Das Haus zur besonderen Verwendung von John Boyne

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2009unter dem Titel „The House of Special Purpose“,deutsche Ausgabe erstmals 2010, 560 Seiten.ISBN 3716026425.Übersetzung ins Deutsche von Fritz Schneider.

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Kurzgefasst:

Russland 1915: In einem kleinen Dorf verhindert der sechzehnjährige Bauernsohn Georgi mit Glück und Geistesgegenwart ein Attentat auf ein Mitglied der Zarenfamilie. Zar Nikolaus II. ruft Georgi daraufhin nach Sankt Petersburg, wo er ihn zum Leibwächter seines einzigen Sohnes ernennt, der nicht nur als Thronfolger in ständiger Lebensgefahr schwebt. Georgi weicht dem kleinen Zaren fortan nicht mehr von der Seite und findet in ihm einen Freund. In den prunkvollen Sälen des Winterpalais begegnet er auch der Zarentochter Anastasia. Sie verlieben sich, wohl wissend, dass diese Liebe nicht sein darf. Doch Georgi ist entschlossen, für Anastasia bis zum Äußersten zu gehen. Aber dann erhebt sich das Volk gegen den Zaren; das ganze Land taumelt dem Abgrund der Revolution entgegen. Anastasia und ihre Familie werden an einen geheimen Ort verschleppt ins „Haus zur besonderen Verwendung“.

Das meint Histo-Couch.de: „Feinfühliger Roman über den Untergang der Romanows und eine Liebe, die alle Schranken überwindet“97Treffer

Rezension von Rita Dell'Agnese

Georgi möchte nur eines: Seinen besten Freund von einer Dummheit abhalten. Ohne nachzudenken wirft er sich deshalb in die Kugel, mit der sein Freund Kolek den Vetter des Zaren töten möchte. Diese Tat bringt ihn in den Palast nach St. Petersburg. Dort soll der Bauernsohn Georgi auf den Thronfolger Alexei aufpassen, ihm ein loyaler Freund und Begleiter sein. Doch 1915 ist eine schwierige Zeit, der Sturz der Zarenfamilie bahnt sich an. Georgi spürt davon zunächst nichts. Ihn beschäftigen andere Gedanken. Denn seit dem ersten Augenblick ist er von der jüngsten Zarentochter Anastasia fasziniert. Da bricht die Revolution aus.

Spiel mit den zeitlichen Ebenen

Dass John Boyne ein hervorragender Erzähler ist, offenbart sich bereits im Aufbau des äußerst feinfühligen Romans. Er siedelt seine Geschichte auf mehreren zeitlichen Ebenen an, immer mit Georgi als zentraler Figur. Einmal geht es um die Zeit von 1915, als der junge Bauernsohn plötzlich in die prunkvolle Welt des Palastes versetzt wird. Georgi hat Mühe, sich in der neuen Welt zu Recht zu finden und versteht viele Rituale und Gesetze nicht. Dann spielt der Roman aber auch 1941 im vom Bombenterror gebeutelten London, wo Georgi mit seiner Frau Soja und der gemeinsamen Tochter lebt. Eine weitere Zeitebene ist in den frühen Siebzigerjahren angesiedelt und den Abschluss der Erzählungen macht die Zeit von 1981, als der betagte Georgi auf seine Jugend zurückblickt. Nie geraten die vielen zeitlichen Abläufe durcheinander oder sind verwirrend. Denn Boyne erzählt so schlüssig, dass sich die Geschichte wie ein Fächer vor dem Auge des Lesers entfaltet. Die Zeitsprünge wirken sich auch keineswegs nachteilig auf den Lesefluss aus. Vielmehr bekommt der Roman gerade dadurch seine eigentliche Würze.

