„Ich bin gerne in Gesellschaft meiner Gedanken und Figuren“

Die Histo-Couch im Interview mit Eric Walz über seine Romane, Kritiken und den Traum, Bücher zu schreiben

Histo-Couch: Herr Walz, was bedeutet für Sie Historie?

Eric Walz: Woher wir kommen. Tragödie und Komödie.

Histo-Couch: Weshalb schreiben sie gerade historische Romane?

Eric Walz: In der Schule hatte ich Einsen in Deutsch und Geschichte. Irgendetwas hat mich schon immer an der Vergangenheit interessiert. Man kann nach Herzenslust in ihr blättern.

Histo-Couch: Für Ihre historischen Romane setzen Sie sich ja jeweils intensiv mit einer Epoche auseinander. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie Aussagen wie „Das finstere Mittelalter“ oder ähnliches hören?

Eric Walz: Gar nichts. So ticke ich nicht. Tage, Jahre, Lebensläufe, Schicksale können finster oder hell sein. Aber Epochen ...? In jeder Epoche gibt es glückliche und unglückliche Menschen, und jeder Schriftsteller baut seine Geschichten aus ihrem Leid, ihrer Freude und ihrer Sehnsucht nach etwas Frieden.

Histo-Couch: Wie nahe stehen Ihnen Ihre Romanfiguren?

Eric Walz: Ich muss sie lieben. Sogar die Hassenswerten.

Histo-Couch: Ihre Figuren sind sehr vielschichtig, kaum einmal lässt sich eine Handlung bei Ihnen in „schwarz-weiss“ einteilen. Lassen sich solche Figuren einfach in eine Geschichte hinein arbeiten?

Eric Walz: Ich finde schwarz-weiß Figuren zutiefst langweilig. Wie oft begegnen wir im wahren Leben abgrundtief schwarzen oder reinweißen Seelen? Unsere Seelen sind grau in verschiedenen Schattierungen. Dementsprechend gestalte ich meine Figuren. Sie sind komplex und lassen sich kaum in eine bestehende Handlung hineinarbeiten, daher gehe ich andersherum vor. Am Anfang stehen die Figuren. Wie in einer Arena werden sie mit Stärken und Schwächen bewaffnet und anschließend miteinander konfrontiert. Daraus entsteht die Handlung.

Histo-Couch: Welches ist – auf Ihre eigenen Romane bezogen – heute Ihre persönliche Lieblingsfigur? Weshalb?

Eric Walz: Sandro Carissimi, der Jesuitenmönch und „Detektiv“ meiner Romane „Die Glasmalerin“, „Die Hure von Rom“ und „Der schwarze Papst“. Er ist verliebt, aber als Jesuit in der Pflicht; er ist scharfsinnig, wird aber vom Papst manipuliert; er ist einfühlsam und tolerant, kriegt sein Leben aber nur schwer in den Griff und scheitert gelegentlich an seiner eigenen Inkonsequenz. Ich finde ihn zutiefst menschlich. Eine zweite Lieblingsfigur ist Ermengard, die Ich-Erzählerin in der „Giftmeisterin“. Da sie ein Verbrechen aufklärt und dadurch Leben rettet, im Laufe der Handlung aber auch selbst einen Mord begeht, ist sie eine wunderbar doppelgesichtige Figur. Man kann sie mögen und sich an ihr reiben.

Histo-Couch: Verzeihen ihnen die Leser, dass Sie in Ihren Romanen auf die strahlenden Helden und holden Maiden verzichten?

Eric Walz: Es gibt Leser, die sich am liebsten auf wohlbekannten Pfaden bewegen. Ich habe das nicht zu bewerten. Das muss jeder selbst wissen. Neulich schrieb mir eine Leserin, dass sie in der Mitte der „Sündenburg“ das Buch habe weglegen müssen, weil die intrigante Dienerin mir derart gut gelungen war, dass sie deren Boshaftigkeit kaum ertrug. Ich habe das als Kompliment verstanden.

Histo-Couch: Sie fordern mit ihren Romanen die Leserschaft intellektuell heraus. Geraten Sie dabei nicht in Gefahr, die Leute teilweise zu überfordern und dadurch schlechte Kritiken zu provozieren?

Eric Walz: Ja. Aber wer hat schon einen gänzlich ungefährlichen Job? Für meine Historischen Romane muss der Leser keine großartigen Geschichtskenntnisse mitbringen und auch kein Wörterbuch neben dem Bett liegen haben. Aber er sollte sich von einigen Schablonen trennen können.

Histo-Couch: Geraten Sie je in Versuchung, einen Plot den Wünschen eines Verlags oder einer lautstarken Lesergruppe anzupassen?

Eric Walz: Wie heißt es so schön: Selbst der Herr kannte die Versuchung. Versuchungen sind das Eine, Taten das andere. Wenn ich auf Ungereimtheiten in der Handlung aufmerksam gemacht werde, bin ich dankbar. Größere Eingriffe in meine Plots hat es bisher von keiner Seite gegeben.

Histo-Couch: In ihrem Roman „Die Sündenburg“ haben Sie nicht nur eine Reihe von vielschichtigen Charakteren geschaffen, sie schlüpfen auch in deren Rolle und schreiben in Ich-Form aus der Sicht ganz unterschiedlicher Persönlichkeiten. Wie konnten Sie sich so gut auf die einzelnen Personen einlassen und deren Sichtweise nachempfinden?

