Frontsignale von Marcus Imbsweiler

Buchvorstellungund Rezension

Frontsignale von Marcus Imbsweiler

Originalausgabe erschienen 2011unter dem Titel „Frontsignale. Komponieren in Zeiten des Krieges“,, 171 Seiten.ISBN 3941657208.

»Frontsignale« kaufen oder zum Merkzettel hinzufügen

bestellen bei amazon

in mein Bücherregal

Kurzgefasst:

In vier Erzählungen um die Komponisten Haydn, Schubert, Holst und Schostakowitsch wird nach den Berührungspunkten von Musik und Gewalt geforscht. Zwei Komponisten werden verhört. Eine Messe erzählt vom Schrecken des Krieges. Orden sind umzutauschen. „Böse Menschen kennen keine Lieder“, so heißt es. Traditionell gilt Musik als die friedlichste aller Künste, als ein Gegenpol zu Brutalität und Krieg. Dabei war das Leben der meisten klassischen Komponisten von Konflikten überschattet, gehörte die Auseinandersetzung mit staatlichem Terror, Willkür und Machtpolitik zum Alltag. Welche Auswirkungen hatte dies auf ihr Schaffen? Und sind die Entstehungsbedingungen nicht ein wesentlicher Bestandteil jeder Komposition?

Das meint Histo-Couch.de: „Komponieren in Zeiten des Krieges“80

Rezension von Carsten Jaehner

Der englische Komponist Gustav von Holst wird während des Ersten Weltkriegs zur Polizeiwache zitiert, um sich wegen seines deutschstämmigen Nachnamens zu rechtfertigen. Joseph Haydns letzte Kompositionen sind geprägt vom parallel stattfindenden Krieg.

Dmitri Schostakowitsch soll seine durch seine Kompositionen erhaltenen Stalin-Orden zurückgeben und gegen Orden mit neuem Konterfei umtauschen. Franz Schubert wurde verhaftet, weil er angeblich mit einem Terroristen befreundet gewesen sein soll.

Vier Komponistengeschichten

Vier Erzählungen aus vier verschiedenen Komponistenbiographien hat der Autor Marcus Imbsweiler verfasst und unter dem Thema „Komponieren in Zeiten des Krieges” zusammengestellt. Leider ist das Thema “Krieg” immer wieder aktuell, egal, wann man die Geschichten darüber schreibt oder liest. Doch zeigt er anhand der vier Musikerschicksale, wie verschieden damit umgegangen wird oder werden kann.

Gerade die erste Erzählung ist auch die klar verständlichste von allen. Der Komponist Gustav von Holst, der nach dem Ersten Weltkrieg das "von” aus seinem Namen strich, wandert zur zuständigen Polizeistation von Thaxted, wo er von Seargent Smith verhört werden soll, der aber noch nicht da ist. So übernimmt Konstabler Brown das Gespräch, denn er ist eingeweiht, aber unerfahren. Und so nimmt das Gespräch seinen Lauf, und schließlich kommt man auf den Knackpunkt, ob er denn richtiger Engländer wäre bei dem Namen und was denn sein Beitrag zum Krieg wäre.

Nicht nur, dass sich Konstabler Brown für ein Mädchen interessiert, das im Chor mitsingt und er daher erwägt, in den Chor einzutreten, er entlockt Holst auch, dass dieser gerade an einer Orchstersuite arbeitet, die von den Planeten handelt, und der erste davon, Mars (der Kriegsgott) ist fast fertig. Holst ist Pazifist, hat sich aber bereits kompositorisch damit beschäftigt, da er selbst wegen seiner Lungenkrankheit nicht in die Armee darf. Holst ist also ein Komponist, Engländer, der sich seiner Pflichten wohl bewusst ist und seinen bescheidenen Beitrag leistet.

„Soll ich vielleicht Märsche zur Erbauung der Truppen schreiben?”

“Warum nicht?”

„Damit die jungen Leute besser kämpfen, ja? Dass sie sich mit heißem Herzen auf den Feind stürzen? Das ist doch lächerlich, Konstabler. Welche Vorstellung...”

Haydns Abschnitt ist eher collagenhaft gehalten. Da wird erzählt von Menschen, was sie fühlen, wenn sie sein “Gott erhalte Franz den Kaiser” gehört haben und für einen Moment innehalten und dass bei Haydns Musik immer der Mensch im Mittelpunkt steht. Was ist der Mensch? Fragt man an einigen Stellen, und auf einer Medaille; die Haydn verehrt wird, stehen neben seinen Initialen die Worte "Nicht ganz sterben”.