Überzeugende Protagonisten

Der Autor hat sich intensiv mit der Familie Romanow und deren Umfeld auseinander gesetzt. Dies gibt ihm die Möglichkeit, die einzelnen Charaktere detailliert und glaubwürdig auszugestalten. Ob es nun um die kühle Zarin, die heranwachsende, liebenswürdige Anastasia, den Bengel Alexei oder auch den undurchsichtigen Rasputin geht, alle Figuren, denen man auch in den Geschichtsbüchern begegnet, wirken in jeder Hinsicht überzeugend. Boyne versteht es, die Stärken und Schwächen der einzelnen Personen fein hervorzuarbeiten und ihnen damit eine unglaubliche Tiefe und Wahrhaftigkeit zu verleihen. Nicht eine einzige Figur fällt hier negativ auf, wenn es auch natürlicherweise Sympathieträger und unangenehme Personen gibt.

Schöne Sprachmelodie

John Boyne legt hier einen Roman vor, der auch von der Sprachmelodie überzeugt. Obwohl er durchaus die prachtvolle Üppigkeit und die Schwere der russischen Gesellschaft einfängt, wirkt die Sprache leichtfüßig und plätschernd, legt beim Lesen keinerlei Hindernisse in den Weg und lädt dazu ein, sich am Text festzukrallen und nicht mehr loszulassen, bis die letzte Seite gelesen ist. Doch auch dann wird der Roman wohl die meisten Leserinnen und Leser nur schwer wieder aus seinen Fängen lassen. Die Geschichte wirkt nach, bezaubert, macht betroffen und wirft die Frage auf: Wie gehe ich persönlich mit Menschen um, die aus einer mir unbekannten Welt stammen. Denn neben der eigentlichen Geschichte um Georgi und Anastasia bietet der Roman viel Stoff zum Nachdenken über Nachbarschaft, fremd sein, Krieg und Gefühle.

Wer den besonderen historischen Roman sucht, der kann hier bedenkenlos zugreifen. Die Handlung ist so weit entfernt vom gängigen Schema des Durschnitt-Romans, dass er alleine deshalb schon Augenmerk verdient. Dass er zudem hervorragend geschrieben ist und intensive Gefühle zu wecken vermag, sind weitere wichtige Pluspunkte.

 

Ihre Meinung zu »John Boyne: Das Haus zur besonderen Verwendung«

Gwenya zu »John Boyne: Das Haus zur besonderen Verwendung«06.02.2015
Mit „Das Haus zur besonderen Verwendung“ versprach mir die Times "Ein aufwühlendes, atemberaubendes Epos über das Schicksal des letzten russischen Zaren und seiner Familie."

Einen Ausflug in die märchenhafte Welt des zwischen Pracht und Grausamkeit tanzenden Russlands der Zaren, einen Besuch bei der verehrten, erlauchten Familie von Nikolaus II, den Genuss einer unmöglichen Liebe, die Mysterien und Grausamkeiten der Revolution…
Doch wer dies alles erwartet, muss leider enttäuscht werden. „Das Haus zur besonderen Verwendung“ ist eine ganz nette Geschichte über den Lebensweg eines alten Ehepaares, doch mehr auch nicht. Denn anstelle der versprochenen Erzählung von dem Bauernjungen, der sich mit dem Zarewitsch anfreundet und sich in die Zarentochter Anastasia verliebt, erfährt man viel mehr über Georgis Arbeit in einer Londoner Bibliothek, über Filme, die er mit seiner Frau ansieht, ihre Tochter und ihren Enkelsohn, die Krönung der Queen Elizabeth II, und Menschen, die ihnen auf ihrem Lebensweg begegnen, sowie die Depressionen und Suizidversuche der überlebenden Prinzessin.
Die ganze Zeit über scheint der Roman eher Stew als Schtschi, eher etwas dünner Pfefferminztee als Wodga; der mystische Zauber des Zarenreiches ist nicht zu verspüren; seine Faszination bleibt dem Leser verborgen, ebenso die Exzentrik des Lebens am Hof der Romanows, die Schönheit und Grausamkeit ihrer Epoche mit ihren rauschenden Festen und Blutbädern; die Geschichte und die Charaktere sind viel mehr englisch als russisch, bleiben oft eher blass und schemenhaft und verwehren dem Leser ein Gefühl der Authentizität wenn er in eine fremde, vergangene Zeit und Kultur eintaucht.

