„Wenn man Erfolg hat, wird man weitergereicht“ Foto Jaron

Die Histo-Couch im Interview mit Verleger Dr. Norbert Jaron über Berlin, Krimireihen und die Arbeit der Autoren untereinander

Histo-Couch: Herr Jaron, der Jaron-Verlag hat sich ja seit seiner Gründung 1996 den Regionen Berlin-Brandenburg, Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt verschrieben. Sie bieten viele Sachbücher zur Regionalgeschichte an, aber auch Belletristik, darunter die für unsere HC-Leser besonders interessanten Regional-Histo-Krimis. Wie entstand denn die Idee, bei Jaron vor allem Literatur zu den östlichen Regionen Deutschlands zu verlegen?

Dr. Norbert Jaron: Der Jaron Verlag war bei seiner Gründung intentional ein Verlag, der sich ganz auf Berlin konzentrierte. Mitte der 1990er Jahre zu einer Zeit, da zwar beschlossen war, die Bundeshauptstadt von Bonn nach Berlin zu verlegen, der Berlin-Tourismus sich aber erst ganz langsam entwickelte war das Marktsegment Berlinbuch noch sehr überschaubar. Neben den zwei, drei Kollegen, die dieses Segment seriös bedienten, schien uns damals Platz für einen weiteren Verlag: einen, der vor allem moderne und qualitätvolle Bildbände und Ratgeber zu Berlin anbietet. Die Belletristik war für uns anfangs nur ein Randbereich. Nach den sehr erfolgreichen ersten Jahren bot sich dann an, Buchkonzepte, die sich auf dem am härtesten umkämpften Regionalbuchmarkt in Deutschland und das wurde Berlin sehr schnell nach 2000 bewährt hatten, für andere Städte oder Regionen zu adaptieren. So begannen wir zum Beispiel, auch für Leipzig und Dresden Reiseführer und andere regionale Sachbücher zu konzipieren. Da wir mittlerweile in Berlin auch mit unserer historischen Krimireihe „Es geschah in Berlin“ recht erfolgreich waren, war die logische Konsequenz, auch dieses Konzept für Sachsen umzusetzen. Dass unsere Expansionsbemühungen sich ganz überwiegend auf den ostdeutschen Raum richteten, hat mit der räumlichen Nähe zu tun: Für einen kleinen, unabhängigen Verlag sind Autorenakquise und Kundenbetreuung natürlich einfacher, wenn man 200 und nicht 800 Kilometer zu überbrücken hat. Hinzu kommt fraglos, dass eine Stadt, die sich in diesen Jahren so rasant wandelt wie Leipzig, allemal spannender für einen in Westdeutschland sozialisierten Menschen wie mich ist als beispielsweise München oder Frankfurt am Main.  

Histo-Couch: Heute ist der Jaron Verlag eine feste Größe vor allem dann, wenn es um Berlin und seine Geschichte  geht. Sind Sie von Anfang an auf reges Interesse bei den Lesern gestoßen oder mussten Sie ihr Publikum erst mühevoll erobern?

Norbert Jaron: Da wir genau im richtigen Moment auf dem Berlinbuchmarkt auftraten – nämlich als das Interesse an der Stadt wuchs, aber die Zahl entsprechender Anbieter noch überschaubar war -, liefen wir bei Buchhandel und Lesern offene Türen ein. Was die historischen Berlin-Krimis angeht, war natürlich auch hilfreich, dass mit Horst Bosetzky einer der versiertesten und angesehensten deutschen Kriminalschriftsteller von vornherein zu unseren Autoren zählte.

Histo-Couch: Gerade mit den historischen Krimis aus Ihrem Verlag wird offenbar eine Marktlücke gefüllt, denn bis vor einigen Jahren waren Berlin, Brandenburg oder Sachsen wohl weiße Flecken auf den Landkarten der meisten Histo-Autoren. Man schrieb über England, Italien, Süddeutschland, Köln …Am wilden Osten bestand da scheinbar weitaus weniger Interesse. Bei Jaron schreiben aber nun Autoren, denen die Geschichte ihrer Region wohl sehr am Herzen liegt. Wie haben Sie diese Autoren gefunden?

