Das verrückte Tagebuch des Henry Shackleford von James McBride

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2013unter dem Titel „The Good Lord Bird“,deutsche Ausgabe erstmals 2015, 464 Seiten.ISBN 3-442-75489-5.Übersetzung ins Deutsche von Werner Löcher-Lawrence.

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Kurzgefasst:

Kansas im Jahre 1857: Hier, im Mittleren Westen der USA, lebt der junge Sklave Henry Shackleford. Hier tobt auch der Krieg zwischen überzeugten Sklavenhaltern und bibeltreuen Abolitionisten besonders wüst. John Brown ist einer derjenigen, die beseelt davon sind, Gottes Willen durchzusetzen und die Schwarzen in die Freiheit zu führen. Als er zufällig in einer Kneipe auf Henrys grausamen Master trifft – einen weithin bekannten und berüchtigten Sklavenhalter, kommt es zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung, in deren Folge beide fliehen müssen: sowohl John Brown als auch der junge Henry, der irrtümlicherweise für ein Mädchen gehalten wird und schnell begreift, dass dies seine Vorteile hat …

Das meint Histo-Couch.de: „Von Sklavenbefreiern und umgekehrten Hosenrollen“83

Rezension von Carsten Jaehner

Kansas, USA, 1857. Es ist die Zeit, da Old John Brown mit seinen Söhnen und vielen weiteren Anhängern seiner Sache durch die Staaten zieht. Brown ist Abolitionist und hat sich auf die Fahnen geschrieben, Amerikas Schwarze aus der Sklaverei zu befreien. Dies tut er mit reichlich Munition und mit Gott als Unterstützung, zumindest betet und predigt er unaufhörlich. So befreit er die Neger aus ihrer Sklaverei, auch wenn sie dies gar nicht möchten oder schon längst keine Sklaven mehr sind.

So kommt er auch in Osawatomie vorbei, wo er den jungen Neger Henry Shackleford und seinen Vater befreien will. Bei der Schießerei kommt Henrys Vater ums Leben, doch wegen seines jugendlichen Aussehens und seiner schlichten Bekleidung hält Brown Henry für ein Mädchen und nennt sie fortan Henrietta und nimmt sie unter seinen persönlichen Schutz mit auf seinen Kreuzzug.

Henry lebt nun in den folgenden Jahren bei Brown und seinen Männern, überfällt Weiße, heckt mit Pläne aus und hört sich Browns Predigten und Gebete an. Als es heisst, Brown sei in einem Gefecht ums Leben gekommen, seilt Henry sich ab und findet Aufnahme in einem Bordell, ist aber zu jung, um dort Prostituiertendienste zu tun. Doch Brown ist nicht tot, sondern heckt einen kühnen Plan aus: Er will das Munitionsdepot in Harpers Ferry überfallen und alle Schwarzen bewaffnen und die Sklaven befreien. Ein kühner Plan, zumal Brown nicht als der Zuverlässigste gilt.

Old John Brown

In Deutschland ist Old John Brown nahezu unbekannt, während in den USA jeder den Prediger kennt, ihn in Liedern besingt und als Abolitionist, also Gegner der Sklaverei, in die Geschichte einging. Der Roman Das verrückte Tagebuch des Henry Shackleford erzählt einen wichtigen Teil aus Browns Leben aus der Sicht des zwölfjährigen Henry Shackleford, der als Ich-Erzähler fungiert und so dafür sorgt, dass man immer nah am Geschehen ist. Eigentlich wollte Henry gar nicht befreit werden, denn es ging ihm gut in seiner Behausung, doch das ist etwas, worauf ein Abolitionist keine Rücksicht nimmt und jeden greifbaren Sklaven befreit.

„Sie und Ihre tragische Achtelblut-Tochter sind willkommen, das Ziel unseres seligen Erlösers anzunehmen, frei und rein zu leben und nicht den Rest Ihres Lebens mit diesen sündigen Wilden in dieser Höhle des Unrechts zu verbringen. Sie sind frei. Gehen Sie aus der Hintertür, während ich mein Gewehr auf diese Heiden gerichtet halte, dann führe ich Sie im Namen des Königs von Zion in die Freiheit!“

Henrys Vater stolpert über das Wort „Tochter“, und auch Henry wurde bislang immer für einen Jungen gehalten.

