„Mit allen Sinnen wahrgenommen“

Die Histo-Couch im Interview mit Liv Winterberg über ihre Romane, die Charaktere darin und Kritiken darüber

Histo-Couch: Frau Winterberg, Sie haben Ihre Leser mittlerweile auf Reisen ins 18. und ins 15. Jahrhundert mitgenommen. In welcher Epoche bewegen Sie sich momentan gedanklich?

Liv Winterberg: Derzeit bin ich im 14. Jahrhundert unterwegs, genau genommen zum Beginn des 14. Jahrhunderts.

Histo-Couch: Mit Ihrem Debütroman „Vom anderen Ende der Welt“ haben Sie einen rasanten Start als Autorin hingelegt. Hatten Sie mit diesem Erfolg gerechnet?

Liv Winterberg: Nein, wirklich nicht. Der Roman spielt im 18. Jahrhundert und für mich persönlich blieb beim Schreiben stets ein Rest Unsicherheit, ob die Leserinnen und Leser von Historischen Romanen in diese Zeit folgen.

Histo-Couch: Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie Ihren ersten gedruckten Roman in Händen hielten?

Liv Winterberg: Das war ein Moment, in dem ich wenig gedacht, ihn aber umso mehr mit den Sinnen wahrgenommen habe: Zuerst fiel mir das Gewicht auf, wie schwer das Buch ist, dann bin ich mit den Fingern über die Prägung gefahren, habe im Anschluss die Seiten durchgeblättert. Es war eher ein Sehen und Fühlen, gemischt mit purer Freude.

Histo-Couch: Hat sich dieses Gefühl bei der Veröffentlichung des zweiten Romans wiederholt? Oder ist man da schon etwas abgeklärter?

Liv Winterberg: Ja, es ist seltsam, aber ich denke, dass „Vom anderen Ende der Welt“ seinen Platz gefunden hat, wenn ich das mal so formulieren kann. Nun gilt es, „Sehet die Sünder“ auf seinem Weg zu begleiten. In diesem Buch steckt genauso viel Arbeit und Herzblut, so dass sich der Prozess, zumindest für mich, wiederholt.

Histo-Couch: Während Sie bei Ihrem Debüt auf Entdeckungsreise gegangen sind, bleiben Sie bei „Sehet die Sünder“ ausgesprochen sesshaft: Der Roman spielt zur Hauptsache in der sehr überschaubaren Welt einer kleinen Dorfgemeinschaft. Welches Umfeld fasziniert Sie persönlich mehr?

Liv Winterberg: Beides hat seinen eigenen Stellenwert. Im ersten Roman ging es darum, die Welt zu entdecken, das ist exotisch und aufregend, wenn neue Eindrücke auf einen einstürmen. Aber die Dorfgemeinschaft ist auch ein Sinnbild für den Herkunftsort, der Ort, an dem unsere Wurzeln liegen, also das Zuhause. Da ich eine enge Bindung zu meinem persönlichen Umfeld habe, weiß ich ebenfalls das heimische Miteinander zu schätzen.

Histo-Couch: Ihren beiden bisherigen Romanen gemein ist die Enge einer Gemeinschaft, die letztlich auch zu zwischenmenschlichen Problemen führt: Zum einen die zusammengewürfelte Mannschaft auf dem Schiff, zum anderen die über Jahrzehnte gewachsene Dorfstruktur in der Bretagne. Erlebten Sie selber schon eine solche Enge?

Liv Winterberg: Nein, glücklicherweise nicht. Diese intensiven, engen Lebensgemeinschaften sind aber aus erzählerischer Sicht geeignet, um Konflikte entstehen zu lassen. Gerade beim ersten Roman war es unausweichlich, darauf einzugehen.

Histo-Couch: Wie ist es Ihnen möglich, sich so intensiv in eine Situation einzufühlen, dass Sie es vermögen, diese so lebendig zu schildern, als stünden Sie mittendrin?

Liv Winterberg: Wirklich beantworten kann ich die Frage nicht. Beim Schreiben habe ich das Gefühl, selbst dabei zu sein oder zumindest einen Film in meinem Kopf zu sehen. Oft kann ich mit meinen Figuren mitfühlen, und all das bringe ich dann zu Papier.

Histo-Couch: Ihre Protagonisten entsprechen nicht ganz dem gängigen Bild eines Helden, sondern sind oft knorrige oder eigenwillige Persönlichkeiten. Wie kommt es zu diesen Charakteren?

Liv Winterberg: Darauf lege ich Wert beim Schreiben: die Figuren vielschichtig anzulegen. Sie erscheinen mir so ehrlicher und realistischer, so mag ich sie sogar lieber, als wenn es Figuren wären, die es in ihrer Heldenhaftigkeit im realen Leben nicht geben könnte. Gerade bei den „Sündern“ war es mir wichtig, dass alle Figuren ihre Schattenseiten haben, denn meiner Meinung nach steckt in jedem von uns auch etwas Sündiges, Schwaches. Bei manchen ist es ausgeprägter, bei anderen wiederum blitzt es nur selten hervor, aber das ist für mich menschlich, und wenn wir die Menschen um uns herum mit diesen Eigenheiten akzeptieren, entsteht oft erst wirkliche Nähe zueinander.