Fungierten Boyne’s schlichte, einfache Sprache, das Verschweigen mancher Dinge und die damit verbundene ‚Entfremdung‘ von dem zentralen Thema in „Der Junge mit dem gestreiften Pyjama“ als sehr wirksame Waffen auf den Leser, so erscheinen sie hier viel eher fehl am Platz. Teilweise ist es frustrierend wie einfach der Autor es sich macht, historische Themen abzuhandeln oder wichtige Geschehnisse der russischen Geschichte unverfänglich zu umschiffen. Man sieht die Revolution, den Hass, das Elend, die Gefahr nicht wachsen und reifen; sie ist irgendwann einfach geschehen…
Selbst Rasputins finstere, mystische Faszination ist nur äußerst schwerlich zu erfassen, seine Rolle und sein Handeln am Hof werden verkürzt und recht ungesalzen abgehandelt.
Einige Enthüllungen und Wendungen sind sehr vorhersehbar, bereits nach wenigen Kapiteln ist Sojas Geschichte offensichtlich, und auch die Geschichte um die Großfürstin Maria Romanowa überrascht nicht im Geringsten.

Des Weiteren wirkt es ein wenig banal wenn sich die Jugendlichen zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts ebenso ausdrücken, verhalten, ebenso denken, urteilen und träumen wie in unserer Gegenwart („sie hatten schon seit Monaten etwas miteinander“?). Die Tragik und Unmöglichkeit der Liebe zwischen Georgi und Anastasia muss immer wieder erklärt und zurück ins Gedächtnis gerufen werden, denn leider ist es dem Leser nicht möglich sich in die Konventionen jener Zeit einzufinden.
Diese Liebe, die das Herzstück des Romans sein sollte war es allerdings, die mich neben den nur rar gesäten geschichtlichen Elementen, am meisten enttäuscht hat.
Es bleibt bis zum Ende hin ein Rätsel was es nun eigentlich ist, was Georgi und seine Frau ein Leben lang zusammenhält; die Bande, die sich zwischen ihnen knüpfen als Georgi sein Leben im Winterpalais beginnt, erscheinen als simple, oberflächliche Schwärmerei zweier Teenager; die wunderschöne Prinzessin, der gutaussehende Leibwächter; die sich nie erkennbar zu etwas tieferem entwickelt. Nur wird sich bei jeder Gelegenheit geküsst, ewige Liebe geschworen und dann immer wieder betrübt betont, dass sie keine Zukunft haben und niemals heiraten können werden.
Georgi beobachtet sie und gedenkt dann und wann ihrer Schönheit, leider erfahren wir nie was es ist was sie für ihn so schön macht und weshalb die beiden sich überhaupt in einander verliebt haben.
Die Liebe der beiden Protagonisten zeigt ebenso wenig Entwicklung und ebenso viel Blässe wie die Charaktere selbst und wie die Behandlung der geschichtlichen Ereignisse.

Darum schafft der Roman auch nicht mich mit der Geschichte die er erzählt zu berühren. Es gibt nur wenige Momente wie jenen in dem Georgi und Anastasia zum letzten Mal das Winterpalais besuchen, die ein klein wenig den Zauber versprühen, der zu Beginn des Buches angedeutet wurde, doch dann niemals aufzufinden war.
„Das Haus zur besonderen Verwendung“ ist eine Sammlung von Geschichten aus dem Leben eines alten Mannes, doch leider weder ein geschichtliches Epos über die letzte Zarenfamilie, noch ein bewegender Liebesroman, es ist eine nette, angenehme Geschichte, die sich leicht lesen und leicht verdauen lässt, mehr allerdings leider nicht!
Sie ist eine angenehm temperierte Tasse nicht zu starker Pfefferminztee, deren Verzehr niemals zu dem Rausch und Kater des Wodgas führen wird!
FrenchConnection zu »John Boyne: Das Haus zur besonderen Verwendung«07.04.2013
Weiß ja nicht, wieso so viele angelsächsische Autoren nicht in der Lage oder nicht Willens sind, die entsprechenden geographischen Recherchen für ihre Bücher durchzuführen. Kaschin war zur Zeit der Erzählung absolut kein Dorf, sondern eine Stadt mit steinernen Kaufmannshäusern und Kirchen, einer öffentlicher Bibliothek, einem Krankenhaus sowie einer Eisenbahnanbindung an Moskau. Um 1980 herum wurde Kaschin sogar der Status einer Kurstadt verliehen. Finde so etwas eine unglaubliche Nachlässigkeit.
Mel.E zu »John Boyne: Das Haus zur besonderen Verwendung«22.04.2012
Erzählt wird in verschiedenen Zeitsprüngen und wir lernen das Leben am Hof kennen und wir lernen das Leben des jungen und des alten Georgi kennen. Georgi ist die Person die uns komplett durch die Geschichte führt. Im heute und im gestern. John Boyne gelingt es einen echten Zusammenhang zu finden und uns mitzunehmen in eine Welt voller Reichtum und hinterher in eine Welt in der nur noch Erinnerungen an ein Leben bleiben, welches vorher war.

