Kristus von Robert Schneider

Buchvorstellung und Rezension

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Originalausgabe erschienen 2004 unter dem Titel „Kristus“, , 602 Seiten. ISBN 3-351-03013-4.

Kurzgefasst:

Die Zeit scheint aus den Fugen im 16. Jahrhundert – Seuchen wüten, Luther predigt wider den Papst, und in Münster wollen die Wiedertäufer den Gottesstaat verwirklichen. Ihr prophetischer König ist Jan Beukels aus Leyden. Doch bald wird aus der Stadt der Frommen eine Hölle der Lebenden und Jan ihr grausamer Despot.

Das meint Histo-Couch.de: „;Die finsterste Seite des Mittelalters“;

von Carsten Jaehner

Um es vorweg zu nehmen: Dies ist kein typischer Roman, der im Mittelalter angesiedelt ist. Das Buch hat keinen Helden, dessen Werdegang mit einem Happyend endet. Von der ersten Seite an steuert das Buch auf eine der großen historischen Katastrophen zu und zeigt damit eine der ganz finsteren Seiten des Mittelalters.

Münster in Westfalen hat in seiner Geschichte zwei große historische Eckpunkte erlebt, die die Welt verändert haben. 1648 wurde mit dem Westfälischen Frieden der Dreißigjährige Krieg beendet und in den Jahren 1534 und 1535 beherrschten die Wiedertäufer die Stadt. Von eben jenem letzteren Ereignis erzählt Robert Schneider in seinem großen Roman „;Kristus“;. Ein Junge namens Jan, Sohn des Schulzen Jan Beukels, kommt im niederländischen Leyden zur Welt. Er führt ein karges Leben und bekommt einen jüngeren Bruder Johann, der allerdings taubstumm ist. Gerade ist sein Vater zum Bürger der Stadt emporgestiegen und Jan erhält mit anderen Kindern Unterricht beim Dorfschulmeister. Als Jan sieben Jahre alt ist, beobachtet er am Palmsonntag des Jahres 1517 den Prozessionszug durch die Stadt. Beeindruckt stellt er sich der Prozession in den Weg, als Jesus Christus leidend vorbei geritten kommt. Noch nie ist der Prozessionszug zum Stehen gekommen und der Skandal ist perfekt.

Erst viel später stellt Jan fest, dass nicht der echte Christus dort angeritten kam, sondern jemand, der ihn nur gespielt hat. Er findet heraus, wer das war und trifft sich schließlich mit dem Geistlichen Gerrit Tom Kloister, dessen Orden ein Schweigegelübde abgelegt hat. Als in der Schule die Aufgabe gestellt wird, jeder solle seinen Berufswunsch aufschreiben, kritzelt Jan das Wort „;Kristus“; auf das Papier. Dafür bekommt er Prügel und wird fortan von allen Seiten schief angesehen. Von nun an zweifelt Jan noch mehr an seinem Glauben und versucht, seinem christlichen Leben einen Sinn zu geben.

Realitätsverlust der Hauptfigur führt in die Katastrophe

Jan beginnt eine Schneiderlehre und lernt Leute aus der weiten Welt kennen. Er fasst den Beschluss, hinauszuziehen und Antworten auf seine Fragen woanders als in der kleinen Provinz Leyden zu suchen. Nach der Entfremdung von seiner Familie geht er mit Geschäftsleuten auf Reisen, die ihn über England und Lissabon schließlich wieder in die Heimat zurückführen. Sein Glaube hat ihn inzwischen in die Sekte der Wiedertäufer geführt, die die Erwachsenentaufe der Kindstaufe vorziehen, da in der Bibel keine Kindstaufe erwähnt wird. Jan erfährt, dass in Münster in Westfalen das Neue Jerusalem errichtet wird und am Jüngsten Tag dort alle Auserwählten erlöst werden. So macht er sich auf und wird schließlich der führende Kopf der Wiedertäufer. Als König von Münster wird er die Bevölkerung der Stadt und seine Anhänger in Not, Elend und Tod stürzen, da die Prophezeiungen wie so oft nicht eintreffen. Mit nie da gewesener Brutalität setzt er die Worte der Bibel durch, bis er schließlich die Kontrolle über sich und die Realität verliert und die Stadt in die Katastrophe zusteuert.