Histo-Couch: „Sehet die Sünder“ könnte im Prinzip als historischer Krimi bezeichnet werden, dreht sich die Geschichte doch stark um mehrfachen Mord. Dennoch wird er vom Verlag als Historischer Roman geführt. Fürchten Sie sich vor dem Krimi-Image?

Liv Winterberg: Nein, überhaupt nicht, ich liebe Krimis und hatte sehr viel Spaß daran, in diesem Roman eine Krimihandlung einzubauen. Das war eine Verlagsentscheidung, und ich gehe bei beiden Bezeichnungen mit.

Histo-Couch: Warum schreiben Sie historische Romane und nicht zeitgenössische Belletristik?

Liv Winterberg: Da ich gern recherchiere, lag es nahe, dass ich Historische Romane schreibe. Mir liegt es, in fremde, vergangene Welten abzutauchen und sie auf Papier „wieder auferstehen zu lassen“. Aber das schließt für mich nicht aus, dass ich auch irgendwann mal Belletristik schreibe.

Histo-Couch: Wann zündet der Funke, der Sie dazu bringt, sich näher mit einer bestimmten Geschichte zu befassen und darauf einen Roman aufzubauen?

Liv Winterberg: Hm, ich merke gerade, dass ich in diesem Interview sehr viel über Gefühl und Intuition spreche. Das Schreiben ist eine Mischung aus beidem, Handwerk und Gefühl. Und beim Entwickeln von neuen Projekten spielt bei mir die Intuition eine wichtige Rolle. Eigentlich ist es so, dass die Stoffe „mich finden“, ich kann mich nur schwerlich hinsetzen und auf Wunsch eine Idee entwickeln. Vielmehr weiß ich sofort, wenn ich mich mit einem Thema befasse, ob es das Potential hat, über 400-500 Seiten erzählt zu werden. Diese Augenblicke der „Entdeckung“ eines neues Stoffes waren schon oft mit jeder Menge Euphorie verbunden …

Histo-Couch: Welche Tugend würden Sie für die Arbeit eines Autors als wichtiger betrachten: Fleiss und Disziplin, um konsequent an einem Manuskript zu arbeiten oder Fantasie, um eine Geschichte so aufzubereiten, dass sie die Leser erreicht.

Liv Winterberg: Darf ich trotzdem für die 50:50-Variante plädieren? Denn wenn eines von beiden nicht vorhanden ist, entsteht kein Buch. Ohne Disziplin so wenig wie ohne Kreativität.

Histo-Couch: Den Lesern ein Buch vorzulegen, bedeutet auch, sich deren Urteil zu stellen. Wie gehen Sie damit um? Fürchten Sie sich vor dem Moment, in dem die ersten Reaktionen von ausserhalb Ihres eigenen Umfelds eintreffen?

Liv Winterberg: Mir ist das Feedback generell sehr wichtig, deshalb mache ich, wenn das Manuskript fertig ist, ausführliche „Testleser-Runden“, in denen mir die Familie, Freunde, Bekannte und Fachleute mitteilen, was sie von dem Buch halten. Insofern habe ich schon immer vor dem Erscheinen des neuesten Romans eine erste „Feuertaufe“ hinter mir. Die Reaktionen und Rückmeldungen sind spannend, wobei ich, ob nun in der privaten Testleserrunde oder bei öffentlichen Rezensionen und Kritiken, darauf achte, wie fundiert argumentiert wird – positiv wie negativ. Ja, auch kritische Meinungen, die gut darlegen, was sie stört, sind aufschlussreich. Und dass ich mich über gute Rezensionen freue, kann man sicherlich verstehen.

Histo-Couch: Welche Rückmeldung hat Sie bisher am meisten gefreut?

Liv Winterberg: Das kann ich nicht so genau sagen. Mich berührt es immer, wenn das Buch die Leserinnen und Leser bei ihren Emotionen packt, wenn die Themen auch etwas mit ihnen zu tun haben, wenn sie sich mitfreuen, mitleiden, sich fürchten usw.

Histo-Couch: Lesen Sie selber? Wenn Ja, welches Buch liegt bei Ihnen momentan auf dem Nachttisch?

Liv Winterberg: Ja, ich lese jede Menge, derzeit wieder viel Sekundärliteratur für das dritte Buch. Ansonsten habe ich letzthin „Visby“ von Barbara Slawig beendet, und – der Weihnachtszeit entsprechend – zum Genießen „Aschenbrödel“ von Maike Stein vom SUB geholt. Ach ja, und in der Tasche, für unterwegs, habe ich derzeit noch einen historischen Klassiker, „Die Päpstin“ von Donna W. Cross. Es ist stets interessant zu sehen, wie andere Autorinnen und Autoren Historischer Romane arbeiten.

Das Interview führte Rita Dell´Agnese.

Bild (1): (c) Elan Fleisher, mit freundlicher Genehmigung des dtv-Verlags.