Der Schreibstil ist mitreißend und wer Geschichte liebt wird hier sicherlich einiges finden was ihn erstaunen wird. Den ganzen Prunk der Zarenfamilie im Winterpalais, die große Angst um Alexander, der an der Glasknochenkrankheit leidet (habt ihr das gewusst?) und Georgis Sorge nicht genug für den Zarensohn tun zu können. Die Liebe zu Anastasia kommt dann noch hinzu. Zwei Menschen unterschiedlicher Abstammung, die normalerweise keinen Bund eingehen können oder dürfen, da sie nicht standesgemäß ist, denn Georgi ist ein armer Bauernjunge und Anastasia eine echte Prinzessin. Aber wie es immer so ist, kommt doch alles anders und die beiden finden zueinander, auch wenn die Umstände eher grausam sind. Wer sich in der Geschichte der Zarenfamilie etwas auskennt, weiß worauf ich anspiele. Ich will nicht alles verraten, denn dieses Buch ist einfach so wunderbar geschrieben, das man es selbst in die Hand nehmen muss um es zu lesen.

"Das Haus zur besonderen Verwendung" hat es tatsächlich gegeben und wer sich dafür interessiert darf sich gerne weiter darüber informieren. Wir lernen ein Stück weit über die Oktoberrevolution, wir geleiten
Georgi Daniilowitsch Jatschmenew als jungen Mann durch den Palast und wir geleiten ihn durch die schwere Krebserkrankung seiner Frau Soja, seiner großen Liebe. Soja heißt übersetzt "Das Leben".


Mich hat die Geschichte sehr bewegt, denn die Romanovs waren mir wie gesagt nicht unbekannt, aber ich durfte noch ein klein wenig weiterlernen und sie kennenlernen. Die Personen sind so gut beschrieben das ich sie vor meinen geistigen Auge fast bildlich sehen kann. John Boyne hat wirklich die besondere Gabe auszuschmücken und uns mitzunehmen in andere Welten. Ich sagte schon, das das Buch recht vorhersehbar ist, da ich einiges über die Zarenfamilie schon wusste, aber es bewegt und berührt dennoch wenn man es dann noch einmal lesen muss.

Für mich war es das 3. Buch des Autoren und ich kann nur sagen, dieser Mann kann wirklich schreiben und ich bin immer noch dankbar für die Empfehlung für das Buch und die Leihgabe. Ich befand mich schon zweimal im Krieg, davon einmal im KZ, einmal direkt an der Front und nun in Russland. Ich merke, das John Boyne diese Dinge, vor allem Tabuthemen besonders am Herzen liegen und er sie so umschreibt, das sie auch uns bewegen und berühren.
€nigma zu »John Boyne: Das Haus zur besonderen Verwendung«12.10.2011
"Das Haus zur besonderen Verwendung" des irischen Schriftstellers John Boyne (*1971) erzählt in zwei alternierenden Handlungssträngen die Lebensgeschichte des russischen Bauernsohns Georgi Daniilowitsch Jatschmenew.

