Der Psalmenstreit von Maarten 't Hart

Buchvorstellungund Rezension

Der Psalmenstreit von Maarten 't Hart

Originalausgabe erschienen 2007unter dem Titel „Het Psalmenoproer“,deutsche Ausgabe erstmals 2007, 420 Seiten.ISBN 3-492-04953-2.Übersetzung ins Deutsche von Gregor Seferens.

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Kurzgefasst:

Es gibt Komplikationen am Vorabend des Aufruhrs um einen neue Bibelübersetzung! »Zwei Schiffe mehr, du wirst Gott loben und preisen, du wirst der größte Reeder von Maassluis sein.« So einfach stellte sich seine Mutter das vor. Doch um diese Schiffe zu bekommen würde Roemer Stroombreeker zunächst einmal Diderica heiraten müssen, ein abscheulicher Gedanke, denn Diderica überragte ihn um Haupteslänge, und ihr Geruch erinnerte ihn an einen riesigen Heilbutt. Natürlich, man schrieb das Jahr 1739, der Heringsfischerei war keine goldene Zeit beschieden in diesen Tagen, und auch die Reederfamilie der Stroombreekers mußte schauen, wo sie blieb – aber sollte Roemer dafür auf die Liebe der mittellosen Anna Kortsweyl verzichten?

Das meint Histo-Couch.de: „Geschichte zum Anfassen“92Treffer

Rezension von Carsten Jaehner

Im niederländischen Maassluis des Jahres 1739 wächst der junge Reederssohn Roemer Stroombreker auf. Er lebt bei seiner Mutter und wird von Meister Spanjaard unterrichtet, dessen Sohn Thade sein bester Freund ist. Er erbt die beiden Schiffe seines Vaters und soll Diderica Croockewerff heiraten, die zwei weitere Schiffe mit in die Ehe bringt, sonst aber keinerlei Reize zu bieten hat. Beide sind von diesem Arrangement nicht begeistert, aber sie wollen sich auch nicht gegen den Willen ihrer Eltern setzen.

Eigentlich liebt Roemer jedoch Anna Heldenwier (und sie ihn auch), aber sie hat einen seiner Seefahrer geheiratet. Und doch treffen sich die beiden gelegentlich, was in einem Fall nicht ohne Folgen bleibt, und Anna wird schwanger. Sie schaffen es, den wahren Vater des Babys namens Gilles zu verheimlichen, doch der entwickelt sich zu einem ziemlichen Rabauken und Herumtreiber.

Der neue König hat inzwischen eine neue Art angeordnet, in der Kirche Psalmen zu singen. Die alte, lange Weise soll durch eine neue, kurze ersetzt werden. In Maassluis bilden sich schnell zwei Lager für den alten beziehungsweise den neuen Ton, was zu Handgreiflichkeiten führt. Die Stadt droht, durch den Zwist entzweit zu werden. Allen voran Gilles Heldenwier, der allerdings unbewusst unter dem Schutz von Roemer steht. Roemer macht sich mit ein paar Freunden auf den Weg, um den Streit neutral zu schlichten.

Das wahre niederländische Leben

Mit seinem ersten historischen Roman hat der niederländische Erfolgsautor Maarten ‘t Hart ein Werk vorgelegt, in das sich der Leser von der ersten Seite an hervorragend hineinversetzen kann. Selber in Maassluis geboren, versteht er es, den Leser mit hineinzunehmen in eine Zeit, in der Gottesglauben noch vor allem anderen stand.

Die Intensität, mit der ‘t Hart Ort, Zeit und Personen beschreibt, ist beeindruckend und lässt einen geradezu das Salzwasser des Hafens riechen, in dem Roemer Stroombreker seine Schiffe liegen hat. Alle Personen des Romans haben Ecken und Kanten und sind „aus dem wahren Leben“. Hier wirkt nichts konstruiert, alles ist natürlich und selbstverständlich. Die Atmosphäre, die ‘t Hart scheinbar mühelos schafft, bietet einen hervorragenden Boden für eine Geschichte, die auf wahren Begebenheiten beruht.

