„Wer hat’s schon einfach beim anderen Geschlecht?“ 

Die Histo-Couch im Interview mit Uwe Schimunek über Karl May, den sächsischen Dialekt und Literaturkritiker

Histo-Couch: Herr Schimunek, „Tödliche Zeilen“ ist bereits ihr zweiter historischer Leipzig-Krimi (um die Ermittler Wank und seinen Freund Kutscher). Wie kamen Sie auf die Idee für das ungewöhnliche Ermittlerteam aus einem Polizeireporter und einem Schriftsteller?

Uwe Schimunek: Zu den historischen Krimis bin ich gekommen, als mich die Kollegin Claudia Puhlfürst für die Reihe „Es geschah in Sachsen“ beim Jaron Verlag empfohlen hat und meine Leseprobe dort offenbar gut angekommen ist. Für die Reihe habe ich dann drei Krimis geschrieben, die im Leipzig der 1920er Jahre spielten. Ich habe außerdem noch drei Bände für die Reihe „Es geschah in Preußen“ beigesteuert, einen davon gemeinsam mit dem hochverehrten Kollegen Jan Eik. In all den Büchern waren die Ermittler keine Polizisten. Als ich einen eigenen historischen Krimi vorschlagen durfte, habe ich zuerst über eine Zeit nachgedacht, die für Leipzig besonders prägend war. Da lagen die Gründerzeit und die Zeit bis zum Ersten Weltkrieg sehr nahe. Leipzig hat sich in dieser Epoche rasant entwickelt und es gab viele Ereignisse, die bis heute wichtig sind für die Stadt.

Bei den Ermittlern liegt mir als gelerntem Journalisten ein Polizeireporter einfach näher als die klassischen Kriminal-Polizisten. Außerdem gibt es eine Reihe von Tageszeitungen aus dieser Zeit in den Bibliotheken der Stadt. Das erleichtert die Recherche erheblich. Kutscher wollte ich im Team haben, weil ein Künstler oder ein Bohemien einen unkonventionellen Blick und etwas Leichtigkeit in eine Geschichte bringt. 

Histo-Couch: Im ersten Roman „Mörderisches Spiel in Leipzig“ geht es um der meisten Deutschen liebstes Hobby, den Fußball. Warum gab es zuvor noch nie einen historischen Roman über Fußball, und was hat Ihnen den Ansporn gegeben, das zu ändern?

Uwe Schimunek: Auf den ersten Fußball-Titel sind viele Leipziger bis heute sehr stolz. Als ich zu der Zeit vor dem ersten Weltkrieg zu recherchieren begann, kam ich schnell auf die Irrungen und Wirrungen rund um diese erste Meisterschaft. Fußball war seinerzeit lange nicht so allgegenwärtig in der Gesellschaft wie heute. Die Zeitungen haben zum Beispiel kaum über Fußball berichtet. Aber es gibt sehr viele interessante Sachbücher über die Anfänge des Sports. Als ich mich eingelesen habe, bin ich auf den plötzlichen Tod des Leipziger Spielführers Theodor Schöffler gestoßen. Was für eine Vorlage für einen Krimi-Autor – quasi ein Elfmeter.

Dass mein Buch tatsächlich Krimi-Neuland ist, war mir erst mal gar nicht so bewusst gewesen. Ich lese natürlich historische Krimis, aber meine Kenntnisse darüber sind auch nicht vollständig. Mir war meine Geschichte wichtig; dass sie anscheinend die erste dieser Art zum Thema ist, freut mich im Nachhinein natürlich.

Histo-Couch: Der zweite Roman hat nun das Verlagswesen als Thema, eine Seitengeschichte dreht sich um den Schriftsteller Karl May. Haben Sie selber Bücher von Karl May gelesen? Welche Bedeutung hat er heute?

Uwe Schimunek: Ich habe einige Bücher von Karl May gelesen, aber bin nicht so ein großer Fan. Immerhin gehört er zu den wenigen Unterhaltungsautoren jener Zeit, die bis heute mit aktuellen Ausgaben verfügbar sind. Abgesehen davon möchte ich seine literarische Bedeutung nicht beurteilen, das sollen die Literaturwissenschaftler tun.

