„;Mich inspirieren Menschen, die mich beeindrucken!“;

Sandra Lessmann über das Erschaffen von Charakteren, eigene Schwächen und Strategien zur Spannungssteigerung

Histo-Couch: Liebe Frau Lessmann, erzählen Sie uns doch bitte etwas über sich. Wie sieht bei Ihnen ein normaler Tagesablauf aus?

Sandra Lessmann: Wochentags verbringe ich den Vormittag mit Schreiben. Mittags fahre ich dann in die Heinrich-Heine-Universität, wo ich eine halbe Stelle im Sekretariat eines Klinikdirektors inne habe, mit deren Hilfe ich meine Grundversorgung bestreite. Mindestens einmal die Woche recherchiere ich in den Bibliotheken der Universität. Abends überarbeite ich die bereits geschriebenen Texte. Die Hauptarbeit erledige ich jedoch am Wochenende, manchmal bis 22 Uhr.

Histo-Couch: Viele Autoren berichten, dass sie teilweise schon als Kinder gerne Geschichten erzählten und auch aufschrieben. Wie kamen Sie zum Schreiben?

Sandra Lessmann: Ich bin durch Zufall zum Schreiben gekommen. Während der Grundschulzeit habe ich regelmäßig mit einer Freundin gespielt. Die Handlung dieser Spiele wurde nach und nach immer komplexer, so dass wir mit der Zeit den Überblick verloren. Daraufhin begann ich, die einzelnen Geschichten als Gedächtnisstütze aufzuschreiben, und stellte dabei fest, wie leicht mir dies fiel. Der Rest ergab sich von selbst.

Histo-Couch: Auf Ihrer Website gibt es eine Biografie, in der man unter anderem erfährt, dass Sie Geschichte, Anglistik und Kunstgeschichte studierten -- und das „;nur“;, weil Sie historische Romane schreiben wollten. Was fasziniert Sie so sehr an Geschichte im Allgemeinen und am historischen Roman im Besonderen?

Sandra Lessmann: Angefangen hat es eigentlich mit einem Interesse an der damaligen Kunst, besonders der Gotik und des Barock. Je mehr ich mich mit diesen und anderen Epochen beschäftigte, desto mehr faszinierten mich auch die Menschen, die zu jener Zeit lebten. Die unsicheren Lebensumstände, mit denen die Menschen fertig werden mussten, bieten zudem einen vorzüglichen Rahmen für eine spannende Handlung. Der historische Roman gibt dem Autor auch die Möglichkeit, den Leser durch kuriose Tatsachen der Vergangenheit zu erstaunen.

Histo-Couch: Für Ihren Erstling Die Richter des Königs und ihren aktuellen Roman Die Sündentochter konnten Sie einen der größten belletristischen Verlage Deutschlands gewinnen. Wie haben Sie das geschafft?

Sandra Lessmann: Aus früheren vergeblichen Versuchen, einen Verlag für ein Manuskript zu finden, habe ich die Lehre gezogen, mich für Die Richter des Königs zuerst um einen Agenten zu bemühen. Die Verlage sind eher bereit, sich ein Manuskript anzusehen, das von einem Agenten empfohlen wird.

Histo-Couch: Ihre beiden Bücher handeln von zunächst mysteriösen Mordfällen, die Richter Sir Orlando Trelawney und Priester Jeremy Blackshaw nach und nach aufklären. Wie lange dauerte es von der ersten Idee dieser Personen bis hin zur ersten fertigen Manuskriptseite?

Sandra Lessmann: Ich schätze ungefähr ein halbes Jahr. Meine Personen entwickeln sich natürlich auch während der Handlung weiter und zeigen im Verlauf des Geschehens Charakterzüge, die sie zu Anfang noch nicht oder nur im Ansatz hatten. Für Die Richter des Königs habe ich insgesamt drei Jahre gebraucht, bis der Roman fertig war. Das lag aber daran, dass ich zur selben Zeit meine Magisterarbeit geschrieben habe. Für Die Sündentochter habe ich ungefähr ein Jahr gebraucht, da die Personen bereits voll entwickelt waren.

Histo-Couch: Wie entwickeln Sie Ihre Charaktere?

Sandra Lessmann: Zu den Hauptfiguren haben mich tatsächliche Personen inspiriert, Menschen, die auf irgendeine Weise Eindruck auf mich gemacht haben. Das Äußere übernehme ich dann in der Beschreibung. Der Charakter kann sich im Verlauf der Handlung allerdings ändern, da meine Personen ein Eigenleben entwickeln und schließlich fühlen, sprechen und handeln, ohne dass ich bewusst darüber nachdenken muss. So kann es vorkommen, dass sie Dinge tun, die ich gar nicht geplant hatte. Daran erkenne ich, dass sie gelungen sind.