Hervorragend erzählt

Die Geschichte des Psalmenstreits wird aus der Sicht von Roemer erzählt. Dabei kommt dem Autor zu Hilfe, dass die Ursache des Streits von außen her nach Maassluis getragen wird. So entwickelt er sich zunächst langsam, später aber bis zu Straßenkämpfen und Schlägereien, und immer stehen junge Leute im Mittelpunkt, unter ihnen auch immer Gilles, der nicht weiß, dass Roemer sein richtiger Vater ist.

Mit einer gelegentlichen Portion Humor beschreibt ‘t Hart nicht nur die Streitentwicklung, sondern auch die Personen selbst. Roemer ist die Hauptfigur, aber vor allem sein Lehrer Spanjaard ist sein Vertrauter und auch ein wenig sein Gewissen, dem er sich bedingungslos anvertrauen kann. Er steht Roemer mit Rat und Tat zur Seite, so wie seine geliebte Anna das nicht kann. Roemers Frau Diderica spielt im ganzen Buch eine untergeordnete Rolle, was auch mit daran liegt, dass sie sich aufgrund ihrer Fülle einfach schlecht bewegen kann und so nur (im wahrsten Sinne des Wortes) selten in Erscheinung tritt.

Die Begegnungen mit Anna sind so, wie sie bei verbotenen Liebenden sein sollen: Kurz, intensiv und viel zu selten, aber es ist jedes Mal immer so, wie es eigentlich sein könnte, wenn beide nicht gebunden wären. Ein Mann mit bettlägeriger Frau und eine Frau mit einem Mann, der den Großteil des Jahres zur See fährt, das ist ein Konstellation, in der sich beide zurückhalten müssen, zumal Roemer auch noch zum Schöffen wird und daher im Blick der Öffentlichkeit steht.

Musikalische Einstreuungen

Garniert wird die Geschichte von dem Musikliebhaber und Organisten ‘t Hart mit kleinen musikalischen Einwürfen. So trifft er auf einer Reise nach Den Haag eine Musikerfamilie aus Salzburg, deren Sprache er nicht versteht, deren achtjähriger Sohn aber fortwährend am Klavier sitzt und die schönsten Melodien spielt. Moot Saart, oder wie er denn auch heißen mag. Derartige Begegnungen sind Treppenwitze der Musikgeschichte und würzen die Handlung, später werden ihm noch ein weiterer Komponist und ein Kaiser begegnen. Diese kleinen Einsprengsel machen beim Lesen besonderen Spaß.

Neben den Örtlichkeiten werden dem Leser auch die Sorgen und Nöte der Bevölkerung, vor allem der Fischerei, nahe gebracht, so dass man selbst gerne per Gesetz einschreiten würde. Der dafür verantwortliche Krieg spielt im Buch nur eine mittelbare Rolle, muss doch niemand aus dem Ort selber in den Krieg ziehen. So wird der Psalmenstreit nicht nur erzählt, sondern auch in eine gewisse Chronologie der äußeren Ereignisse eingebettet. Das ist sehr geschickt gemacht und wirkt nicht belehrend, sondern interessant. Hier lernt man, ohne es zu wollen sozusagen.

Erfreulich ist nicht nur das Buch selbst, sondern auch eine historische Karte zu Beginn des Buches, ein Nachwort am Ende und vor allem die relativ kurzen Kapitel. Wer bereits von Maarten ‘t Harts Kultbuch „Das Wüten der ganzen Welt“ begeistert war, der wird sich auch mit dem „Psalmenstreit“ wohl fühlen. So macht Geschichte Spaß, und es bleibt zu hoffen, dass der Autor seine Leserschaft bald wieder mit einem historischen Roman erfreut.

Ihre Meinung zu »Maarten 't Hart: Der Psalmenstreit«

Michael Lohrer zu »Maarten 't Hart: Der Psalmenstreit«12.01.2018
Was für ein tolles und wunderbares Buch! Das war ein langer Weg, bis dann endlich 1773 das neue Psalmenbuch eingeführt wurde. Gerade im Jahr 2017 ging die Nachricht durchs Land, das eine Gemeinde in den Niederlanden von der alten Bereimung 1566 zur neuen(!) 1773 übergegangen ist. Noch immer benutzen 30 Gemeinden die alte, hunderte Gemeinden die von 1773 und andere die die Neue von 1967. Das Buch ist also immer noch aktuell. Gruß aus Lübeck
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