Das Hurenschiff von Martina Sahler

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2014unter dem Titel „Das Hurenschiff“,, 336 Seiten.ISBN 3-426-51383-8.

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Kurzgefasst:

London im 18. Jahrhundert: Auf der berühmt-berüchtigten Lady Juliana, dem Segelschiff, das Straftäterinnen nach Australien bringt, treffen sie aufeinander: die zarte Claire, die unschuldig für einen Diebstahl büßen soll; die blutjunge Molly, die ein Verbrechen beobachtet hat und selbst verhaftet worden ist; die zupackende Rose und die bärbeißige Dorothy. Auf See müssen sich die Frauen in der brutalen und erbarmungslosen Männerwelt auf dem Schiff behaupten. Jack Barnes, der Steuermann, hat ein Auge auf Claire geworfen. Doch die junge Frau kann ihren Verlobten Henry nicht vergessen und hofft auf ein Wiedersehen ...

Das meint Histo-Couch.de: „Von der Heimat verstoßen“81

Rezension von Annette Gloser

Als die englische Regierung im Jahr 1788 beschließt, Australien nicht mehr nur ausschließlich mit strafgefangenen Männern zu besiedeln, sondern diese Männer zur Gründung von Familien und zum Bleiben auf dem fernen Kontinent zu motivieren, werden hunderte Frauen zur Deportation nach Australien verurteilt. Einige von ihnen werden auf die HMS „Lady Juliana“ gebracht und sollen mit diesem Schiff in die Strafkolonie am anderen Ende der Welt fahren. Dort sollen sie Männer finden, Kinder bekommen und das neu entdeckte Land besiedeln. Der erst vierzehnjährigen Hure Molly und ihrer Freundin Hannah wurde der Diebstahl eines Käses zum Verhängnis, ihre Puffmutter Dorothy wird der Testamentsfälschung beschuldigt. Mit auf dem Schiff sind auch Rose, die Königin der Diebe, und Claire, die der Liebe wegen ihr Elternhaus verlassen hat und noch immer glaubt, nur wegen eines schrecklichen Missverständnisses verurteilt worden zu sein.

England hat sie alle ausgespuckt und ihnen den Rücken zugewandt. Für die Frauen beginnt eine schier endlos scheinende Reise über den Ozean, hin zu einer ungewissen Zukunft und für die meisten ohne Hoffnung auf Wiederkehr.

Eine (fast) wahre Geschichte

Martina Sahler erzählt hier eine wahre Geschichte. Sicher, die meisten Protagonisten sind erfunden, aber einige der handelnden Personen hat es tatsächlich gegeben und sie fuhren ebenso tatsächlich auf der „Lady Juliana“ mit einer Ladung verurteilter Frauen nach Australien. Natürlich hat man schon einmal davon gehört, dass Australien und die amerikanischen Kolonien zuerst mit verurteilten Verbrechern besiedelt wurden, aber wie das genau ablief, was das für die Betroffenen bedeutete, davon hat man meist nur eine nebulöse Vorstellung. Martina Sahler dagegen taucht ein in diese Welt, führt ihre Leser geradewegs an Bord des Hurenschiffes, unter Deck in den stinkenden Frachtraum ebenso wie in die Kajüten der Offiziere. Manch eine Frau hat Glück und kann sich zumindest die Überfahrt dadurch erleichtern, dass sie einem Seemann als Gefährtin auf Zeit zur Verfügung steht. Unter den Frauen und auch zwischen den Frauen und der Mannschaft entwickeln sich interessante Beziehungen, Träume und Wünsche blühen auf oder platzen wie Seifenblasen. Dies macht einen guten Teil der Spannung in diesem Roman aus.

Dabei sind der Autorin sehr unterschiedliche und ausgesprochen interessante Charaktere gelungen. Die Seeleute bleiben etwas blasser, das Hauptaugenmerk der Erzählerin liegt eindeutig auf den Frauen, diese jedoch bieten einen illustren Querschnitt durch den Bodensatz der englischen Gesellschaft. Jede einzelne der Hauptprotagonistinnen hat ihren eigenständigen Charakter und bietet dem Leser Einblick in die vielfältigen Möglichkeiten der menschlichen Psyche.

Spannung auf engstem Raum

Die Autorin erzählt geradlinig und mit leichter Hand, ohne große Abschweifungen, bleibt dabei immer dicht bei ihren Protagonisten. So spielt die Handlung auch fast ausschließlich auf dem Schiff, einem eng begrenzten Raum, und doch wird es nie langweilig und es gibt keine Längen, die man gerne überblättern würde. Möglicherweise erscheint die eine oder andere Handlung etwas übertrieben oder andere Begebenheiten auch etwas schnulzig, im Wesentlichen bietet dieser Roman jedoch sehr viel Realismus. Martina Sahler hat für ihr Buch offenbar nicht nur die Aufzeichnungen des Stewards recherchiert und es ist ihr gelungen, die Atmosphäre an Bord für den Leser greifbar zu machen. Oft sind es die kleinen Details, die hier so manchen auf den Boden der Tatsachen zurückholen können. Die Hoffnungen und Wünsche der Gefangenen werden nacherlebbar, so dass man bald mit ihnen bangt oder sich mit ihnen freut. Der interessanteste Charakter ist jedoch zweifelsohne Puffmutter Dorothy, voller Ecken und Kanten, da muss man schon Mut haben, wenn man die sanften Seiten dieser Dame entdecken will.

Unterhaltsam und berührend

Das Hurenschiff ist ein lebendiger, gut geschriebener Roman, der Einblick in ein finsteres Kapitel englischer Geschichte gibt. Das Nachwort der Autorin geht nochmals auf die historischen Fakten ein, die das Fundament für diesen Roman bilden. Ein Personenverzeichnis und eine Karte der Route vervollständigen die Ausstattung des Romans. Aus der Karte geht auch recht deutlich hervor, warum es für die „Lady Juliana“ Sinn machte, in Rio de Janeiro anzulegen, also den Atlantik zweimal zu überqueren.

Aus einem interessanten Sujet wurde hier eine unterhaltsame und berührende Geschichte. Es lohnt sich sehr, diesen Roman zu lesen.

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