Das späte Geständnis des Tristan Sadler von John Boyne

Buchvorstellungund Rezension

Das späte Geständnis des Tristan Sadler von John Boyne

Originalausgabe erschienen 2011unter dem Titel „The Absolutist“,deutsche Ausgabe erstmals 2012, 316 Seiten.ISBN 3716026646.Übersetzung ins Deutsche von Werner Löcher-Lawrence.

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Kurzgefasst:

London, September 1919: Der junge Tristan Sadler steigt in einen Zug. Er fährt nach Norwich, um sich dort mit Marian Bancroft, der Schwester seines toten Kameraden Will, zu treffen, mit dem er Seite an Seite im Ersten Weltkrieg gekämpft hat. Als Gepäck trägt Tristan ein Bündel Briefe mit sich und seine Erinnerung. In Norwich trifft sich Tristan mit Marian in einem Café. Er erzählt ihr von seiner ersten Begegnung mit Will im Ausbildungslager Aldershot; von der Schiffspassage nach Nordfrankreich, vom Leben und Sterben im Grabenkampf, aber auch von der Freundschaft und dem Vertrauen, das sich die beiden jungen Männer schenken. Und er legt Zeugnis darüber ab, wie Will sein Leben einsetzt, um sich unter unmenschlichen Bedingungen einen Rest von Menschlichkeit zu bewahren. Tristans erschütternder Bericht ist ebenso schonungslos wie ungeheuerlich, und doch bleibt er Marian die schrecklichste Wahrheit schuldig …vorerst.

Das meint Histo-Couch.de: „Auch eine Facette des Krieges“90Treffer

Rezension von Rita Dell'Agnese

Es ist keine leichte Mission, der sich Tristan Sadler verschrieben hat: Er will die Schwester seines im Krieg umgekommenen Freundes Will treffen und ihr die Briefe zurück bringen, die sie an ihn geschrieben hatte. Im Gepäck hat er aber auch seine Erinnerungen an Will, an die Ereignisse im Ersten Weltkrieg und an sein eigenes Versagen. Nur schwer kann er sich eingestehen, für Will nicht der Freund gewesen zu sein, der er gerne gewesen wäre. Denn in einer verhängnisvollen Situation hat Tristan Sadler Will verraten. Mehr als gewollt offenbart Will der verstörten jungen Frau. Mit der wichtigsten und zugleich ungeheuerlichsten Information hält er aber vorerst hinter dem Berg.

Starke Szenen-Beschreibungen

John Boyne kann seine Stärke, Szenen zu beschreiben und Atmosphäre entstehen zu lassen, in diesem Roman absolut ausleben. Schon der Einstieg ist eine Klasse für sich. Tristan Sadler reist mit dem Zug von London nach Norwich und begegnet dort einer schrulligen alten Lady, die Romane schreibt. Es ist nur eine kurze Begegnung, und doch gibt sie dem Moment ungeahnte Tiefe. Nicht anders verhält es sich mit dem Bild, das Boyne von der kleinen Pension zeichnet, in der Sadler unterkommt – oder von der Stadt Norwich, die sich in den Nachkriegsjahren verzweifelt bemüht, Normalität zu leben. Die Begegnungen Tristan Sadlers mit den verschiedenen Menschen gleicht dem Aufblitzen eines Sterns am nächtlichen Himmel. Sie sind keine tragenden Elemente des Romans und doch machen sie das Firmament aus.

Weniger schillernd, aber keineswegs weniger intensiv sind die Begegnungen mit den Menschen, derentwegen Sadler nach Norwich gereist ist. In seiner Rückblende auf die Ereignisse im Ausbildungslager Aldershot, in dem die jungen Soldaten Tristan und Will sich kennen gelernt haben, erkennt Tristan Sadler schließlich, dass er sich über viele Jahre hinweg selber belogen hat.

Nähe und Distanz

Durch seine Erzählweise schafft John Boyne Nähe und geht doch immer wieder auf Distanz. Er verleiht dem Roman den schalen Geschmack des Krieges und dennoch ist es nicht der Krieg, der die Bedrückung ausmacht, welche die Geschichte begleitet. Vielmehr sind es die gesellschaftlichen Vorurteile und ein unglaublicher Hang zu Grausamkeit und Ungerechtigkeit, dem die Truppe im Ausbildungslager nachlebt. In einer fatalen, tödlichen Art und Weise nachlebt. Je mehr Tristan Sadler sich selber eingesteht, desto düsterer präsentiert sich das Bild. Gruppendruck, Ablehnung jeder Form von Anderssein, Stärke und Grausamkeit bilden zusammen ein Ganzes, an dem nicht nur Tristan Sadlers Freundschaft zu Will zerbricht. Je intensiver John Boyne seine Leser am Geschehen teilhaben lässt, desto stärker wird bei diesem der Eindruck, nicht einen historischen Roman sondern eine durchaus zeitgenössische Geschichte in den Händen zu halten. Parallelen zur heutigen Welt sind nicht von der Hand zu weisen.

