„In der Tat schlüpfe ich in die Haut meiner Protagonistin.“

Ursula Niehaus stellt sich den Fragen von Volker Faßnacht und Rita Dell’Agnese zu ihren Romanen „Die Seidenweberin“ und „Das Heiligenspiel“ und verrät Details zu ihrem neuen Roman

Histo-Couch: Frau Niehaus, in Ihren beiden Romanen „Die Seidenweberin“ und „Das Heiligenspiel“ haben Sie reale Figuren mit einer teilweise fiktiven Geschichte versehen. Was war an diesen Figuren so besonders, dass Sie sie in den Mittelpunkt eines Romans setzten?

Ursula Niehaus: An Fygen Lützenkirchen, der Seidmacherin, faszinierte mich zweierlei. Zum Einen die Persönlichkeit der erfolgreichen Handwerkerin, denn es verlangt schon eine gehörige Portion Willenskraft, ein derartiges Unternehmen aufzubauen und zum Erfolg zu führen. Und zum Anderen die Tatsache, dass es in Köln im Mittelalter Frauenzünfte gab und Frauen eigenständig ihren Handwerken und Geschäften nachgehen konnten. Bei Anna Laminit war es der Umstand, dass sie zu Lebzeiten als Heilige verehrt wurde, auch von hochgestellten Persönlichkeiten wie Kaiser Maximilian I.

Histo-Couch: Wenn Sie von einer interessanten Figur hören und zu recherchieren beginnen, entsteht daraus immer ein Roman oder gibt es auch Geschichten, die irgendwann im Sande verlaufen? Ab wann wird eine historische Figur für Sie die Hauptfigur eines möglichen Buchprojektes?

Ursula Niehaus: Spontan wird jede spannende Figur, auf die ich treffe, sofort eine potenzielle Hauptfigur. Doch sogleich beginnt die Selektion. Das ist ein Vorgang, der beinahe automatisch in meinem Kopf stattfindet und oft muss ich über mich selbst schmunzeln, wenn ich mich dabei ertappe, Figuren so zu prüfen. Würde diese Person auch meine Leser faszinieren? Reicht ihre Besonderheit aus, ein ganzes Buch zu füllen? Ist das der Fall, beginne ich mit der ersten Recherche. Hat sie zur richtigen Zeit gelebt? Am richtigen Ort? Gibt es über sie nicht schon einen Roman? Und so weiter. Ich recherchiere weiter, tauche immer tiefer in ihr Leben ein. Und entweder kommt irgendwann das Aus für die Person oder ich gerate immer mehr in ihre Fänge. Es sind nicht viele Personen, die es so weit schaffen, aber immer noch mehr, als man in einem Schriftstellerleben verarbeiten kann. Denn dummerweise dauert es eine geraume Zeit so einen Roman zu schreiben, allein schon wegen der Recherche. Diese ausgewählten Personen schaffen es auf eine Liste, die ich zu Rate ziehe, wenn ich über das nächste Buchprojekt entscheide. Theoretisch zumindest. Meist habe ich mich bereits vorher schon so heftig in eine von ihnen „verliebt“, dass ich die Entscheidung längst getroffen habe. Und wenn diese Person dann auch noch das Placet meiner Agentin und Lektorin erringen kann, dann ist sie die Frau der Stunde.

Histo-Couch: Wir haben uns immer vorgestellt, dass es einfacher wäre, über fiktive Figuren denn über reale Personen zu schreiben. Sie stellen dennoch historisch belegte Personen in den Mittelpunkt Ihrer Romane. Wieso? Wo ist der Unterschied?

Ursula Niehaus: Natürlich ist es leichter, einer fiktiven Person einen spannenden Lebenslauf anzudichten, weil man Vorkommnisse im Leben fiktiver Personen der Dramaturgie folgend erfinden kann. Das kommt natürlich der Story zugute. Aber reale Personen üben auf den Leser eine größere Faszination aus als fiktive Personen. Das liegt zum Einen an dem Gefühl, an einem Stück Geschichte teilhaben zu dürfen und zum Anderen ist meines Erachtens ein wesentlicher Grund für die Beliebtheit historischer Romane, dass man beim Lesen nicht nur das Vergnügen findet, sondern darüber hinaus noch etwas lernt. Zudem faszinieren mich selbst ja gerade Personen, die es tatsächlich gegeben hat, über die man aber bisher nichts oder nur wenig weiß. Die enorme Schwierigkeit, aus dem Leben einer historischen Person einen Roman zu formen, liegt darin, die Löcher in deren Lebenslauf elegant und glaubwürdig zu stopfen und dabei noch eine spannende Geschichte zu erzählen. Zuweilen sind die Lebensgeschichten nämlich über weite Strecken langweilig oder die Überlieferungen passen nicht zusammen, widersprechen einander. Dann muss man erfinden. Aber man darf auch nicht zu „wild“ fabulieren, sich nicht zu weit von der Wahrheit entfernen. Es muss so oder so ähnlich gewesen sein können – das ist der Anspruch. Ideal ist also eigentlich eine Person, die zwar belegt ist, aber über deren Leben nicht so viele Details überliefert sind. Das machte Fygen Lützenkichen für mich zur perfekten Romanheldin.

