Noble Gesellschaft von Joan Weng

Buchvorstellungund Rezension

Noble Gesellschaft von Joan Weng

Originalausgabe erschienen 2017unter dem Titel „Noble Gesellschaft“,, 304 Seiten.ISBN 3-7466-3276-5.

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Kurzgefasst:

Berlin im Herbst 1925: In der noblen Gesellschaft ist ein Dienstmädchen verschwunden. Ein alter Bekannter erzählt Carl von Bäumer, Starschauspieler der UFA, bei einem Galadinner davon und schon am nächsten Tag ist er tot. Handelt es sich wirklich um Selbstmord? Carl glaubt nicht daran und forscht nach den Hintergründen. Gemeinsam mit Kommissar Paul Genzer taucht er tief ein in Berlins Gesellschaft der Zwanziger Jahre. Und plötzlich befinden sie sich in einem Verwirrspiel aus Rache, Diamantenschmuggel und jahrzehntealtem Hass.

Das meint Histo-Couch.de: „Kniffliger Fall mit kleineren Schwächen“65

Rezension von Jörg Kijanski

Oktober 1925. Filmstar Carl von Bäumer langweilt sich auf einem Galadinner für Kriegsblinde, was vor allem an seiner nervigen Tischnachbarin liegt. Zudem kommt es zu einem unfreiwilligen Wiedersehen mit Max von Volkmann, der aber immerhin eine interessante Geschichte zu erzählen weiß. Esther, die frühere Geliebte des Gastgebers Baron von Rosskopf, verschwand einst unter ungeklärten Umständen. Dann ließ der Baron nach einer Doppelgängerin suchen und fand diese in Lotti, die nun ihrerseits seit einigen Tagen verschwunden ist. Carl von Bäumer wird neugierig angesichts der Wiederholung des Ereignisses. Nur zwei Tage später dann ein Freitod: Ausgerechnet von Volkmann soll sich erschossen haben, nachdem er wenige Stunden zuvor noch eine Theaterkarte für den nächsten Abend erwarb.

„Ich meine, dass der sich überhaupt erschossen hat. Solche Leute erschießen sich nicht! Du erschießt dich, ich erschieße mich, sogar dein Bruder Willi könnte sich an einem sensiblen Tag erschießen, aber der Typ nicht! Der ist viel zu selbstgefällig, da erschießen sich vorher die anderen.“

Kommissar Paul Genzer legt den Fall schnell zu den Akten, zumal Reichspräsident von Hindenburg den Polizeipräsidenten persönlich darum bat, dass Verfahren einzustellen. Nur so könne das Andenken an seinen Patensohn von Volkmann, ein Fliegerass des Weltkrieges, gewahrt bleiben. Schon bald gibt es weitere Morde und Selbstmorde und so dringen Carl von Bäumer und Paul Genzer einmal mehr in die Gesellschaft ein. Schnell zeigt sich, dass auch der Unterweltboss Muskel-Adolf seine Finger im Spiel hat …

Vier Freunde und ihr Geheimnis

Bereits der Prolog lässt erahnen, dass die Lösung des Falles oder besser gesagt der Fälle in der Vergangenheit zu finden ist. Vor dem Krieg verschwand Esther und es wird schnell klar, dass vier Schulfreunde daran ihren Anteil hatten. Doch bis zur Aufklärung des undurchsichtigen Falles dauert es knapp dreihundert Seiten. Bis dahin ist hohe Konzentration gefragt, allein das vorausgehende Personenregister umfasst knapp drei Seiten. Es kommt zu Beziehungsstress, zu undurchsichtigen und unerwiderten Liebschaften und nicht selten schwebt wie ein Damoklesschwert über allem der Unzuchtparagraph, der Homosexualität unter Strafe stellt. Ein Problem unter dem auch das Liebespaar von Bäumer/Genzer zu leiden hat.

„Es war die Zeit, zu der all die Gretas in Berlin ihre Bubiköpfe aufbürsteten, ihre Kniekehlen rougierten und schnell drei Aspirin in den Kaffee warfen dann drückten die Pumps weniger und der Schwips war billig. Es war auch die Zeit, zu der all die Georgies bereits den zweiten Kunden bedient hatten, zu der die Olgas in staubgesichtigen Horden zur Schicht in die aufragenden Fabriken verschwanden, und die Zeit, zu der all jene, die den Leierkastenmann um seinen Reichtum beneideten, sich in Hausfluren und Gartenlauben ein Nest aus Zeitungspapier bauten.“

