, die zauberhafte Florentinerin, schönste Frau der damals bekannten Welt." Sie wird zuerst Qara Köz und dann "Angelica" genannt. Argalia ist "Antonio Argalia" einer der drei Florentiner.
muprl zu »Salman Rushdie: Die bezaubernde Florentinerin«06.09.2009
Da die HC-Rezension literaturwissenschaftlich in die Tiefe geht, hier nur mal ein ganz profaner Leseeindruck:
Ich habe zwar die Märchen aus 1001 Nacht noch nicht gelesen, aber auch ich musste beim Lesen oft daran denken. Nur ist in der "Bezaubernden Florentinerin" auch das Abendland mit in die Geschichten eingeflassen.
Rushdie schafft es, einen großen historischen Roman zu erzählen, iden er aus vielen kleinen Geschichten zusammensetzt, die immer wieder zum Mogul Akbar nach Indien zurückführen. Der Roman liest sich sehr stimmungsvoll - volle Ladung Orient, würde ich sagen. ;-) Es ist allerdings oft schwierig, den Übergang von einer Geschichte in die andere nachzuvollziehen. Die Chronolgie der Handlung hat mir in der ersten Hälfte doch große Probleme bereitet.
Hinzu kommt, dass die ganzen verschiedenen Geschichten zwar den Vorteil haben, die Zeit der Renaissance mal globaler zu Überblicken, also unter Einbeziehung der Zeit der großen Mogule und der Entdeckung Amerikas, dadurch hatte ich aber beim Lesen auch immer mal wieder das Gefühl von "Namedropping". Machiavelli, die Medici, Kolumbus, Boticelli, Savonarola u.s.w. - Alle tauchen auf.
Nichtsdestotrotz ist "Die bezaubernde Florentinerin" ein wirklich bezauberndes Lesevergnügen, und ein lohnenswert hintergründiges obendrein.
Von mir gibts 85 Pünktchen.
Ihr Kommentar zu Die bezaubernde Florentinerin

Hinweis: Fragen nach einem fertigen Referat, einer Inhaltsangabe oder Zusammenfassung werden gelöscht.