Der Trafikant von Robert Seethaler

Buchvorstellungund Rezension

Der Trafikant von Robert Seethaler

Originalausgabe erschienen 2012unter dem Titel „Der Trafikant“,, 256 Seiten.ISBN 303695645X.

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Kurzgefasst:

Österreich 1937: Der 17-jährige Franz Huchel verlässt sein Heimatdorf, um in Wien als Lehrling in einer Trafik, einem Tabak-und Zeitungsgeschäft, sein Glück zu suchen. Dort begegnet er eines Tages dem Stammkunden Sigmund Freud und ist sofort fasziniert von dessen Ausstrahlung. Im Laufe der Zeit entwickelt sich eine ungewöhnliche Freundschaft zwischen den beiden unterschiedlichen Männern. Als sich Franz kurz darauf Hals über Kopf in die Varietétänzerin Anezka verliebt und in eine tiefe Verunsicherung stürzt, sucht er bei Professor Freud Rat. Dabei stellt sich jedoch schnell heraus, dass dem weltbekannten Psychoanalytiker das weibliche Geschlecht ein mindestens ebenso großes Rätsel ist wie Franz. Ohnmächtig fühlen sich beide auch angesichts der sich dramatisch zuspitzenden politisch-gesellschaftlichen Verhältnisse. Und schon bald werden sie und Anezka jäh vom Strudel der Ereignisse auseinandergerissen.

Das meint Histo-Couch.de: „Milieu- und Seelenstudie im Wien am Vorabend des Zweiten Weltkriegs“90Treffer

Rezension von Daniela Loisl

Wien 1937. Der 17jährige Franz Huchel aus dem Burgenland wird zu seinem Onkel nach Wien geschickt, um bei ihm eine Lehre zum Trafikanten zu absolvieren. Die kleine Trafik (eine rein österreichische Bezeichnung für ein Tabakfachgeschäft ist, deren Handel mit Tabakwaren, Zeitungen, Papier- und Geschenkartikel und auch wer dieses Geschäft führen darf, durch die Monopolverwaltung genauestens geregelt ist) lebt von den Stammkunden und einer von ihnen ist kein geringerer als Sigmund Freud.

Zwischen dem jungen Franz und Freud entsteht so etwas wie eine Freundschaft und so ist es nur verständlich, dass Franz, der sich unsterblich in eine Tänzerin verliebt hat, den berühmten Psychoanalytiker aufsucht, um diesen um Rat zu fragen…

Ungewöhnliche Freundschaft

Robert Seethaler erzählt in dem gerade mal gut 200 Seiten umfassenden Buch eine außergewöhnliche Geschichte. Nicht die Begebenheiten selbst fallen so aus dem Rahmen, sondern die Begegnung zweier Figuren aus so unterschiedlichen Welten. Da wäre der junge Franz, der noch nichts von der Welt gesehen hat und sich auf einmal in Wien, in einer für ihn völlig fremden Umgebung, zurechtfinden muss. Und Sigmund Freud, einer der großen Denker seiner Zeit, berühmt für seine durch ihn bekannt gewordene Psychoanalyse.

In einer kleinen Trafik begegnet Franz das erste Mal dem Stammkunden Freud. Freud kauft in der Trafik von Franz` Onkel seine Zigarren und Franz ist von der Persönlichkeit Freuds sofort beeindruckt. Als Fritz die Varietétänzerin Anezka kennenlernt, verliebt er sich die diese, wohlwissend, dass sie einer gänzlich anderen Gesellschaftsschicht angehört. Mit seinen Liebessorgen wendet Franz sich nun an Freud.

Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs

Franz, der auch regelmäßig an seine Mutter schreibt und dieser auch von seiner Verliebtheit erzählt, stellt von nun an Anezka in den Mittelpunkt seines Lebens und seine Gedanken drehen sich nur um sie. Freud, der versucht, Franz in seiner Seelenqual zu helfen, hat aber mit der Analyse der weiblichen Gedanken und Handlungen auch so seine Probleme.

Scheint sich hier alles um eine unglückselige Liebe zu handeln, so täuscht dies aber gewaltig. Zwar dient Franz´ Liebe zu Anezka als „Aufhänger“, aber im Grunde steht der Beginn des Zweiten Weltkriegs und die dadurch eingeleiteten Umbrüche im Fokus der Erzählung. Franz´ Onkel Otto Trsnjek hat viele Juden als Kunden, was weder seinen Nachbarn noch der Polizei verborgen bleibt. Als sich der Hass gegen die Juden auch in Wien immer mehr verstärkt, hat dies letztlich auch Folgen für Ottos Tabaktrafik und so auch für sein Leben.

Tiefgründige Erzählung

Seethaler zeichnet das Leben in Wien vor Ausbruch des Krieges auf beängstigend realistische Weise. Gehören Franz und sein Onkel auch nicht zu der ärmsten Gesellschaftsschicht, so müssen sie dennoch schauen, wo sie im täglichen Überlebenskampf bleiben.

