Verdi von Peter Härtling

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2015unter dem Titel „Verdi“,, 224 Seiten.ISBN 3-462-04808-2.

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Kurzgefasst:

Verdi hat mit »Aida« einen phänomenalen Erfolg gefeiert und versucht nun etwas Neues. Mit dem Streichquartett in e-Moll und dem Requiem überrascht er sich, sein Publikum und Peppina, seine zweite Frau und engste Vertraute. Und er beginnt, sich neben der Musik um anderes zu kümmern: seinen Landsitz Sant’Agata, in dessen Umgebung er ein Krankenhaus gründet, und die Casa di Riposi dei Musici, ein Altersheim für ehemalige Musiker in Mailand. Es folgen weltberühmte Kompositionen, besonders der »Otello« und der »Falstaff« in der spannungsreichen Zusammenarbeit mit dem Librettisten Arrigo Boito.

Das meint Histo-Couch.de: „Ein großartiges und besonderes Musikerleben“100Treffer

Rezension von Carsten Jaehner

Der berühmte italienische Komponist Giuseppe Verdi hat etwas Neues vor, etwas, was niemand von ihm erwartet. Man schreibt das Jahr 1873, seine letzte Oper „Aida“ triumphiert rund um die Welt, und im Geiste dieser Oper ist dem Meister die Idee zu etwas noch nie dagewesenem entstanden. Verdi ist 60 Jahre alt und weiß, dass die Zeit seiner großen Bühnenwerke, sein Zenit erreicht ist. Und so schreibt er während der Indisposition der Sängerin Teresa Stolz, die die Aida in Neapel singen sollte, sein einziges Streichquartett, das in privatem Kreise aufgeführt wird und wegen seines Erfolges tatsächlich auch bei seinem Verleger Ricordi in Druck geht.

Verdi wird nicht mehr viele Werke schreiben. Gemeinsam mit seiner Frau Guiseppina Strepponi, genannt Peppina, reist er durch Europa, um seine Werke zu hören und einzustudieren, wenngleich er eigentlich des Reisens bereits müde ist. Nach dem Streichquartett schreibt er sein Requiem, das seinen Ruhm als Komponist wenn nicht endgültig zementiert, so doch bestätigt und aufrechterhält. Ihm folgen noch die Oper „Otello“ und sein listiges Alterswerk „Falstaff“, beides Werke mit dem Komponisten Arrigo Boito als Librettisten, der ihn letztlich auch durch seine Dichtkunst zu diesen Werken animieren konnte.

Alt und gebrechlich und eigentlich nicht mehr zum Komponieren, geschweige denn zum Aufführen und Dirigieren fähig, schreibt er seine letzten Werke, die Chorstücke „Quattro Pezzi Sacri“, eigentlich für sich selbst und die Schublade, letztlich aber doch von Ricordi verlegt, wie er alle Werke Verdis verlegt hat. Den Verlust seiner kranken Frau Peppina verkraftet Verdi nicht mehr und stirbt, vier Jahre nach ihr, Ende Januar 1901 in Mailand.

Ein Einblick in das Leben des großen Maestro

Peter Härtlings klügster Schachzug seiner Romanbiografie über den großen italienischen Komponisten ist es, nicht vorne anzufangen, sondern zu einem Zeitpunkt, da Verdi bereits ein berühmter Mann ist, alle Kämpfe mit seinen Feinden und Missgönnern ausgefochten sind und er nur noch seinen Ruhm ernten und geniessen muss, wenn ein bescheidener Mann wie Verdi hierzu überhaupt fähig ist. Zu Beginn des Romans, der in „neun Fantasien“ eingeteilt ist, ist Verdi bereits sechzig Jahre alt und seine „Aida“ beglückt seit zwei Jahren die Opernhäuser der Welt.