Im Jahr 1915 rettet der sechzehnjährige Georgi dem Vetter des Zaren Nikolaus II das Leben, indem er ein Attentat vereitelt. Zur Belohnung wird er in die Leibgarde des Zaren aufgenommen und als Begleiter, bzw. Beschützer des elfjährigen Zarewitsch Alexei eingeteilt. Georgi lernt auch die vier Töchter des Zaren kennen und verliebt sich in die jüngste, Anastasia. In Russland bahnt sich infolge der zunehmenden Unzufriedenheit des darbenden russischen Volkes ein gesellschaftlicher Wandel an, es kommt zur Revolution und Absetzung des Zaren durch die Bolschewiken. Die Zarenfamilie schwebt in höchster Gefahr.

Der zweite Erzählstrang setzt im Jahre 1981 ein und bewegt sich durch gut sechs Jahrzehnte zurück bis ins Jahr 1919, als Georgi und seine ebenfalls aus Russland stammende Frau Soja heirateten.Der Leser gewinnt nach und nach das Bild eines unsteten Lebens, das das Ehepaar Jatschmenew über Paris schließlich nach London geführt hat, wo Georgi und Soja trotz einiger Schicksalsschläge ein weitgehend zufriedenstellendes Leben führen, auch wenn ihr Heimweh niemals ganz erlischt.

Der Aufbau des Romans mit den zwei sich aus gegensätzlichen Richtungen aufeinanderzubewegenden Erzählungen ist genial und hält das Interesse des Lesers wach, da man unbedingt wissen möchte (oder auch bereits ahnt), wie die verschiedenen Lebensabschnitte des Protagonisten zusammenhängen.

Die Charakterisierung der Figuren ist sehr gelungen: Sie werden facettenreich mit ihren guten und weniger guten Eigenschaften dargestellt. Der Leser kann sich gut einfühlen.

Der Erzählstil ist ansprechend und flüssig zu lesen, an dieser Stelle gebührt nicht nur dem Autor, sondern auch dem Übersetzer Fritz Schneider ein Lob.

"Das Haus zur besonderen Verwendung" ist ein anspruchsvoller historischer Roman der Extraklasse, den ich geschichtlich interessierten Lesern dringend empfehlen möchte.
tedesca zu »John Boyne: Das Haus zur besonderen Verwendung«05.05.2011
Nachdem ich in letzter Zeit einiges zum Thema russische Revolution aus der Sicht der Revolutionäre gelesen habe, war dieses Buch eine willkommene Abwechslung in dem Sinne, dass diesmal aus Sicht der Zarenfamilie und ihrer Getreuen berichtet wird. Der Ich-Erzähler Georgy wird durch ungewollte Tapferkeit zum persönlichen Leibwächter des Zarewitsch Alexander ernannt und lernt so die Familie aus nächster Nähe kennen. Den Zar respektiert er aus ganzem Herzen, wobei er dieses jedoch der jüngsten Großfürstin Anastasia schenkt. Wie es kommen muss, fällt die Familie dem Mord durch die Revolutionäre zum Opfer, Georgy jedoch gelingt es, nach Frankreich und später nach England zu fliehen, wo er bis zum Krebstod seiner Frau alle Höhen und Tiefen eines Emigrantendaseins durchlebt.