Wurde im ersten Roman der Serie (Feine Leute) noch x-fach erwähnt, dass Carl von Bäumer der schönste Mann der Ufa sei, so findet man diesen Hinweis nun gleich auf dem Buchrücken in beachtlicher Schriftgröße. Offenbar hat es der Autorin im aktuellen Fall aber das Fliegerass von Volkmann angetan, denn auch wenn man gleich auf Anhieb verstanden hat, dass von Volkmann ein Fliegerass war, so wird dieser Begriff noch dutzendfach wiederholt. Statt damit die Nerven der Leser zu strapazieren hätte die Autorin besser mehr Zeit darauf verwendet, die damalige Zeit ein wenig näher zu beleuchten, denn dass der Roman im Jahr 1925 spielt wird nur an wenigen Stellen und dort äußerst dezent dargestellt. Kriegserlebnisse sind noch nicht überwunden, die Ringvereine beherrschen die Unterwelt, der Stummfilm begeistert die Massen und der legendäre Gennat – tritt nicht persönlich in Erscheinung – ist der Chef der Berliner Kripo. Auch nicht schön ist der Satz „Paul Genzer, seines Zeichens vielbeschäftigter Kriminalkommissar, saß hinter seinem Büroschreibtisch und öffnete Post.“ Gleichwohl scheint die Autorin ganz verzückt davon gewesen zu sein, denn so beginnt ein neuer Abschnitt auf Seite 243; und ein weiterer Abschnitt wortgleich (!) auf Seite 252.

Alles in allem ist Noble Gesellschaft ein verzwickter Fall, bei dem eher Carl von Bäumer ermittelt als der eigentlich zuständige Paul Genzer und so überrascht es kaum, dass der schönste …den Fall aufklärt. Bis dahin gibt es ein Wiedersehen mit einigen bekannten Nebenfiguren, deren Privatleben sich natürlich ebenfalls weiterentwickelt. 

Ihre Meinung zu »Joan Weng: Noble Gesellschaft«

venatrix zu »Joan Weng: Noble Gesellschaft«30.07.2017
Autorin Joan Weng entführt uns wieder in das Berlin von 1925. Carl von Bäumer und Paul Genzer sind nach wie vor privat ein Paar. Außerdem ermitteln sie wieder. Manchmal wirklich gemeinsam, manchmal nebeneinander. Doch das Ziel ist dasselbe: einen Mörder zur Strecke zu bringen. Gar nicht so einfach, weil einige Todesfälle geschickt oder weniger geschickt als Selbstmorde getarnt werden.


Wir Leser geraten tief in den Strudel von Leidenschaften, Drogenmissbrauch, Schmuggel und Klein- und Großganoven. 


Ganz Berlin tanzt auf dem Vulkan, doch niemand ahnt, was noch auf Deutschland zukommen wird.

Joan Weng führt uns Leser gehörig an der Nase herum. Hin und wieder gibt es scheinbare Nebenhandlungen, die aber die Stimmung in Berlin gut darstellen.

Wie schon im ersten Krimi (Feine Leute) liegt der Fokus der Geschichte eher auf den teilweise kompliziert verstrickten Beziehungen der Protagonisten als auf der Ermittlungsarbeit. Die dümpelt stellenweise so vor sich hin. Erst gegen Ende des Buches steigert sich das Tempo. Die Auflösung wird dann quasi als „Bericht“ während des Geschirrspülens präsentiert - eine interessante Variante.

Die Charaktere scheinen oberflächlich zu sein, passen meiner Meinung nach aber perfekt in das Gesamtbild dieser Zeit. Die meisten Menschen, vor allem die Wohlhabenden, leben in den Tag hinein als gäbe es kein Morgen. Wieder erstaunlich, der offene Umgang mit Homosexualität (trotz aller Gesetze dagegen) und Drogen aller Art. Reich schnupfen Kokain und spritzen Morphium in aller Öffentlichkeit, die weniger Begüterten saufen Schnaps bis zum Umfallen.

Fazit:

Das Buch ist kein Krimi im herkömmlichen Sinn, „Tat - Ermittlung – Täter gefasst“ sondern ein Sittengemälde dieser Zeit. Die Reihe entwickelt sich, daher diesmal 4 Sterne.
PMelittaM zu »Joan Weng: Noble Gesellschaft«16.03.2017
Berlin 1925: Gerade hatte Carl von Bäumer den Kriegshelden Max von Volkmann noch auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung getroffen, jetzt soll der sich selbst umgebracht haben? Daran glaubt Carl keine Sekunde, von Volkmann ist ganz sicher ermordet worden. Carl lässt sich auf eine Wette mit Kommissar Paul Genzer ein und macht sich an die Ermittlungen. Gut, dass er die noble Gesellschaft gut kennt, schließlich ist er einer von ihnen, und außerdem noch ein gefeierter Filmstar, alle Türen stehen ihm also offen.

