Räuberleben von Lukas Hartmann

Buchvorstellungund Rezension

Räuberleben von Lukas Hartmann

Originalausgabe erschienen 2012unter dem Titel „Räuberleben“,, 345 Seiten.ISBN 3-257-06806-9.

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Kurzgefasst:

Unter den Räubern, die Ende des 18. Jahrhunderts Angst und Schrecken verbreiten, ist Hannikel einer der gefürchtetsten. Vor seinem Namen zittert im Schwarzwald und im Elsass jedes Kind. Nun ist er auf der Flucht, mit seinen loyalsten Männern, mit Frauen und Kindern. Wo soll er für seine Sippe einen sicheren Ort finden? Jacob Schäffer, der Oberamtmann von Sulz, ist besessen von einer Mission: Räubern, Jaunern und Zigeunern das Handwerk zu legen. Nach einem Ehrenmord ist er Hannikel endlich auf der Spur – in Chur, in Graubünden, wurde er gesichtet. Wilhelm Grau, Schäffers Schreiber, ist bei der Jagd auf die Hannikel-Bande von Anfang an dabei. Immer schwerer fällt es ihm jedoch, diese Menschen bloß als Verbrecher zu sehen – besonders Dieterle, Hannikels elfjährigen Sohn.

Das meint Histo-Couch.de: „Hartes Leben statt Zigeunerromantik“91Treffer

Rezension von Rita Dell'Agnese

Es widerstrebt dem zurückhaltenden Schreiber Wilhelm Grau zutiefst, seinen Arbeitgeber, den Oberamtmann Jacob Schäffer bei seiner Jagd auf den Räuber Hannikel und dessen Sippe zu unterstützen. Einerseits hätte sich Grau lieber dem Sammeln von Insekten gewidmet, und andererseits fühlt er mit den Mitgliedern von Hannikels Sippe trotz allem mit. Doch Grau kann sich der Aufgabe nicht entziehen und er ist es schließlich, der dem Leser als zentrale Identifikationsfigur in Lukas Hartmanns Roman Räuberleben dient. Dabei ist interessant zu beobachten, dass Grau auf seine Weise der Obrigkeit ebenso ausgeliefert ist, wie die Sippe Hannikels. Allen voran der der halbwüchsige Sohn Dieterle, der sich im Waisenhaus als zu renitent erweist, um nach den Gepflogenheiten des ausgehenden 18. Jahrhundert als erziehbar zu gelten. Dieterle wird ins Gefängnis gesteckt, wo er den Maßnahmen und körperlichen Züchtigungen trotzt, indem er die Verehrung seines Vaters Hannikel hoch hält.

Vielschichtige Figuren

Lukas Hartmanns Roman zeichnet sich durch eine höchst interessante Figurenzeichnung aus. Der Autor hat vielschichtige Charaktere geschaffen und setzt sie in Kontext zum gängigen zeitgenössischen Gesellschaftsbild. Er vermag es auch, die ersten Anzeichen einer fortschrittlicheren Gesellschaft aufzugreifen und als kaum wahrnehmbare, aber doch vorhandene Komponente in den Roman einzubauen. Aus kurzen Dialogen der handelnden Personen hervorgehend gibt es erste Hinweise auf die Französische Revolution, die eben angelaufen ist, aber sich noch nicht auf den Süden Deutschlands auszuwirken vermag. Durch den in seinem Stolz verhaftete Dieterle erfährt Grau von der Stürmung der Bastille und bekommt einen Eindruck von der Hoffnung, die das einfache Volk mit diesem Umsturz verbindet. Es ist aber nicht nur der Schreiber Grau, der bei näherer Betrachtung fortschrittliche Gedanken hegt – selbst der verbissene Oberamtmann Schäffer zeigt solche, wenn auch auf eine ganz andere Weise. Er veröffentlicht einen Steckbrief von Hannikel und es gelingt ihm, entgegen den bisherigen Gepflogenheiten, über die jeweiligen Zuständigkeitsgrenzen hinweg systematisch Jagd auf die Sippe von Hannikel zu machen.

Nie eine Chance

Hannikel selber scheint nicht wirklich zu bereuen, was er und seine Sippe getan haben. Er glaubt sich aufgrund der herrschenden Not teilweise im Recht, scheint aber zumindest den Weg zu bedauern. So erklärt er in einem der Verhöre, dass ihm aufgrund seiner Herkunft – Hannikel gehört einer Zigeunersippe an – ein bürgerliches Dasein verwehrt geblieben sei. Es sei ihm gar kein anderer Weg geblieben. Tatsächlich spricht Lukas Hartmann mit dieser Passage auch höchst aktuelle Probleme an. Was der Zigeuner erlebt, hat eindeutig Parallelen zur heutigen Situation von Roma und Sinti, aber auch zur Asylpolitik und zu den in der Gesellschaft weit verbreiteten Vorurteilen gegenüber anderen Kulturen. Die detaillierte Aufarbeitung des Geschehens rund um Hannikel ist allerdings Garant dafür, dass nicht einfach ein Problem der heutigen Zeit vor eine historische Kulisse gesetzt wurde, sondern die Parallelen tatsächlichen Verhältnissen entsprechen.

