„Es ist nicht leicht, einen halbwegs plausiblen Mord hinzukriegen“

Die Histo-Couch im Interview mit Tom Wolf über Friedrich den Großen, Krimis und Langustiers Zukunft

Histo-Couch: Herr Wolf, gerade ist der elfte Preußen-Krimi „Glutorange“ um den Zweiten Hofküchenmeister Friedrichs des Großen, Honoré Langustier, erschienen. Sein erster Fall „Königsblau“ erschien vor zehn Jahren im Jahr 2001. Wie sind Sie auf die Idee zu dieser Reihe gekommen?

Tom Wolf: Zuerst war es nur ein einzelner Krimi, der im 18. Jahrhundert in Berlin spielte. Ich war seit je ein Friedrich-Fan, daher wollte ich ein Buch schreiben, in dem Friedrich II. vorkommt. Krimis zu schreiben, hatte ich schon früher versucht, aber erst im Preußenjahr 2001 kam alles zusammen: Ich musste Geld verdienen und fand einen Verleger, der sich von einem „Preußenkrimi“ Gewinn versprach. Damals wusste ich noch nicht, dass Krimis nur zu Longsellern werden, wenn man gleich in Reihen denkt. Mein Verleger schlug daher gleich einen zweiten Band vor: „Purpurrot“. Damit war die Reihe geboren. Ich wählte mir ein zweites interessantes Jahr aus der Regierungszeit Friedrichs, und so ging es dann munter fort. Von „Purpurrot“ an war klar, dass die Reihe in den Jahren 1740 bis 1786 angesiedelt werden würde.

Histo-Couch: Ihr Ermittler ist der Zweite Hofküchenmeister des Königs, Honoré Langustier. Ist er eine reale Person oder fiktiv? Wie sind Sie ausgerechnet auf diesen Ermittler gestoßen?

Tom Wolf: Er ist fiktiv. Ich habe eine Zeit lang als Redakteur für die Zeitschrift „Häuptling Eigener Herd“ gearbeitet, deren Herausgeber der Starkoch Vincent Klink gewesen ist. Er stand Pate für die Figur des Honoré Langustier. Allerdings nur zu Anfang. Die Figur hat sich von Band zu Band verselbständigt.

Histo-Couch: Langustier fährt ja für den König und seine Gäste ordentlich auf. Woher stammen die Rezepte? Haben Sie die selber ausprobiert?

Tom Wolf: Teils, teils: Einiges ist historisch belegt. Der König hatte die Angewohnheit, täglich aus den Speisevorschlägen seiner zahlreichen Köche Gerichte auszuwählen oder welche hinzuzusetzen, um für sich und seine Gäste den Speiseplan selbst zusammenzustellen. Diese Küchenzettel sind archiviert und z.T. veröffentlicht. Als ich „Königsblau“ schrieb, gab es fast gar keine gedruckten Quellen. Nur einige versprengte uralte Aufsätze und Kapitel in Friedrich-Monographien. Inzwischen hat sich das Thema Friderizianische Küche schon fast zu einem Selbstläufer entwickelt. Vielleicht hab ich da das Feld vorbereitet, vielleicht war es aber ohnehin ein Thema allgemeinen Interesses. Nun, zum anderen, in den letzten Bänden weitaus größeren Teil sind Langustiers Kreationen aber auf meinem eigenen Herd entwickelt. Wie man Hasenpfeffer oder Rehrücken zubereitet, kann man in Kochbüchern oder im Internet nachlesen, wenn man nicht das Glück hat, einem Profi über die Schulter zuschauen. Ich koche seit meiner Studienzeit fast täglich und brauche daher für die Küchensequenzen meiner Langustierkrimis nur etwas die kulinarische Phantasie spielen zu lassen. Freilich ist immer Übertreibung dabei. Wenn es nicht zufällig irgendwo Hirschsteaks im Angebot gibt, muss ich zuhause das Wild meistens weglassen …

Histo-Couch: Im aktuellen Fall „Glutorange“ spielt auch die Malerei ein große Rolle. Malen Sie selbst und kennen sich mit den Techniken aus?

