Wer wir sind von Sabine Friedrich

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2012unter dem Titel „Wer wir sind“,, 2032 Seiten.ISBN 3423280034.

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Kurzgefasst:

So wie in diesem Roman sind sie uns noch nie begegnet, die Moltkes und die Stauffenberg-Brüder, die Bonhoeffers, Lebers und die Dohnanyis, die Schulze-Boyens, die Schumachers, Coppis und all die anderen, die sich – aus den unterschiedlichsten Gründen – entschlossen haben, Hitler und seinem menschenverachtenden Regime die Stirn zu bieten.
Vom Kaiserreich bis in die Nachkriegszeit spannt sich der Bogen, von den Schlössern Ostelbiens zu den Seen Wisconsins, von Künstlerateliers und Kleingartensiedlungen zu den großbürgerlichen Villen des Berliner Westens.

Das meint HIsto-Couch.de: „Das Böse ist immer schon da – für das Gute muss man kämpfen“82

Rezension von Almut Oetjen

Die Moltkes, Stauffenbergs, Bonhoeffers, Harnacks, Dohnanyis, Schulze-Boysens sind nur einige der Hauptfiguren, deren Geschichte Sabine Friedrich in „Wer wir sind“ erzählt. Menschen, von denen sich manche kannten, andere sich nie begegneten, die aber eine Gemeinsamkeit aufwiesen: sie leisteten Widerstand gegen das faschistische Regime im Deutschen Reich. Das erzählte Zeitbild beginnt in der deutschen Kaiserzeit und in den USA, in der Kindheit der Hauptfiguren, geht der Frage nach, was sie zur Durchführung von Einzelaktionen, zur Gründung der Roten Kapelle, der Weißen Rose, des Kreisauer Kreises, des kommunistischen Widerstandes brachte, wer die Männer des 20. Juli waren, wie der Widerstand in seinen verschiedenen Formen wirkte, und weist über das Ende Nazideutschlands hinaus in die Bundesrepublik.

Ein belletristisch-historisches Großprojekt

Wer wir sind rückt mit seinen 2000+ Seiten in die Nähe von Musils großer Unvollendeter. Zugleich weist es in der historischen Nähe eine Verbindung auf zu Littells Wohlgesinnten, ist sogar noch – zumindest in der Seitenzahl – bald ein Drittel umfangreicher. Peter Weiß hat mit Die Ästhetik des Widerstands von 1975 bis 1981 einen dreibändigen Roman über den linken Widerstand geschrieben, der 1937 beginnt und nach knapp 1200 Seiten im Jahr 1945 endet. Dieses Buch ist jedoch ein in Ästhetik und Anliegen gänzlich anderes Werk. Sabine Friedrich verwendet in Wer wir sind die aus ihrem Werk (Bsp. Immerwahr) bekannte Collagetechnik, mit der sie die gesichtete Literatur neu organisiert. Die Akteure des Widerstandes und ihre Angehörigen vereint sie in ihrem Buch zu einer Geschichte, die im Untertitel „Der Roman über den deutschen Widerstand“ genannt wird. Sie formt unverbundene Zellen zu einer Wabe des Widerstands, die es so offenbar nicht gegeben hat – eine politisch-historische Konstruktion.

Verantwortung für sich selbst

Wer wir sind ist besonders gut darin, Menschen zu zeigen, die in extremen Situationen Entscheidungen treffen müssen. Welcher Entwicklungspfad, den wir im Laufe unseres Lebens gehen, wirkt in welcher Weise auf unser Denken und Handeln? Man sieht eine Notwendigkeit zu Handeln, hat Angst, entscheidet sich dann doch und findet sich am Galgen wieder. Wie legt ein Mensch im Angesicht des Todes Rechenschaft über sein Leben ab? Helmut James Graf von Moltke sagte dazu: „Wir tragen Verantwortung vor allem für uns selbst. Vor allem anderen müssen wir uns fragen, wer wir sind.“

Menschen, ihre Geschichten und deren Verbindungslinien in der Geschichte. Manfred Görtemaker, Professor für Neuere Geschichte an der Universität Potsdam, bescheinigt dem Roman historische Exaktheit. Sabine Friedrich arbeitet historisch akkurat und hält sich an die Quellen, die im Anhang gelistet sind. Dennoch ist ihr Roman mehr. Sie überschreitet die Grenze des faktischen und fiktionalisiert Opposition gegen Hitler. Entstanden ist nicht ein erzählendes Sachbuch, das sich ausschließlich an überprüfbare Fakten hält, wie die beiden Bücher von Kate Summerscale beispielsweise, sondern ein fiktionaler Text, der historische Fakten verwendet, ohne dass Leser und Leserinnen in der Lage wären, eine saubere Trennung vorzunehmen, es sei denn unter Hinzunahme von Sekundärliteratur während der Lektüre. Das ist keine Kritik am Roman, dessen Vorgehen ganz legitim ist. Geschichte ist auch Geschichte ist auch Abbildung.

Fazit

Sabine Friedrich wählt in ihrem Buch über den Widerstand den Weg der Fiktionalisierung, erzählt die Geschichte der Akteure entlang ihres Alltagslebens im Faschismus, versucht Antworten zu finden auf Fragen nach Handlungseinflüssen und Motiven. Sie erweckt die Menschen zum Leben, die sie hinter den historischen Personen sieht, wechselt häufig zwischen den Zeiten und dem Personal. Für Leser und Leserinnen, die erfahren wollen, wie sich Menschen in extremen Lebenslagen verhalten und Begründungen für Widerstand entwickeln können, ist „Wer wir sind“ ein spannender Geschichtsroman.

Anmerkung: Es gibt eine Website zum Roman und Lesungen der Autorin bis (vorläufig) in den September 2013 hinein. Ferner wurde vorab ein Werkstattbericht unter dem Titel des Romans veröffentlicht, in dem Sabine Friedrich einen persönlichen Einblick in ihre sechs Jahre währende Arbeit am Buch gibt.

 

Ihre Meinung zu »Sabine Friedrich: Wer wir sind«

Rainer Finger zu »Sabine Friedrich: Wer wir sind«11.01.2017
Ich habe, bevor ich mich an das Buch mit rund 2000 Seiten heran wage, den Werkstattbericht gelesen. Ich kenne das Leben der beschriebenen Helden über viele Bücher, die z.T. auch diesem Werk als Quelle dienten. Wie Frau Friedrich Ihr Leben mit diesen Menschen teilt, imponiert mich. Wie wäre die Geschichte verlaufen, wenn die Kontakte der Beschriebenden mit den Alliierten auf fruchbaren Boden gefallen wären? Es gab wahrscheinlich zu wenig dieser Helden, um damals etwas zu bewirken, aber es waren doch viele, die uns und den nächsten Generationen als Vorbilder dienen und die Geschichte aus der Zeit von 1933-1945 nicht ganz so dunkel erscheinen lässt. Ich bedanke mich sehr herzlich bei Frau Friedrich für Ihr Werk!
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