Die Schwestern vom Eisfluss von Rebecca Maly

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2016unter dem Titel „Die Schwestern vom Eisfluss“,, 416 Seiten.ISBN 3-499-27254-7.

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Kurzgefasst:

Island. Mitten im Winter verliert die junge Magd Jorun ihre Anstellung und muss zurück zum elterlichen Hof, dabei wollte sie ihre spröde Schwester nie wiedersehen. Doch bald entdeckt sie ein wohlgehütetes Geheimnis: In einer abgelegenen Hütte versorgt Salbjörg den schwer verletzten Erlendur, den sie bewusstlos und beinahe erfroren im Gestrüpp fand. Der Nachbarssohn wird des Mordes beschuldigt und überall gesucht ihm selbst fehlt jedoch jede Erinnerung an das, was geschehen ist. Jorun beginnt, ihr Herz an Erlendur zu verlieren, an den Mann mit den eisblauen Augen. Auf keinen Fall darf Salbjörg davon erfahren, da diese ihn auf geradezu fanatische Art begehrt …

Das meint Histo-Couch.de: „Brisantes Dreiecksverhältnis im Island des 19. Jahrhunderts“76

Rezension von Eva Schuster

Island im ausgehenden 19. Jahrhundert: Eigentlich hatte die junge Jorun nie vor zurückzukehren, als sie den elterlichen Hof verließ. Seit dem Tod der Eltern leben dort ihre ältere Schwester Salbjörg und deren brutaler und strenger Ehemann Torger, den Jorun fürchtet. Doch als Jorun ihre Stellung als Magd verliert, bleibt ihr keine andere Wahl, als zurück zum Steinurshof zu gehen – gerade jetzt im harten Winter ist es kaum möglich, auf einem anderen Hof Arbeit zu finden.

Salbjörg findet unterdessen in der Nähe ihres Hofes den schwer verletzten Erlendur, den jüngsten Sohn des wohlhabenden Nachbarhofes. Erlendur hat offenbar mit jemandem gekämpft, kann sich aber an nichts erinnern. Aus Angst, möglicherweise jemanden getötet zu haben, will er sich verstecken. Salbjörg verschafft ihm Unterkunft in einer abgelegenen Hütte und pflegt ihn gesund.

Als Jorun auf dem Steinurshof eintrifft, ist Salbjörg zunächst abweisend und kühl, nimmt sie aber notgedrungen auf. Durch Zufall entdeckt Jorun kurz darauf Erlendur, und beide fühlen sich zueinander hingezogen. Salbjörg soll nichts davon erfahren, denn Jorun ahnt, dass Salbjörg den jungen Mann für sich allein haben will &

Eintauchen ins isländische Alltagsleben

Hinter Rebecca Malys Die Schwestern vom Eisfluss steht eine außergewöhnliche Entstehungsgeschichte: Der Roman war ursprünglich ein Drehbuch für den Fernsehfilm „Brachland“, die Handlung spielte während des Zweiten Weltkriegs im deutsch-französischen Grenzgebiet. Als die Autorin das Drehbuch für einen neuen Film in die Gegenwart versetzen und Bankräuber einbauen sollte, kehrte sie kurzerhand der Filmwelt den Rücken und konzentrierte sich auf das Romaneschreiben. Jahre später schrieb Rebecca Maly das Drehbuch zu „Brachland“ tatsächlich um, diesmal nach ihren eigenen Vorstellungen. Heraus kam dabei ein unterhaltsamer Historienroman, der seine Leser überzeugend ins raue Island des 19. Jahrhunderts versetzt.

Als studierte Skandinavistin ist Rebecca Maly mit Geschichte und Kultur der Isländer wohlvertraut. Das kommt dem Roman sehr zugute, der durch viele kleine Detailbeschreibungen des isländischen Alltagslebens in der damaligen Zeit besticht. Der Winter ist eine erbarmungslose Zeit in Island, die kleinen Bauern sind froh, wenn sie ihre Familien über die Runden bringen, und können kaum zusätzliche Esser durchfüttern – für Jorun gibt es daher keine andere Wahl, als vorerst auf den Heimathof zurückzukehren. Mit viel Liebe zum Detail beschreibt die Autorin die Architektur der Höfe und Einrichtungen, die Speisen, die Kleidungsstücke und die täglichen Abläufe auf den Bauernhöfen. Gleiches gilt für die eindrucksvollen Landschaftsdarstellungen, die das reizvolle Land aus Feuer und Eis vor den Augen des Lesers lebendig machen.