Tom Wolf: Malerei ist mir zu langsam. Zeichnung und Holzschnitt liegen mir mehr. Augenblicklich komme ich nur selten dazu. Aber ich kenne mich schon etwas aus mit den Dingen, über die ich schreibe. Hätte ich nicht Literaturwissenschaft und Philosophie studiert, wäre es sicher Kunstgeschichte gewesen. Ich kenne viele bildende Künstler persönlich und kann mir nichts Heimeligeres und zugleich Anregenderes vorstellen als ein Atelier.

Histo-Couch: Der Roman spielt im Umfeld von der sechstägigen Belagerung Berlins im Oktober 1760 während des Siebenjährigen Krieges. Wie sind Sie auf diesen Angriff gestossen, und wie schwer war dann die Verknüpfung mit einem Mord im Malermilieu?

Tom Wolf: Im Zuge der Recherchen für „Smaragdgrün“, 1759 angesiedelt, las ich 2004 von den Besetzungen Berlins in den Jahren 1757 und 1760. Schon damals nahm ich mir vor, einem der Preußenkrimis diesen spannenden historischen Rahmen zu geben. Die Besetzung 1757 dauerte nur einen Tag und war daher ungeeignet für einen Krimi, der ja doch etwas mehr an erzählter Zeit benötigt. Also 1760. Das Personal war an sich bereits so schillernd, dass ich kaum viel hinzuerfinden musste: Der besetzende General ein Lebemann, der eine Millionenerbin entführt hatte, der Berliner Stadtkommandant ein Feigling, die verteidigenden Generäle lädierte oder altersschwache Haudegen, der König einzig in Sorge um seine Kunst. Die Malerei kam wie von selbst hinzu. Friedrichs Kunstsammlungen lieferten den Berlineroberern aus Russland und Österreich die kostbarste Beute. Die Schilderungen der Verwüstungen im Schloss Charlottenburg enthielten so plastische Einzelheiten, dass es wie von selbst auf das Thema Kunstraub hinauslief. Der Kastellan Dauen schilderte etwa, dass er im Schlossgarten ein Bild gefunden hatte, dass die Russen bei ihrem Abzug verloren hatten – die berühmte „Rübenputzerin“ von Jean Siméon Chardin, die jetzt in der Münchner Alten Pinakothek hängt. Der für die Stadt so wichtige Kunsthändler und in vielerlei Hinsicht umtriebige Unternehmer Johann Ernst Gotzkowsky hat eine riesige Gemäldesammlung an die russische Zarin verloren, da er sonst seine Schulden nicht mehr hätte bezahlen können, in die ihn sein patriotisches Eintreten für die Stadt Berlin geführt hatte. Die beiden einzigen Bilder von Watteau, der „Laden des Kunsthändlers Gersaint“ und die Berliner Version der „Einschiffung nach Cythera“, die, wenn auch schwer verletzt, die Schreckenstage überstanden, haben heute allein einen unschätzbaren materiellen Wert und gehören zu dem Vornehmsten, was die französische Kunst des 18. Jahrhunderts hervorgebracht hat. Sie sehen, der Stoff ballte sich quasi automatisch zusammen. Da die Reihe der Preußenkrimis eine einzige Palette von Farbtiteln ist, war auch die Wahl für dieses Mal nicht schwer: Viele Gebäude gingen bei stundenlangem Beschuss mit Brandbomben in Flammen auf, so lag „Glutorange“ nahe.

Histo-Couch: Die Farbtitel sind ja ein Kennzeichen der Reihe. Wie kommen Sie darauf, und haben Sie nicht Angst, dass Ihnen einmal die Farben ausgehen?

Tom Wolf: Ich hatte schon immer ein Faible für Farben. Farben sind so einprägsam. Als ich mich mit der Geschichte Preußens zu befassen begann, fielen mir die schier unendlich variierten Regimentsbanner, Flaggen und Wimpel auf und die bis ins Kleinste auf Unterscheidbarkeit und Identifizierbarkeit angelegten Uniformen. Man schlage das Standardwerk auf: Hans Bleckwenns „Friderizianische Uniformen“, und man findet alle Farben meiner Reihe.