Nachdem ich den Vorgängerband gelesen hatte, habe ich mich schon sehr darauf gefreut, endlich wieder Carl und Paul zu treffen, nun endlich war es soweit, Band 2 ist erschienen und hat mich nicht enttäuscht.

Joan Wengs Roman hat mich sofort wieder gepackt und mich in das Berlin der 20er Jahre entführt, in dem ich nicht nur auf die titelgebende noble Gesellschaft, sondern auch auf die weniger oder gar nicht noble traf. Bunt gemischt und mannigfaltig ist das Personenensemble, manchmal auch verwirrend, bis man die einzelnen Namen zuordnen kann, dabei hilft aber das sehr nützliche Personenregister. Wer aufmerksam liest, kommt sowieso gut klar. Einige Charaktere kennt man sowieso bereits aus dem Vorgängerband, wer diesen gelesen hat, trifft eine Reihe alter Bekannter wieder.

Aufmerksam lesen, ist, wie schon beim Vorgänger, sowieso angesagt, will man nicht versteckte Hinweise oder Anspielungen übersehen. Besonders gelungen sind die vielen Perspektiven, durch die die Handlung und die Auflösung vorangetrieben werden, dem Leser wird so nach und nach das Puzzle enthüllt und man erhält verschiedene Blickwinkel auf die Personen und den Fall.

Mir gefällt Joan Wengs Erzählweise sehr gut, mit viel feinem Humor bringt sie ihre Charaktere, nicht nur die Protagonisten, immer wieder in schwierige, gar peinliche Situationen, die den Leser zum Schmunzeln bringen. Bevorzugtes „Opfer „ist Carl von Bäumer, der schönste Mann der UFA, der sich in seinem Eifer auch oft selbst in unmögliche Situationen bringt. Auch manche Meinung nimmt sie auf die Schippe, sei es, wenn Urte, Carls Schwester diesem Vorhaltungen macht, sei es, wenn Pauls Kollege oder gar sein Tippfräulein über diesen nachdenkt. Manche Szenen sind fast slapstickhaft angelegt – herrlich!

Dass der Kriminalfall hinter den persönlichen Beziehungen und der Atmosphäre des 20er Jahre Berlins etwas zurücktritt, macht gar nichts, aufgelöst wird er dennoch nachvollziehbar und zufriedenstellend.

Was soll ich sagen, ich liebe den zweiten Band fast noch mehr als den ersten, er hat mich wieder glänzend unterhalten und ich habe ihn nur ungern aus der Hand gelegt. Ich hoffe sehr, dass ich noch viele weitere Bände mit Carl und Paul, Urte, Willi, Kapp und dem Berlin der 1920er Jahre lesen kann. 85° und eine uneingeschränkte Leseempfehlung – man kann diesen Band übrigens auch gut lesen, ohne Band 1 zu kennen.
Jana68 zu »Joan Weng: Noble Gesellschaft«04.02.2017
Bei dieser Kriminalgeschichte, die Mitte der 1920er Jahre in Berlin angesiedelt ist, muss sich der Leser mit einem ordentlichen, aber spannenden Verwirrspiel und allerhand Dekadenz auseinander setzen.
In flüssigem aber anspruchsvollem Schreibstil gelingt es Joan Weng, ein detailreiches Bild verschiedener Gesellschaftsschichten im Berlin jener Zeit zu zeichnen. Dabei läßt sie den einen oder anderen Bediensteten im echten Berliner Dialekt sprechen, was die Geschichte authentischer wirken läßt.
Schnell wird deutlich, dass nahezu jeder der Protagonisten mehr oder weniger Dreck am Stecken hat. Die Palette reicht vom Fremdgehen über Schmugglerei bis zum Mord. Insgesamt blieben für mich die Charaktere jedoch sehr distanziert. Ich konnte mich nicht so recht für einen oder mehrere erwärmen.
Ein wenig zu kurz kam mir dann auch die Detektivarbeit des Carl von Bäumer. Seine Spürnase hätte doch ein wenig mehr Aufmerksamkeit verdient.

Eine interessante und etwas anspruchsvollere Kriminalgeschichte, clever gestrickt und durchaus atmosphärisch, die ich gerne weiterempfehle.
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