Gelungenes Werk

Wenn John Boyne einen neuen Roman veröffentlicht, wird er immer in Zusammenhang mit dem Bestseller des Autors: Der Junge im gestreiften Pyjama gesetzt. Dies ist bedauerlich, denn der Autor hat längst bewiesen, dass er über diesen bekannten Titel hinaus einiges zu bieten hat. Das späte Geständnis des Tristan Sadler ist nur ein Beispiel dafür – aber ein ausgesprochen überzeugendes. So darf man darauf gespannt sein, womit der Autor seine Leserschaft in den nächsten Jahren überraschen wird.

Ihre Meinung zu »John Boyne: Das späte Geständnis des Tristan Sadler«

Peffi Sheep zu »John Boyne: Das späte Geständnis des Tristan Sadler«01.07.2017
Die Geschichte zeigt einen sehr interessanten und spannenden Konflikt im Thema "Feigheit" auf; leider ist dem Auto aber ob der eher antiseptischen Erzählweise weder gelungen, facettenreiche, überzeugende Persönlichkeiten zu kreieren, noch das dramatische Leben in Schützengräben des Ersten Weltkrieges berührend zu schildern. Alles klingt, wie nach Rezept geschrieben, blutleer, sehr zäh erzählt und noch dazu schlecht übersetzt. Schade, denn der Stoff hätte großes Potential geboten.
Mel.E zu »John Boyne: Das späte Geständnis des Tristan Sadler«22.04.2012
John Boyne ist in meinen Augen ein großartiger und herausragender Autor. Er greift Themen auf an die sich andere nicht heranwagen würden und schildert diese in einer Form, die uns nicht nur mitten in das Geschehen der damaligen Zeit entführen, sondern uns auch mit einem beklemmenden und bedrückenden Gefühl zurücklassen.

Ein Wort zuviel von mir und ich nehme die komplette Spannung oder die Neugier auf das Buch, daher werde ich mich heute wirklich kurz fassen müssen. Ich überlasse gerne anderen hier zu spoilern und zu verraten, was damals wirklich geschehen ist und Tristans Leben komplett verändert hat. Ich kann nur sagen bzw. möchte darauf hinweisen, daß auch hier ein Tabuthema aufgegriffen wird und wir froh sein können in der heutigen Zeit zu leben. Früher wurde man mit 17 aus dem Haus gejagt und verflucht. Unvorstellbar für uns die im heute leben, aber für die damalige Zeit völlig normal. Mein Kind ist mein Kind, egal, was es anstellt, wie es fühlt oder anders denkt als ich. Ich halte zu ihm / zu ihr bis zum Schluss. Ich hatte beim Lesen eine große Wut im Bauch auf die Familie von Tristan, die sich einfach von ihm abwendet und ihn mit seinen 17 Jahren an die Front schickt. Was er dort alles erlebt und wie sehr er sich verändert, lest bitte selbst. Die blutigen Details kann ich ohne schlechtes Gewissen auslassen.

Dieses Buch unterscheidet sich von allen Büchern, die ich bisher gelesen habe und ist definitiv ein Buch, was zum Nachdenken anregt. Dadurch, daß ich mir schon vorher ein Bild darüber gemacht habe, wusste ich in etwa was mich erwartet und es ist genauso eingetroffen. Nur viel, viel schlimmer. Ein sensibler Mensch wie ich fühlt mit Tristan mit, aber verachtet ihn auch. Gerade das letzte Kapitel haut einen mächtig aus den Socken und hinterlässt ein wirklich bitteres Gefühl.

Leicht zu Lesen, aber dennoch keine leichte Kost. Ein echter John Boyne Roman. Ein Roman der nicht einfach nur gelesen werden kann, sondern zum Nachdenken anregen wird.

