Rattenlinien von Martin von Arndt

Buchvorstellungund Rezension

Rattenlinien von Martin von Arndt

Originalausgabe erschienen 2016unter dem Titel „Rattenlinien“,, 301 Seiten.ISBN 386913724X.

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Kurzgefasst:

Europa 1946: Der Kontinent liegt in Schutt und Asche, und einer der entsetzlichsten Hungerwinter des Jahrhunderts wirft seine Schatten voraus. Die deutschen Mörder versuchen sich auf den sogenannten „Rattenlinien“ über die Alpen und Italien nach Übersee abzusetzen. Andreas Eckart, in der Weimarer Republik bei der Berliner Kripo und später in die USA geflohen, wird von einem Spezialkommando der Amerikaner angeheuert, Jagd auf flüchtige Kriegsverbrecher zu machen – schließlich konnte Eckart früher wertvolle Erfahrungen im Naziabwehrkampf sammeln und spricht perfekt Italienisch. Zunächst zögert der traumatisierte und in die Jahre gekommene Exkommissar – doch schnell wird klar, dass die Amerikaner seinen ehemaligen Kollegen und Rivalen Wagner, den „Schlächter von Baranawitschy“, im Visier haben. Die Spur führt zu einem geheimnisvollen Kloster in den Alpen ...

Das meint Histo-Couch.de: „Ungezählte Flüchtlinge zieht es nach Übersee“85Treffer

Rezension von Jörg Kijanski

Andreas Eckart hatte einen großen Traum. Nach Ende des Ersten Weltkrieges wollte er mithelfen, einen demokratischen Rechtsstaat aufzubauen und ging zur Berliner Kriminalpolizei. Später wechselte er zur Politischen Polizei und versuchte gegen die aufkommenden Nazis in den eigenen Reihen vorzugehen. Einer seiner ärgsten Widersacher war sein früherer Assistent Gerhard Wagner, der im Dritten Reich aufstieg und rücksichtslos gegen seinen früheren Chef vorging. Wagner, zum SS-Obersturmbannführer emporgekommen, war es auch, der Eckart 1934 dazu veranlasste, nach Amerika zu fliehen. Später organisierte er die erste Phase der Judenvernichtung in Polen und Weißrussland.

„Rattenlinien sind Wege, über die Agenten in Feindgebiete hinein- oder aus ihnen herausgeschleust werden. In unserem Fall sind es allerdings keine Agenten, sondern Nazis, die alte Schleichwege nutzen, um zu entkommen.“

Alles lange her, jetzt schreibt man Ende 1946. Eckart, inzwischen sechzig Jahre alt, wähnt sich im Ruhestand, als er von einem ranghohen Mitarbeiter des Counter Intelligence Corps, dem neuen amerikanischen Geheimdienst, angesprochen wird. Man wolle endlich den Naziverbrechern habhaft werden, den großen Nazis, den Goldfasanen, von denen viele versuchen über den Brennerpass nach Südtirol und von dort beispielsweise nach Genua zu gelangen, wo sie per Schiff nach Übersee auswandern können. Zusammen mit dem CIC-Agenten Dan Vanuzzi bricht Eckard auf, um in Italien den „Schlächter von Baranawitschy“ zu jagen: Gerhard Wagner.

Nach „Tage der Nemesis“ erneut ein großartiges Werk

Bereits Tage der Nemesis, in dem es thematisch um den Völkermord an den Armeniern während des Ersten Weltkrieges ging, sorgte für Aufsehen und war ein ebenso spannendes wie nachdenklich stimmendes Werk. Rattenlinien, der neue Roman von Martin von Arndt, steht seinem Vorgänger in nichts nach und ist ebenfalls ein beeindruckendes zeithistorisches „Geschichtsbuch“. Die Spuren des Zweiten Weltkrieges sind noch bestens sichtbar, allein München ist zu neunzig Prozent zerstört. Die Menschen haben kaum etwas zu essen, weitere Versorgungsengpässe drohen, Zigaretten sind das beliebteste Zahlungsmittel. Vielerorts sind die Menschen auf der Flucht. Von Innsbruck über den Brenner und von dort weiter in die italienischen Hafenstädte, wo eine Schiffspassage nach Übersee lockt. Viele Juden wollen nach Palästina, um dort den Staat Israel zu gründen; viele Nazis zieht es nach Südamerika, um einer Verfolgung durch die Siegermächte zu entgehen. Argentinien steht besonders hoch im Kurs.