Boyne hat einen interessanten und berührenden Roman geschrieben, dem es jedoch leider oft am Detail mangelt. Z.B. fragt man sich doch unwillkürlich, woher ein russicher Bauer so gut Französisch und Englisch spricht, dass er unmittelbar nach seiner Ankunft im entsprechenden Land Jobs im Buchhandel bzw. einer Bibliothek bewältigen kann. Derartige Informationslücken gibt es etliche, wobei andererseits die historische Genauigkeit relativ gut gegeben ist, wie ich nachrecherchieren konnte. Natürlich leidet diese immer dort, wo Georgy seine persönlichen Erlebnisse mit der Zarenfamilie berichtet, aber sonst hätten wir ja ein Geschichtswerk und keinen Roman vor uns. Alles in allem ein schönes Buch, leicht zu lesen und gut fürs Gemüt. Kein Meisterwerk, das man unbedingt gelesen haben muss, aber doch gut für ein paar entspannende Lesestunden.
lesemoni zu »John Boyne: Das Haus zur besonderen Verwendung«30.03.2011
Georgi und Soja.....wunderschön und traurig zugleich !!! Ich bin noch ganz gefangen und betört von dieser wunderschönen Geschichte die mich wie kein anderes Buch bisher berührt hat.Seit Monaten bin ich um dieses Buch herumgeschlichen und letzten Samstag mußte es dann unbedingt von der Buchhandlung mit nach Hause.Ich habe dann spät abends mit dem lesen begonnen. Zum Inhalt wurde wie immer schon viel zu viel geschrieben darum werde ich dies wie immer nicht tun:-) Ich kann das Buch nur wärmstens empfehlen und schreibe nur dieses eine Wort dass in dem Buch des öfteren vorkommt "GeorgiundSoja" !!!! Alle die das Buch schon gelesen haben wissen was ich damit meine :-) Wer nun neugierig geworden ist was " GeorgiundSoja" zu bedeuten hat muß es schon selbst lesen....:-)
Von mir gibt es 100 Punkte für eine wunderschöne ,berührende ausgefeilte Geschichte die wirklich so passiert sein könnte.....
Bellexr zu »John Boyne: Das Haus zur besonderen Verwendung«28.11.2010
Der in der Ich-Form geschriebene Roman beginnt zum Einen in der Gegenwart, in der Georgi seine Frau im Krankenhaus besucht, man sein Leben in London, seine Liebe zu Büchern wie auch seinen Enkel Michael kennenlernt. In einem weiteren Erzählstrang geht der Autor mit seiner Geschichte zurück in das Jahr 1916, als Georgi als Jugendlicher in dem kleinen Dorf Kaschin lebt und dort das Leben des Zarenvetters rettet. Diese beiden Erzählstränge arbeiten sich langsam aufeinander zu, sodass man nach und nach das ganze aufregende, erbarmungsreiche, traurige, aber auch glückliche und zufriedene Leben von Georgi und Soja kennenlernt. Und schon bald stellt man fest, dass John Boyne eine Legende neu aufleben lässt, er hier seine Version des Mythos erzählt und dies wirklich in einer grandiosen Art und Weise.

John Boyne ist ein wahrer Meister des Erzählens. Ihm gelingt es absolut mühelos, schon nach wenigen Seiten eine so dichte Atmosphäre aufzubauen, dass man regelrecht in die Geschichte von Georgi und Soja eintaucht. Seine Sprache ist lebendig, farbenfroh und so bildgewaltig, dass man regelrecht vor Augen hat, wie erstaunt und ehrfürchtig Georgi ist, als er das erste Mal das Winterpalais erblickt oder auch wie er kurz darauf dem Zar vorgestellt wird. Und obwohl John Boynes Schreibstil eher als ausschweifend zu bezeichnen ist, gelingt es ihm doch mühelos, die Spannung und auch den Unterhaltungswert immer sehr hoch zu halten, ohne auch nur einmal langatmig zu werden. Dies ist auch bedingt durch die sehr geschickt gelegten Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit sowie durch seinen sehr warmherzigen, gefühlvollen und flüssigen Schreibstil.

Man spürt regelrecht in jeder Zeile die Liebe von Georgi und Soja zu Russland wie auch zueinander und so nehmen diese beiden Figuren sehr schnell Konturen an und wachsen einem regelrecht ans Herz. Die Charaktere der restlichen Zarenfamilie sind ebenfalls sehr detailreich beschrieben, wobei die Darstellung der Zarin Alexandra hier nicht unbedingt sympathisch wirkt, dies jedoch zum Teil mit ihrer Erziehung begründet wird. Ich denke, hier hat sich der Autor seiner schriftstellerischen Freiheit bedient, da es so besser in die Geschichte passt. Die Figur von Vater Gregori oder besser bekannt als Rasputin ist genau so düster, unheimlich und hinterhältig beschrieben wie man es in anderen Erzählungen oft schon nachlesen konnte.