Der große Urheberrechts-Prozess, der in meinem Buch eine Rolle spielt, war immerhin wissenschaftliche Abhandlungen wert. Für mich war er vor allem ein Hinweis darauf, wie sehr Literatur auch damals schon ein Geschäft war. Gerade bei May ging es um gigantische Geldsummen. Das hat natürlich prima in meine Geschichte gepasst, in der eine Gruppe von Dichtern ja auch um Veröffentlichungen und Anerkennung; um Ruhm, Ehre und Geld kämpft.

Histo-Couch: Gibt es reale Vorbilder für Ihre beiden Ermittler?

Uwe Schimunek: Thomas Kutscher ist ein klein wenig eine Hommage an einen viel zu früh verstorbenen Freund, den Musiker Thomas Kulich. Beide eint, dass sie ein bisschen ihren Weg suchen mussten und dabei ziemlich viel auf die Reihe bekommen haben. Damit enden die Parallelen aber auch schon wieder. Den Wank hab ich mir einfach ausgedacht.

Histo-Couch: Haben Sie eigene Erfahrungen des Verlagswesens in den Roman mit eingebracht?

Uwe Schimunek: Der Rollnik-Verlag ist komplett erfunden. Leipzig war damals das Zentrum des deutschen Verlagswesens. Hier saßen Reclam und Brockhaus, hier wurde Kafka verlegt. Ich habe Bilder vom alten grafischen Viertel gesehen, das im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstört wurde. Die Bilder haben mich sehr beeindruckt. Diese Größe und die Bedeutung der Stadt für die Literaturwelt waren für meine Geschichte entscheidend.

An einer Stelle des Buches steht in einem Zeitungs-Artikel, dass ein Verlag eine eigene Kultur entwickeln muss. Das hat mir tatsächlich einmal Norbert Jaron, der Inhaber des Jaron-Verlages, bei einem Kaffee gesagt und das finde ich einen schönen Ansatz. Ansonsten denke ich, dass Verlage heute mit dem unglaublich dichten Markt und der Digitalisierung viele andere Probleme haben als die Verlage Anfang des 20. Jahrhunderts.

Histo-Couch: Der erste Mord in Ihrem Roman ist der an einem Literaturkritiker. Hand aufs Herz – ein Traum vieler Autoren?

Uwe Schimunek: Ganz ehrlich, nein. Ich habe bislang keine schlechten Erfahrungen mit Kritikern gemacht. Ganz selten hatte ich den Eindruck, dass der Rezensent irgendwie eine andere Geschichte gelesen haben muss, als ich geschrieben habe. In aller Regel sehen Kritiker einen Text aber wohl einfach mit ihren Augen und das ist schon in Ordnung so. Nehmen wir zum Beispiel die Kritiken zu meinen Romanen auf der Histo-Couch. Die sind durchaus im Detail kritisch, aber zum Glück alles andere als Verrisse – ich habe sie allesamt auch selbst gern gelesen.

In den „Tödlichen Zeilen“ wird ja neben Orlog auch ein Verleger ermordet und ein Anschlag auf einen anderen Autor verübt. Ich habe die Opfer halbwegs gleichmäßig verteilt. Es stimmt schon, Orlog ist ein schwieriger Typ. Im Laufe der Ermittlungen bekommen Wank und Kutscher aber ein differenziertes Bild von ihm. Auch er hatte, so wie ganz sicher Kritiker heute, auch seine guten Seiten (lacht).

Histo-Couch: Vom ersten bis zum letzten Kapitel vergehen zwölf Tage. Ist das eine realistische Zeitspanne für die Aufklärung eines (Doppel-)Mordes?

Uwe Schimunek: Ich muss zugeben, dass da die Dramaturgie meiner Geschichte im Vordergrund stand. Mir hat mal jemand gesagt, dass die allermeisten Morde sofort aufgeklärt werden, weil der Täter ein Verwandter oder sehr guter Bekannter des Opfers ist. Aber wenn der Täter beim Eintreffen der Polizei praktisch mit der Waffe in der Hand neben der Leiche steht, ergibt das eben nicht unbedingt einen spannenden Roman. Insofern war mir wichtiger, dass die Geschichte spannend und als solche plausibel ist. Das schafft mir den Rahmen, die Zeit und das Thema möglichst lebendig werden zu lassen.