„Von wie vielen SS-Leuten auf der Flucht reden wir hier?“

„Wir gehen davon aus, dass allein dieses Jahr neuntausend Ukrainer...“

„Neun-tausend...?“

„Neuntausend, von denen wir wissen. Die nach Kanada ausgewandert sind. Kanada ist nicht gerade das beliebteste Auswanderungsziel.“

„Neun-tausend...?“

„Und das waren nur die Ukrainer, Mr. Eckart …hier ist nachts mehr los als vor dem Krieg auf deutschen Autobahnen.“

Auch wenn die beiden Romane Tage der Nemesis und Rattenlinien thematisch nur bedingt miteinander zu tun haben, sollte man unbedingt Tage der Nemesis vorab gelesen haben. Die Figur des Andreas Eckart ist interessant, verstrickt sich immer wieder zwischen aufrechtem Demokraten und „verblendetem“ Nazihasser, der gerne mit dem sprichwörtlichen Kopf durch die Wand geht. Diplomatie ist nicht sein Fach. Neben Eckart und Wagner begegnet der Leser auch Ephraim Rosenberg wieder. Anfang der 1920er Jahre Eckarts wichtigster Mitarbeiter, fiel er in den 1930er Jahren ebenfalls Wagner in die Hände.

Böser Nazi, guter Russe – Guter Nazi, böser Russe

Neu an Eckarts Seite ist der undurchsichtige Vanuzzi, der offenbar ein ganz eigenes Spiel betreibt. Doch Eckarts Verblüffung könnte nicht größer sein als er (fast zu spät) erkennt, wer der eigentliche Feind ist. Die politische Lage hat sich nach Kriegsende stark verändert. Gestern noch die Waffenbrüderschaft mit den Russen gegen die verhassten Nazis, werden heute ranghohe Nazis hofiert, um sie gegen die drohende Gefahr des Kommunismus einzusetzen. Auch von einem katholischen Bollwerk in Südamerika ist plötzlich die Rede. Wie sich die Amerikaner und der Vatikan im Kampf gegen ein drohendes „rotes Europa“ durch die neue politische Gemengelage lavieren ist erschreckend. Die Moral wird kurzerhand geopfert.

„Die Kommunisten sind zwar entgegen unseren schlimmste Befürchtungen nur drittstärkste Kraft geworden, aber wir wissen nicht, wie lange die von den Christdemokraten angeführte Koalition hält …es bahnt sich ein Zusammenschluss von Sozialisten und Kommunisten an, und sollte es dann zu Neuwahlen kommen, wäre das …problematisch!“

„Ja, das ist das Lästige an demokratischen Wahlen – man weiß nie, was am Ende dabei herauskommt.“

Wer ein Faible für zeitgeschichtliche Spannung hat, der lernt ein weiteres, dunkles Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte kennen. Freund und Feind sind schwer zu unterscheiden, politische Ziele werden neu justiert. Wer nicht aufpasst, gerät unter die Räder der Macht. Dies gilt auch für Eckart und Rosenberg. 

Ihre Meinung zu »Martin von Arndt: Rattenlinien«

Missesleila zu »Martin von Arndt: Rattenlinien«29.05.2017
Gut gemachter Kriminalroman. Gut rechercheriert. Hoffentlich gibt es bald mehr. Der Roman, den er davor schrieb, ging um die Mitschuld des Deutschen Reiches am Mord der Armenier durch die Türken. Vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklung interessant zu lesen. Hoffentlich schreibt Martin von Arndt weiter Romane.
louella2209 zu »Martin von Arndt: Rattenlinien«20.02.2017
Inhalt:

Nazi-Verbrecher treten scharenweise die Flucht über die sogenannten „Rattenlinien“ an, um sich in die entferntesten Winkeln abzusetzen. Sie entgehen somit der juristischen Verfolgung durch die Alliierten. Andreas Eckart, der sich nach seinem Dienst bei der Berliner Kripo, in die USA abgesetzt hat, wird von einem amerikanischen Spezialkommando auf den „Schlächter von Baranawitschy“ Gerhard Wagner angesetzt. Er soll seine Flucht über die Alpen verhindern und ausliefern. Ihm wird dabei der Agent Dan Vanuzzi an die Seite gestellt. Ein undurchschaubarer Kollege, mit seiner ganz eigenen Geschichte, der sich nicht gerne in die Karten schauen lässt. Ihre Zusammenarbeit lässt anfangs zu wünschen übrig. Vanuzzi klinkt sich immer wieder aus und Eckart ermittelt, bei der Suche nach Wagner, vermehrt auf eigene Faust. Die Spur führt die beiden zu einem mysteriösen Kloster und bald macht den Agenten nicht nur der Jahrhundertwinter zu schaffen. Sie geraten zwischen die Fronten und nehmen eine unfreiwillige Rolle in einem falschen Spiel ein.

Meine Meinung:

Die Fluchtroute über die Alpen nach Italien, um dann nach Übersee zu gelangen, wird auch als die „Rattenlinien“ bezeichnet und wurde nach Kriegsende von vielen hochrangigen Nazis genutzt. Sogar die katholische Kirche war involviert und unterstützte Nazi-Verbrecher bei dem Versuch sich abzusetzen. Die „Rattenlinien“ waren mir schon vorher oberflächlich ein Begriff, jedoch ohne mich näher mit dem Inhalt zu befassen. Ein Grund, den Roman von Martin von Arndt unbedingt lesen zu müssen und meine hohen Erwartungen wurden sogar noch übertroffen.

