„Es kommt mir manchmal so vor, als finde der Stoff mich und nicht umgekehrt.“

Die Histo-Couch im Interview mit Oliver Buslau über Friedrich den Großen, dessen Flötenlehrer Quantz und seinen Ausflug nach Sanssouci

Histo-Couch: Herr Buslau, in Ihrem Roman „Schatten über Sanssouci“ ist der Flötenlehrer von Firedrich dem Großen, Johann Joachim Quantz, die Hauptperson. Wie sind sie auf die Idee zu diesem Roman gekommen?

Oliver Buslau: Der Ausgangspunkt ist ein berühmtes historisches Ereignis: Im Mai 1747 hat der große Komponist Johann Sebastian Bach, der ja in Leipzig als Kantor beschäftigt war, seinen Sohn Carl Philipp Emanuel besucht, der bei Friedrich dem Großen als Hofmusiker in Diensten stand und Cembalo spielte. Kaum hatte der alte Bach das Stadttor von Potsdam passiert, ließ ihn der König ins Schloss kommen. Bach platzte noch in Reisekleidung sozusagen mitten in eines der Konzerte, die Friedrich zu seinem eigenen Vergnügen jeden Abend spielte. Bach galt – und gilt ja noch heute – als besonders genialer Musiker, und der König stellte ihm eine schwere Improvisationsaufgabe: Bach sollte über ein von ihm vorgegebenes musikalisches Thema aus dem Stand eine sechsstimmige Fuge erfinden. Bach scheiterte daran. Aus dem Thema, das von Friedrich selbst stammen soll, wurde später ein berühmtes Werk von Bach. Aus dieser Begebenheit habe ich eine Geschichte gesponnen, in der es um Zusammenhänge zwischen Musik und Spionage geht. Die eigentliche Handlung spielt dann ziemlich genau ein Jahr später. Interessant ist, dass man bis heute nicht weiß, wer sich das Thema ausgedacht hat. Das ist insofern relevant, weil es sich um ein extrem komplexes Thema handelt, mit dem ein sehr genialer Musiker Bach gezielt aufs Glatteis geführt haben muss. Friedrich, der ja ein – wenn auch ein recht guter – Hobbykomponist war, traut man das nicht zu.

Histo-Couch: Warum haben Sie sich für Quantz als Protagonisten entschieden und nicht für einen anderen der prominenten Hofmusiker?

Oliver Buslau: Quantz war der Hofmusiker, der am dichtesten am König „dran“ war. Außerdem war er mit 51 Jahren deutlich älter als die meisten seiner Kollegen. Er wurde wesentlich besser bezahlt (etwa das 10fache dessen, was zum Beispiel der junge Bach bekam). Er musste aber nicht selbst spielen, sondern hatte die abendlichen Kammerkonzerte zu organisieren, er hatte den König zu unterrichten, für ihn Kompositionen zu schreiben, und er baute auch die Querflöten für ihn. Diese herausragende Stellung, die ihn ja auch von seinen Kollegen isolierte und ins Visier von Neidern brachte, ist natürlich hervorragend geeignet, eine solche Figur in Hofintrigen zu verwickeln. 1748 brach in der Potsdamer Residenz auch eine neue Zeit an: Die Schlesischen Kriege gegen Österreich sind gewonnen. Sanssouci ist vollendet. Die Stadt wird erneuert. Der König hat sich ein eigenes kleines Reich geschaffen, in dem er seinen geistigen Interessen nachgeht: Philosophie, Literatur, Musik. In einer solchen Situation tauchen natürlich sofort Leute auf, die davon profitieren wollen. Und Quantz, ein braver und fleißiger Hofbeamter, der sich eigentlich einen angenehmen Lebensabend unter den Schutz des Königs vorgestellt hat, muss plötzlich um seine Stellung, um das Vertrauen und Wohlwollen des Monarchen bangen. Mit dieser Figur hatte ich also genau den Schnittpunkt zwischen Hofintrigen, Politik und Musik, den ich brauchte – zumal der große Feind und Schlesienverlierer Habsburg natürlich nicht ruht und im Hintergrund einiges vorantreibt, um eine Rückeroberung zu planen, was dann mit Siebenjährigen Krieg ab 1756 auch kam. Und ich dachte mir, dass es sicher grundsätzlich spannend ist, so eine Persönlichkeit wie Quantz, die ja außer unter Musikkennern ziemlich unbekannt sein dürfte, mal in den Vordergrund zu rücken. Das gleiche gilt für Quantz’ Gegenfigur, den exzentrischen französischen Philosophen La Mettrie, der im März 1748 an den Potsdamer Hof kam. Mit dieser Figur hatte ich eine Menge Spaß: La Mettrie war ein Brachialmaterialist. Er stellte die Existenz einer Seele, eines Jenseits, einer Moral, sowie von Schuld und Gewissen in Frage – und das 41 Jahre vor der französischen Revolution! Deswegen wurde er, wie man sich vorstellen kann, in ganz Europa verfolgt. Friedrich war sehr tolerant. Es gefiel ihm, sich mit geistreichen Denkern zu umgeben, solange sie seine Autorität nicht ernsthaft in Frage stellten. Er gewährte La Mettrie in Preußen Asyl, ließ ihn an seiner abendlichen Tafel den Hofnarren spielen und machte ihn sogar seinem Kammerherrn. Man sieht: Wenn man da ein bisschen tiefer einsteigt, findet man sehr viel inspirierenden Konfliktstoff. Wobei es mir manchmal eher so vorkommt, als finde der Stoff mich und nicht umgekehrt.

