„Für einen Moment war da wirklich das Gefühl, auf einer Linie mit der Vergangenheit zu sein.“

Die Histo-Couch im Interview mit Christoph Andreas Marx über Magie und Mystik, Faust und das Gefühl, ein 500 Jahre altes Buch in Händen zu halten

Histo-Couch: Herr Marx, „Das Pergament des Teufels“ ist ihr zweiter Roman, der im Mittelalter spielt und in dem wieder Glauben und Mystik eine große Rolle spielen. Was fasziniert sie so an dieser Kombination?

Christoph Andreas Marx: Im „Pergament“ liegt der Schwerpunkt eigentlich mehr auf Magie. Glaube und Mystik standen vor allem in „Das Vermächtnis des Templers“ im Vordergrund. Mystik ist etwas, das mich seit vielen Jahren bewegt. Ich bin Mitglied einer Kontemplationsgruppe, die sich regelmäßig im Dom zu Minden trifft und gemeinsam meditiert. Romanische und gotische Bauten haben mich schon immer in ihren Bann gezogen. Sie zeugen von etwas, das uns fast verloren gegangen ist. Mystik ist ein Weg aus der Unruhe unseres Alltags. Sie ist eine Chance, zu uns selbst zu kommen und uns den großen Rätseln unserer Existenz zu stellen. Im „Pergament“ gibt es zwei Figuren, Alanus und Severin, die aus dieser Grundhaltung ihre Stärke beziehen. Aber da ist auch die Tradition der Magie und des alten Hexenwissens. Es gibt Dinge, die über das hinausgehen, was wir verstehen und erklären können. Auch diese Einsicht verdrängen wir heute sehr. Im Roman ist es vor allem die Figur der Johanna, die zutiefst in dieser Weltsicht lebt und die wunderbaren, faszinierenden Seiten des Magischen erspüren lässt. Aber es gibt auch jene, die Magie ausüben, um Macht zu erlangen, um die Welt zu beherrschen, die faustischen Gestalten. Und all diese vielfältigen, zum Teil widersprüchlichen Dinge waren im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit möglich.

Histo-Couch: Fällt es Ihnen leichter, die „faustischen“ Figuren zu entwerfen oder die anderen, die ihre Magie nicht zur Machterlangung u.ä. nutzen?

Christoph Andreas Marx: Das macht keinen Unterschied. Es ist halt wichtig, glaubhafte, authentische Figuren zu gestalten, die fühlen, denken und handeln, wie es Menschen zu dieser Zeit getan haben. Dann beginnen sie Gestalt zu gewinnen, wirken hell oder dunkel; und es wird mit der Zeit deutlich, dass die „Bösen“ nicht nur böse sind und die „Guten“ auch ihre dunklen Seiten haben. Ich glaube, die große Herausforderung besteht darin, Figuren in all ihren Facetten zu entwickeln. Und im historischen Roman kommt hinzu, dass man nicht so tun kann, als ließe sich ein Plot einfach von der Gegenwart in die Vergangenheit übertragen. Und das gilt vor allem auch für die Figuren: die Menschen im Spätmittelalter oder in der frühen Neuzeit hatten ein ganz anderes Weltbild als wir heute.

Histo-Couch: Haben Sie die Stätten besucht, an denen der Roman spielt, wie z.B. das Kellerlabyrinth in Oppenheim? Wie wichtig ist Ihnen die Recherche vor Ort?

Christoph Andreas Marx: Sehr wichtig. Einige Orte habe ich sogar mehrfach besucht, einfach, weil sie mich begeistern. Viel Historisches ist dort heute noch zu sehen. Warum sollte man das nicht auf sich wirken lassen und mit allen Sinnen wahrnehmen? Das Kellerlabyrinth von Oppenheim ist ein sehr gutes Beispiel. Wer es nicht kennen gelernt hat, wird kaum ahnen können, wie man sich darin fühlt. Oder das dortige Beinhaus: Man sollte es gesehen und seine Aura erspürt haben, wenn man glaubhaft darstellen will, wie es auf den Betrachter wirkt. Ich könnte mir nicht vorstellen, dass Vergleichbares unter bloßer Zuhilfenahme von Google-Earth möglich wäre. Und schließlich lernt man vor Ort Menschen kennen. So fand ich Kontakt zu Einheimischen, die mir mit großer Begeisterung Geschichten und Legenden erzählten, und zu Historikern und Archivaren, die mich bei meiner Recherche sehr unterstützt haben und mir halfen, der Vergangenheit sehr nahe zu kommen.