Robert Schneider zeichnet den Weg von Jan Beukels wortgewaltig und sehr realistisch nach. Aus Beukels’ Kindheit sind wenige Fakten überliefert und so ist für den Roman viel erfunden worden, um die Beweggründe für Jans teilweise sehr seltsames Verhalten zu ergründen. Jan wird als Einzelgänger beschrieben, der nur im Glauben an Christus befestigt ist und sich letztlich in sein Schicksal ergibt, das er sein ganzes Leben über sucht. Unter einer Verblendung sondergleichen leidend, wirft er die Chance auf ein seriöses Leben über Bord und folgt nur seinem Glauben, der ihn schließlich zerstören wird. Obwohl Jan die Möglichkeit hat aus dem „;kleinen“; Leben zu entfliehen, nutzt er es jedoch nicht. Er sieht London und Lissabon, aber es interessiert ihn nicht.

Düstere Beschreibungen und blutige Realitäten

Schneiders Beschreibungen der mittelalterlichen Welt sind ziemlich düster und teilweise auch hoffnungslos für den normalen Bürger. Das Leiden der Bevölkerung, sei es noch im niederländischen Leyden oder später in Münster, ist sehr beeindruckend und Furcht erregend geschildert. Ausführlich werden die Foltermethoden dargestellt, mit denen damals versucht wurde das Volk einzuschüchtern. Blut fließt in Schneiders Roman reichlich, wahrscheinlich ist das auch der Grund dafür, dass das Buch kein Bild auf dem Cover hat, sondern einfach blutrot ist mit dem kindlich gekritzelten „;Kristus“;-Wort.

Auch wenn das Buch gerade in der ersten Hälfte in der Hauptsache den Weg Jans verfolgt, so gelingt es leider nicht, Jans Beweggründe aufzuzeigen und damit auch nicht sie für den Leser nachvollziehbar machen zu können. Zwar wird gerade bei der Belagerung Münsters klar, dass Jan an einem totalen Realitätsverlust leidet, der ihn zwar verzweifeln lässt, aber sein Handeln nicht verändert. Hier vermisst der Leser eine Hilfe und wird genauso im Stich gelassen wie Jan schließlich die Münsteraner im Stich gelassen hat.

Im zweiten Teil, wo Jan in Münster ist, werden vermehrt auch die Geschichten anderer Münsteraner erzählt. Dies gelingt Schneider dichter als die Beschreibungen aus Jans Kindheit, wohl auch deshalb, weil er sich hier auf historische Zeugnisse stützen konnte. Da wird unter den Münsteranern geschachert und intrigiert, um bei der Verteilung von Ämtern und Gütern möglichst gut dazustehen. Das gelingt nicht allen gleich erfolgreich.

Sprachliches Durcheinander

Auch die Gegenseite der Belagerer Münsters unter dem eher schwachen Kommando des Grafen von Waldeck ist nicht stark, am Ende ist es eher der Zufall, der dem Ganzen ein Ende bereitet. Die Lösung des Konflikts ist nicht aus Souveränität entstanden und diese vermisst man leider auch gelegentlich im Sprachstil Schneiders. Wortgewandten Abschnitten folgen Formulierungen im „;und das kam so“;-Stil, was überhaupt nicht zueinander passen mag und den Leseflus behindert. Sprachlich geht es hier auf und ab, wie auch in Jans Leben.