Das dunkle Kapitel deutscher Geschichte thematisiert der Autor Martin von Arndt in seinem spannenden und tiefgründigen Polit-Krimi, der mit akribischer Recherche versehen ist und dabei auf hohem Niveau unterhält. Sein Schreibstil besticht mit rauer Geradlinigkeit und er verleiht seinen Protagonisten ein unwiderstehlich sprödes Charisma.

Zeitgeschichtliche Fakten werden informativ verpackt in die Geschichte verwoben. Darin versteht sich Martin von Arndt wie kein zweiter. Er legt den Finger in eine Wunde, die niemals verschlossen werden darf und erschüttert die moralischen Werte des Westens und der Kirche in seinen Grundfesten.

Ein Roman, der aus der breiten Masse heraus sticht und die volle Aufmerksamkeit des Lesers verdient. Ich hoffe auf viele weitere Romane des Autors.
mabuerele zu »Martin von Arndt: Rattenlinien«04.02.2017
„...Wir wollen keine gute und wir wollen keine schlechte Presse, wir wollen gar keine, das ist das Geschäft der Nachrichtendienste...“

Kommissar Andreas Eckart lebt seit 12 Jahren in der USA im Exil. Sein Freund Liam hat ihn nicht nur aus Deutschland gebracht, sondern ihm auch eine Wohnung in seiner Villa gegeben.
Seit kurzem ist der Krieg in Europa vorbei. Als Colonel Howard Swartz in der Villa erscheint, weiß Eckart noch nicht, dass für ihn das nächste Abenteuer seines Lebens beginnt.
Der Autor hat einen spannenden Politthriller geschrieben. Im Mittelpunkt steht die Rattenlinie, ein Fluchtweg durch Südtirol und Italien, der ehemaligen Nazigrößen eine neue Zukunft in Übersee ermöglicht. Das Buch lässt sich zügig lesen und hat mich schnell in seinen Bann gezogen.
Eckart spricht perfekt italienisch. Zusammen mit Vanuzzi, einem amerikanischen Kollegen, soll Eckart die Flucht des SS-Obersturmbannführers Wagner verhindern. Wagner war einst ein Untergebener von Eckart und mit Beginn des NS-Regimes sein erklärter Feind. Dabei wird ihnen allerdings klar gemacht, dass sie auf sich allein gestellt sind und im Ernstfall keine Unterstützung des CIC, dem amerikanischen Geheimdienst, erwarten können.
Der Schriftstil des Buches ist abwechslungsreich. Es gibt spannende und rasante Szenen, denn Wagner scheint den Ermittlern immer einen Schritt voraus zu sein. Betroffen machen die kursiven Teile, die zeigen, wie brutal Wagner mit Rosenberg, eine jüdischen Kriminalisten, umgegangen ist.
Eckart begibt sich auf seiner Recherche nicht nur nach Südtirol, sondern auch nach Rom. An beiden Stationen wird sachlich beschrieben, wie leicht es den SS- und Gestapoleuten gemacht wurde, unterzutauchen. Speziell in Südtirol konnten sie mit der Unterstützung eines Teiles der einheimischen Bevölkerung rechnen. Aufgedeckt wird auch die Rolle des Roten Kreuzes und der katholischen Kirche. Es macht betroffen, wie schnell das während des Krieges Geschehene verdrängt und Täter zu reuigen Katholiken gemacht wurden..
Die Landschaft wird mit treffenden Metaphern beschrieben. Die Eiseskälte auf den Gipfeln und Wegen während des Wartens war fast nachfühlbar. Auch Eckarts Erschütterung beim Anblick des durch Bomben zerstörten Münchens wirkt authentisch.
Natürlich gibt es an passenden Stellen einen Rückblick auf Eckarts Leben und seine persönlichen Erfahrungen mit Wagner.
Bald zeigt sich, dass der amerikanische Geheimdienst sein eigenes Süppchen kocht. Im Kampf gegen die rote Gefahr sind alle Mittel erlaubt. Als Eckart Swartz auf die Schliche kommt, fällt nicht nur obiges Zitat, ihm wird unverhüllt gedroht. Überhaupt gehören die Dialoge zu den besonderen stilistischen Höhepunkte. Hier wird es konkret und manchmal heftig.
Ein Verzeichnis der Zitate, ein Glossar und Übersetzung fremdsprachiger Begriffe ergänzen das Buch.
Das Cover mit der einsamen Hütte vor dem schneebedeckten Gipfel wirkt bedrückend.
Das Buch hat mir ausgezeichnet gefallen. Es zeigt in einer fesselnden Handlung das schmutzige Geschäft der Geheimdienste. Menschlichkeit und Gerechtigkeit spielen keine Rolle mehr, wenn es um eigene Interessen in der Weltpolitik geht. Leider hat sich daran bis heute wenig geändert!
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