Auch Haydn war nicht für den Krieg, wenngleich er seine großen Oratorien wie Die Schöpfung und Die Jahreszeiten zur Zeit der Besatzung Napoleons komponiert hat und damit für einen Gegenpol gegen den Krieg gesorgt hat. Seine Musik liess die Menschen für einen Moment aufhorchen, und auch seine Kompositionen brachten dem Hörer seine Gefühle wieder, wie beispielsweise in seinen späten Streichquartetten.

Vor, nach und während des Kireges

Dmitri Schostakowitsch war ein scheuer Komponist, der immer Angst vor der Staatsmacht hatte und geht nun durch die Gorkistrasse in Moskau und soll nun im Ministerium seine erhaltenen Stalinorden gegen neue, nach-stalinistische Staatsorden eintauschen. Dabei spürt er überall den Atem der Bürokratie, den Terror der Staatsgewalt, die Vergangenheit in Form von Stalin, dessen Andenken überall nach seinem Tod entfernt wird, so wie Schostakowitsch auch seine Medaillen abgegeben soll.

Schostakowitsch bekam wie einige andere Komponisten einst von Stalin den Auftrag, eine neue Nationalhymne zu schreiben. Mit dem Tod Stalins 1953 kam allgemeine Erleichterung auf, und viele Dekrete und Regeln wurden wieder rückgängig gemacht. Alle Menschen konnten wieder aufatmen, auch die Musiker und Künstler, die nun nicht mehr (nur) festgelegt waren. Und die Möglichkeit, bis dahin verbotene Kompositionen wie Schostakowitschs Vierte Symphonie doch einmal aufführen zu können, steigt. Dass Schostakowitsch am Ende zum neuen Vorsitzenden des russischen Komponistenverbandes ernannt wird, freut auf der einen Seite, da er aber auf der anderen Seite dafür Parteimitglied der KPdSU sein muss und man ihn dafür bereits vorgemerkt hat, ohne ihn zu fragen, ist ein Treppenwitz sowjetischer Geschichte und passt auch ins heutige Russlandbild.

Franz Schubert wurde 1820 für kurze Zeit verhaftet, weil der Vater seines Freundes Senn gerüchteweise ermordet worden sein soll und nun von allen näheren Freunden und Bekannten deren Gesinnung erfragt werden soll. Schubert befand sich damals in einer Schaffenskrise, wie die jeder Künstler einmal hat, und das Verhör mit ihm hat auch Auswirkungen auf seine Schaffenskraft gehabt, da sie in dieser Zeit recht gering war.

„Fürchten Sie ihn?”

“Wen?”

„Herr Schubert! Den Tod.”

“Du meine Güte. Alle fürchten ihn.”

„Katholiken sollten diese Furcht nicht haben. Sie sind doch Katholik.”

“So steht es in meinem Taufeintrag.”

„Verdammt noch mal! Furcht – ja oder nein? Letzte Chance, du fetter kleiner Scheisser!”

“Wenn Ihnen so viel daran liegt: Ja, ich fürchte ihn. Aber mehr noch fürchte ich die Menschen, die ihn bringen.”

Die Zusammenstellung von Imbsweilers Kurzgeschichten zeigt vier Komponistengeschichten auf, die alle in verschiedenen Weise und aus verschiedenen Blickwinkeln mit dem Krieg und dem Tod assoziiert werden. Dabei sind die Geschichten mal mehr, mal weniger klar verständlich, aber die Botschaft des Buches ist gleichermassen kriegsverachtend wie leider auch aktuell.

Imbsweiler versteht es, den Leser in die jeweilige Situation zu holen, wenngleich er es ihm nicht immer leicht macht. Immerhin schlüsselt sein Nachwort einiges auf, was dem Leser zuvor unverständlich geblieben sein mag.

Kunst und Krieg

Insgesamt ist Frontsignale eine lohnenswerte Sammlung von vier Kurzgeschichten, die den Leser zum Nachdenken anregen, aber auch einen Blick in das Wesen der vier Komponisten und ihre Art zu Komponieren geben. Das Buch regt an, sich näher mit deren Musik zu beschäftigen und vielleicht auch einen intensiven Blick in ihre Biographien zu werfen. Denn Musik ist, wie alle anderen Künste auch, immer auch von ihrer Zeit und ihrer Umgebung inspiriert, und vielfach auch in diesem Zusammenhang zu verstehen. Nicht nur ein schöner Geschenkband für Musikfreunde, sondern auch für solche, die es werden wollen. Empfehlenswert.

Ihre Meinung zu »Marcus Imbsweiler: Frontsignale«

Ihr Kommentar zu Frontsignale

Hinweis: Fragen nach einem fertigen Referat, einer Inhaltsangabe oder Zusammenfassung werden gelöscht.