Die Ketzer von Jeremiah Pearson

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2013unter dem Titel „The Villeins“,deutsche Ausgabe erstmals 2016, 528 Seiten.ISBN nicht vorhanden.Übersetzung ins Deutsche von Axel Merz.

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Kurzgefasst:

Deutschland, am Beginn der Reformation. Mit letzter Kraft haben Kristina und Witter ihre Häscher abgeschüttelt. Zuflucht finden die beiden Täufer in Giebelstadt, dem Heimatdorf von Lud, der ihnen schon einmal das Leben rettete. Auch hier schlägt ihnen, den „Ketzern“, Hass entgegen. Gefahr droht jedoch nicht nur von innerhalb des Dorfes: In Würzburg schmiedet Fürst Konrad Pläne, sich Giebelstadt und seine Ländereien unter den Nagel zu reißen, solange es herrenlos ist. Damit das nicht passiert, begeben Lud und Witter sich auf die gefährliche Reise nach England, um den Erben von Giebelstadt nach Hause zu holen: Florian Geyer, den Mann, der Jahre später zum Helden einer ganzen Region werden wird …

Das meint Histo-Couch.de: „Das Schreiben und das Lesen“90Treffer

Rezension von Carsten Jaehner

Deutschland, am Beginn der Reformation. Nachdem Kristina und Lud ihre Verfolger abschütteln konnten, finden sie mit ihren Begleitern Zuflucht in Giebelstadt, dem Heimatdorf von Lud. Kristinas Ehemann Berthold ist inzwischen verstorben und so haben nicht nur der Jude Witter, sondern auch der entstellte Lud ein Auge auf sie geworfen.

Währenddessen lauert in Würzburg Fürst Konrad auf den Tod des Fürstbischofs Lorenz von Bibra, um dessen Nachfolge antreten zu können. Konrad ist auch Pate von Anna von Seckendorff, bei der Kristina untergekommen ist und bei der sie ihren Sohn Peter in Pflege gibt. Kristina gibt Anna Unterricht im Lesen, so wie Lud es auch mit vielen anderen Dorfbewohnern macht. Überhaupt wollen immer mehr Gemeine aus dem Volk das Lesen lernen, was von der Kirche und den Oberen nicht gern gesehen ist. Doch heimlich nehmen alle Unterricht.

Als in Würzburg immer mehr Flugblätter aufkommen, die nicht immer die Wahrheit verbreiten, entschliessen sich Kristina und ihre Freunde, selbst die alte versteckte Druckerpresse herauszuholen und unter die Drucker zu gehen. Da erhalten Witter und Lud den Auftrag, nach England zu reisen und Annas Sohn Florian Geyer nach Hause zu holen, um nach seinen Studien sein Erbe anzutreten, damit es nicht in die Hände von Konrad gerät. Die Zeit drängt, es wird Winter, und es gibt nicht mehr viele Möglichkeiten, den Ärmelkanal zu überqueren. Werden sie es schaffen, ehe die Reformation die deutschen Lande überrollt?

Zweiter Teil der Reformations-Trilogie

Nach Die Täuferin, dem ersten Teil der Trilogie Der Bund der Freiheit, folgt mit Die Ketzer der zweite Teil, der den Leser endgültig in die Zeit der Reformation entführt. Während der Mönch Martin Luther durch seine Thesen überall im Land bekannt wird, verbreiten sich auch seine Lehren in Windeseile. Das Lesen wird „modern“, wenngleich von der Kirche für das Volk nicht gut angesehen, denn sie sieht eines der Mittel ihrer Macht schwinden. Auf der anderen Seite kann man die neue Druckkunst auch dazu nutzen, um gezielt Meldungen zu verbreiten, die vielleicht nicht immer korrekt sind, wie Fürst Konrad feststellt:

„Es ist die Wahrheit, wenn ich es zur Wahrheit mache. Und wer lesen kann, wird es denen erzählen, die nicht lesen können. (...) Die Narren werden allenfalls darüber streiten, wer was zuerst gesehen hat. Das ist die Macht der Druckkunst, Euer Gnaden. Sie erschafft Glauben. Sie erschafft Wahrheit.“

Im Mittelpunkt des Romans steht erneut Kristina, die inzwischen Witwe geworden ist und dennoch einen Sohn von ihrem verstorbenen Mann hat. Sie ist erwachsen geworden und hat Verantwortung übernommen für die jungen Menschen, die mit ihr nach Giebelstadt gekommen sind. Dabei sind auch Witter und Lud, die sich eigentlich gegenseitig nicht leiden können, zumal sie auch in Konkurrenz um das Herz von Kristina stehen, wovon diese nichts ahnt. Allerdings findet sie selbst beide nett und kann sich nicht entscheiden.

Erasmus von Rotterdam

Zentraler Mittelpunkt zu Beginn des Romans ist aber das Lesen an sich. Der Autor räumt der Tatsache, dass viele Menschen nun das Lesen lernen wollen, viel Platz ein, was dem Leser verdeutlicht, dass das, was er gerade tut, nämlich Lesen, vor rund fünfhundert Jahren eher eine Seltenheit war und vor allem nur bestimmten Kreisen vorbehalten war. Zur Freiheit gehört auch das Lesen und das Schreiben, das Verfassen und Verbreiten seiner Meinung oder die Meinung anderer, was aber auch die Gefahr birgt, dass Dinge verbreitet werden, die nicht stimmen – womit der Roman eine tagesaktuelle Diskussion anstösst. Diese neue Freiheit nimmt eine zentrale Rolle im Roman ein und stimmt den Leser ein auf kommende Ereignisse.

