„Ich recherchiere für mein Leben gerne“ 

Die Histo-Couch im Interview mit Priska Lo Cascio über Recherchen, das 10. Jahrhundert und alte Ortsnamen

Histo-Couch: Sie haben vorher Bücher für Jugendliche geschrieben, wie sind Sie auf die Idee gekommen, jetzt einen altersübergreifenden historischen Roman zu schreiben?

Priska Lo Cascio: Das mit den Jugendbüchern war eigentlich so gar nicht geplant, denn tatsächlich war mein erster Roman „Das Herz des Sternenbringers“ ursprünglich als Erwachsenenroman gedacht und konzipiert. Als der Thienemann-Esslinger Verlag die Story schließlich gekauft hat, war das eine ziemliche Überraschung und zugleich eine tolle Erfahrung. Zwar fühle ich mich auch in der Jugendbuchwelt sehr wohl, doch ich habe mit Erwachsenenliteratur angefangen. Dass mir der Droemer Knaur Verlag nun die Möglichkeit gegeben hat, auch hier Fuß zu fassen, ist natürlich doppelt toll.

Histo-Couch: Welchen Bezug haben Sie zu der Epoche des 10. Jahrhunderts, in dem Ihr Roman spielt?

Priska Lo Cascio: Meiner Meinung nach gehört die Zeit zwischen dem 8. und 11. Jahrhundert zu den wichtigsten Epochen der europäischen Geschichte. Es waren die Jahrhunderte des Umbruchs, der Neugestaltung und Neufindung der Völkeridentitäten, die die politische und kulturelle Szenerie Europas nachhaltig – oft sogar bis zur heutigen Zeit – geprägt haben. Besonders der Anfang des 10. Jahrhunderts gehört zwar zu den quellenärmsten Epochen jener Zeit, genau das macht sie jedoch so unheimlich spannend. Für einen Geschichts-Nerd wie mich *g* gibt es nämlich nichts Schöneres, als tagelang über den vielen, oftmals widersprüchlichen Informationsschnipseln aus Chroniken, Registern und Sagen zu brüten und sich dabei vorzustellen, wie es wohl gewesen sein könnte.

Histo-Couch: Wie hat sich bei Ihnen die Recherche, zu diesem historischen Roman gestaltet? Haben Sie viel dazu gelesen, einige Orte besucht oder ihr Wissen durch Onlinerecherche erweitert?

Priska Lo Cascio: Ich recherchiere für mein Leben gerne. Ganz ehrlich, habe ich mich an einem Thema festgebissen, muss ich alles darüber wissen, was es zu finden gibt. Für „Das Spiel der Königsmacher“ habe ich mich zu aller erst mit einem Riesenstapel an Fachbüchern eingedeckt – angefangen von Literatur über die Karolinger bis hin zu sprachwissenschaftlichen Abhandlungen. Schlicht alles, was man dazu in die Finger kriegt. Dabei ist natürlich auch Onlinerecherche enorm hilfreich. Dort finden sich möglicherweise interessante Studienberichte, oder man entdeckt Hinweise und Informationen über weitere Quellen. Erst, wenn ich mich in der Thematik wirklich sattelfest fühle, kann ich richtig mit dem Schreiben beginnen. Wenn irgend möglich bereise ich auch gerne die Lokalitäten, über die ich schreibe. Für alle war in diesem Fall leider keine Zeit, sonst wäre ich monatelang unterwegs gewesen. Immerhin habe ich es jedoch bis nach Frankfurt, der Festung Hohentwiel, Corvey und Göttingen geschafft. 

Histo-Couch: Sie erzählen die Geschichte von Liuthar und Sarhild leidenschaftlich und gleichzeitig ruhig. Wie viel von den beiden Protagonisten steckt selbst in Ihnen?

Priska Lo Cascio: Ich bin im Sternzeichen Waage geboren, also sehr harmonie- und ruhebedürftig. Mein Aszendent ist jedoch Skorpion. Ich glaube, das sagt schon alles …*g*

Histo-Couch: Sie schildern die Ereignisse und das Leben in dieser Epoche recht lebhaft. Wie wichtig ist es Ihnen, dabei so nah wie möglich an der Wirklichkeit zu bleiben, falls dies überhaupt möglich ist bei einer Geschichte, die vor über 1000 Jahren spielt.

