„Ich bin sehr glücklich, wenn ich schreibe.“ 

Auf der Buchmesse in Frankfurt trafen Birgit Borloni und Carsten Jaehner einen gut gelaunten und sympathischen Ken Follett, der bereits acht Stunden Messe hinter sich hatte, was man ihm nicht anmerkte. Im Interview, für das nur ein zehnminütiges Zeitefenster zur Verfügung stand, äußerte er sich über seine Roman-Trilogie, seine Pläne und über sein Wirken in einer Band

Histo-Couch: Mr Follett, wie sind Sie auf die Idee zur Jahrhundert-Trilogie gekommen?

Ken Follett: Ich habe mich selbst gefragt: Welche war die dramatischste Periode in der Geschichte der Menschheit? Und ich stellte fest: Es ist das zwanzigste Jahrhundert! Wir hatten den Ersten Weltkrieg, der der schrecklichste Krieg war, den die Menschheit bis dahin je erlebt hatte. Dann hatten wir den Zweiten Weltkrieg, der noch schlimmer war. Und dann hatten wir den Kalten Krieg, der – wenn er denn in einen Waffenkrieg gemündet wäre, wenn es zu einem Dritten Weltkrieg gekommen wäre – alles ausgelöscht hätte. Aber genauso ist das unsere Geschichte. Ich wurde 1949 geboren, Sie wurden im Zwanzigsten Jahrhundert geboren. Die Geschichte des Zwanzigsten Jahrhunderts handelt davon, was wir getan haben und unsere Eltern und unsere Großeltern.

Histo-Couch: Wie lange hat es gedauert von der ersten Idee bis zum Niederschreiben der letzten Worte?

Ken Follett: Sieben Jahre. Ich hatte angekündigt, es in sieben Jahren zu schreiben und ich wünschte, ich hätte gesagt, in neun Jahren, denn sieben Jahre waren wirklich nicht genug. Also musste ich auch samstags und sonntags schreiben, um rechtzeitig fertig zu werden.

Histo-Couch: Wussten Sie schon zu Beginn des Schreibprozesses, wie die ganze Geschichte enden würde?

Ken Follett: Nun, ich habe die ersten sechs Monate damit verbracht, über die Geschichte des Zwanzigsten Jahrhunderts zu lesen und zu entscheiden, wie ich diese in Romane aufteilen würde und darüber nachzudenken, wie man diese Ereignisse zum Teil des Lebens, des alltäglichen Lebens meiner Charaktere machen könnte. Also war das ein grober Planungsprozess für die gesamte Trilogie. Dann begann ich, das erste Buch „Sturz der Titanen“ zu planen. Überhaupt verwende ich viel Zeit zum Planen. Und so weiß ich immer, wie es endet, bevor ich beginne zu schreiben.

Histo-Couch: Wie haben Sie es geschafft, den Überblick über all die Charaktere zu behalten? Benutzen Sie Stammbäume oder Karteikarten?

Ken Follett: Ich benutze ein Computerprogramm namens „Excel“ (er lächelt), das normalerweise für Kalkulationen benutzt wird. Aber jedes Mal, wenn ich einen neuen Charakter einführe, schreibe ich den Namen in das Programm und das Alter, und dann berechnet das Programm für mich, wie alt die Person im nächsten Kapitel ist. Dazu kommt eine Beschreibung der Person, also wenn die Person – sagen wir – haselnussbraune Augen und dunkelbraunes Haar hat und sie nicht mehr in der Geschichte auftaucht für die nächsten einhundert Seiten, muss ich nur den Namen eingeben, um sicher zu stellen, dass ich beim zweiten Mal nicht genau die selben Begriffe zur Beschreibung benutze.

Histo-Couch: Haben Sie für Ihre Nachforschungen auch Örtlichkeiten in Deutschland besucht, und was war dabei der beeindruckendste Moment für Sie?

Ken Follett: Nun, ich habe mich gut in Berlin umgeschaut, besonders an den Stätten, wo der Krieg stattgefunden haben soll, denn ich habe einige dramatische Szenen, vor allem in „Kinder der Freiheit“, wo Menschen über die Mauer fliehen, und für solche Szenen, die Action-Szenen sind, ist es wirklich wichtig, die kleinen Details richtig zu beschreiben. Denn Action-Szenen wie Klettern oder einen Tunnel graben oder einen Lastwagen durch ein Tor fahren – da muss man die genauen Details beachten. Also, das waren meine Nachforschungen in Berlin. Nun, ich kenne Berlin, ich komme seit Jahren nach Berlin, also musste ich nicht so viel besondere Nachforschungen betreiben.

Histo-Couch: Mögen Sie Berlin?

Ken Follett: Oh ja, es ist eine große und aufregende Stadt. Besonders jetzt! Vor sechsundzwanzig Jahren war es nicht so aufregend.

Histo-Couch: Für Sie als einen Mann aus Großbritannien – wie war es, über den Fall der Mauer aus der Sicht der Deutschen zu schreiben? Hat es ihre Ansicht über dieses Ereignis verändert?

Ken Follett: Oh ja, denn es war viel besser, darüber aus der deutschen Sicht zu schreiben, denn die Deutschen fühlten viel leidenschaftlicher in dieser Situation. Natürlich haben wir alle von der Mauer gewusst und wir hassten sie, denn sie war ein Symbol für die geteilte Welt. Aber für Menschen in anderen Ländern hat es nicht sogar das Familienleben zerstört. Und natürlich musste ich mich während des Schreibprozesses an die deutsche Familie erinnern, deren Leben von diesem schrecklichen Krieg verändert wurde, und ich musste mir überlegen, wie sehr sie es gehasst haben und wie glücklich sie waren, als die Mauer fiel.