Auf die Hintergründe der Revolution wie auch auf die Ermordung der Zarenfamilie geht der Autor zwar ein, diese stehen aber nicht im Fokus, was ich auch nicht unbedingt vermisst habe, da dies zwar entscheidende Einschnitte in das Leben von Georgi und Soja waren, ihre Liebe zueinander und ihr Leben miteinander aber im Vordergrund der Geschichte stehen.

So ist John Boyne ein üppiger, spannender und sehr unterhaltsamer Roman gelungen, der der Legende um die letzte Zarentochter eine neue Sichtweise gibt.
20-Dollar zu »John Boyne: Das Haus zur besonderen Verwendung«12.09.2010
Durch die Erzählung der Geschichte, der Erinnerungen in der Ich-Form, erhält der Leser einen tiefen Einblick in die Gefühle Georgis. Wir erfahren, dass sein Leben erfüllt ist von Trauer, Leid, Alleinsein, die Trennungen des Lebens, von den Eltern und Schwestern, von Anastasia, von Russland, machen ihm mehr zu schaffen, als er anfangs glaubt, oft erinnert er sich an sein Leben im Dorf im Kreise seiner Familie, das zeigt mir, dass er doch nicht mit seiner Familie abgeschlossen hat, wie ich anfangs am Buch dachte. Ich las über glückliche Erinnerungen in der weiteren Vergangenheit, an seine Dienstzeit und das Leben mit der kaiserlichen Familie, konnte aber auch über die Ohnmacht der näheren Vergangenheit lesen, die ihn befällt, wenn seine Frau sich die Schuld an vielen Dingen in Ihrer beiden Leben gibt.

Georgis Frau Soja ist schwer für mich einzuschätzen, es scheint sie ist eine schwierige Persönlichkeit, die etwas realitätsfremd das Leben erlebt, nur stark ist, wenn sie von Russland redet und es verteidigt, der Hass auf die Revolution und die „Macher“ der Revolution ist oft unter der Oberfläche erkennbar. Teilweise kann ich auch Georgi schwer einschätzen, ist er einfach nur naiv und unwissend, wenn es um die Zukunft Russlands und der Zarenfamilie geht, oder wollte er diese nur beruhigen, da er die Zukunft ahnte. Warum hat er seine enge Beziehung als Leibgardist nicht genutzt um dem Zaren mitzuteilen, wie die Russen außerhalb der Palastmauern wirklich lebten, dass sie hungerten und froren, nicht genug Geld besaßen, Soldaten betrauerten, hoffnungslos waren?

Zusammenfassend ein sehr spannendes Buch, durch die Unterbrechungen zwischen Vergangenheit und Jetzt, wobei die Vergangenheit chronologisch geordnet ist und das Jetzt zwischen den Jahren 1919 und 1981 pendelt, baut sich ein enormer Spannungsbogen insgesamt auf, aber auch jedes Kapitel in sich, beherbergt die Möglichkeit des Spannungsbogens. Ich denke es ist auch ein Buch für Geschichtsbegeisterte, denn die Geschichte ist an die Geschichte Russlands gelehnt, diese wird jedoch nicht verklärt.
KimVi zu »John Boyne: Das Haus zur besonderen Verwendung«08.09.2010
Über sechzig Jahre ist es her, dass der mittlerweile 82-jährige Georgi Daniilowitsch Jatschmenew seinem Heimatland Russland, gemeinsam mit seiner Ehefrau Soja, den Rücken kehrte. Sojas Lebensweg nähert sich nach all den Jahren dem Ende, denn sie ist unheilbar an Krebs erkrankt. Deshalb lässt Georgi die Vergangenheit noch einmal Revue passieren und blickt dabei auf ein ereignisreiches Leben zurück. Obwohl Georgi als Sohn einer einfachen Bauernfamilie geboren wurde, gelangte er in das unmittelbare Umfeld der letzten Zarenfamilie. Im Alter von sechzehn Jahren konnte er ein Attentat auf ein Mitglied der Zarenfamilie verhindern und wurde deshalb nach St. Petersburg berufen, um dort in der Leibgarde zu dienen. Bereits bei seiner ersten Begegnung mit den Töchtern des Zaren, verlor er sein Herz an Anastasia....

