Der weiße Affe von Kerstin Ehmer

Buchvorstellungund Rezension

Der weiße Affe von Kerstin Ehmer

Originalausgabe erschienen 2017unter dem Titel „Der weiße Affe“,, 280 Seiten.ISBN 386532584X.

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Kurzgefasst:

Berlin in den Goldenen 1920er Jahren. Ein jüdischer Bankier wird erschlagen im Hausflur seiner Geliebten aufgefunden. Kommissar Ariel Spiro ist gerade aus der Provinz nach Berlin gezogen und übernimmt direkt seinen ersten Fall. Zunächst deuten die Ermittlungen auf ein politisches Motiv hin. Doch auch die wohlhabende und exzentrische Familie des Toten gibt Spiro Rätsel auf. Schon bald gerät der junge Kommissar in den Sog der Metropole, getrieben vom schnellen Rhythmus und mitgerissen vom rauschenden Berliner Nacht­leben. Als er sich von der faszinierenden Tochter des Toten magisch angezogen fühlt, muss Spiro aufpassen, dass ihm der Fall nicht entgleitet.

Das meint Histo-Couch.de: „Ein kniffliger Fall für einen neuen Ermittler“80

Rezension von Jörg Kijanski

In ihrem Krimidebüt schickt Kerstin Ehmer den jungen Kriminalkommissar Ariel Spiro aus Wittenberge an der Elbe in die Großstadt Berlin. Dort angekommen stellt er sich bei Kriminaloberkommissar Heinrich Schwenkow vor, der ihn, angesichts seines jüdisch klingenden Namens, kritisch mustert. Weit kommen die beiden Ermittler in ihrem Gespräch jedoch nicht, denn in einem Treppenhaus wurde der jüdische Bankier Eduard Fromm erschlagen aufgefunden. Spiro eilt zum Tatort und erlebt eine herbe Überraschung. Die Leiche befindet sich nicht mehr am Tatort, welcher von einer Hausbewohnerin bereits eifrig gereinigt wird.

„Wissen Sie, was Charles Darwin über die Affen geschrieben hat? Die Bewohner der Insel Java haben ihm erzählt, dass insgeheim alle Affen sprechen können. Sie würden es nur nicht tun, damit man sie nicht zwingt zu arbeiten.“

Eduard Fromm, verheiratet, zwei Kinder, unterhielt in dem Haus offenbar für seine Geliebte eine Wohnung. Diese ist eine wahre Walküre, die Formulierung „Fräulein Hilde“ ein gewagter Witz. Offenbar führte Fromm ein Doppelleben und wollte aus seiner jüdischen Welt entfliehen. Aber wer könnte dem Bankier den Tod gewünscht haben? Möglicherweise Gustav Mrozek, ein Hausbewohner, der ebenfalls ein Verhältnis mit Hilde pflegt. Oder Moses Silberstein, stellvertretender Direktor in Fromms Bank, mit dem es zuletzt Streit gab aufgrund fragwürdiger Kreditgeschäfte. Aber auch Ambros, Fromms Sohn, scheint verdächtig, schließlich ist er ein 175er und drohte aufgrund dieser Neigung vom Vater enterbt zu werden. Spiro stürzt sich in die Ermittlungen und in das treibende Berliner Nachtleben. Schnell will er den Mörder überführen, seinem ihm vorauseilenden Ruf gerecht werden und macht dennoch einen Fehler. Er verliebt sich in Nike, die Tochter des Ermordeten …

Berlin pulsiert Mitte der 1920er Jahre

Es gibt etliche Kriminalromane die im Berlin der 1920er Jahre spielen. Doch in dieser pulsierenden Zeit, in der bittere Armut auf ausufernde Partyexzesse trifft, kann ein neuer Ermittler nicht schaden. Um es vorwegzunehmen, Ariel Spiro ist eine Bereicherung des Genres. Dieser hadert mit seinem Namen, denn er ist kein Jude und verdankt seinen Verdacht erregenden Vornamen der Tatsache, dass seine Mutter eine große Verehrerin von Shakespeare ist. Lieblingsstück ist „Der Sturm“, in dem ein Luftgeist namens Ariel vorkommt. In seinem ersten Fall kann er seinen Namen jedoch als Türöffner bei der Familie des toten Bankiers wirkungsvoll einsetzen. Im Fall von Nike womöglich etwas zu wirkungsvoll.

„Früher wars schöner. Da wurden die Sechser-Busse von Pferden gezogen. Eine Fahrt pauschal fünf Pfennige. Deswegen Sechser-Bus.“

„Wieso nicht Fünfer-Bus?“

„Weil früher der halbe Silbergroschen nun mal sechs Pfennige waren. Man kann sich ja nicht ständig umgewöhnen. Deshalb heißt das Fünfpfennigstück immer noch Sechser. Aber die Pferde werden immer seltener, die Automobile mehr. Mir persönlich sind die Äpfel auf der Straße lieber als die Auspuffgase.“

Spiro erlebt als Provinzler das berauschende Nachtleben der Metropole. Es wird gesoffen, gehurt, gekokst, alle denkbaren sexuellen Varianten erblühen, wer denkt schon immer an den Paragraph 175. Getanzt wird ebenfalls; Shimmy, Charleston und Tango beherrschen die Tanzböden. Aber wo Licht ist, ist auch Schatten. Viel Schatten. Die Armut zahlloser Menschen zwingt zu unerträglichen Lebensumständen. Acht Menschen in zwei Zimmern, aufgeteilt in drei Schichten, sind keine Seltenheit. Manche können sich nicht einmal das leisten und leben auf der Straße. Der Weg von dort zu Diebstahl und Prostitution ist denkbar klein. 

„Er muss aufpassen, sonst ist er schnell wieder in dem Kaff, wo er hergekommen ist. Aber er lässt auch keine Gelegenheit aus, sich sozusagen selber ins Knie zu schießen. Er poussiert mit der Tochter vom Toten. Er treibt sich nachts rum. Saufen tut er auch. Und er sagt nie die volle Wahrheit, vielleicht lügt er sogar. Ist er Jude oder keiner? Man weiß es nicht. Ist er selbst ein 175er? Auch das ist nicht ganz klar. Mir zumindest nicht. Aber er ist gut beim Verhör, sehr gut sogar und er ist unterwegs, wo andere nicht hingehen  und der ist nicht blöd. Ein Lorbass, das ist er auf jeden Fall.“

Kerstin Ehmer entwirft ein farbenfrohes Bild dieser bewegenden Epoche zwischen Erstem Weltkrieg und Drittem Reich. Berlin wird ausführlich vorgestellt, nicht nur hinsichtlich seines Nachtlebens. Die jüdische Religion erhält Aufmerksamkeit, was angesichts des Namens des Protagonisten sowie des jüdischen Mordopfers verständlich ist. Der Spannungsbogen ist ansprechend, Verdächtige gibt es mehrere und wie sich Spiro in seiner neuen Heimat zurechtfindet (oder auch nicht) ist unterhaltsam. Es wäre daher nicht die schlechteste Nachricht vom Pendragon Verlag, wenn Der weiße Affe der Auftakt zu einer neuen Serie wäre.

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