Histo-Couch: Was für ein Mensch war Quantz? Er dürfte vielen ja unbekannt sein, doch immerhin hielt der König große Stücke auf ihn.

Oliver Buslau: Quantz galt zu seiner Zeit fachlich als Kapazität und als Virtuose auf dem Gebiet der Querflöte. Er war ja nicht nur Komponist von hunderten von Werken (allein 300 Flötenkonzerte und über 200 kammermusikalische Werke), sondern auch ein gefragter Lehrer, der ab 1752 ein berühmtes Lehrwerk veröffentlichte – offiziell eine Flötenschule, aber gleichzeitig auch ein grundlegendes Buch über die Musikpraxis der Zeit, also über die Aufführungspraxis, über die Zusammenstellung von Orchestern und so weiter. Der (typisch barocke) Titel lautet: „Versuch einer Anweisung die Flöte traversiere zu spielen“. Wie sein persönlicher Charakter war, lässt sich kaum erahnen, aber da Quantz über viele Jahrzehnte in den Diensten des Königs war, muss er ein sehr loyaler Hofmusiker gewesen sein. Er unterrichtete Friedrich schon in dessen Zeit als Kronprinz – und das gegen den Willen von Friedrichs Vater. Als Quantz 1773 starb, hielt Friedrich persönlich die Trauerrede und ließ ihm ein Denkmal errichten.

Histo-Couch: Welchen Stellenwert hat Quantz heute in der Musik?

Oliver Buslau: Keine sehr große – abgesehen davon, dass Quantz ein Pionier der barocken Flötenmusik war und somit Flötenspielern eine Menge Repertoire liefert – ähnlich wie im Falle von Antonio Vivaldi mit den vielen Violinkonzerten. Stilistisch gilt Quantz, der Vivaldi auf seinen frühen Reisen persönlich getroffen und bei ihm gelernt hat, so ein bisschen als stilistischer Nachahmer. Seine anerkannte Bedeutung liegt auf dem Gebiet des Flötenbaus. Quantz hat da technisch einiges weiterentwickelt und eine zusätzliche Klappe an der Flöte erfunden – und wie gesagt auf dem Gebiet der Pädagogik. Es kann durchaus sein, dass man Quantz noch als Komponisten auf breiterer Front entdeckt, da nicht alle seine Werke wissenschaftlich wirklich gesichtet
sind. Die meisten sind noch nicht gedruckt, sondern liegen als Handschriften in Archiven.