Histo-Couch: Kommen wir noch mal zum „Alten Fritz“. Sie sagen, Sie seien ein Friedrich-Fan? Woher kommt das? Was fasziniert Sie so an ihm?

Tom Wolf: Er war ein Künstler, der das Unglück hatte, in eine Soldatenfamilie hineingeboren zu werden. Er hat das Beste aus seinem Schicksal gemacht und sich weder vom tyrannischen Vater noch von dessen machtgierigen Beratern unterkriegen lassen. Das ist das Faszinierendste an Friedrich für mich. Er war ein Autodidakt, der sich aus geistig einfachsten, gesellschaftlich wohl höchsten, familiär aber bedrückendsten Verhältnissen zu einem ästhetisch empfänglichen, selbstbewussten und befreiten Individuum emporgeschwungen hat.

Histo-Couch: In Ihren Romanen gibt es reale und fiktive Personen. Wie schwer ist es, diese stimmig zu kombinieren, und besteht nicht die Gefahr, die realen Personen zu „verbiegen“, damit sie in die Handlung passen?

Tom Wolf: Nehmen wir den König und Langustier: Ich kann mich durchaus leicht in die Figur eines aufgeklärten Potentaten hineindenken, der neben einem selbst vom Zaun gebrochenen Krieg und schier unendlichen täglichen Regierungsaufgaben munter isst und trinkt, musiziert, komponiert, Gedichte, kleine Stücke und Aufsätze schreibt, mit Literaten, Philosophen und Wissenschaftlern korrespondiert und in jeder freien Minute liest (bzw. sich Hörbücher anhört: damals noch live vorgelesen) oder Bilder betrachtet. Ich habe viel von und über den König gelesen und mir so eine gewisse imaginäre Innenperspektive angeeignet. Aber trotzdem ist mein Friedrich nicht der Friedrich, der einst gelebt, gedacht und gesprochen und gehandelt hat, sondern nur eine fiktive Figur. Genau wie der fiktive Koch, den ich mir teils vom lebenden Vorbild abgeschaut, teils aus eigener Phantasie zusammengesetzt habe.

Mit anderen Worten: Es gibt keine „realen Personen“ in den Romanen, weder in denen, die sich „historisch“ schimpfen, noch in meinen, die ich „historisierend“ nennen möchte. Ich erhebe daher nicht den Anspruch, irgendjemanden oder irgendwas so darzustellen, wie er oder es „wirklich“ war. Das wäre unmöglich und absurd. Freilich habe ich über dreißig Jahre lang Literatur des achtzehnten Jahrhunderts gelesen und mir die damalige Welt versucht vorzustellen. Ein paar bildliche Annäherungen sind mir also bestimmt gelungen. „Stimmigkeit“ aber kann ich zwar im Gesamtbild anstreben, indem ich mir ausmale, wie die ganze Personage, die ich mir ausgedacht habe, zusammenwirkt, wie man sich verhalten hat oder mit dem Leben oder einzelnen Problemen fertiggeworden ist – das Resultat bleibt dennoch immer mein geistiges Kammerspiel „Koch und König nebst illustrem halbphantastischem und pseudohistorischem Beiwerk“.

Ich habe den Sachverhalt, so wie ich ihn sehe, in einem längeren Aufsatz dargestellt, der vielleicht bald wieder auf meiner Website zu lesen sein wird, wenn ich jemals dazu komme, sie zu aktualisieren. Der Text heißt „Wieviel Fiktion verträgt der König?“ und befasst sich mit der grundsätzlichen Frage, was der Autor sogenannter historisierender Romane überhaupt macht und tut.

Histo-Couch: Im vorherigen Band „Kristallklar“ ist Friedrich am Ende gestorben. Nun erscheint ein Roman, der 1760, also 26 Jahre davor spielt. Wie behalten Sie den Überblick über Langustiers Biografie, wenn sie zeitlich springen müssen? Haben Sie einen Plan, oder haben Sie alles im Kopf?