Histo-Couch: Können Sie sich vorstellen, zu dieser Zeit – Mitte des 16. Jahrhunderts – an einem dieser Orte gelebt zu haben? In welcher Zeit hätten Sie gerne gelebt, wenn es die Möglichkeit gäbe?

Christoph Andreas Marx: Es gibt vieles, was mich am 16. Jahrhundert fasziniert. Aber man darf die Augen nicht davor verschließen, dass die meisten Menschen damals in ärmlichsten Verhältnissen lebten, ihr Leben nicht frei bestimmen konnten, Hungersnöten und Krankheiten nahezu hilflos ausgeliefert waren und keinerlei Möglichkeiten hatten, auf Politik und Gesellschaft Einfluss zu nehmen. Für einen Menschen dieser Zeit würden unsere heutigen Lebensverhältnisse geradezu paradiesisch wirken. Nein, ich fühle mich im 21. Jahrhundert recht wohl. Aber es gibt Dinge, die wir auch heute von den Menschen des späten Mittelalters lernen könnten. Im „Pergament“ kann man manches davon wiederfinden.

Histo-Couch: Auf dem Buchcover findet sich direkt der Hinweis: Ein Faustroman. Viele Leser werden den Namen „Faust“ mit dem Drama von Goethe verbinden. Hatte das Drama irgendeinen Einfluss auf Ihren Roman?

Christoph Andreas Marx: Die Zahl der Dramen, der Romane, der Interpretationen in Musik und Malerei, die sich allesamt mit dem Fauststoff beschäftigen, ist riesig. Goethe steht im Kontext einer langen Tradition. Er selbst ist in Straßburg durch ein Puppenspiel mit dem Stoff bekannt geworden. Mir ging es darum, die Faustfigur auf eine Art und Weise auszuformen, wie es bislang noch nicht geschehen ist, also meinen ganz eigenen Faust zu schreiben. Was angesichts der vielen guten Vorbilder recht mutig und riskant ist. Es galt also etwas Neues zu schaffen. Deshalb habe ich mich gerade nicht an den großen, berühmten Vorlagen orientiert, sondern nach den historischen Wurzeln gesucht und die heute noch erreichbaren Quellen zum historischen Faust studiert. Plötzlich war der Blick frei und etwas Neues konnte entstehen. Für viele Leser von heute wirkt der Goethesche Faust inzwischen leider etwas abgehoben und künstlich. Ich hoffe, es ist mir gelungen, Faust wieder auf den Boden des Menschlichen zurückzuholen und das Faszinierende an diesem Mann, der ja tatsächlich gelebt hat, neu zu beleben.

Histo-Couch: Wie schwierig ist es, bei einer solchen Person die reichlich vorhandenen Lücken zwischen den wenigen historischen Fakten mit einer stimmigen Handlung zu füllen?

Christoph Andreas Marx: Es gibt nicht nur die wenigen authentischen Quellen zu Faust, sondern auch exzellente Sekundärliteratur. Die Faustforschung der letzten Jahrzehnte hat versucht, die Lücken zu füllen und die Person des historischen Faust, soweit dies möglich ist, sorgsam zu rekonstruieren. An diese Vorgaben habe ich mich gehalten. Erst dort, wo die Wissenschaft nichts mehr zu sagen weiß, beginnt für mich die literarische Freiheit, die Figur des Faust weiter auszuformen. Aber auch diese Freiheit ist eingeschränkt. Ich möchte Faust nicht Dinge tun lassen, die nach allem, was wir über ihn wissen, unwahrscheinlich sind. Und er bleibt ein Mensch des 16. Jahrhunderts. So ist der Faust im „Pergament“ eine historisch weitestgehend au­thentische Figur, die dem entspricht, was wir von der historischen Gestalt wissen bzw. erwarten dürfen.