Histo-Couch: Haben Sie sich viel mit Quantz´ Musik beschäftigt? Spielen Sie selber ein Instrument?

Oliver Buslau: Ja, ich habe mich mit einigen zugänglichen Werken analytisch genau befasst, da ich in dem Roman ja auch beschreiben wollte, wie Quantz komponiert. Ich kenne einige Konzerte von ihm von CDs, habe mir aber auch Noten besorgt. Ich hatte es da leicht, da meine Schwägerin ausgebildete Flötistin ist und einiges von Quantz besitzt. Ein Konzert von Quantz trägt ausdrücklich den Titel „Pour Potsdam“ – und dessen Entstehung habe ich im Roman, natürlich fiktiv, geschildert. Ich selbst spiele seit meiner Jugend Violine, bin aber vor einigen Jahren auf die Bratsche umgestiegen und spiele in einem Bergisch Gladbacher Laienkammerorchester.

Histo-Couch: Warum hat Friedrich zeitlebens nur seine eigenen Kompositionen und die von Quantz gespielt, wo er doch andere damals namhafte Komponisten wie Graun, Benda oder Carl Philipp Emanuel Bach am Hof hatte?

Oliver Buslau: So ausschließlich wird es nicht gewesen sein. Es gibt ja auch Flötenkompositionen von Quantz’ Kollegen, und die waren sicher auch für den König gedacht. Aber Quantz stand ihm auf jeden Fall am nächsten und war der meistbeschäftigte Flötenmusikschreiber.

Histo-Couch: Wie kommt man dann auf die Idee, einen so großen und verdienten Musiker durch eine dramaturgische Achterbahn zu schicken, in der es lange nur abwärts geht?

Oliver Buslau: Ich habe ja bereits erläutert, warum ich Quantz als Hauptfigur für so geeignet hielt. Und wenn er dann schon mal die Hauptfigur ist, muss er auch durch dramaturgische Achterbahn, das geht nun mal nicht anders. Ich schreibe eigentlich generell lieber Krimis über Privatpersonen, die in einen Fall reinrutschen als über Polizeibeamte, bei denen die Ermittlung Job ist. Eine Ausnahme bildet da natürlich meine Bergische Serie um den Wuppertaler Privatdetektiv Remigius Rott. Aber nur scheinbar: Er ist ja auch kein Polizist. Im Falle des Sanssouci-Krimis hätten sich Vertreter der Ermittlungsbehörden als Hauptfiguren sowieso nicht angeboten. Eine Polizei im modernen Sinne gab es ja nicht.

Histo-Couch: Bislang spielten Ihre Kriminalromane aus der heutigen Zeit meist im Kölner Raum. Woher kommt nun dieser lokale Sprung?

Oliver Buslau: Das hat mit dem Thema zu tun. Ich habe ja erläutert, was mich auf das Thema gebracht hat, und wenn mich etwas interessiert, bin ich lokal nicht
festgelegt.

Histo-Couch: Wie viel Recherche steckt in so einem Roman? Wie oft waren Sie im vergangenen Jahr in Potsdam?