"Das Haus zur besonderen Verwendung" ist eine fiktive Erzählung. Die Handlung beschäftigt sich mit dem Schicksal der letzten Zarenfamilie. Dazu wird die Ich-Perspektive, aus Georgis Sicht, verwendet. Im Jahre 1981 muss der 82-jährige Georgi von seiner Ehefrau Soja Abschied nehmen, da sie unheilbar an Krebs erkrankt ist. Seine Gedanken schweifen in die Vergangenheit. Stück für Stück blickt er dabei immer weiter zurück, lässt wichtige Stationen im gemeinsamen Leben Revue passieren, um sich schließlich an den Beginn ihres gemeinsamen Lebens zu erinnern. Unterbrochen werden diese Rückblicke durch die Erinnerungen des ganz jungen Georgi, der, durch sein beherztes Eingreifen, ein Attentat auf ein Mitglied der Zarenfamilie verhindern konnte und damit sein ganzes Leben änderte. Dieser Erzählstrang beginnt im Jahre 1915 und endet mit der Ermordung der Zarenfamilie im Jahre 1918. Die beiden Handlungsstränge wechseln ab, um am Ende zusammenzulaufen.

In den Erinnerungen des jungen Georgi kann man zunächst einen Blick auf das ganz normale, harte Leben einer russischen Bauernfamilie werfen und erfährt, wie es in den Dörfern zuging und welche Stimmung dort herrschte. Nach seiner Aufnahme in die Leibgarde des Zaren lernt Georgi die andere Seite Russlands kennen. Die Zarenfamilie lebt im Reichtum und wohnt in prächtigen Palästen. Der Erzähler Georgi wirkt sehr sympathisch und schildert die Begebenheiten und Handlungsorte so detailliert, dass man sich die prunkvolle Kulisse gut vorstellen kann. Da Georgi der Zarenfamilie vollkommen ergeben ist und man das Geschehen mit seinen Augen betrachtet, zeichnet er ein freundliches und angenehmes Bild der Familie und stellt ihre Lebensweise nicht in Frage. Er wagt allerdings nicht daran zu denken, was der Zar mit ihm tun würde, wenn er von seiner Liebe zu Anastasia erführe. Der Starez Grigori Rasputin und sein unheilvoller Einfluss auf die Zarin, wird von Georgi äusserst misstrauisch betrachtet. Die historische Ereignisse der damaligen Zeit verschmelzen mit Georgis Erinnerungen und werden so in die Handlung eingeflochten.

Die Rückblicke des alten Georgi beschreiben das Leben im Exil und die gemeinsamen Jahre mit seiner Ehefrau Soja. Die beiden haben schon einiges überwunden und besonders Soja scheint vom Schicksal arg gebeutelt. Die Liebe des Ehepaars zueinander ist dabei allgegenwärtig und beim Lesen spürbar. Die beiden abwechselnden Handlungsstränge lassen die Erzählung durchgehend interessant wirken und machen neugierig auf die Auflösung.

Durch John Boynes wundervollen Schreibstil fällt es leicht in das ereignisreiche Leben Georgis einzutauchen und seine große Liebe zu Soja nachzuempfinden. Lange Zeit hat mich kein Buch so sehr gefesselt wie "Das Haus zur besonderen Verwendung". Dem Autor gelingt es die großen Gefühle glaubhaft zu vermitteln, ohne dabei zu dick aufzutragen. Obwohl man weiß, welches Schicksal die Zarenfamilie im Haus zur besonderen Verwendung erwartet, hofft man beim Lesen auf ein Wunder. Ich vergebe begeisterte fünf Bewertungssterne und empfehle die Lebensgeschichte von Georgi, Anastasia und Soja gerne weiter.
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