Tom Wolf: Ich habe soweit alles im Kopf, glaube ich. Allerdings lese ich zur Sicherheit nochmals in den zeitlich naheliegenden Bänden nach. Es wäre unverzeihlich, wenn eine Person, die eigentlich schon tot sein müsste, wieder lebte oder – noch schlimmer – das Liebesleben meines Helden durch meine Unaufmerksamkeit durcheinander geriete.

Histo-Couch: Köche scheinen einen gewissen Schlag bei Frauen zu haben …Dafür spricht auch seine große Familie. In „Kristallklar“ führen Sie auch Gerardine de Lalande ein, Langustiers Urenkelin, die nun in einer eigenen Reihe, gewissermaßen als „Ableger“, sein Erbe fortsetzt, sprichwörtlich genommen. Wie kam es dazu?

Tom Wolf: Na ja, als Reihen-Autor fragt man sich: Was ist, wenn es nicht mehr weitergeht? Wenn das Interesse an dem Helden, dem Personal oder dem historischen Umfeld nachlässt, muss ich doch weiterhin mein Auskommen finden. Daher habe ich im Kreis der Nachfahren Langustiers schon frühzeitig nach einem würdigen Nachfolger Ausschau gehalten. Eine Nachfolgerin war freilich viel besser …In „Goldblond“ tauchte Gerardine von Beeren (Tochter von Honorés Enkel Honoré) zum ersten Mal auf. Die Romanhandlung spielt 1778, und sie ermittelt als Gehilfin des Uropas fleißig mit, schon damals unerschrocken und die Männerwelt durch burschikoses Auftreten und männliche Bekleidung: Hosen! um die Fasson bringend. Fast hätte sie den realen Doktor Heim geehelicht, aber der hat dann doch einen Rückzieher gemacht. In „Kreideweiß“, 1772 angesiedelt, wirbelte Gerardine rückwirkend als junges Mädchen durch die Szene . In „Kristallklar“, 1786, findet sie schließlich ihren über alles geliebten Mann, den Aeronauten Jerome de Lalande, mit dem sie erst in die postrevolutionären Vereinigten Staaten von Nordamerika aufbricht, später ins revolutionäre Frankreich wechselt, um 1793 nach Preußen zurückzukommen. Aber ich drifte ab …

Histo-Couch: Sie sind auch zeitlich etwas abgedriftet, als Sie Ihre Hansekrimis geschrieben haben. Wird es da noch weitere geben?

Tom Wolf: Das hat sich zufällig ergeben, nachdem mich der Begründer der Reihe, Frank Goyke, einlud, mich auch einmal mit dem spannenden Thema Hanse zu befassen. Da jeder Hansekrimi eine ehemalige Hansestadt zum Schauplatz macht, verfiel ich nach einigem Überlegen auf Goslar. Ich begeisterte mich seit jeher für Bergbau, und da kam mir der Streit zwischen der freien Reichsstadt und dem Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel um das Silber des Rammelsberges sehr entgegen. Die Frühe Neuzeit war schon zu Studienzeiten sehr interessant für mich, und es war daher keine völlige Abdrift. Ich wollte feststellen, ob ich mich auch im 16. Jahrhundert erzählerisch bewegen kann. Nach Goslar kam Salzwedel (Thema bei „Der Bierkrieg“ war ein Aufstand in der Altmark), und zuletzt wieder Goslar. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht, und ich würde gern weitere Hansekrimis schreiben, doch im Augenblick sieht es nicht so aus, als ob der Verlag die Reihe fortsetzt.

Histo-Couch: Passend zur Preußenkrimi-Reihe ist auch ein Preußenkrimi-Kochbuch erschienen. Haben Sie da auch dran mitgewirkt und vielleicht alles mal vorgekocht?

Tom Wolf: Nein, das hat mit Langustier nichts zu tun.

Histo-Couch: Von „Königsblau“ gibt es auch eine Bühnenversion. Wird diese oft aufgeführt, und planen Sie weitere Bühnenversionen Ihrer Romane?

Tom Wolf: Etwa 50 Aufführungen bisher, es soll auch bald eine weitere Dramatisierung geben. Welcher Roman es sein wird, ist noch nicht entschieden.