Oliver Buslau: Die Recherche ist immens, und wenn man nicht aufpasst, versinkt man ganz und gar darin – zumal mich das 18. Jahrhundert vor der Französischen Revolution sehr fasziniert. Zum Glück war ich in einem gewissen Zeitdruck. Meine Situation war so: Ich wusste vor der Planung des Romans durch mein Studium der Musikwissenschaft schon viel über den musikalischen Hintergrund, und was ich wieder vergessen hatte, konnte ich schnell reaktivieren. Neu für mich waren die tieferen politischen Zusammenhänge und dann die Fragen, die alle Autoren von historischen Romanen beschäftigen: Wie sahen die Schauplätze zu einem bestimmten Datum aus? Wie ging es dort zu? Wie haben sich die Menschen verhalten? Man muss ja vieles beschreiben, benennen, in Worte fassen: das Stadtbild, die Kutschen, den Dialog der Leute. Ich war ein einziges Mal in Potsdam – etwa eine Woche lang, die ich ungeheuer genossen habe. Ich habe mich intensiv auf den Besuch vorbereit, eine Menge Bücher gelesen, mich schon mal mit allen Figuren befasst, die im Roman vorkommen werden, bin alle prominenten Örtlichkeiten wie zum Beispiel die Schlösser vorher genau anhand von Literatur und Webseiten durchgegangen. Das alte Preußen ist ja gut dokumentiert. In Potsdam selbst hatte ich einen sehr geduldigen Helfer – Herrn Wernicke vom Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte. Er hat mir auch schon vor meinem Besuch viele Details beschafft. Durch ihn weiß ich zum Beispiel, wo Quantz wohnte. Der Flötist Hajo Wienroth, der selbst im Stil von Quantz Flöten baut, hat mich eingeweiht, wie man so etwas im 18. Jahrhundert gemacht hat. Nicht zuletzt durfte ich mich mit dem Historiker und Friedrich-Biografen Prof. Johannes Kunisch unterhalten und ihm genau die „dummen“ Fragen stellen, deren Antworten man für die Beschreibung des Alltags im 18. Jahrhunderts braucht.

Histo-Couch: Wie ist es, die Wege abzugehen, die vorher Musiker und Majestäten ebenfalls gelaufen sind? Oder in dem Raum gewesen zu sein, in dem der Roman spielt?

Oliver Buslau: Das habe ich sehr genossen. Orte inspirieren mich prinzipiell sehr. Und ich habe mir, als ich in Potsdam war, die Gegebenheiten nicht nur angesehen, sondern sie auch wirklich „rückfantasiert“. Sicher: Auch viele historische Gebäude und Straßenzüge haben im Jahre 1748 völlig anders ausgesehen. So gab es das Potsdamer Brandenburger Tor nicht in der Form, wie es heute da steht. Aber das Jägertor zum Beispiel sah genauso aus. Zur Unterstützung habe ich mir Bücher mit alten Stadtansichten besorgt. Es gibt auch noch Fotos aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, die den Verlauf des alten Potsdamer Kanals und der Häuserfronten zeigen. Natürlich ist das nicht die richtige Zeit, aber man bekommt schon ein Gefühl für das Flair. Außerdem ist Quantz’ Haus auf diesen Bildern noch zu sehen. Der Höhepunkt dieser Art von Ortsrecherchen war für mich natürlich der Weg von der Stadt hinauf nach Sanssouci und Sanssouci selbst. Im Konzertzimmer, wo Friedrich mit seinen Musikern gespielt hat, habe ich mich sehr, sehr lange aufgehalten – sicher einige Stunden, so dass das Museumspersonal schon ganz komisch guckte. Es ist wirklich faszinierend: Man hat das Gefühl, der König und seine Musiker seien gerade hinausgegangen. Da steht noch das Notenpult, darauf die Flöte. In der Ecke das Klavier. Ich habe alles so lange auf mich wirken lassen, bis mir bestimmte Details ins Auge sprangen, die dann auch im Roman als Motiv wiederkehren – zum Beispiel das Spinnennetz aus Gold, das die Decke des Konzertzimmers bedeckt.

Histo-Couch: Wie schafft man es, ein akustisches Phänomen wie Musik so zu beschreiben, dass der Leser im Inneren die Musik hören kann?

Oliver Buslau: Kann er das? Ich hoffe es. Eins ist sicher: So was geht nicht, indem man die Musik technisch beschreibt, sondern indem man Vergleiche zieht, die aufs Bildhafte und Emotionale abzielen. Eine Melodie in langen Noten, fest wie ein Stein, wie der Grund auf dem der Komponist mit immer neuen Stimmen eine Kathedrale aus Klang erbaut …Darunter, denke und hoffe ich, kann man sich etwas vorstellen. Oder fröhliche Flötenmotive, die den Komponisten bei der Arbeit umflattern wie Schmetterlinge …

Histo-Couch: Auf dem Cover des Romans ist ein Ausschnitt des Gemäldes „Das Flötenkonzert Friedrich des Großen in Sanssouci“ von Adolph Menzel, wohl eines der bekanntesten Bildnisse des Königs. Man sieht Friedrich mit der Flöte und C. P. E. Bach am Cembalo. Warum wurde nicht der Ausschnitt so gewählt, dass auch Quantz zu sehen ist, der rechts am Rand des Bildes steht?