Natürlich eine Leseempfehlung von mir! Mal wieder ein echtes Meisterwerk!
€nigma zu »John Boyne: Das späte Geständnis des Tristan Sadler«16.04.2012
Ein Jahr nach dem Ende des Ersten Weltkriegs reist der ehemalige Soldat Tristan Sadler von London nach Norwich, um Marian Bancroft, der Schwester seines im Krieg umgekommenen Kameraden und Freundes Will die Briefe zurückzugeben, die sie ihrem Bruder an die Front geschrieben hatte. Schwerer als an den Briefen trägt er an seinen Erinnerungen, ihm liegt etwas auf der Seele und er möchte bei Marian sein Gewissen erleichtern.
Der Roman ist aus der Sicht des Ich-Erzählers Tristan geschrieben, wechselt aber zeitlich gesehen die Perspektiven. Die Abschnitte aus dem Jahr 1919 spielen in Norwich und berichten in der Vergangenheitsform über das Treffen zwischen Tristan und Marian sowie von seinem Besuch in ihrem und Wills Elternhaus. Zwischen diesen Kapiteln finden sich die Abschnitte, die 1916 im Ausbildungslager Aldershot und in Frankreich an der Front angesiedelt sind. Diese Abschnitte sind im Präsens geschrieben und machen so den Leser direkt zum Zeugen der schrecklichen Ereignisse in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs. Das letzte Kapitel des Romans spielt im Jahr 1979, als es zwischen Tristan, der inzwischen auf ein langes Leben als erfolgreicher Schriftsteller zurückblickt, und Marian zu einem letzten Treffen kommt.

Im Mittelpunkt des Romans stehen die Themen "Freundschaft/Liebe", Mut", bzw. "Feigheit" und "Prinzipientreue". Diese Dinge werden sowohl auf der privaten Ebene in der persönlichen Beziehung zwischen den beiden Soldaten Tristan und Will als auch auf der öffentlichen Ebene in der Beziehung des Soldaten zu seinem Vaterland thematisiert. Tristan und Will entwickeln eine Beziehung, die über Freundschaft hinausgeht. Während Tristan sich seine Homosexualität eingesteht und dafür auch schon mit dem Verlust seines Elternhauses bezahlt hat, ist Will zu diesem Schritt nicht bereit. Nicht einmal vor sich selbst will er seine Neigung zugeben, öffentlich machen darf er sie natürlich ohnehin nicht, schließlich stehen gleichgeschlechtliche Beziehungen Anfang des 20.Jahrhunderts noch unter Strafe.
Doch nicht nur die unterschiedliche Interpretation ihres persönlichen Verhältnisses trübt die Freundschaft der beiden jungen Soldaten, sondern auch ihre unterschiedliche Einstellung zum Krieg. Während Tristan zwar am Krieg keinen Gefallen findet, sondern nur ohne viel nachzudenken seine Pflichten erfüllt, entwickelt sich Will zum Absolutisten (engl.Originaltitel "The absolutist"), der das Menschenverachtende des Krieges immer stärker empfindet und eines Tages nicht mehr bereit ist, in irgendeiner Form - und sei es als Helfer im Lazarett - an diesem Wahnsinn teilzuhaben.
Es gelingt John Boyne ausgezeichnet, die Situation der Soldaten zu verdeutlichen, die jeden Morgen unsicher sind, ob sie den Abend noch erleben werden, die ihre Kameraden reihenweise fallen sehen und den Befehlen von Vorgesetzten folgen müssen, die an ihrem Platz bleiben, obwohl sie ganz offensichtlich den Verstand verlieren.
"Das späte Geständnis des Tristan Sadler" ist jedoch kein Kriegsroman im üblichen Sinne, der einen umfassenden Überblick über die Kampfhandlungen in Frankreich bietet, der Fokus liegt hier ganz klar auf moralischen Fragestellungen.
Ein hervorragender Roman, der mich tief beeindruckt hat!
allegra zu »John Boyne: Das späte Geständnis des Tristan Sadler«05.04.2012
Ein Jahr nach Ende des ersten Weltkrieges reist der 21 jährige Tristan Sadler mit dem Zug von London nach Norwich mit einem Bündel Briefe im Gepäck. Er hat im 1. Weltkrieg in Frankreich gekämpft und möchte Briefe aus dem Besitz seines getöteten Freundes Will Bancroft seiner Schwester zurückbringen. Neben den Briefen trägt Tristan auch sehr belastende Erinnerungen aus dem Krieg mit, die er Wills Schwester Marian anvertrauen möchte.