Histo-Couch: Ihre ausführlichen und lesenswerten Anhänge lassen vermuten, dass Sie sehr penible Recherchearbeit betreiben. Wieviel Zeit verwenden Sie darauf, und wie lange brauchen Sie dann für den Roman?

Tom Wolf: Ich kann das nicht so genau sagen. Von der ersten Idee zu einem Roman bis zum ersten Satz vergehen oft mehrere Monate. Dann geht es mitunter sehr schnell. Der schnellste Langustier wurde in exakt 43 Tagen geschrieben. (Welcher das war, verrate ich aber nicht ...) Der langwierigste dauerte über ein Jahr. Das hatte allerdings auch äußere Ursachen: Als Stadtschreiber zu Rheinsberg hatte ich mit massiven technischen Schwierigkeiten zu kämpfen. Ohne PC und ohne Internet, 110 km bis zur nächsten Bibliothek, da musste sich die Sache verzögern. „Glutorange“ wurde in etwa einem halben Jahr geschrieben. Genauso lange dauerte auch die Recherche. Doch sie war nicht etwa dem Schreibprozess vorgeschaltet, sondern lief während des Schreibens ab. Das ist bei meinen Romanen immer so. Ich habe eine Idee, die sich dann durch Recherche teils modifiziert, teils verfestigt. Anschließend folgen verschiedene Dinge daraus, bei denen sich dieses Spiel wiederholt. Vieles muss verworfen werden, einiges (das Richtige!) bleibt übrig.

Histo-Couch: Hätten Sie Friedrich gerne mal getroffen, und sich dann natürlich auch von Langustier bekochen lassen?

Tom Wolf: Ja, das wäre was – wenn es den Göttern gefiele, mich in Sanssouci als Boten der Nachwelt vor ihn zu stellen. Was würde er mich fragen? Denn dass er die Fragen stellen würde, ist ja klar. Könige lassen sich nicht ausfragen. Vielleicht, wie es seinem Land ergangen sei? Ich glaube nicht, dass er es bedauern würde, dass es kein Preußen mehr gibt. Dazu war er zu sehr Realist. Ich könnte ihm auch etwas vorflunkern und erzählen, dass auch 300 Jahre nach seiner Geburt noch immer sein Königreich Preußen blühe, mit einem Kaiser Friedrich Georg I. als erstem Diener des Staates. Bestimmt würde er den Schwindel schnell bemerken und über den Scherz lachen. Dann müsste ich mit der Wahrheit herausrücken und ihm gestehen, dass alles, was von seiner Herrschaft noch übrig ist, ein paar Schlösser und Gärten sind, die gehegt und gepflegt und den Touristen vorgeführt werden. Ich müsste ihm die neue Weltordnung auseinanderklamüsern. Das würde eine lange Audienz, und ich weiß nicht, ob er am Ende noch Appetit hätte, um die Speisen der Mittagstafel zu genießen. Ich würde Langustiers Kochkünste freilich mit Freuden kennenlernen. Ich kenne die Haute Cuisine ein wenig, doch ich esse am liebsten einfach und herzhaft. Täglich könnte ich sie aber nicht aushalten – zu fett, zu scharf, zu ungesund. Der Arzt (Ritter Zimmermann), den Friedrich zuletzt rief, war sich sicher: Die Köche haben ihn umgebracht.

Histo-Couch: Gibt es eine Figur in Ihren Romanen, die Ihnen selbst nachempfunden ist oder Charakterzüge von Ihnen hat?

Tom Wolf: Nein.

Histo-Couch: Wissen Sie immer, wer der Mörder ist, wenn Sie einen Roman beginnen? Langustier wusste es in einem Roman selbst noch nicht genau, als er zu Ende des Romans die übliche Versammlung der Verdächtigen vor sich hatte und in Gegenwart des Königs den Mörder entlarven musste.