Reizvolle Figurenkonstellation

Für Spannung sorgt vor allem die Frage, was genau Erlendur erlebt hat, ob er – wie er befürchtet – einen Mord begangen hat und ob er gefangen genommen wird. Ebenso möchte man erfahren, welchen Verlauf die brisante Dreiecksbeziehung zwischen Salbjörg, Jorun und Erlendur nimmt, ob Torger von Salbjörgs heimlicher Schwärmerei erfährt und was genau Jorun vor Jahren bewogen hat, dem elterlichen Hof den Rücken zu kehren.

Der Erzähler beleuchtet abwechselnd Erlendurs, Salbjörgs und Joruns Gedankenwelt. Alle drei sind interessante und vor allem nicht zu einseitige Charaktere. Jorun wird schnell zur Sympathiefigur; sie ist tatkräftig, lebendig, liebenswert und tapfer. Es umgibt sie aber auch ein Geheimnis, man weiß lange Zeit nicht, warum sie damals vom Hof gegangen ist, warum sie ihrer Familie für immer den Rücken kehren wollte. Die spröde Salbjörg ist in vielerlei Hinsicht das Gegenteil ihrer jüngeren Schwester. Sie beneidet Jorun um deren frische Schönheit, um die feuerroten Haare, um ihre jugendliche Ausstrahlung. Dieser Neid sorgt dafür, dass man Salbjörg längst nicht so lieb gewinnt wie Jorun, doch zugleich versteht man auch, warum Salbjörg so geworden ist. Torger ist ein strenger Ehemann, bei dem Salbjörg nicht viel zu lachen hat; zudem hatte sie bereits mehrere Fehlgeburten und muss davon ausgehen, niemals Kinder zu bekommen. Sie führt ein hartes Leben auf dem Steinurshof, und Erlendur weckt verloren geglaubte Gefühle in ihr. Erlendur wiederum ist ein attraktiver, tapferer junger Mann, der vor seiner Verletzung und Flucht ein glückliches und aussichtsreiches Leben führte. Nun ist er durch seine Wunden und seine Teil-Amnesie verunsichert und leicht reizbar. Er spürt Salbjörgs Verlangen und will seine Retterin einerseits nicht vor den Kopf stoßen, da er ihr dankbar ist, ihr andererseits aber auch keine falschen Hoffnungen machen. Seine Rolle in dem tödlichen Kampf ist lange Zeit unklar, dem Leser ergeht es wie Jorun, die trotz ihrer Sympathie für ihn nicht recht weiß, wie er einzuschätzen ist. Obwohl die Liebeskonstellation es herausfordert, wird der Roman nicht kitschig. Vielmehr liegt eine melancholische und ernste Atmosphäre über dem Geschehen, in die sich kleine Lichtmomente hineinstehlen. Es ist ein ruhiges und zugleich intensives Werk, bei dem man kein schnelles Tempo erwarten darf.

So erfährt man auch etwas spät, warum genau Jorun damals den elterlichen Hof verließ. Das Thema wird immer wieder angeschnitten und macht neugierig; man muss sich aber gedulden, ehe endlich die Hintergründe offengelegt werden. Schön wären zudem eine Karte oder auch Glossar zu speziellen Begriffen gewesen. Die Autorin baut einige isländische Begriffe ein, die kursiv gedruckt sind und nebenbei erklärt werden; trotzdem wäre es hilfreich, sie noch einmal gezielt nachschlagen zu können.

Unterm Strich ist Die Schwestern vom Eisfluss eine sehr atmosphärische Lektüre, die durchweg gut unterhält und berührt, wenn man sich auf ein etwas gemächliches Tempo einlässt.

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