Franz’ Gespräche mit Freud, die Briefe an seine Mutter und auch die subtile Darstellung des sich einschleichenden Hasses auf die Juden sind mit seltenem Tiefgang dargestellt. Immer wieder schiebt der Autor Szenen ein, die vom Umbruch der Zeit zeugen. Das alte Wien und „die gute alte Zeit“ gibt es nicht mehr. Neue Machthaber sind im Anmarsch und viele Bewohner meinen, der vermeintlich große Führer werde für ein besseres Leben sorgen. Ohne erhobenen Finger und ohne zu werten, schiebt Seethaler immer wieder Frequenzen ein, die den Beginn einer neuen und grausamen Ära verdeutlichen.

Die Beschreibungen Wiens sind hervorragend gelungen, wenngleich es dabei auch den einen oder anderen Fauxpas gibt, der aber wohl nur Kennern der Stadt auffallen wird. Sprachlich und stilistisch überzeugt Seethalers Trafikant aber auf jeden Fall. Seethaler hat in diese 200 Seiten mehr an Tiefgang gepackt, als es andere Autoren auf 700 nicht schaffen.

Ihre Meinung zu »Robert Seethaler: Der Trafikant«

David Goldenstein zu »Robert Seethaler: Der Trafikant«04.02.2017
Ich bin im Zweifel, ob es richtig ist, was man dieser Erzählung alles unterstellt. Natürlich ist es die Zeit vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Mir scheint, die Figur des Herrn Freud sehr typisch in dieser Zeit, nämlich eines Menschen, der viele Hoffnungen fahren liess, weil er immer wieder enttäuscht wurde. Franz Huchel ist so konstruiert, dass S. Freud sich wohl an den Kopf greifen würde, in welch komplexe Situationen er hinein gestellt wird und sie eben nicht löst, überfordert ist. Ich glaube, das Thema ist oberflächlich dargestellt, weil sie, die Geschichte den Menschen nicht nahekommt. Diese Oberflächlichkeit dient kaum jemandem, ausser man möchte seine Lockerheit zeigen, vielleicht ist das "Wiener Art" und damit wird man dem Thema wohl nicht gerecht! Oder ist das eine Art wie man TV-Soaps macht!? Aber, auch darüber liesse sich streiten. Mich wundert wie diese "Oberflächlichkeit" mit Leichtigkeit verglichen wird (FAZ/Platthaus oder Frau Vogt/Der Spiegel). Und: Die Geschichte mit Jurek Becker und vermutlich mit "Jakob der(m) Lügner" zu vergleichen, empfinde ich als fragwürdig. Jurek Becker geht einen anderen Weg, geht tiefer. Dass er Jakob als Lügner zum Helden werden lässt mit seinen erfundenen Geschichten, wie die Russen siegreich sich dem Ghetto nähern, ist wunderbar; er schafft Hoffnung im Wissen, dass die Lüge Leben schafft. Die Geschichte mit der Hose des Trafikanten anstelle einer SS-Fahne empfinde ich eher als eine Art billigen Versuch, der Geschichte am Schluss so etwas wie Sinn zu geben.
Mona zu »Robert Seethaler: Der Trafikant«12.09.2015
Da ist der Franz: Das Sinnbild an Unschuld. Franz dessen "Erwachen" der Leser hautnah miterlebt. Der Leser wird durchlässig für diesen Franz Huchel. Spielt das Thema Ödipus-Komplex hier auch eine Rolle fragt man sich unweigerlich- Des Franzes Liebe zu seiner Mutter der "Sicherheit zwischen ihren Schenkeln" fand und dem Auftreten des Herrn Sigmund Freud als des Franzes Berater sozusagen der den Franz berät sich selbst zu finden in der Blüte seiner Jugend mit so zarten Mädchenhänden kaum in der Lage dies selbst zu schaffen. Parallel zu dem Verlust aller Unschuld in jedem Belang- ob Liebe, Weltanschauung- verliert das schöne Wien um Franz herum seine "Unschuld" im erbarmungslosen Zeitgeschehen. Fraglich bleibt auch die wahre Bedeutung des alten Trafikanten. Welche Rolle spielte er wirklich im Leben der Mutter und des Franz. So viele Fragen die ich als Leserin welche dieses Buch als atemberaubende immer schneller werdene Reise mitgerissen hat an Robert Seethaler zu stellen hätte. Ein lohnenswertes Werk, welches das Gehirn auch Tage später noch nicht zum Stillstand kommen lässt.
Rudolf Bialas zu »Robert Seethaler: Der Trafikant«23.03.2015
Sehr beeindruckend, ein Roman, der wahrscheinlich besser als ein mehrstündiger Geschichtsunterricht der jüngeren Generation eine tiefen Einblick in die gesellschaftliche und politische Situation in Wien im Frühjahr 1938 vermitteln kann! Ich wüßte allerdings gern, ob und welche realen, historischen Personen und Vorgänge
R. Seethaler eventuell zu dieser Gestalt von Franz Huchel anregten.
Berthold Hübner zu »Robert Seethaler: Der Trafikant«20.03.2015
Die Umstände des Anschlusses von Österreich ans Reich, die Judenverfolgungen, Sigmund Freud und seine Flucht aus Wien sind ales schon ziemlich oft strapazierte Ereignisse. Auch stört, dass der Autor die Zeit, in der sein Held agiert, nicht selbst erlebt hat, also kein Zeitzeuge ist. Das gilt auch für die ungewöhnliche Freundschaft zwischen Sigmund Freund, bereits "uralt", und den gerade sich seiner Männlichkeit bewusst werdenden siebzehnjährigen Franz Huchel. Nicht immer sind auch seine Protest-Handlungen gegen die "neuen Herren" so ganz nachzuvollziehen, sind sie doch im Endeffekt eine tödliche Gefahr für ihn selbst.
Gleichwohl wird eine "schöne" Geschichte erzählt. Die äußeren (politischen) Umstände werden nachvollziehbar erzählt, die handelnden Personen, wie auch Dialoge stimmen passen zu den Situationen und Örtlichkeiten, so dass man sich im Geschehen verhaftet fühlt.
Insgesamt ein bemerkenswertes Leseerlebnis.
franka.ebbing zu »Robert Seethaler: Der Trafikant«22.02.2015
Auch ich war von diesem kleinen Buch sehr überrascht. Ich bekam es von einem Freund,und wußte nicht einmal,was ein"Trafikant" ist.
Von Seethaler hatte ich auch noch nichts gehört-also habe ich das
Buch erstmal beiseite gelegt.
Jetzt habe ich es doch noch gelesen,und bin sehr froh darüber-ich hätte sonst etwas verpasst.Ein kleines Meisterwerk!
Und Seethaler habe ich künftig "auf dem Schirm.
F.Ebbing
amanda zu »Robert Seethaler: Der Trafikant«01.12.2014
English reader: I was doubtful about the premiss - thought the author would never bring off the actual in-the-flesh meeting between fictional character and famous historical one. But I was wrong: Seethaler accomplishes the Franz/Freud rapport totally convincingly.
SHOENES BUCH. Delicate and moving. Had me in Traenen am Ende.
Marius Müller zu »Robert Seethaler: Der Trafikant«29.08.2013
Verlust der Unschuld

