Der freundliche Mr. Crippen von John Boyne

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2004unter dem Titel „Crippen“,deutsche Ausgabe erstmals 2013, 560 Seiten.ISBN 3716027006.Übersetzung ins Deutsche von Werner Löcher-Lawrence.

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Kurzgefasst:

Am 20. Juli 1910 verlässt das Passagierschiff S.S. Montrose den Hafen von Antwerpen und steuert mit rund 1.400 Fahrgästen in Richtung Quebec. Unter ihnen aus London ein Vater mit seinem Sohn. Im März desselben Jahres meldet im Londoner Büro von Scotland Yard eine Frau ihre Freundin Cora Crippen als vermisst und äußert einen ungeheuerlichen Verdacht: Coras Ehemann, der Arzt Hawley Crippen, soll seine Frau ermordet haben. Inspektor Walter Drew schenkt diesem Hinweis jedoch keinerlei Glauben, denn Mr Crippen gilt als überaus freundlich, sympathisch und harmlos. Doch auch Mr Crippen scheint wie vom Erdboden verschluckt, und dann macht Scotland Yard eines Tages einen grausigen Fund.

Das meint Histo-Couch.de: „Geistreiche Mischung aus Krimi und Historie“91Treffer

Rezension von Eva Schuster

Sommer 1910 in London: Im Haus des angesehenen Arztes Mr. Hawley Crippen wird die zerstückelte Leiche seiner Frau gefunden – Cora Crippen, die angeblich mit ihrem Liebhaber nach Amerika verschwunden ist. Crippen selbst ist unauffindbar, ebenso wie seine Geliebte Ethel Le Neve. Für Scotland Yard beginnt eine fieberhafte Suche nach dem mutmaßlichen Mörder Hawley Crippen.

Zur gleichen Zeit bricht das Passagierschiff SS Montrose von Antwerpen nach Kanada auf. Unter den 1400 Passagieren befindet sich auch eine illustre Gruppe von Leuten, die bald miteinander Bekanntschaft schließen. Da ist die aufdringliche Upperclass-Dame Mrs. Antoinette Drake mit ihrer siebzehnjährigen Tochter Victoria, der französische Geschäftsmann Monsieur Zéla, die allein reisende schüchterne Miss Hayes und schließlich der auffallend zurückhaltende Amerikaner Mr. John Robinson und sein halbwüchsiger Sohn Edmund.

Anfangs verläuft die Reise völlig normal, doch plötzlich macht Kapitän Kendall zufällig eine seltsame Beobachtung. Er sendet einen Funkspruch an Scotland Yard, und dort ist man sofort in heller Aufregung: Der gesuchte Mr. Crippen scheint an Bord des Schiffes zu sein – und er muss festgenommen werden, bevor er in Kanada untertaucht …

Mörderjagd auf dem Atlantik

In Großbritannien ist der wahre Kriminalfall um »Dr. Crippen« deutlich bekannter als im deutschsprachigen Raum. Das hat durchaus seine Vorteile für die Übersetzung, denn für den unvoreingenommenen Leser, der nicht weiß, wie die Geschichte endete, hält der aber auch sonst äußerst unterhaltsame Roman noch zusätzliche Überraschungen bereit. Das Werk ist eine exzellent konstruierte Mischung aus Historie und Krimi. Der Leser erhält Einblicke in diverse Gesellschaftsschichten der damaligen Zeit, in die technischen Errungenschaften und den Alltag auf einem Passagierschiff. Zugleich verfolgt man einen spannenden Kriminalfall, bei dem man sich gut vorstellen kann, dass er damals die Welt in Atem gehalten hat. Sehr geschickt sorgt der Erzähler dafür, dass man nie zu viel zu früh errät, sodass erst ganz zum Schluss alle Fäden zusammenlaufen und man alle Zusammenhänge begreift.

Bei aller Spannung und Unterhaltsamkeit ist Der freundliche Mr Crippen jedoch auch Werk, das eine gewisse Konzentration einfordert. Dafür sorgt die verschachtelte Erzählstruktur mit unterschiedlichen Zeitebenen. Mal spielt die Handlung im Sommer 1910 auf dem Schiff, dann ein paar Monate zuvor in London, und schließlich gibt es auch Rückblicke auf Crippens Kindheit, Jugend und frühe Erwachsenenjahre Jahrzehnte zuvor. Statt einer linearen Geschichte zu folgen, fügt der Leser vielmehr aus diversen Ausschnitten langsam ein sorgsam komponiertes Gesamtbild zusammen.

