Erbe und Schicksal von Jeffrey Archer

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2013unter dem Titel „Best Kept Secret“,deutsche Ausgabe erstmals 2016, 512 Seiten.ISBN 3-453-47136-9.Übersetzung ins Deutsche von Martin Ruf.

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Kurzgefasst:

England 1945: Der Zweite Weltkrieg ist beendet. Harry Clifton, der sich aus den Hafendocks Bristols hochgearbeitet hat, und sein treuer Jugendfreund Giles Barrington, Sprößling der Schifffahrt-Dynastie Barrington, haben überlebt. Endlich hat Harry zu seiner großen Liebe gefunden, zu Giles’ Schwester Emma Barrington. Doch ein langer Schatten droht auf die jungen Menschen zu fallen. In einer dramatischen Verhandlung obliegt es dem Haus der Lords festzulegen, wer das Vermögen der Barringtons rechtmäßig erben wird: Harry oder Giles. Harry weiß, dass die Entscheidung seine Verbindung mit Emma für immer zerstören könnte. Für die Familien Clifton und Barrington beginnt eine neue Epoche voller Intrigen und Verrat.

Das meint Histo-Couch.de: „Das Niveau der Clifton-Saga geht in den Keller“50

Rezension von Yvonne Schulze

Der dritte Teil der Familiengeschichte um die Cliftons und Barringtons beginnt erwartungsgemäß mit der Auflösung des Cliffhangers aus dem zweiten Teil. Giles wird zum Erben bestimmt und Harry und Emma dürfen endlich heiraten. Da sie sich aber nach wie vor nicht sicher sein können, ob sie nicht doch Geschwister sind, entscheiden sie sich dafür, keine weiteren Kinder zu bekommen. Wie sie das in Zeiten fehlender verlässlicher Verhütungsmethoden bewerkstelligen oder ob sie auch als Eheleute weiterhin wie Bruder und Schwester miteinander leben, bleibt das Geheimnis des Autors.

Giles Barrington verfolgt seine Karriere als Politiker, heiratet eine intrigante Adelige, die sich wiederum mit einem altbekannten Bösewicht aus Giles` Schul- und Militärzeit verbrüdert, der dann wiederum dem Dreigestirn Harry-Emma-Giles nach altbewährter Manier kräftig in die Suppe spuckt. Aber nichts kann dieses Dreigestirn entzweien, noch nicht mal ein vor Gericht ausgetragener Erbschaftsstreit, beim dem sie sich als Gegner gegenüber stehen, nachdem Giles´ Mutter ihren Sohn kurzerhand enterbt hat, um der raffgierigen Schwiegertochter eins auszuwischen. Willkommen im Märchenland! Der Heiligenschein bei Emma und Harry strahlt ja schon seit Beginn der Reihe, das heißt aber nicht, dass der Autor an diesem nicht noch kräftig herumpoliert, damit er noch heller scheint. Das Leben schwer gemacht wird ihnen wie gewohnt von völlig überzogen dargestellten Bösewichten, neue Namen zwar, aber unterm Strich die ewig gleichen bis zum Erbrechen ausgereizten Charaktereigenschaften und Handlungsmuster früherer bereits abgetretener Bösewichte.  

Neben Harry und Emma wird nun auch deren Sohn Sebastian zur tragenden Figur, allerdings mutiert er erwartungsgemäß zum Ebenbild seiner perfekten und unfehlbaren Eltern, was ihn aber nicht davon abhält, oftmals sehr naiv und bar jedes gesunden Menschenverstandes zu handeln. Mit einem südamerikanischen Drogenboss bekommt er seinen eigenen Bösewicht zur Seite gestellt.

Und dann gibt es da noch Jessica, die kleine Halbschwester von Emma und Giles, die von Emma und Harry nicht nur auf höchst unglaubwürdige und zufallsschwangere Art und Weise adoptiert wird, die sich dann natürlich welche Überraschung! – auch ziemlich schnell zu einem Wunderkind entwickelt.

Gehaltloses literarisches Fastfood

Während der erste Teil der Romanreihe mit einer ungewöhnlichen Erzählstruktur überzeugen konnte, da die Handlung jeweils aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt und geschickt verwoben wurde, war beim zweiten Teil bereits ein qualitativer Abstieg zu erkennen. Im dritten Teil sinkt das Niveau allerdings noch eine Etage tiefer und man hat den Eindruck, dass der Autor die Lust an seiner Serie verloren hat. Gerade bei diesem dritten Teil wird es auch immer offensichtlicher, dass die Clifton-Saga ursprünglich für weniger Bände konzipiert war, nun aber auf Grund des Erfolges der Saga um ein paar Teile erweitert wird, ohne dass die Handlung an sich mit dieser Erweiterung mithalten kann. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt!

Der Inhalt dieses dritten Teiles besteht hauptsächlich aus einer Aneinanderreihung von Banalitäten. Die teilweise abstruse und mit überflüssigem Füllmaterial aufgeblasene Handlung hat kaum Ähnlichkeit mit einem intelligent konzipierten Roman. Archers erzählerisches Konzept, das den ersten Teil der Saga noch zu etwas Besonderem machte, ist mittlerweile einer mit Nichtigkeiten vollgestopften und überdramatisierten Billigversion gewichen.

Im ersten Teil sind die kontrastierenden Welten der aus der Arbeiterklasse stammenden Cliftons einerseits und der Industrieellenfamilie Barrington andererseits eine wichtige Komponente der Handlung, jetzt gibt es nur noch die Welt der Reichen und Mächtigen, in der Geld, Machtgier, Intrigen und Politik die vorherrschenden Elemente sind. Fast alle halbwegs interessanten Charaktere wurden vom Autor ins Nirwana geschickt so taucht z. B. Harrys Mutter Maisie hier nur noch einmal kurz in einem Nebensatz auf. Tiefgründige Charakterzeichnung ist schon seit dem ersten Band nicht des Autors Stärke, im dritten Teil sind seine Figuren an Klischeehaftigkeit und Eindimensionalität allerdings kaum mehr zu toppen. Archers Figuren sind flacher als das Papier, auf dem sie stehen.  