Doch es gibt eine weitere Hauptfigur, die den Roman mitbestimmt, zumindest den zweiten Teil. Florian Geyer wird von seiner Mutter aus London zurückgeholt, wo er bei Erasmus von Rotterdam studiert hat. Er soll nun sein Erbe antreten, ehe es jemand anderes tut, und so schickt sie ausgerechnet Lud und Witter los, die sich auf diesem Abenteuer immerhin näher kennen- und schätzen lernen. Dass Florian mehr oder weniger ohne grosse Diskussion mitkommt, mag für manchen Leser ein wenig zu schnell und zu glatt gehen – hier hätte man noch mehr über die Reformation in England und Erasmus von Rotterdam einflechten können.

Natürlich gibt es in Konrad von Thüngen auch einen vermeintlichen „Bösewicht“, wenngleich dieses Attribut (noch) nicht recht passen mag. Er ist der Pate von Anna von Seckendorff, die ihren Sohn heimgeholt hat, und Konrad würde Florian nur allzu gern unter seine Fittiche nehmen und ihn nach seinem Gutdünken formen. Zumal er wohl die Nachfrage von Fürstbischof Lorenz von Bibra antreten wird, sollte dieser denn einst das Zeitliche segnen. Doch das alles hat Konrad sich auch bestimmt einfacher vorgestellt.

Martin Luther

Jeremiah Pearson pflegt eine gut lesbare, einfache Sprache, schafft es aber trotzdem, den Leser in die Zeit der Reformation zu entführen und ihm einige Ereignisse und Gegebenheiten bewusst zu machen, die heute als selbstverständlich gelten, damals aber als anrüchig galten. Er knüpft nahtlos an den ersten Teil der Trilogie an und kann sich in Sachen Spannung sogar noch ein bisschen steigern. So wird im Leser gerade im Reformationsjahr 2017 das Bewusstsein für die Neuerungen geweckt, die Luther, der auch einen kurzen Auftritt hat, angestossen hat.

Der Lübbe Verlag hat das Hardcover mit einem ansprechenden Cover ausgestattet, wie es sich für anständige historische Romane gehört. Zwei Karten im Innenteil des Covers zeigen Deutschland zur Zeit der Reformation und einen Stadtplan von Würzburg (nicht im eBook vorhanden!). Ein ausführliches Personenregister ist dem Roman vorangestellt, am Ende folgt nur ein kurzes Nachwort des Autors.

Wer sich gut unterhalten will und trotzdem mehr über die Zeit der Reformation erfahren will, wird mit der Trilogie von Jeremiah Pearson den richtigen Griff machen. Wenn der dritte Teil ab Mai 2017 vorliegt, schliesst sich ein Kreis, dessen Vollendung man gerne erwarten darf, und vielleicht bald noch mehr aus der Feder des Autors. Dass er erzählen kann, hat er mit der Trilogie hinreichend bewiesen.

Ihre Meinung zu »Jeremiah Pearson: Die Ketzer«

rolandreis zu »Jeremiah Pearson: Die Ketzer«05.03.2017
"Die Ketzer" ist der zweite Band der Freiheitsbund-Trilogie von Jeremiah Pearson und schließt nahtlos an den ersten Band "Die Täufer" an. Kristina und ihre Gefährten haben auf dem Gut von Dietrich Geyer Unterschlupf gefunden. Nach dessen Tod führt seine Witwe Anna mit Hilfe des Vogt Lud dieses Gut. Sie unterbreitet Kristina ein Angebot ihr über zehn Jahre zu dienen und dafür würde sie und keiner ihrer Gefährten an die Magistrate gemeldet. Kristina, die ein Kind erwartet, geht auf das Angebot ein und lehrt Anna das Lesen und Schreiben. Doch Vetter Konrad streckt schon machtgierig seine Fühler nach Annas Gut Giebelstadt aus. So lässt sie ihren Sohn und Erben Florian aus Oxford zurückberufen, um den Plänen Konrads entgegenzuwirken. Dieser, ein Schüler von Erasmus von Rotterdam, glaubt fest an die Idee von Freiheit und Gleichheit und schon kurz nach seiner Ankunft muss er in Würzburg geschickt seine Fäden ziehen am Hofe des Fürstbischofs. Doch als Konrad nach dessen Tod neuer Fürstbischof wird, wird Florian exkommuniziert und über Giebelstadt hängt das Damoklesschwert. Pearson hat hier einen sehr gelungenen zweiten Band der Freiheitsbundsaga vorgelegt. Die Geschichte zur Zeit Luthers hat mich gefesselt und obwohl ich den ersten Band schon vor einiger Zeit gelesen hatte, war ich sofort wieder im Geschehen drin. Alles endet mit einem Cliffhanger, der neugierig auf den Ende Mai 2017 erscheinenden letzten Teil "Der Bauernkrieger" macht.
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