Priska Lo Cascio: Ungemein wichtig. Es ist sogar ein persönlicher Anspruch an mich selbst als Autorin eines historischen Romans. Dafür betreibe ich Recherche und mache meine „Hausaufgaben“. Um die Perspektive eines sächsischen Kriegers auf annähernd realistische Weise wiedergeben zu können, habe ich sogar einen halben Tag lang am Kampftraining einer Reenactement Gruppe teilgenommen, die sich auf die Darstellung frühmittelalterlicher Alemannen spezialisiert hat. Es ist ein völlig anderes Schreiben, wenn man weiß, wie ein Kettenhemd riecht, wie schwer ein Rundschild ist und wie es sich anfühlt, einen Helm zu tragen.

Aber machen wir uns nichts vor, niemand kann mit absoluter Sicherheit sagen, was seinerzeit wirklich geschehen ist und wie die Menschen wirklich gelebt haben. Allen Anstrengungen und Recherchen zum Trotz ist und bleibt ein während dieser Epoche spielender Roman eine rein persönliche und nach bestem Wissen und Gewissen verfasste Interpretation der spärlichen Fakten.

Histo-Couch: Ihre Geschichte dreht sich um die Mächtigen und Reichen, um Kirche und König, aber auch um die Gefolgsleute, welche Szenen haben Ihnen dabei mehr Spaß gemacht zu schreiben – Die vom König und seinem Gefolge oder die um Sarhild und Liuthar?

Priska Lo Cascio: Sarhild und Liuthar sind mir beide während den zwei Jahren des Schreibens besonders ans Herz gewachsen, und ihre Szenen haben natürlich großen Spaß gemacht. Mit der Zeit kennt man die Hauptprotagonisten, weiß genau, wie sie denken und handeln, das kann unter Umständen etwas dröge werden. Das Schreiben anderer Szenen mit anderen Darstellern bringt da hingegen manchmal den nötigen, frischen Wind mit sich.

Histo-Couch: Sie verwenden die alten Ortsnamen und zum Teil auch alte Begriffe, wie wichtig ist es Ihnen selber, bei historischen Romanen, diese alten Bezeichnungen zu lesen?

Priska Lo Cascio: Persönlich mag ich es sehr, wenn ich alte Ortsnamen in einem historischen Roman lese. Es rundet die Geschichte meiner Meinung nach ab und gibt ihr noch eine Spur mehr Authentizität. Allerdings hat mir eine Testleserin seinerzeit davon abgeraten, da die unbekannten und fremdklingenden Namen den Leser aus dem Konzept bringen könnten. Zugegeben, ein absolut plausibles Argument. Aber ich wollte es dennoch versuchen. Nennen wir es also ein hoffentlich geglücktes Experiment.

Histo-Couch: Lesen Sie auch selber historische Romane oder in Ihrer Freizeit eher ganz andere Lektüre?

Priska Lo Cascio: Ich lese tatsächlich selbst auch sehr oft und gerne historische Romane, allerdings ist dabei die Epoche und der Schauplatz sehr maßgebend. Ansonsten lese ich vornehmlich Bücher auf Englisch, darunter auch zeitgenössische Literatur – Hauptsache, der typisch britische Wortwitz kommt dabei nicht zu kurz. 

Histo-Couch: Können Sie sich noch an ihr erstes selbst gekauftes Buch erinnern? Und wenn ja wie hieß es und befindet es sich noch in Ihrem Besitz?

Priska Lo Cascio: Oh ja, das war „Ayla und der Clan des Bären“ von Jean M. Aurel. Und das Buch gehört noch immer zu meinen absoluten Schätzen.

Histo-Couch: Und die wichtigste Frage zum Schluss: Haben Sie schon ein neues Projekt in Arbeit? Vielleicht einen zweiten Band oder eine andere historische Geschichte? Mögen Sie ein wenig darüber erzählen, sofern Sie es denn schon dürfen.

Priska Lo Cascio: Im Moment arbeite ich tatsächlich an einem neuen Projekt für Knaur. Dazu nur soviel: Es wird zur Abwechslung nichts Historisches *g*. Mehr darf ich leider noch nicht verraten.

Ob es von „Den Königsmachern“ einen zweiten Band gibt, steht noch offen. Ideen sind mehr als genügend da, und ich würde mich sofort mit Feuereifer darauf stürzen. Die Entscheidung liegt jedoch beim Verlag und hängt nicht zuletzt auch von den Verkaufszahlen ab.

Das Interview führte Karin Speck.

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