Mehr als ein kleines „Geheimnis“ komponiert er auf Aidas Motive ein kleines Streichquartett in den Pausen zu den „Aida“-Proben und schafft hiermit erst etwas privates, da er selten so nervös war, wir bei einer kleinen Aufführung mit persönlich ausgewählten Orchestermusikern als Solisten. Wenn Härtling solche Momente beschreibt, fühlt man sich als Leser fast als eine Art Mitverschwörer, man ist Fan von Verdis Musik und wohnt etwas im wahrsten Sinne des Wortes „Unerhörtem“ bei, einer privaten Weltpremiere eines Weltkomponisten, und es ist nicht klar, ob dieses Streichquartett ausserhalb dieses Raumes jemals das Licht der Welt erblicken wird. Härtling macht diesen und viele kommende Momente durch seine klare, aber doch leicht romantische Sprache zu etwas Besonderem, und dieser Stil zieht sich erfreulicherweise durch den kompletten Roman.

Man mag ihn, aber man mag ihn nicht stören

Härtling lässt den Leser teilhaben an vielen weiteren besonderen Momenten in Verdis Leben, die dieser wahrscheinlich selber als gar nicht so besonders empfunden hätte. Verdi hasste jeden Trubel um seine Person, auch das weiß Härtling zu berichten, aber Verdi weiß auch, dass, wer Opern schreibt, auch mit dem dazugehörigen Ruhm leben muss. Also begibt sich Verdi zu den Opernhäusern der Welt, wo seine Werke gespielt werden. Mailand, Paris, Neapel, Venedig, Wien, Berlin, und immer wieder dazwischen sein Landsitz, den er für sich und Peppina erworben hat, dabei die Baustelle eines Altersheims für pensionierte Musiker, das er durch die Tantiemen seiner Werke baut und unterhalten will. Härtling erkennt jeden Charakterzug Verdis, der den Mann vervollständigt, und so setzt sich neben dem Bild des Mannes, des Maestros, wie er selber sich nie genannt hätte, auch ein Bild der Zeit zusammen.

Auch wenn Härtling keine Daten nennt, so umspannt der Roman doch dreißig Jahre, in denen sich Verdis Werke um die Welt spielen und der italienische Staat auch politisch im Wandel ist. Da Verdi einmal Parlamentsmitglied war, ist er immer noch interessiert am Tagesgeschehen, und so lernt der Leser auch einiges über die Zeit kennen. Sprachlich ist es ein Genuß, Härtlings Buch zu lesen, und er versteht es, den besonderen Momenten in Verdis Leben auch für den Leser etwas Besonderes zu verleihen. Große Ehre bei Weltpremieren wie dem Falstaff, wenn Verdi einen Applaus nach dem nächsten über sich ergehen lassen muss und ihn das mehr erschöpft als die Komposition der Oper. Die kleinen Streitereien unter den Musikern, vor allem den Sängern, wo manches Machtwort des Komponisten, dem man nicht wagt, Widerworte zu geben, vonnöten ist. Starke Worte, starke Auftritte Verdis, wenn auch ungeliebt, so doch manchmal notwendig.

Großartige Sprache

Härtling hat sich in seinen Romanbiografien über Musiker und Musik hauptsächlich mit der Romantik beschäftigt und biegt mit „Verdi“ in die italienische Romantik ab. Dieser Ausflug ist ein lohnenswerter Roman, der nicht nur unter Musikern seine Liebhaber finden dürfte und sollte. Härtlings Sprache ist lebendig und angemessen, und man wünscht sich, man hätte Verdi selber kennengelernt, vielleicht nur aus der Ferne, um ihn nicht zu stören, aber zumindest einmal den großen ehrwürdigen Maestro persönlich gesehen zu haben, einmal in diese Augen geschaut zu haben, hinter denen sich das Gehirn befindet, das so viele Notenfolgen erdacht hat und damit so vielen Menschen aus der Seele gesprochen hat. Dass ein Buch diesen Wunsch sich äussern lässt, macht es zu etwas Besonderem. „Verdi“ weckt das Bedürfnis, sich auch mit den anderen Romanbiografien Härtlings zu beschäftigen. Und das ist das Beste, was man über ein Buch und einen Autor sagen kann. Großartige Literatur.

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