Histo-Couch: Es taucht ja immer mal wieder der Vorwurf auf, die Abläufe, die auf historischen Fakten beruhen, seien zu vorhersehbar. Lässt sich das überhaupt vermeiden? Wie stark verändern Sie die geschichtlichen Überlieferungen, um einer Szene mehr Ausdruck zu geben oder überraschende Wendungen zu provozieren?

Ursula Niehaus: So wenig wie möglich und so viel wie nötig, würde ich sagen. Ich persönlich halte mich am liebsten an die Fakten, wenn es eben geht. Für mich gibt es da einfach Grenzen. Wenn ich eine gravierende Überlieferung ignoriere oder abändere, erwähne ich das im Anhang. Der Preis dafür ist aber, wie Sie zu Recht sagen, manches Mal die Vorhersehbarkeit. Ein reales Leben, auch wenn es im Mittelalter anders zuging als heute, folgt eben immer gewissen Kausalketten. Und die sind leider sehr oft vorhersehbar. Das machte gerade Anna so interessant, deren Leben tatsächlich so viele Wendungen genommen hat. Obschon einige davon natürlich auch vorhersehbar waren. Aber das ist nun einmal der Preis für die Glaubwürdigkeit.

Histo-Couch: Im „Heiligenspiel“ erzählen Sie die Begebenheiten aus der Sicht von Anna Laminit und damit ganz anders, als sie landläufig überliefert sind. Wo liegen die Schwierigkeiten dabei, eine solche Umkehr der bekannten Fakten zu realisieren?

Ursula Niehaus: Die Schwierigkeit lag darin, dass ich mich gänzlich von dem Einfluss der Chronisten lösen musste, die Anna durchweg als böse und verkommen dargestellt haben, um eine liebenswerte und sympathische Heldin zu formen. Diese Aufgabe machte einen nicht unbeträchtlichen Reiz der Figur aus.

Histo-Couch: Wir haben gelesen, dass „Die Seidenweberin“ einem Traum aus Ihrer Jugendzeit entspringt. Heißt das, dass Sie mit der Geschichte von Fygen Lützenkirchen und Katryn Ime Hofe ein Stück Ihrer eigenen Welt erzählen?

Ursula Niehaus: In der Tat war ich, bevor ich anfing zu schreiben, Stoffhändlerin. Es wird Sie nicht erstaunen zu hören, dass ich von Jugend an Bücher und Geschichte liebte – umso weniger, wenn Sie erfahren, dass von neun Geschwistern meiner Mutter acht Buchhändler sind. Doch als ich dann nach dem Abitur Germanistik und Geschichte studieren wollte, befand mein Vater das als „brotlos“. Ich absolvierte also eine Versicherungslehre und studierte Betriebswirtschaft. Doch nach dem Examen gab ich dann der dritten Leidenschaft in meinem Leben nach, der Liebe zu Stoffen und wurde Stoffhändlerin. Als mein Mann aus beruflichen Gründen Köln verließ, sah ich mich gezwungen mein Geschäft zu verkaufen und fand endlich Zeit zum Schreiben. Insofern vereinigt „Die Seidenweberin“ alle meine Leidenschaften in sich, ist in der Tat die Erfüllung eines lange gehegten Traumes.

Histo-Couch: Packt Sie manchmal die Wut, wenn Sie von den Schicksalen lesen, die doch auch oft ungerecht waren?

Ursula Niehaus: Ja. Besonders was die Hexenprozesse des 17. Jahrhunderts anbetrifft oder die Grausamkeit der im Mittelalter und in der beginnenden Neuzeit verhängten Strafen.