Jenseits aller Romantik

Der Autor Lukas Hartmann schafft es, einen intensiven und spannenden Räuberroman vorzulegen, ohne eine völlig verfehlte Zigeuner-Romantik aufkommen zu lassen. Die Schilderungen von Käther, der Lebenspartnerin Hannikels – oder Beischläferin, wie sie damals genannt wurde – sind nur ein Teil des Bildes, das ein hartes Leben beschreibt, das die Sippe nur dank ihrem extremen Zusammenhalt einigermaßen meistern kann. Genau durch diesen Zusammenhalt und ihre scheinbare Ungebundenheit wirken sie jedoch auf die Gesellschaft selbst dann bedrohlich, wenn sie keine Straftaten begehen.

Räuberleben ist weder eine verklärende Zigeunergeschichte noch ein spektakulärer Krimi. Es ist ein feinfühliges Buch, das von den detaillierten Beobachtungen des Autors ebenso lebt wie von seiner Erzählkraft und seiner Fähigkeit, die Figuren zu fassbaren Persönlichkeiten zu entwickeln.

Ihre Meinung zu »Lukas Hartmann: Räuberleben«

€nigma zu »Lukas Hartmann: Räuberleben«29.05.2012
In der zweiten Hälfte des 18.Jahrhunderts trieb in Württemberg die Hannikelbande ihr Unwesen. Diese Räuberbande, die bevorzugt evangelische Pfarrhäuser und jüdische Mitbürger ausraubte, stand unter der Anführerschaft des Sinto Jakob Reinhard(t) (1742-1787), genannt Hannikel .
Der Sulzer Oberamtmann Schäffer wollte sich als erfolgreichster Räuberjäger der Zeit hervortun und vor allem den berüchtigten Hannikel zur Strecke bringen.
Der gut recherchierte Roman "Räuberleben" ist größtenteils aus der Perspektive von Schäffers Schreiber Wilhelm Grau erzählt. Grau, der sich in seiner knapp bemessenen Freizeit als Hobby-Entomologe betätigt, führt einen Briefwechsel mit einem bekannten dänischen Insektenforscher und berichtet in seinen Briefen dem Brieffreund auch über die Jagd auf, die Verhaftung und Hinrichtung des Hannikel und über seine Gedanken zu den gesellschaftlichen Verhältnissen seiner Zeit.
Weitere Erzählstränge berichten aus der Perspektive des 13-jährigen Dieterle, Hannikels Sohn, der sehr an seinem Vater hängt und kontrastiv aus der Sicht des württembergischen Herzogs Carl Eugen . Der Herzog ist ein von seinen Privilegien weitgehend verdorbener Mensch, der grundsätzlich den Inhalt der Staatskasse lieber für großartige Lustjagden und derlei Vergnügungen des Adels ausgibt, als für karitative Zwecke, wie etwa die Instandsetzung/Verbesserung der bestehenden Waisenhäuser. Er glaubt fest an die bestehende Gesellschaftsordnung und möchte mit Leuten, die diese in Frage stellen - seien es Schriftsteller mit sozialkritischen Ideen wie Schiller oder "kleine Leute", die sich ihnen nicht zustehende Dinge herauszunehmen versuchen - kurzen Prozess machen. Seine zweite Frau Franziska ist dagegen eher von christlicher Nächstenliebe geprägt und versucht, mildernd auf den unsensiblen Herzog einzuwirken.
Die Zigeunersippe um Hannikel wird hier, durch die Augen des Schreibers Grau gesehen, als Menschen wie andere auch dargestellt: sie haben Verbrechen begangen, aber diese Verbrechen sind nachvollziehbar. Da die Sinti überall Vorurteilen begegnen und ihre Versuche, eine feste Anstellung zu bekommen und sesshaft zu werden, mehrfach gescheitert sind, bleibt ihnen kaum eine andere Art des Überlebens als durch Diebstahl, Wahrsagerei etc. Der Herzog, der Amtmann und die Geistlichen mahnen eine Rückkehr auf den rechten Weg an, geben aber keinerlei Ratschläge darüber, wie das bewerkstelligt werden soll. Allein der Schreiber macht sich Gedanken um das Wohl der Zigeunersippe, die ihn durch ihren Familienzusammenhalt beeindruckt; als nur kleines Rädchen im Getriebe kann er aber nichts ausrichten, zumal er auf seine Anstellung beim Amtmann Schäffer angewiesen ist.
Der Erzählstil des Autors hat mir sehr gefallen, da er die Ausdrucksweise der Zeit sehr authentisch vermittelt. Er hat sich mit den reichlich vorhandenen Quellen und Materialien zu diesem historischen Fall intensiv beschäftigt und verweist den Leser in einem Nachwort auf seine Homepage, auf der man weitere Informationen entnehmen kann.
Den Aufbau des Romans kann ich nicht ganz nachvollziehen. Der Prolog spielt im Jahr 1794, als Sulz nahezu vollständig durch einen Brand zerstört wird, dieser Brand steht aber in keinem erkennbaren Zusammenhang mit der Geschichte der Hannikelbande. Der Hauptteil geht dann in der Zeit zurück, als die Bande gejagt, verhaftet und die Anführer verurteilt werden. Ein kurzer Epilog berichtet über das weitere Schicksal des Schreibers und anderer Amtspersonen.
"Räuberleben" ist trotz der historischen Korrektheit meiner Meinung nach eher ein sozialkritischer als ein historischer Roman, für den ich eine ausdrückliche Empfehlung an sozialgeschichtlich interessierte Leser gebe.
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