Norbert Jaron: Wenn man Erfolg hat, wird man weitergereicht als Autor und als Verlag. Die Krimiszene in Ostdeutschland (inklusive Berlin) hat fast etwas Familiäres. Über Anthologien und Veranstaltungen lernt man immer wieder interessante Autoren kennen. Allein bei der Reinickendorfer Kriminacht habe ich im Laufe der Jahre mindestens drei Autoren kennengelernt, die inzwischen bei uns publiziert haben. 

Histo-Couch: Zurzeit laufen in Ihrem Verlag drei Reihen mit historischen Krimis. Es gibt die Katzmann-Reihe, die in den zwanziger Jahren in Sachsen und Thüringen spielt. Und für Berlin-Brandenburg gibt es die Reihen „Es geschah in Berlin“ und „Es geschah in Preußen“. Soll es dabei erst einmal bleiben oder sind weitere Reihen geplant?

Norbert Jaron: Die mittlerweile schon legendäre Kappe-Reihe trägt den Serientitel „Es geschah in Berlin“. Der erste Band spielt im Jahre 1910, der zuletzt erschienene, der 26. Band im Jahre 1960. Entstanden ist hier unter der Hand eine höchst unterhaltsame Geschichte Berlins und Deutschlands, die bis in das für West-Berlin so wichtige Jahr 1968 fortgeführt werden soll. Die Reihe „Es geschah in Sachsen“ ist begrenzt auf die Zeit der Weimarer Republik. „Es geschah in Preußen“ wiederum konzentriert sich auf die Jahre um die bürgerliche Revolution von 1848. Nicht zu vergessen – wenn auch nicht dem Genre Krimi zuzuordnen – sei Bosetzkys kleine Serie „Wie Berlin und Brandenburg wurden, was sie sind“: charmante Kurzromane um wichtige historische Ereignisse in der mittelalterlichen Geschichte der Mark Brandenburg. 

Histo-Couch: Jede der jetzigen Krimi Reihen hat ihre ganz spezielle Zeit und stellt wichtige Ereignisse, – gesellschaftliche oder technische – Entwicklungen ebenso dar wie die Kriminalfälle. Ich stelle mir vor, dass das Konzept für so eine Reihe von Ihrem Verlag ausgearbeitet wurde. Hatten Sie derartige Konzepte schon im Kopf, als Sie an die Gründung Ihres Verlages gingen?

Norbert Jaron: Ganz und gar nicht. Die Idee zur Kappe-Reihe entstand bei einem Bier mit unserem verehrten Autor Horst Bosetzky. Und aus ihr ergab sich später alles andere.                                                          

Histo-Couch: Wie entstehen die Ideen für den einzelnen Roman und welche Vorgaben macht der Verlag?

Norbert Jaron: Die groben Linien für die einzelnen Reihen werden mit den Hauptautoren der Reihen – bei der Kappe-Serie war das neben Bosetzky über all die Jahre Jan Eik – und den Autoren, die aktuell unter Vertrag stehen, besprochen und festgelegt. Der Verlag muss inzwischen keine wesentlichen Vorgaben mehr machen, der Charakter der betreffenden Serie ist allen beteiligten Autoren vertraut. Die Autorin oder der Autor reichen ein Exposé ein und sofern der Verlag daran nichts zu bemängeln hat, geht es ans Werk.

Histo-Couch: Bei jedem der Krimis merkt man deutlich, dass eine umfangreiche Recherchearbeit dahinter steckt. Welche Möglichkeiten hat denn Ihr Verlag, seine Autoren bei diesen Vorarbeiten für einen Roman unterstützen? Vermutlich sind auch Ihre Lektoren wahre Spezialisten für Regionalgeschichte?