Histo-Couch: Wie gehen Sie beim Schreiben mit Ihren Protagonisten um? Schlüpfen Sie in deren Rolle oder sehen Sie sich als reine Chronistin einer Geschichte, die vor Ihrem inneren Auge abläuft?

Ursula Niehaus: Das ist unterschiedlich, variiert von Szene zu Szene. Doch in der Tat schlüpfe ich oft in die Haut meiner Protagonistin. Und nicht nur in deren. Als Anton Welser sich über König Manuels Geschäftsgebaren erregte, erregte ich mich mit ihm. Als Lijse wütend war auf Onkel Mathys, hätte ich ihn geradewegs erwürgen mögen. Und bisweilen Grete links und rechts in ihr teigiges Gesicht schlagen …Ich muss genau wissen, wie sich die Personen fühlen, was sie denken, um ihre Handlungen, ihre Mimik und ihre Sprache authentisch beschreiben zu können. Das funktioniert am besten, wenn ich versuche, mich in sie hineinzuversetzen.

Histo-Couch: Können Sie durch ein Museum gehen, ohne dass Sie sich das Gesehene als Schauplatz für einen Roman vorstellen können?

Ursula Niehaus: Schwerlich. Museen sind für mich Stätten der Inspiration. Sie sind nun einmal voller Dinge, die Geschichten erzählen und nicht selten spuken nach einem Museumsbesuch ein paar Tage lang Ideen für neue Bücher in meinem Kopf herum.

Histo-Couch: Wenn Sie auf Recherche sind, beispielsweise in Augsburg, erleben Sie die Stadt ja so, wie sie heute ist: laut, hektisch, modern. Was braucht es, um sich das Augsburg früherer Jahrhunderte vorstellen zu können?

Ursula Niehaus: In Augsburg fiel es mir natürlich leichter als in Köln, die Stadt entstehen zu lassen, wie sie im Mittelalter gewesen sein mochte, da so viele historische Gebäude erhalten sind und auch heute noch das Stadtbild prägen. Und in Kirchen oder historischen Gebäuden, wie zum Beispiel in St. Anna, ist es leichter als im Stadtgetümmel. Ein guter Trick ist es, abends durch die Stadt zu laufen, wenn die Straßen leer werden. Dann ist es leichter, sie in Gedanken mit dem „Personal“ von damals zu bevölkern. Meist entsteht ein brauchbares Bild erst, wenn ich wieder zu Hause an meinem Schreibtisch sitze. Dann blende ich die neue Zeit aus und beinahe wie ein Puzzle entsteht die Stadt, in der meine Geschichte spielt.

Histo-Couch: Lässt sich Ursula Niehaus nach den beiden Romanen auf das historische Genre festlegen? Oder gibt es Pläne für Romane in ganz anderen Genres? Woran arbeiten Sie gerade?

Ursula Niehaus: Ich arbeite an der Fortsetzung der Seidenweberin, denn deren Geschichte ist noch nicht zu Ende erzählt. Es geschieht noch Vieles in der Frauenzunft der Seidmacherinnen in Köln: Dort übernehmen zu Beginn des 16. Jahrhunderts einige wenige reiche Seidenweberinnen das Sagen und versuchen, ihre weniger wohlhabenden Zunftgenossinnen aus dem Geschäft zu drängen. Und Lisbeth, die jüngste Tochter von Fygen Lützenkirchen und eine der erfolgreichsten Seidemacherinnen ihrer Zeit, gerät zwischen die Fronten … Das wird also wieder ein historischer Roman und der darauf folgende auch. Ich bin nämlich auf eine wundervolle Frauenperson gestoßen, die auch im ausgehenden Mittelalter gelebt hat und deren Lebensgeschichte förmlich danach schreit, erzählt zu werden. Doch ich könnte mir auch gut vorstellen, Romane zu schreiben, die in einer anderen Zeitepoche spielen oder auch in der Gegenwart spielen. Manchmal wünscht sich ein kleines faules Teufelchen in mir, dass ich nur aus dem Fenster zu schauen brauchte, um zu wissen, wie meine Romanfiguren leben, essen und sich kleiden, anstatt all diese Details mühsam recherchieren zu müssen. Doch auch Romane, die in einer anderen Zeit als dem Mittelalter spielten, hätten bei mir wohl die Lebensgeschichten außergewöhnlicher Frauen zum Thema.

Histo-Couch: Vielen Dank für das Interview!

Die Fragen stellten Volker Faßnacht und Rita Dell’Agnese.
Gestalterische Aufbereitung von Katharina Lewald.