Oliver Buslau: Das liegt am Aufbau des Bildes: Friedrich steht im Mittelpunkt. Er befindet sich im Zentrum, und das Auge ruht auf ihm, und er muss daher auch auf dem Cover zu sehen sein, sonst funktioniert die Wiedererkennung dieses berühmten Bildes nicht. Buchcover müssen ja nun mal ohne Erklärungen sofort funktionieren. Wenn man es darauf abgesehen hätte, die vergleichsweise dunkle und wenig charakteristische Quantz-Figur mit hineinzubringen, hätte niemand verstanden, warum Friedrich so klein ist. Oder was man auf dem Cover überhaupt sieht.

Histo-Couch: Hat dieses Gemälde Einfluss auf Ihren Roman gehabt?

Oliver Buslau: Die dargestellte Szene ja, aber das Gemälde nicht. Soll heißen: Ich wollte diese Konzerte schon im Roman als Inszenierung haben, aber ich habe sie dann doch realistischer angelegt. Die Art wie das Konzert auf dem Bild inszeniert ist, ist nämlich reine Fiktion und völlig unhistorisch. Das Gemälde entstand ja 100 Jahre nach der Zeit, in der mein Roman spielt, mehr als ein halbes Jahrhundert nach Friedrichs Tod. Menzel porträtierte mit seiner Bildanlage den Hof und seine führenden Persönlichkeiten, die sich aber in Wirklichkeit sicher nie im Konzertzimmer getroffen haben. Der König hatte in Wirklichkeit kaum Gäste um sich bei seinen Abendkonzerten. Es waren reine Privatveranstaltungen, die er mit seinen Musikern verbracht hat. Zugegen waren höchstens noch Lakaien – und natürlich Friedrichs Hunde. Am Ende des Romans habe ich eine kleine Ausnahme gemacht und tatsächlich weitere Personen das Konzert in Sanssouci besuchen lassen. Mehr verrate ich dazu aber jetzt nicht.

Histo-Couch: Können Sie vielleicht unentschlossenen Lesern die Angst nehmen, dass in Ihrem Roman zu viel musikalisches „Fachchinesisch“ vorkommt?

Oliver Buslau: Ja, kann ich. Ich habe das schon deshalb umgangen, weil das Fachchinesisch im 18. Jahrhundert ein ganz anderes war als heute. Das wäre sehr kompliziert geworden. Außerdem achten die Lektorinnen und die anderen Testleser bei so was sehr genau auf Verständlichkeit. Das war auch bei meinen Musik-Krimi „Die fünfte Passion“ so. Und schließlich: Immer, wenn ein musikalischer Sachverhalt erläutert wird, gibt es eine ahnungslose Gegenfigur, die dann für den Leser die richtigen Fragen stellt.

Histo-Couch: Wenn Sie die Möglichkeit hätten, ein Konzert zu besuchen, in dem Friedrich und Quantz selbst spielen, und Sie nachher mit beiden sprechen könnten, was würden Sie sie fragen?

Oliver Buslau: Viele Fragen würden sich bestimmt aus dem ergeben, was ich zu hören bekommen habe – und die kann ich jetzt natürlich noch nicht kennen. Was ich aber jetzt schon weiß: Ich würde die beiden fragen, was wirklich am 7. Mai 1747 bei dem Besuch von Bach geschehen ist und von wem das Thema, das Bach frei bearbeiten und darüber improvisieren sollte, wirklich stammt. Und dann wird es sicher viele Fragen zu Details der Musikpraxis geben. Und den König würde ich mit ein paar politischen Sachen kommen: Ich würde ihm erklären, zu welchen Auswüchsen das Preußentum später geführt hat. Ich würde ihm zeigen, was ein gewisser Fan von ihm zwischen 1939 und 1945 angestellt hat. Mich würde interessieren, was er dazu wohl sagen würde.