Histo-Couch: Wissen Sie noch, wo sie am 9. November 1989 waren, als Sie hörten, dass die Berliner Mauer geöffnet wurde?

Ken Follett: Ja, ich war zu Hause in Chelsea in London und habe Fernsehen geschaut. Aber das Interessante war: Ich dachte, morgen kommen die russischen Panzer zurück, denn das ist das, was wir vorher in Budapest und Prag und Warschau gesehen hatten. Es gab einen Moment der Hoffnung, und dann kamen die Panzer. Und ich dachte, die Panzer würden nach Berlin kommen, und das haben viele Leute im Vereinigten Königreich und in den Vereinigten Staaten gedacht. Aber das deutsche Volk wusste, dass dies das Ende sein würde, ich denke deshalb, weil sie mitverfolgt haben, wie die ostdeutsche Regierung zusammenbrach und schwächer wurde. So deutlich haben wir das nicht mitbekommen. Wir haben uns gefreut – Hurra! – aber morgen ist für uns wieder ein normaler Tag.

Histo-Couch: Gibt es einen Charakter in der Trilogie, der sehr viel von Ken Follett hat?

Ken Follett: (lacht) Ja, Dave Williams, der in den Sechzigern ein Teenager in London ist, ist in gewisser Weise wie ich. Ich war ein Teenager in den Sechzigern in London. Er spielt Gitarre, und ich spiele auch Gitarre. Und er interessiert sich für Kleidung, wenn Dave sich also am Samstag Abend fertig macht, um Tanzen zu gehen, muss ich darüber nicht nachforschen, denn ich muss mich nur erinnern, was ich selbst angezogen habe.

Histo-Couch: Lesen Sie Ihre Romane noch einmal, nachdem sie veröffentlicht wurden?

Ken Follett: Normalerweise nicht, nein. Nun, es ist ein bisschen langweilig, ich weiß ja, was passiert …

Histo-Couch: Gibt es eines Ihrer Bücher, von dem Sie nun sagen würden, dass Sie es heute völlig anders schreiben würden als zu dem Zeitpunkt, als es zum ersten Mal veröffentlicht wurde?

Ken Follett: Nein, das denke ich nicht. Meine frühen Bücher waren nicht erfolgreich. Ich habe zehn erfolglose Bücher geschrieben, ehe ich einen Bestseller hatte. Aber selbst, wenn ich mich an sie zurück erinnere …Wissen Sie, ich wüsste nicht, wie ich sie irgendwie ändern würde. Wissen Sie, sie sind fertig, sie sind nicht sehr gut, aber ich kann mir nicht vorstellen zu denken, wenn ich dies oder das verändere …Ich schreibe lieber eine neue Geschichte.

Histo-Couch: Werden Sie nach Kingsbridge zurückkehren? (Anm. der Red.: Folletts Romane „Die Säulen der Erde“ und „Die Tore der Welt“ spielen im fiktiven Ort Kingsbridge)

Ken Follett: Oh ja. Ja, ich arbeite gerade an einer Kingsbridge-Geschichte. Ich habe „Kinder der Freiheit“ an Weihnachten beendet und denke seitdem über mein nächstes Buch nach. Und ich habe eine Geschichte, die hauptsächlich in Kingsbridge spielt, aber im sechzehnten Jahrhundert, während der Regentschaft von Königin Elizabeth I.

Histo-Couch: Wie wichtig ist es für Sie, Musik zu machen als einen Ausgleich zum Schreiben?

Ken Follett: Nun, es ist wirklich ein Kontrast zum Schreiben, denn das Schreiben ist sehr intellektuell. Mein Schreiben ist sehr geplant, es gibt viele Betrügereien und Intrigen und ich muss das alles im Kopf behalten. Wohingegen wenn ich in einer Band spiele – das ist sehr sinnlich. Es ist Musik, es ist eine Sache der Fingerspitzen und der Ohren, das muss man nicht so sehr planen. Jemand sagt, dies ist ein zwölftaktiger Blues, und er steht in E-Dur und der Schlagzeuger spielt (klopft auf seine Schenkel) ungefähr so, und dann fangen wir einfach an zu spielen.

Histo-Couch: Sie haben heute Abend noch einen Auftritt?

Ken Follett: Wir spielen heute Abend hier in Frankfurt in einem Club namens Orange Peel, und wir beginnen um Viertel nach zehn und machen so lange, wie die Leute tanzen wollen.

Histo-Couch: Sind Sie nervöser, wenn Sie Musik machen oder wenn Sie Bücher schreiben?

Ken Follett: Nun, ich bin bei beiden nicht nervös. Ich bin sehr glücklich, wenn ich schreibe, und ich bin sehr glücklich, wenn ich Gitarre spiele. Das einzige, was mich nervös macht, sind Fernsehinterviews auf Französisch.

Histo-Couch: Vielen Dank!

Ken Follett: Sehr gerne!

Das Interview auf englisch

Übersetzung: Carsten Jaehner, mit Dank an Rebecca Klarner fürs genaue „Hinhören“

Das Interview führten Birgit Borloni und Carsten Jaehner.

Bilder (2): (c) bei Literatur-Couch.de (1), Olivier Favre (1)