Den Jungen, der dem Leser zu Beginn des Romans „Der Trafikant“ begegnet, wird es am Ende des Buches so nicht mehr geben. Selten war die Entwicklung eines Charakters in letzter Zeit spannender zu lesen.

Der siebzehnjährige Franz Huchel wird von seiner alleinerziehenden Mutter im Jahr 1937 aus dem beschaulichen Nußdorf im Salzkammergut nach Wien geschickt. Dort in der brummenden und brodelnden Hauptstadt soll er zum Mann werden und als Trafikantenlehrling einen Beruf ergreifen.
Doch nicht nur die Hauptstadt beschäftigt den Jungen, auch die Bekanntschaft mit Sigmund Freud und die Liebe in Form der Böhmin Anezka wirbeln sein Leben gehörig durcheinander. Und als dann auch noch die politische Wetterlage umschlägt, muss Franz schneller erwachsen werden, als ihm lieb ist.

Mit „Der Trafikant“ gelingt Robert Seethaler ein beeindruckendes Porträt eines Landes im Umbruch und ein Entwicklungsroman, der zu den stärksten und eindringlichsten der letzten Zeit zählt. Er erzählt vom Verlust der Unschuld, denn sowohl Franz als auch das ganze Land Österreich muss erkennen, dass die „gute alte Zeit“ wohl unwiderbringlich vorbei ist.
Seethaler zeigt, wie die Stimmung in den österreichischen Gassen kippt, wie das Volk die Ablösung Schuschniggs und die Machtergreifung Hitlers erlebt und wie das Leben der „kleinen“ Leute beeinflusst wird. Dies geschieht angenehm beiläufig, immer wieder baut Seethaler kleine Passagen ein, die besser als viele Dokumentationen ein Gefühl des damaligen Zeitgeists vermitteln.
Auch die Entwicklung Franz' vom verträumten und unschuldigen Dorfkind hin zu einem Jungen, der gezwungen ist, auf eigenen Beinen zu stehen, ist eindrücklich geraten und mehr als gelungen. Man fühlt mit diesem Jungen mit und sehnt sich auch ein klein wenig nach diesem unschuldigen Gefühl der Kindheit, das in „Der Trafikant“ allmählich verloren geht.

Spielend bedient sich Robert Seethaler verschiedenster stilistischer Erzählformen und vermengt das Ganze traumwandlerisch sicher zu einem beeindruckenden Roman, der aufgrund seiner Qualität besticht.
Es ist ein stilles und kleines Büchlein, das doch so viel mehr zu sagen hat und größer ist als viele andere Romane der letzten Zeit.
„Der Trafikant“ lässt den Leser wehmütig und mit einem nostalgischen Gefühl zurück und schafft ein Miniaturuniversum, das so komprimiert in der deutschen Literatur länger nicht zu lesen war.
Mit diesem Buch etabliert sich Seethaler als einer der interessantesten jungen Autoren Österreichs und lässt auf weitere - nicht unbedingt dicke - große Bücher hoffen.
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