John Boyne hat ganz offenkundig ausgiebig recherchiert, sich aber natürlich auch viele gestalterische Freiheiten herausgenommen - Der freundliche Mr Crippen ist schließlich trotz des wahren Kriminalfalls kein Sachbuch. Es gibt bis heute ein paar offenen Fragen zum Mordfall Cora Crippen, die der Autor sehr phantasievoll gefüllt hat. Der Roman entwickelt seine ganz eigene Wahrheit, die durchaus ihren Reiz hat und plausibel klingt, auch wenn sie fiktiv ist. Ein wenig erinnert das Werk in dieser Hinsicht an John Boynes Jugendroman Der Schiffsjunge, in dem die Geschichte um Käpt’n Bligh und Fletcher Christian ein bisschen anders erzählt wird als gewöhnlich überliefert und ebenfalls dadurch einen ganz eigenen Reiz erhält.

Gelungene Charaktere, wunderbarer Humor

Hawley Harvey Crippen wurde seinerzeit als »liebenswürdiger Mörder« charakterisiert, ein Mann, dem man ein solch grausames Verbrechen kaum zutraute. John Boyne zeichnet ein vielschichtiges Bild von seiner Hauptfigur: aufgewachsen in einer streng religiösen Familie, erhält er von seinen Eltern keine Unterstützung für seine medizinische Leidenschaft. Da ein reguläres Studium unbezahlbar ist, qualifiziert sich Crippen zumindest durch Fernkurse und vertreibt später homöopathische Arzneien. Die Ehe mit dem Möchtegernshowstar Cora Turner wird zu einem Alptraum, aus dem Crippen sich nicht mehr zu befreien weiß. Er ist nicht ausnehmend sympathisch, aber in jedem Fall eine interessante Figur; ein Mensch mit einem steinigen Lebensweg, der nicht das Glück für sich gepachtet hat.

Die Nebencharaktere hingegen sorgen in ihrer bisweilen übersteigerten Darstellung vor allem für den feinsinnigen Humor im Buch. Das gilt ganz besonders für die aufdringliche Mrs. Drake, die mit ihrem Redeschwall bald allen auf die Nerven geht, was ihr dank ihres ausgeprägten Selbstbewusstseins wiederum vollkommen verborgen bleibt. Eine spezielle Person ist auch ihre siebzehnjährige Tochter Victoria, die immer Ausschau nach attraktiven Verehrern hält und es aktuell, sehr zu dessen Entsetzen, auf den scheuen Edmund Robinson abgesehen hat. Und dann ist da natürlich noch Kapitän Kendall, ein etwas schrulliger Junggeselle und Verehrer des berüchtigten Käpt’n Bligh, der sein Herz der Seefahrt verschrieben hat. Für Kendall wird die Überfahrt zu einer harten Prüfung, da er nicht nur die nervtötende Mrs. Drake ertragen muss und einen mutmaßlichen Mörder an Bord hat, sondern auch noch auf die Gesellschaft seines Ersten Offiziers und besten Freundes verzichten muss – Mr. Sorensen liegt mit Blinddarmkomplikationen darnieder, und der Kapitän denkt wehmütig an die gemeinsame Zeit zurück.

In London sorgen insbesondere die Damen um Cora Crippen für Amüsement. Margaret Nash und Louise Smythson sind zwar zunehmend eher genervt von der launischen Cora, doch als sie verschwunden ist, erwacht vor allem bei der neureichen Louise Smythson der kriminalistische Spürsinn. Ganz egal, dass sie zu Cora Crippen gerade noch den Kontakt abbrechen wollte, jetzt wird sie zur Kämpferin für die verschwundene Freundin und will Inspector Dew davon überzeugen, dass mit Mr. Crippen etwas ganz und gar nicht stimmt – sehr zum Missfallen von Dew, der Mr. Crippen für einen respektablen Gentleman hält, mit dem zu gerne selbst befreundet wäre …

Schwächen gibt es kaum, wenn man erst einmal mit der gewöhnungsbedürftigen Struktur zurechtkommt. Die Passagiere auf dem Schiff hätten gerne noch etwas ausführlicher thematisiert werden können; vor allem die liebenswerte Miss Hayes und der feinsinnige und kultivierte Monsieur Zéla sind interessante Figuren, die insgesamt ein bisschen zu kurz kommen. Im Anhang gibt der Autor zwar ein paar Informationen zum wahren Hintergrund, die aber recht spärlich ausfallen.

Unterm Strich ist John Boyne mit Der freundliche Mr. Crippen wieder einmal ein hervorragender Roman gelungen, der für einige Stunden beste Unterhaltung schenkt und auch nach Abschluss der Lektüre gewiss noch im Gedächtnis bleibt.

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