Tom Wolf: Sicher, das ist das erste, daran muss ich mich halten. Die einfachen Grundfragen lauten: Wer, was, warum, auf welche Art und Weise? Wüsste der Autor nicht mehr als die Figur, wäre alles bloß ein Stochern im Trüben. Allerdings sind oft immense technische Schwierigkeiten (zeitlich, personal, methodisch) zu überwinden, bevor sich eine Grundidee im Roman verwirklichen lässt. Es ist nicht leicht, einen halbwegs plausiblen Mord hinzukriegen. Der Detektiv muss freilich bis zuletzt im Zweifel bleiben, sonst ist die Spannung weg. Leserinnen und Leser dagegen dürfen schon mehr wissen als er.

Histo-Couch: Ihr Vater war Kriminalbeamter. Haben Sie viel von ihm gelernt, was Sie beim Krimischreiben anwenden können?

Tom Wolf: Leider war ich noch zu klein, um viel mitzukriegen. Manchmal hat er mich zur Wache und zu einzelnen Befragungen mitnehmen müssen, weil meine Mutter keine Zeit hatte, sich um mich zu kümmern – sie war auch berufstätig. Das sind nur verschwommene Erinnerungen, etwa an das spielerische Ausfüllen eines Personalbogens. Fingerabdrücke nehmen, Foto von vorn und im Profil …Gab es alles im 18. Jahrhundert noch nicht. Hat mir daher nichts gebracht. Aber die Aufregung bei großen Fällen (und die waren in der weltoffenen Kur- und Kongressstadt Bad Homburg in den Sechziger und Siebziger Jahren durchaus nicht selten) hat sich auch auf mich übertragen. Vielleicht war das ja eine Keimzelle meiner Krimibegeisterung.

Histo-Couch: Wollten Sie immer ausschließlich Krimis schreiben?

Tom Wolf: Nein, und ich will es auch künftig nicht. Ich habe mit Erzählungen und Gedichten in tausenderlei Literaturzeitschriften angefangen, eine Lovecraft-Parodie, satirische Ernst-Jünger-Stilübungen und eine Selberlebensbeschreibung verfasst. Mein Goetheroman ist bislang noch unveröffentlicht, ebenso meine aktuelle literarische Hauptaufgabe, zu deren Veröffentlichung ich nur jeden renommierten Verleger einladen kann. Es ist ein Roman, der im NS-Deutschland spielt. Einzelheiten gern gegen frankierten Rückumschlag.

Histo-Couch: Wie geht es weiter? Können und dürfen Sie uns etwas über die Zukunft von Honoré Langustier und Gerardine de Lalande verraten?

Tom Wolf: Nach einer Strategiesitzung im Verlag wurde eine Fortsetzung beider Reihen beschlossen, dahingehend, dass in jedem Jahr ein Roman erscheinen soll. Ich muss etwas kürzer treten, da ich sonst mein Haus niemals renovieren könnte …Zunächst wird Gerardine weitermachen: „Das siebte Signal“ heißt Band drei, Erscheinungstermin: September 2012. Im Anschluss legt Langustier mit „Rosa Pompadour“ nach – und reist ins Paris des Jahres 1757 …Erscheinungstermin: September 2013. Wie Gerardines im September 2014 erscheinendes Erinnerungswerk heißen wird? Keiner weiß es. Aber es wird kommen. Nur der letzte Langustier steht schon fest: Im September 2015 erscheint er unter dem Titel: „Violett. Langustiers Memoiren“. Gerardine kann es in ihrer Reihe aber noch weiter bringen. Man wird abwarten müssen.

Histo-Couch: Planen Sie irgend etwas Besonderes für das Friedrich-Jahr 2012?

Tom Wolf: Nichts, außer „besonders“ oft aus meinen Romanen vorzulesen.

Histo-Couch: Was machen Sie an Friedrichs 300. Geburtstag am 24. Januar 2012?

Tom Wolf: Gut essen und ein Glas Champagner (vin de sec) auf den König leeren! Ich könnte mir vorstellen, als Hauptgang die Langustier’sche Spezialität zuzubereiten: Kaninchen nach Art des Languedoc, dazu Macairekartoffeln und Feldsalat. Als Vorspeise eine Krebssuppe und zum Beschluss Creme Caramel.

Das Interview führte Carsten Jaehner.