Zwei Schwestern von Petra Oelker

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2017unter dem Titel „Zwei Schwestern“,, 176 Seiten.ISBN nicht vorhanden.

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Kurzgefasst:

Martin Luther hat zur Reformation aufgerufen, die Hamburger sind ihm gefolgt – eine neue Zeit bricht an. Das gilt auch für Reimare Hogenstraat: Sie war Nonne, jetzt ist sie nur noch eine Jungfer ohne den Schutz des Ordens, ohne den vertrauten Halt ihrer Gemeinschaft, ohne das Reglement des alten Glaubens. All ihrer Aufgaben beraubt, muss sie ihr Leben neu ordnen, einen neuen Sinn finden. Ist eine Heirat die Lösung? Die wohlhabende Witwe Anna Bünnfeld unterstützt ihre jüngere Schwester nach Kräften. Auch sie sucht ihren Weg in dieser unsicheren Zeit. Ein Testament muss geschrieben, ihr Vermögen neu geordnet werden – gilt es, selbst darin neuen Werten zu folgen? Beide Schwestern stehen vor der Entscheidung ihres Lebens ...

Das meint Histo-Couch.de: „Entscheidungen treffen“90Treffer

Rezension von Annette Gloser

Hamburg, im Jahr 1533: Der Hamburger Rat hat beschlossen, das Nonnenkloster Harvestehude aufzulösen. Die Bewohnerinnen des Klosters, allesamt Verwandte der Ratsmitglieder, fühlen sich von ihren Vätern, Brüdern, Onkeln und Vettern verraten. Aus dem Kloster vertrieben, heimatlos geworden, entschlossen sich einige von ihnen, in anderen Klöstern um Aufnahme zu bitten. Ein paar der ehemaligen Nonnen fanden bei ihren Familien Aufnahme, manche heirateten und haben nun eigene Familien, ein neues Heim. Aber es gab auch Nonnen, die weiter gemeinsam leben wollten – obwohl sie keine Nonnen mehr sein und kein eigenes Kloster mehr haben durften. Sie leben nun im ehemaligen Dominikanerkloster St. Johannis, sie haben dem katholischen Glauben abgeschworen und sind keine Nonnen mehr sondern werden Jungfern genannt. Aus der Äbtissin wurde so die Ehrwürdige Jungfrau Domina. Reimare Hogenstraat gehört auch zu den Jungfern. Zwar hat sie nun hier wieder ein Zuhause, aber zusammen mit dem Leben im Kloster hat sie auch regelrecht den Boden unter den Füßen verloren. Im Kloster war sie Lehrerin, aber kein Hamburger Bürger möchte jetzt seine Kinder von einer ehemaligen Nonne unterrichten lassen. Reimare sucht verzweifelt einen Weg für sich, einen Sinn für ihr Dasein.

Zur gleichen Zeit muss auch Reimares Halbschwester Anna Entscheidungen treffen, die ihr weiteres Leben und auch die Zeit nach diesem Leben beeinflussen werden. Neue Werte gelten nun, da die sich die Bürger Hamburgs alle zur reformierten Religion bekennen. Für Anna und Reimare stehen schwierige Entscheidungen an.

Das harte Gesicht der Reformation

Petra Oelker bleibt in diesem Roman ihrem Hamburg treu und widmet ihn auch ausdrücklich den Damen des altehrwürdigen St. Johannis-Stiftes. Sie beschreibt anschaulich die Konflikte und Seelennöte jener Frauen, die als „papistische Unruhestifterinnen“ aus ihrem Kloster und auch aus ihrem Glauben vertrieben wurden, denn Aufnahme in St. Johannis fanden nur jene, die sich zum reformierten Glauben bekannten. Petra Oelker ist es gelungen, sehr anschaulich darzustellen, welchen Verlust diese Frauen erlitten. Hier ging es nicht nur um Glaubensfragen, denn die ehemaligen Nonnen verloren wertvolle Güter, spirituell wichtige Kunstschätze und nicht zuletzt ihre Selbstbestimmung. Sehr schnell wird beim Lesen deutlich, wie verloren sich viele der Frauen gefühlt haben müssen. Dabei kam das Bekenntnis zum neuen Glauben keineswegs halbherzig von ihnen, sehen sie doch durchaus auch, wie notwendig Reformen in der Kirche sind. Mit Reimare Hogenstraat und Anna Bünnfeld hat die Autorin Protagonistinnen geschaffen, die stellvertretend für die große Masse der Hamburger Bürger stehen und jene Fragen stellen, die für die Menschen jener Zeit bedeutsam gewesen sein müssen. Und nicht auf jede Frage gibt es eine Antwort. Man kann beim Lesen nachvollziehen, dass die Reformation für viele Menschen offensichtlich ein schwieriger Prozess gewesen sein muss, eine Gewissensfrage, bei der man keine leichtfertigen Entscheidungen traf. Dieser Prozess hatte nicht nur gute Seiten sondern durchaus mitunter auch ein hässliches Gesicht.

Mit Einfühlungsvermögen und Fingerspitzengefühl

Petra Oelker nähert sich ihren beiden Hauptprotagonistinnen sehr sensibel, baut innere Konflikte auf, lässt nach Lösungen suchen. So wird in diesem Roman oft geschildert, wie jemand nachdenkt, mit sich ringt und verschiedene Möglichkeiten überdenkt. Das dauert seine Zeit und verlangt eben diese auch vom Leser. Dies ist kein Roman mit viel Aktion oder spannungsgeladenen Szenen. Der Roman bezieht seine Spannung aus diesen inneren Konflikten. Es geht eher hanseatisch ruhig und gelassen zu, was jedoch nicht bedeutet, dass Anna und Reimare über Nichtigkeiten brüten. Als Leser sollte man einfach genauso auch diese Ruhe aufbringen, um gemeinsam mit den beiden Frauen über die wichtigen Fragen nachzudenken, die für deren weiteres Leben entscheidend sind. Letztendlich sind es Fragen, die so mancher Leser vielleicht auch selbst an das Leben hat und für die er in diesem Roman möglicherweise sogar einen Denkanstoß bekommt.

Dabei gelingt der Autorin eine sehr plastische Schilderung Hamburgs in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Kein groß angelegtes Genrebild, eher kleine Skizzen, die lebhaft vor Augen führen, wie es sich damals in der Stadt lebte. Hier spürt man deutlich, wie gut die Autorin ihre Stadt kennt.

Ein Roman mit Tiefgang

Zwei Schwestern ist ein kleiner, aber sehr feiner Roman über Menschen, die in einer schwierigen Zeit darum ringen, das Richtige zu tun und ihrem Leben einen Sinn zu geben. Das Buch ist zauberhaft illustriert, eine sehr angenehme Zugabe, die der Verlag rororo dem Roman gegönnt hat. Leser, die sich Zeit nehmen wollen, die tief eintauchen möchten in die seelischen Nöte der Menschen in der Reformationszeit, sind hier gut beraten. Kein Buch, das sich auf die Schnelle liest, aber das mit Tiefgang und Menschenkenntnis punktet.

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