Histo-Couch: Ist Ihnen einer Ihrer Charaktere besonders ans Herz gewachsen? Wenn ja, warum?

Sandra Lessmann: Eigentlich sind mir alle diejenigen Charaktere ans Herz gewachsen, für die das oben Gesagte zutrifft, vor allem Jeremy Blackshaw, Alan Ridgeway und Breandán, da sie von Menschen inspiriert sind, die mich beeindruckt haben. Dabei kann es sich auch um Menschen handeln, die ich nicht persönlich gekannt habe, deren Schicksal mir aber nahe gegangen ist. Jeremy Blackshaw hat nicht nur eine Person, die ich kannte, zum Vorbild, sondern besitzt auch Züge zweier Priester, die Ende des 16. Jahrhunderts ihre Erlebnisse als Missionare in Autobiographien festhielten, die sehr ergreifend sind.

Histo-Couch: Während der Lektüre Ihrer Romane fällt auf, dass Sie sowohl das Erdenken, als auch das anschließende Aufklären von historischen Morden nahezu perfekt beherrschen, sodass eine unbändige Spannung und eine dichte Atmosphäre entstehen. Sind Sie ein Naturtalent oder besuchten Sie Kurse für kreatives Schreiben?

Sandra Lessmann: Ich habe nie einen Kurs für kreatives Schreiben besucht. Aber ich schreibe seit der Kindheit und habe über die Jahre Strategien entwickelt, wie sich Spannung effektiv steigern lässt. Tatsächliche historische Ereignisse geben oft Anregungen zur Entwicklung eines Mordfalls. Wenn man erst einmal einen Anfang hat, entsteht die Handlung fast von selbst.

Histo-Couch: Es gibt immer Dinge, die man an seinen eigenen Arbeiten verbessern möchte. Was wäre das bei Ihnen, würden Sie gerne etwas noch besser machen?

Sandra Lessmann: Eigentlich ist man mit dem eigenen Stil nie richtig zufrieden und möchte ihn verbessern. Leider ist der Stil, zumindest bei mir, oft von der Tagesform abhängig. Was ich überhaupt nicht kann, aber gerne können möchte, ist, Komödien zu schreiben.

Histo-Couch: Ihre Fans warten sehnsüchtig auf einen neuen Roman von Ihnen. Dürfen Sie darüber schon etwas verraten? Wann darf man mit einer Neuerscheinung rechnen?

Sandra Lessmann: Ich arbeite bereits an einem neuen Roman, der aber voraussichtlich erst im Herbst 2007 erscheinen wird, sofern sich der Verlag nicht entscheidet, den Erscheinungstermin vorzuverlegen, was immer möglich ist. Dabei handelt es sich allerdings nicht um einen neuen Fall mit Jeremy Blackshaw. Der neue Roman spielt etwa 100 Jahre früher, und es geht um eine Frau, die in eine Spionageaffäre verwickelt wird.

Histo-Couch: Kommen Sie in Ihrer Freizeit auch noch zum Lesen? Was lesen Sie gerne?

Sandra Lessmann: Wenn man als Autor auch noch einen Beruf hat, der jeden Tag eine gewisse Zahl an Stunden beansprucht, hat man kaum Freizeit. Ich nutze jede Gelegenheit zum Lesen, z. B. die Zeit, die ich in öffentlichen Verkehrsmitteln auf dem Weg zur Arbeit verbringen muss. Ich lese fast ausschließlich Fachliteratur für meine Recherchen, nur ganz selten mal einen historischen Roman und dann meist im englischen Original.

Histo-Couch: Und welches ist ihr absolutes Lieblingsbuch?

Sandra Lessmann: Diese Frage hat man mir schon öfter gestellt, aber leider kann ich sie nicht beantworten. Ich habe kein Lieblingsbuch.

Histo-Couch: Was möchten Sie Ihren Fans abschließend mitteilen?

Sandra Lessmann: Ich bin sehr begeistert, dass so viele Leser meine Bücher interessant und spannend finden, und ich werde mir auch weiterhin die größte Mühe geben, sie zu fesseln und zu unterhalten.

Histo-Couch: Vielen Dank für das informative Interview! Selbstverständlich wird die Histo-Couch weiterhin über Sie und Ihre Romane berichten und Ihre Fans auf dem Laufenden halten.

Die Fragen stellte Katharina Lewald.
Gestalterische Aufbereitung von Katharina Lewald.