Schneider bedient sich zudem teilweise der „;alten“; Sprache, in der man seinerzeit gesprochen hat. Das gibt einem zwar zum einen das Gefühl, sich auch selbst in dieser Zeit zu befinden, auf der anderen Seite sind da aber leider Begriffe dabei, die heutzutage nicht mehr benutzt werden, so dass man zwar ahnen kann, worum es gerade geht, man ist sich allerdings nicht so ganz sicher. Das aber zieht Schneider dann durch seinen Roman konsequent durch. Was ist eine Muhme? Was ist ein Droste? Hier wäre ein kleiner Glossar als Anhang hilfreich gewesen, aber man blättert leider mehrmals vergeblich nach hinten.

Insgesamt hat Robert Schneider einen Roman vorgelegt, der zwar sehr wortgewaltig ist und einen interessanten und bislang viel zu stiefmütterlich behandelten Aspekt der Geschichte beleuchtet, allzu oft wird man aber mit den Gedanken, die man sich zwangsläufig selbst zu dem Buch macht, allein gelassen. Die Brutalitäten werden fast zu sehr ausgekostet, dafür wird an anderer Stelle an Erklärungen gespart. Wer sich diesen Roman vornimmt, sollte sich darauf gefasst machen, dass er mehr mitdenken muss als vorher gedacht. Sonst sitzt man in seiner eigenen Aussichtslosigkeit genauso fest wie Jan Beukels auf dem Thron als König von Münster, der leider doch im kläglichen Westfalen liegt und nicht im verheißenen Jerusalem.

Nachbemerkung:

Die Käfige, in denen Jan van Leyden, Bernt Krechting und Bernt Knipperdolling öffentlich zur Schau gestellt wurden, hängen immer noch an der Lambertikirche in Münster. Zwar ist der Kirchturm inzwischen ein anderer als damals, aber die Käfige sind noch die Originale. Man kann den Kirchturm auch besteigen. Das ist Geschichte zum Anfassen.

Ihre Meinung zu »Robert Schneider: Kristus«

Peter Hering zu »Robert Schneider: Kristus« 23.11.2007
Ich habe Robert Schneider's Roman als ein "Feuerwerk" der Erzählkunst genossen. Fesselnd vom ersten bis zum letzten Wort!
Die historischen Recherchen des Autors waren m.E. äußerst weitreichend und tiefgründig. Und das für Geschichtsepoche, die so in keinem Buch beschrieben wird.
Durch die Lebendigkeit der Schilderungen gelang es Herrn Schneider, dass ich jede Person des Romans erlebt, gelebt und durchlitten habe. Ein Meisterwerk!
Maria Calder zu »Robert Schneider: Kristus« 18.08.2007
dem wiederholten Ruf nach einem Glossar stimme ich zu. Als Hilfestellung empfehle ich, immer mal wieder auf das Vorwort des Autors zurück zu kommen, welches auch beim unerläßlichen Mitdenken hilfreich ist.
Gerriet Schroeder zu »Robert Schneider: Kristus« 06.06.2007
Eigentlich nicht Fan historischer Romane, habe ich den "Kristus" von Schneider sehr genossen. Insbesondere die Detailverliebtheit, die Sprach-und Wortwahl, die düsteren Schilderungen eines Leidenswegen, der Verirrungen und Ausweglosigkeit geben einen besseren Einblick in die Zeit vor der Aufklärung, als manches Geschichtsbuch. Insbesondere erstaunt mich die Leitigkeit, mit der Schneider seine umfangreichen Recherchen nicht nur zum Leben Jan Beukels, sondern auch zur Schilderung der Städte Leyden, Lissabon, Londen und Münster darlegt. Manches Zerrbild des Mittelalters wird durch das Werk zerstört. Gerüche steigen in die Nase, Kälte, Hitze, Entbehrungen, Krankheit und Schmerz, insbesondere Schmerz werden greif- und fühlbar.
Sicherlich: ganz ungebildet und ungeübt im Lesen von Texten ohne Glossar sollte man bei der Lektüre nicht sein und "mitdenken" sollte schon zum Vokabular des Lesers gehören.
Jawoll: das Buch verstört... aber was ist daran schlecht?

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