Eric Walz: Indem ich jede Figur liebe, wie ein Schauspieler seine Rollen liebt. Dann komme ich ganz nah heran: an die Aufblühenden und die Verwelkenden, an die Glücklichen und die Elenden, die Rachsüchtigen und ihre Opfer. Oft hilft es auch, wenn man auf seine eigenen Sehnsüchte und dunklen Seiten, die jeder von uns mehr oder weniger tief in sich verborgen hat, zurückgreift. Gemeine Triebe literarisch auszuleben, empfinde ich als Luxus.

Histo-Couch: Wer liest ihr Manuskript als Erstes?

Eric Walz: Dafür gibt es kein Standardverfahren. Mal liest es dieser zuerst, mal jener aus meinem engeren Umkreis. Niemals lasse ich ein Manuskript kritisieren, bevor es fertig ist, da die Kritik mich verwirren und verunsichern könnte. Ich will erst mein Ding durchziehen, dann dürfen andere kommentieren.

Histo-Couch: Schriftsteller ist – so hört man manchmal – ein einsamer Beruf. Empfinden Sie dies auch so?

Eric Walz: Ja, zum Glück. Ich bin gerne in Gesellschaft meiner Gedanken und Figuren. Das ist natürlich nicht für jeden das Richtige, aber ich finde das Alleinsein während einiger Stunden am Tag sehr angenehm. Es wird mir auch nie langweilig. Sobald ich schreibe, erschaffe und gestalte ich eine Welt, und zwar jeden Tag. Trotzdem: Man kann es auch übertreiben. Wenn ich ausgehe, will ich einfach Spaß haben und gute Unterhaltungen genießen.

Histo-Couch: Viele Menschen träumen davon, ein Buch zu schreiben, das dann auch veröffentlicht wird. Ist es wirklich ein Traum, oder eher ernüchternd?

Eric Walz: Für mich war es die Erfüllung eines langen Traumes. Denn das Buch ist das Resultat eines enorm bewegenden Prozesses, den man Schreiben nennt. Die Entstehung eines Textes, sein Wachsen, ist immer wieder aufs Neue ein großartiges Erlebnis.

Histo-Couch: Was empfinden Sie, wenn Sie in ihren ersten Romanen blättern? Würden Sie die Geschichte noch einmal auf diese Weise erzählen?

Eric Walz: Ich blättere nie in meinen gedruckten Romanen, es sei denn, ich habe eine Lesung. Eine Geschichte noch einmal zu erzählen, hätte grundsätzlich großen Reiz, aber dann müsste es sich um ein für mich sehr persönliches Thema drehen, z.B. eine intensive Erfahrung, die ich literarisch verarbeiten und öfter variieren würde.

Histo-Couch: Nach Veröffentlichungen wird man oft auch mit Fans konfrontiert. Bereitet Ihnen der Umgang mit Öffentlichkeit Mühe?

Eric Walz: Wenn sich jemand wegen einer Lesung, einer Podiumsdiskussion, eines Fernsehauftritts oder was auch immer an mich wendet, lehne ich nur sehr selten und dann aus konkreten Hinderungsgründen heraus ab. Ich bewege mich gerne unter Menschen, und viele meiner Lesungen waren ausgesprochen lustige Veranstaltungen.

Histo-Couch: Wie entspannen Sie sich, wenn ein Manuskript fertig ist?

Eric Walz: Ich belohne mich auf irgendeine Weise. Das kann eine Party mit Freunden sein, ein aufwändiges Essen, ein Tag in der Wellness-Oase, eine teure Flasche Wein, ein Glas Whiskey zu viel …Allerdings schreibe ich bereits am nächsten Tag am nächsten Manuskript weiter. Schreiben ist für mich keine Arbeit. Es ist ein Elixier.

Histo-Couch: Wie geht es Ihnen am Veröffentlichungstag? Gehen Sie in Buchhandlungen und schauen sich nach Ihrem Buch um?

Eric Walz: Nach der Veröffentlichung meines ersten Romans habe ich das gemacht. Ich wollte wissen, wie es ist, das eigene Werk in der Auslage zu sehen. Nun weiß ich es und bin gelassen. Seit dem zweiten Roman vergesse ich sogar, wann der Veröffentlichungstermin ist. Mir fällt es meistens ein paar Tage später ein. Wenn ich in Buchläden gehe, suche ich nicht meine Bücher, sondern andere.

Histo-Couch: Worüber würden Sie am liebsten mal etwas schreiben?

Eric Walz: So viel Platz haben wir hier nicht. Meine Liste ist sehr, sehr lang und reicht von ernsthaften Themen bis hin zu einer komischen Revue, die mir vorschwebt. Ich picke eine Sache für Sie heraus: Ich würde gerne einen Krimihelden erschaffen, Sie wissen schon, einen Columbo, Wallander, Maigret, Poirot, eine Miss Marple …Aber zeitgenössisch. Und dann zwanzig Bände schreiben.

Histo-Couch: Woran arbeiten Sie momentan?

Eric Walz: Ich pausiere mit Historischen Romanen und schreibe einen Thriller, der im Hier und Jetzt spielt. Wobei ich nicht weiß, ob Thriller der richtige Begriff dafür ist. Es ist eher ein Spannungsroman, in dem alles auf eine Katastrophe zuläuft. Einen Gegenwartsroman wollte ich schon lange schreiben, und jetzt ist es so weit.

Das Interview führte Rita Dell’Agnese

Foto (1): Copyright Fotostudio Iris Gass, Reichenbach