Histo-Couch: Würden Sie Quantz Ihre eigenen Kompositionen vorlegen? Was würde er sagen?

Oliver Buslau: Quantz stammt ja aus einer ganz anderen Zeit und könnte mit Musik von heute sicher nicht viel anfangen – egal, von wem sie ist. Das heißt: Ich würde ihm meinen Karnevalsmarsch zeigen. Der ist so ein bisschen im preußischen Marsch-Stil gehalten. Wahrscheinlich würde Friedrich das Stück noch viel besser gefallen als Quantz. Und dann nimmt er ihn vielleicht ins Repertoire der preußischen Militärmusik auf. Das wäre doch was!

Histo-Couch: Friedrich II. wird am 24. Januar 2012 300 Jahre alt. Was machen Sie an diesem Tag?

Oliver Buslau: Ich werde mal sehen, ob es in der Zeitung, im Fernsehen oder im Radio an diesem Tag interessante Beiträge gibt. Ich bin sicher, die WDR3-Sendung „Zeitzeichen“ wird darauf eingehen.

Histo-Couch: Ohne zu viel über Inhalte des Romans verraten zu wollen – wie schwer war es, sich den letztendlichen Plot des Romans zu überlegen, in dem Quantz gewissermaßen das Bauernopfer darstellt?

Oliver Buslau: Ich hatte die Geschichte in dem Moment, in dem ich im Herbst 2010 in Potsdam war. Natürlich waren viele Motive schon vorher klar, und ich hatte mich auch schon ganz gut in meine Hauptfigur hineingedacht. Das ist, glaube ich, auch das Wesentliche: Wenn man dazu in der Lage ist, den Grundkonflikt aus der Sicht dieser Figur zu betrachten, hat man die Geschichte – und wenn man einige Details noch nicht kennt, fallen sie einem auch ein.

Histo-Couch: Können Sie sich ein weiteres Abenteuer mit Quantz als Protagonisten vorstellen?

Oliver Buslau: Das würde diese Figur vielleicht zu sehr überfrachten. Zumal er ja wirklich eng mit Friedrich zusammenhängt und auch nicht der Detektiv-Typ ist. Die Geschichte des Romans ist auch zu sehr mit einer konkreten historischen Situation verbunden – dem Beginn der Friedenszeit nach den Schlesischen Kriegen mit dem Hofleben im neuen Schloss Sanssouci, der Entwicklung von Friedrichs berühmter „Tafelrunde“ und so weiter.

Histo-Couch: Planen Sie für die Zukunft weitere historische Romane? Können Sie uns mehr über ihre aktuellen Projekte verraten?

Oliver Buslau: Im Moment arbeite ich wieder an einem Musik-Roman, der aber in der heutigen Zeit spielt. Aber es gibt weitere Pläne, und darunter ist auch ein weiterer historischer Krimi. Er wird auf jeden Fall wieder im 18. Jahrhundert spielen. Ich mag diese Epoche sehr – vor allem die Zeit zwischen der Jahrhundertmitte und der Französischen Revolution. Sie ist bunt, sie ist voller großartiger Charaktere, sie hat interessante Schauplätze zu bieten, und sie steht für eine wunderbare Entwicklung der Künste auf allen Gebieten, aber auch für die Entwicklung der Wissenschaften . Was die Musik betrifft: Sie ist die Geburtsepoche der Klassik im engeren Sinne, die Zeit von Mozart, Haydn und dem frühen Beethoven. Ich bin sicher, da gibt es noch viel Interessantes.

Das Interview führte Carsten Jaehner.

Fotos (2): Oliver Buslau (1), Public Domain (1)