Marian und Will sind als Kinder des Pastors von Norwich in einer sehr behüteten Umgebung aufgewachsen. Will verspürt die Pflicht in den Krieg zu ziehen und für sein Vaterland zu kämpfen. Er bringt jedoch sehr bald ein gewisses Verständnis für pazifistisches Gedankengut. Im Ausbildungslager im Jahre 1916 in Aldershot freundet sich Will mit dem 17 jährigen Tristan Sadler an, der mit seinem Alter geschwindelt hat, weil er unbedingt in den Krieg ziehen wollte. Obwohl ihre Freundschaft nicht ungetrübt bleibt, so kämpfen sie im Sommer bis Herbst 1916 in Frankreich doch Seite an Seite im Schützengraben.

Während der ganzen Zeit im Ausbildungslager sowie an der Front hatte Will regen Briefkontakt mit seiner Schwester Marian, so dass sie über viele Geschehnisse aus Wills Perspektive recht gut informiert ist. Tristan erzählt Marian auf recht schonungslose die Erlebnisse im Schützengraben aus seiner Sicht und bringt ihr die letzten Monate ihres Bruders nahe.

Nach 60 Jahren kommt es zu einer letzten Begegnung von Marian und Tristan, nach der Tristan seine Erlebnisse endgültig loslässt, indem er das Manuskript mit seinen Erlebnissen – seinem Geständnis - veröffentlicht.

Das Buch ist in sieben größere Abschnitte unterteilt, die abwechslungsweise im Kriegsgeschehen 1916 beziehungsweise in Norwich anlässlich des Treffens von Tristan und Marian im September 1919 spielen. Obwohl man schon recht früh Vermutungen hat, in welche Richtung der Roman führen könnte und durch Vor- und Rückblenden einzelne Aspekte aufgegriffen werden, so führt John Boyne dennoch in einem sehr ruhigen Erzählrhythmus durch das Leben der beiden Freunde von der Kindheit bis zu den letzten Wochen an der Front.

Die Bilder, die der Autor vor dem inneren Auge des Lesers heraufbeschwört, sind sehr eindringlich und nicht immer sehr angenehm. Ohne Effekthascherei wird auch die blutige und schmutzige Seite des Kämpfens im Schützengraben schonungslos dargestellt. Der Schwerpunkt liegt weniger auf der Spannung der Kampfhandlungen als auf der Stimmung, die herrscht, bestimmt unter anderem auch durch die täglichen Probleme mit Ernährung, Gesundheit Müdigkeit und Angst. Hautnah erlebt man mit, wie Kameraden und Vorgesetzte sterben oder den Verstand verlieren.

Die Charaktere der beiden Hauptfiguren Tristan und Will sind meiner Meinung nach sehr gut gelungen. Boyne zeichnet sowohl ihre Gefühlsschwankungen als auch ihre Enttäuschungen sehr sensibel auf. Genau so haben mir die anderen Charaktere unter den Soldaten sehr gut gefallen. Mit der Figur der Marian hatte ich etwas Mühe. Ich empfand sie anfangs, als sie Tristan im Café trifft und gegen Ende, als sie ihn ihren Eltern vorstellt, recht zickig und unreif. Dazwischen war sie mir sympathischer aber irgendwie doch konturlos. Sehr gut hat sie mir aber ganz am Ende gefallen, als sie Tristan nach 60 Jahren noch mal trifft. Das war auch für mich als Leser irgendwie versöhnend.

Mir hat das Buch sehr gut gefallen. Es bringt dem Leser auf sehr sensible Art das Leben von Soldaten im 1. Weltkrieg nahe und zeigt auch, wie die Daheimgebliebenen mit den Verlusten fertig werden müssen. Allerdings sehe ich das Buch weniger als typischen historischen Roman, da er nur wenige Informationen über politische und strategische Hintergründe des Krieges beinhaltet. Der Schwerpunkt ist auf der Beschreibung des Lebens an der Front aus der Perspektive eines 17jährigen Soldaten, der sich nicht so intensiv mit den politischen Ränkespielen und dem strategischen Kriegsverlauf auseinandersetzen konnte. Wer eine ausführliche historische Aufarbeitung des Krieges erwartet, wird womöglich enttäuscht sein.

Ein Roman über Freundschaft, enttäuschte Liebe, Mut, Feigheit, Schuld, das viel Raum für eigene Gedanken lässt und kein Urteil über die Beteiligten Personen fällt.
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