Soap in Buchform

Familieninternes Heile-Welt-Getue gepaart mit einer Anhäufung von Zufällen und Unwahrscheinlichkeiten, aufgeblasene spannungsarme Handlungsstränge, die wenig zur eigentlichen Geschichte beitragen, dafür aber gerne mal unfreiwillig komisch sind, ein tiefer Griff in die Klischeekiste, platte Figuren und eine Story, die sich auf erzählerischer Schmalspur bewegt, das sind die Komponenten dieses an den Haaren herbeigezogenen und trotz immenser Fülle erstaunlich gehaltlosen literarischen Fastfoods, für das sich bestenfalls Leser begeistern lassen, die anspruchslose Unterhaltung in schnell konsumierbaren Geschichten suchen und nicht zwingend Wert auf schlüssige Handlungsabläufe und ausgefeilte Charaktere legen.

Mit Blick auf die Folgebände mag man sich fragen, ob das Niveau dieser Serie noch tiefer absinkt oder ob Archer doch wieder zur erzählerischen Qualität des ersten Bandes zurückfindet. Ob er es irgendwann auch schafft, seine Figuren so zu zeichnen, dass sie die Bezeichnung „Charakter“ verdienen und nicht lediglich als personifiziertes Abziehbild eines Klischees daherkommen, wäre höchstwahrscheinlich zu großes Wunschdenken. Aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. 

Ihre Meinung zu »Jeffrey Archer: Erbe und Schicksal«

Virginia zu »Jeffrey Archer: Erbe und Schicksal«08.07.2016
Wie Archer sein Erfolgskonzept über den Haufen warf...

Besonders gut gefallen hat mir die Reihe zu einem großen Teil wegen Jeffrey Archers Art, seine Geschichte zu erzählen und aufzubauen. Die Perspektive wechselte immer wieder zwischen den wichtigsten Personen, wobei mir persönlich immer am besten gefallen hat, wenn ein und dasselbe Ereignis aus zwei unterschiedlichen Sichtern erzählt wurde. Archer hat das wirklich gut drauf und obwohl man bereits wusste, wo die Geschichte hingeht, war es trotzdem immer wieder spannend. Im aktuellsten Band der Reihe findet man ebenfalls wieder die Wechsel der Erzählperspektiven. Allerdings fehlte mir dieses Mal die zeitliche Überschneidung. Die Geschichte läuft ständig fort, wird dabei eben von unterschiedlichen Charakteren dargestellt. Das fand ich unglaublich schade, denn gerade die bekannte Art der Vorgänger hat den Charme der Reihe so sehr ausgemacht.

Auch was die Charaktere angeht, war ich etwas enttäuscht. Seit nun drei Büchern begleitet man Harry, Emma und Giles. Einige wichtige Personen mussten ja bereits ihr Leben lassen und auch bei den gerade genannten merkt man so langsam wie sie immer weiter aus dem Fokus geschoben werden. Vor allem Harrys und Emmas Sohn Sebastian scheint nun die Rolle des Protagonisten einzunehmen. Leider mochte ich ihn rein persönlich nicht so ganz, das mag daher individuell von Leser zu Leser schwanken. Doch irgendwie befürchte ich, dass (vorausgesetzt, dass die Jahre auch weiterhin in dieser Geschwindigkeit vorbeiziehen) Harry, Emma und Giles das Ende der Reihe nicht mehr erleben werden.

Gutmenschen und böse Schurken

Ob man eine Person in einem Buch mag oder nicht, ist wohl die eine Sache. Aber etwas ganz anderes ist die Gestaltung der Charaktere, wenn sie so eindimensional erfolgt ist, wie hier. Denn was diesen Umstand angeht, hat Jeffrey Archer tief in der "Schwarz-Weiß-Kiste" gegraben. Scheinbar gibt es in seiner Welt nämlich nur absolute Gutmenschen, die im Leben noch keinen schlechten Gedanken hatten und richtig böse Bösewichter. Und die sind dann gleich dermaßen skurpellos, dass es schon kaum noch glaubhaft ist.

Dabei wäre das eigentich gar nicht nötig gewesen. Wenn man den Guten ein wenig mehr Ecken und Kanten gegeben hätte, wäre das zum einen sehr viel glaubhafter rüber gekommen und zum anderen hätte es der ganzen Geschichte auch noch ein wenig Pepp verpasst. Und auch nicht durch und durch böse Menschen machen ab und an mal nicht so gute Dinge. Dafür hätte Archer nicht gleich den Teufel höchstselbst auftreten lassen müssen.

Zusammenfassend lässt sich sagen...

Der dritte Teil der Clifton-Saga hat einen gewaltigen Sturz in den Keller hingelegt. Erbe und Schicksal kann mit seinen beiden Vorgängern kaum bis gar nicht mithalten. Warum Archer von seiner bewährten Methode abgewichen ist, ist mir ein Rätsel. Ein Geniestreich war das auf jeden Fall nicht. Natürlich habe ich mich unglaublich gefreut, die altbekannten Charaktere wieder zu sehen, doch ich hätte mir wirklich gewünscht, der Autor wäre in jeglicher Hinsicht etwas konsequenter gewesen. Nun lässt sich nur hoffen, dass Archer in Band 4 wieder zu seiner alten Größe zurückfindet.
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