„Sicher, ich trug `n Kartoffelsack wie die meisten farbigen Jungs damals, und meine helle Haut und mein lockiges Haar machten mich zum Gespött von einigen Gleichaltrigen in der Stadt, was ich da, wo’s ging, mit meinen Fäusten wettzumachen versuchte. Aber alle (...) wussten, dass ich ein Junge war. Ich hatte in dem Alter noch nicht mal ne Schwäche für Mädchen, wurde ich doch in ´ner Kneipe großgezogen, wo die meisten Frauen Zigarren rauchten, scharfen Schnaps tranken und wie die Männer zum Himmel stanken.“

Nach dem versehentlichen Tod von Henrys Vater nimmt ihn Brown als Henrietta mit, und durch seine Vergangenheit in einer Kneipe ist Henrietta so einiges gewöhnt, was den Umgang der Menschen miteinander angeht. James McBride entwickelt so eine umgekehrte Hosenrolle, in der diesmal nicht eine Frau in Männerkleider schlüpft, sondern umgekehrt, und das ist sehr amüsant zu lesen. Irgendwann gewöhnt sich Henry an sein Dasein als Henrietta und versteht es auch, die Situationen zu nutzen, wie sie sich ergeben. Nur Old Brown merkt es nicht, aber der ist durch seine Gebete und Predigten sowieso permanent in anderen Sphären.

Derbe Sprache

McBride lässt seines Protagonisten in einer einfachen, teilweise derben Sprache sprechen, die sehr fantasievoll ist und so den einen oder anderen Lacher beim Leser hervorrufen kann. Henry spricht und erzählt in der Sprache der heranwachsenden Jugendlichen, die schon die ganze Welt gesehen und verstanden haben, und kann man noch den einen oder anderen Fluch oder auch coolen Spruch lernen. Ein Lob gebührt hier auch dem Übersetzer Werner Löcher-Lawrence, der bestimmt keinen einfachen Job hatte, all die originalen Idiome ins Deutsche zu übertragen oder sich entsprechende Parallelen auszudenken.

Henry wird von Brown „Zwiebel“ genannt, da er einst Browns Zwiebel aufass, die diesem als Glücksbringer gedient hat. Das ist nur eine der zahlreichen Kuriositäten, die dem Leser in diesem Roman begegnen. Und doch zeigt der Autor eine authentische Zeit im Wilden Westen auf, den diesen John Brown hat es wirklich gegeben und der Autor schafft es durch seine Sprache und sein Wissen um Ort und Zeit, den Leser in das Kansas der 1850er zu entführen, mit alle ihren Rothemden, Yankees, Negern, Sklaven, Cowboys und eher selten Indianer.

Interessante Geschichtsstunde

McBride erzählt die Geschichte anhand nachgewiesener Überfälle und zeigt auf, dass im Zweifelsfalle der Revolver doch lockerer gesessen hatte, als für manchen gesund wäre. So hat der Roman einen realen Hintergrund und mit dem Kampf gegen die Sklaverei zudem einen ernsten und zutiefst lebensfeindlichen obendrein. Leider verfügt das Buch über keinerlei Anhänge, die für den Leser die Geschichte John Browns eingeordnet hätten.

Ein erfrischender Beitrag zum Thema Sklaverei, tragikomisch und mit vielen überraschenden Wendungen, vor historischem Hintergrund und trotzdem mit der einen oder anderen Freiheit. Wer einen seriösen Roman erwartet, der wird hier enttäuscht werden, wer aber bereit ist, die Geschichte John Browns mit einem Augenzwinkern zu betrachten, wird hier bestens bedient werden. Vorsicht vor den Flüchen und der derben Sprache, wer das nicht mag, sollte die Finger davon lassen. Allen anderen Lesern blühen angenehme Lesestunden.

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