„Vieles ist verfälscht weitergegeben“

Die Histo-Couch im Interview mit Roman Rausch über 3000 Jahre Geschichte, Bauwerke als Protagonisten und Reaktionen der Würzburger

Histo-Couch: Herr Rausch, Ihr neuester Roman umfasst die Geschichte der alten Brücke in Würzburg. Wieso rückt gerade diese Stadt in Ihren Fokus?

Roman Rausch: Ich bin ein Main-Franke – so der korrekte Ausdruck – Würzburg ist meine Heimatstadt. Entstanden ist ein Buch über 3000 Jahre Stadt- und Landgeschichte. Würzburg war einst „DIE“ Stadt in Europa …

Histo-Couch: Wie schwierig ist es, über eine Stadt oder Bauwerke zu schreiben, die man an sich sehr gut kennt?

Roman Rausch: Ich dachte, dass ich mit dem Thema sehr vertraut bin. Jeder kennt die alte Steinbrücke. Im Zuge der Recherchen habe ich aber festgestellt, dass vieles ungenau oder verfälscht weiter gegeben wurde. In Würzburg steht die älteste, erhaltende Steinbrücke Europas, sie ist mindestens zehn Jahre älter als jene in Regensburg. Es gibt ein Dokument, das den Zeitpunkt der Entstehung belegt, wir können tatsächlich davon ausgehen, dass es die älteste Brücke ist.

Histo-Couch: Ist es nicht eine Herausforderung, quasi als Protagonist eines Romans ein Bauwerk zu haben?

Roman Rausch: Es geht um 3000 Jahre, da gibt es keine durchgängigen Charaktere, die Probleme zu lösen haben. So erzähle ich die Geschichte der Menschen, die sie auf und um die Brücke erlebt haben. Die Brücke selber hat ja eine sehr intensive Geschichte, sie war unter anderem auch Gerichtsort und Hinrichtungsstätte. So ist mit der Brücke die ganze Klaviatur von Emotionen verbunden. Vieles hat sich auf der Brücke abgespielt.

Histo-Couch: Was macht die Brücke zu etwas Besonderem – ausser ihr Alter?

Roman Rausch: Nach viel Blut, Schweiss und Tränen ist es eine Brücke der Verbindung geworden. Es ist ein Treffpunkt, ein Ort, der ideell die Verständigung zwischen den Menschen übernommen hat. Es ist eine Brücke, die mehr zueinander führt, als trennt.

Histo-Couch: 3000 Jahre ist eine sehr lange Zeit für eine Brücke&

Roman Rausch: Die Geschichte der Brücke beginnt mit ihrer Furt. 1000 v.C. gab es schon eine keltische Siedlung an dieser Stelle, da haben sich die Völker darum gestritten. Würzburg war der Schnittpunkt verschiedener Handelswege, sie hatte eine starke politische aber auch finanzielle Bedeutung.

Histo-Couch: Wie sind Sie zum Thema gekommen?

Roman Rausch: Vor zwei Jahren gab es ein Gespräch über den nächsten Titel. Da hat der Lektor auf das Thema hingewiesen. Für mich war es eine grosse Herausforderung, einen Roman zu schreiben, der eine so lange Zeitspanne umfasst. Die Recherche dazu war manchmal ein wahrer Albtraum, herauszufinden, was nun tatsächlich wahr ist, war nicht immer so einfach. Ich hatte einen Kunsthistoriker und einen Professor der Mittelaltergeschichte, die mir beratend zur Seite standen. Sie konnten Tipps geben, wo was zu finden ist und in welchem Kontext es zu verstehen ist. So wusste ich, wie ich das alles interpretieren muss.

Histo-Couch: Wie verhält es sich mit den verschiedenen Protagonisten? Wie stehen diese im Zusammenhang mit der tatsächlichen Geschichte?

Roman Rausch: Der Schriftsteller muss alles wissen und für sich entscheiden, was zu den Geschehnissen passen könnte, aber die Geschichte selber nicht verfälscht. Das ist die Kunst: Die Fiktion so einzubauen, dass man sagen könnte: „Ja, so hätte es sich zutragen können.“

Histo-Couch: Wie war das Echo der Einheimischen?

Roman Rausch: Ich bin sehr gespannt, wie Würzburg reagieren wird. Ich musste einen Weg gehen zwischen historischen Fakten und Fiktion, die Geschichte musste beidem gerecht werden. Von medialer Seite her war das Interesse gross. Das ist aber noch lange kein Garant dafür, dass der Roman im Buchhandel auch verkauft wird.

Histo-Couch: Was kommt nach dem Roman „Die Brücke über den Main“?

Roman Rausch: Zuerst muss ich mich jetzt mal erholen und Abstand nehmen. Dann denke ich, werde ich dem Genre mal untreu werden und einen Krimi schreiben.

Histo-Couch: Eine vorübergehende Untreue oder werden Sie dem historischen Roman den Rücken kehren?

Roman Rausch: Das kann ich noch nicht beantworten. Ich bin mir aber sicher, dass ich, wenn ich auf ein interessantes Thema stosse, ganz schnell wieder umswitchen werde.

Das Interview führte Rita Dell’Agnese.