Histo-Couch: Eine große Hilfe bei den Ermittlungen ist Kommissar Machuntze. Den lassen Sie in tiefster Mundart sächseln. Wie schwierig ist es, Dialekt in Schriftform zu bringen, ohne dass sie direkt karikiert?

Uwe Schimunek: Sächsische Worte aufzuschreiben ist nicht so schwer. Ich höre sie ja täglich in Leipzig. Es gibt auch eine große Tradition an Mundartliteratur. Die ist übrigens nicht selten sehr sehr witzig. Daher darf auch über Machuntze gern gelacht werden. Schwieriger ist es, den Lesefluss durch den Dialekt nicht zu bremsen. Das hab ich versucht, indem ich längere Passagen dann mit indirekter Rede oder durch Reflektionen des jeweils Zuhörenden erzähle. Es muss also niemand Angst haben, dass der Roman seitenweise auf Sächsisch verfasst ist.

Histo-Couch: Wenn Sie Lesungen halten, sächseln Sie dann auch so richtig los?

Uwe Schimunek: Ich bin  gebürtiger Thüringer. Die Dialekte sind verwandt, aber der echte Leipziger erkennt das natürlich. Daher „sächsle“ ich bei Lesungen gelegentlich und bitte um Nachsicht. Es gab noch keine Beschwerden.

Histo-Couch: Hatten Sie Mitspracherecht beim passenden Buchcover?

Uwe Schimunek: Der Jaron Verlag hat mir bei den beiden Wank-Büchern mehrere Entwürfe geschickt. Ich fand die alle super und bin wirklich sehr glücklich mit den Covern.

Histo-Couch: „Tödliche Zeilen“ spielt vier Jahre nach „Mörderisches Spiel in Leipzig“. Warum haben Sie den Roman nicht direkt ein Jahr später angesiedelt?

Uwe Schimunek: Das hing mit dem Thema zusammen. Anfang 1907 fand tatsächlich der große May-Prozess statt und auch Ringelnatz, der in dem Krimi ein bisschen anders heißt und eine wichtige Rolle spielt, kam zurück nach Leipzig. Ich wollte die authentischen Personen in der Geschichte haben, also musste sie zu dieser Zeit spielen.

Histo-Couch: In diesen vier Jahren hat sich auch auf privater Ebene einiges bei den Ermittlern getan, beide sind mehr oder weniger liiert oder auf dem Weg dazu. Haben Kriminalermittler es schwerer beim anderen Geschlecht?

Uwe Schimunek: Wer hat’s schon einfach beim anderen Geschlecht? Die Beziehungen sollen natürlich zusätzliche Spannung in die Handlung bringen, aber auch etwas über die Zeit sagen. In Leipzig gab es in dieser Zeit sehr starke Frauen-Figuren. Schon im 19. Jahrhundert hat die Schriftstellerin Louise Otto-Peters die „Frauen-Zeitung“ gegründet und herausgegeben und später das Feuilleton der „Mitteldeutschen Volkszeitung“ geleitet. In dieser Zeit begannen Frauen zu arbeiten, verdienten eigenes Geld und entwickelten ein neues, modernes Selbstbewusstsein.

Histo-Couch: Wie lange schreiben Sie an einem Krimi inklusive Recherche?

Uwe Schimunek: Vom Exposé bis zur Manuskript-Abgabe der letzten Krimis habe ich zwischen sechs und neun Monaten gebraucht. Zur Deutschen Bücherei kann ich zum Glück mit dem Fahrrad fahren. Dieses Privileg genieße ich als Leipziger sehr.

Histo-Couch: Wird es weitere Auftritte des Ermittlerduos geben? Was planen Sie als nächstes?

Uwe Schimunek: Ich habe zunächst ein Sachbuch im Bereich des Urban Exploring und ein Kinderbuch auf dem Schreibtisch. Dann kann ich mir wieder Gedanken über einen Krimi machen.

Das Interview führte Carsten Jaehner.

Foto (1): Fotograf: Schirmer