Norbert Jaron: Unsere Lektoren sind Allrounder, keine Spezialisten für bestimmte Epochen. Natürlich müssen sie mit Berlin und seiner Geschichte vertraut sein, und natürlich müssen Sie darüber stolpern, wenn der Platz vor der Berliner Volksbühne in einem Roman, der 1942 spielt, den Namen Rosa-Luxemburg-Platz trägt oder 1920 die Polizei mit Blaulicht durch die Straßen fährt. Aber im Großen und Ganzen müssen wir dem Sachverstand und den Recherchen unserer Autoren vertrauen.

Histo-Couch: Wenn mehrere Autoren an einer KrimiReihe mit gemeinsamen Protagonisten schreiben, dann ist es sicher nicht ganz einfach, die Figuren kontinuierlich zu entwickeln. Insbesondere bei der GontardReihe, die ja mehrere Jahrzehnte umfasst, stelle ich mir das recht schwierig vor. Wie funktioniert das eigentlich?

Norbert Jaron: Die Entwicklung der Personen ist bei allen genannten Krimireihen, die sämtlich ein Stammpersonal haben, das von diversen Autoren weiterentwickelt wird, ein ganz zentrales Problem. Es wird weitgehend über Gesprächsrunden zwischen dem Verlag und den aktuellen Autoren gelöst. Aber es finden auch sehr viele Abstimmungstelefonate zwischen den einzelnen Autoren statt. Die wichtigsten Informationen zu den handelnden Personen werden auf Verlagsseite in einer Datenbank gesammelt. Trotzdem kam es in letzter Zeit zugegebenermaßen zu ein paar Widersprüchen innerhalb der Kappe-Reihe. Da lebt plötzlich eine Person wieder, die schon vier Jahre zuvor das Zeitliche gesegnet hatte. Darüber hat sich der betreffende Autor genauso gegrämt wie der Verlag. Doch wer will ihm einen Vorwurf machen angesichts all des Personals, das sich in 26 Bänden angesammelt hat?

Histo-Couch: Und wie eng arbeiten die Autoren zusammen?

Norbert Jaron: Was die Abstimmung über die Entwicklung des Personals angeht: sehr eng.

Histo-Couch: Welches Projekt in Ihrem Verlag ist denn Ihr persönliches Lieblingskind?

Norbert Jaron: Oh, als Verleger hat man so viele Lieblingskinder, dass man mit jedem, das man hervorheben würde, zugleich vielen anderen Unrecht täte. Wenn ich dennoch eines benennen wollte, dann wären es wohl die Bücher, die ich mit dem literarischen Flaneur, profunden Kenner der Berliner Geschichte, unermüdlichen Kämpfer wider menschliche Dummheit, Rassismus und Intoleranz, mit dem wunderbaren Menschen Heinz Knobloch machen durfte, bis er vor knapp 12 Jahren verstarb. (Notabene: Glücklicherweise muss Knobloch nicht mehr miterleben, wie in diesen Tagen seine Heimatstadt Dresden von einer Minderheit in Verruf gebracht wird, die den aufklärerischen Idealen ihres großen Sohnes leider sehr fern steht.)

Histo-Couch: Mal abgesehen von KrimiReihen, hat der Jaron Verlag weiter Pläne in Sachen historischer Roman?

Norbert Jaron: Aber natürlich. So erschienen in den letzten Jahren regelmäßig von Horst Bosetzky biographische Romane zu historischen Berliner Persönlichkeiten, zuletzt zu „Turnvater Jahn“. In demselben Genre bewegt sich zum Beispiel Hans-Joachim Simon mit „Der große Aschinger“. Auf diesem Weg werden wir weitermachen, sobald uns wieder vielversprechende Manuskripte vorliegen.

Histo-Couch: Dann bleibt den Usern der Histo-Couch nur, Ihnen und Ihrem Verlag für die Zukunft weiterhin viel Erfolg zu wünschen! Wir hoffen auf weitere tolle Krimis aus dem Hause Jaron!

Das Interview führte Annette Gloser.

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