Histo-Couch: Ist Faust die einzig reale Person in ihrem Buch, oder haben beispielsweise auch die Ermittler Alanus und Severin reale Vorbilder?

Christoph Andreas Marx: Nein, die beiden haben keine Vorbilder. Neben Faust finden sich im „Pergament“ aber noch andere historische Persönlichkeiten: in Köln der Erzbischof Hermann von Wied, der Buchdrucker Peter Quentell und der Maler Anton Woensam, in Oppenheim der Buchdrucker Kobelius sowie der Arzt Philipp Begardi, in Staufen Graf Anton von Staufen sowie dessen Vater. Und es gibt eine große Zahl zeitgenössischer Personen, die indirekt in die Handlung verwoben sind: Trithemius, Luther, Agrippa von Nettesheim, Abraham von Worms, Ulrich von Hutten, Hildegard von Bingen und all jene bis heute überlieferten Zeugen, die den historischen Faust gesehen, erlebt und beschrieben haben. Schließlich auch eine nicht unbedeutende Zahl antiker und mittelalterlicher Autoren, die mit ihren Werken zur Magie und Alchemie den beiden „Ermittlern“ Alanus und Severin helfen, die okkulten Künste zu verstehen.

Histo-Couch: Wie sind Sie bei der Planung des Romans vorgegangen?

Christoph Andreas Marx: Die Grundidee für das Buch kam völlig spontan im Gespräch mit Freunden. Ich habe einiges im Skizzenbuch notiert, es eine Zeitlang auf mich wirken lassen und durchdacht. Manchmal lässt sich eine Idee ja gar nicht so umsetzen, wie ursprünglich angenommen, oder sie ist doch nicht so spannend, dass man sich zwei Jahre lang damit beschäftigen möchte. Im Falle des „Pergaments“ zeigte sich, dass der Grundgedanke auch nach einiger Zeit des Nachdenkens Bestand hatte und immer reizvoller erschien. So entwickelte ich die Handlung, Vernetzungen, Figuren, Erzählformen etc., verwarf manches wieder, ergänzte, veränderte, bis ein erstes Expose entstanden war. Schließlich entwickelte ich die Tiefenebene der einzelnen Kapitel. Dann erst begann das Schreiben – und manches, was ich mir zuvor ausgedacht hatte, wurde dabei wieder über Bord geworfen. Literarische Figuren entwickeln ihr Eigenleben, und Vernetzungen neigen dazu, komplizierter zu werden, als man glaubt. Aber gerade das ist ja beim Schreiben so spannend.

Histo-Couch: Haben Sie einige der erwähnten Bücher selbst gesehen und durften sie vielleicht sogar durchblättern? Was ist das für ein Gefühl, alte Pergamentseiten in der Hand zu haben?

Christoph Andreas Marx: Ja, einige habe ich selbst in Händen halten dürfen. Am beeindruckendsten war für mich die Erstausgabe des magischen Werkes „De occulta philosophia“ von Agrippa von Nettesheim aus dem Jahre 1533. Ich durfte den sagenumwobenen dritten Band einsehen. Für einen Moment war da wirklich das Gefühl, auf einer Linie mit der Vergangenheit zu sein, ganz so, als würde mir Agrippa die Hand reichen und augenzwinkernd zu mir herüberblicken. Gern hätte ich auch den Codex Gigas einmal im Original gesehen, aber Stockholm ist weit. Immerhin blieb mir der digitale Zugang, den ich allen Leserinnen und Lesern von Histo-Couch gern empfehlen möchte: www.kb.se/codex-gigas. Die digitale Welt macht einiges möglich. Den unmittelbaren sinnlichen Eindruck eines Buches, das die Jahrhunderte überdauert hat, kann sie jedoch nicht ersetzen.

Histo-Couch: Können Sie uns einen Hinweis auf ein neues, nächstes Projekt geben?

Christoph Andreas Marx: Obwohl das „Pergament“ im letzten Kapitel ein spannendes, überraschendes Ende findet, ließen sich doch einige sehr attraktive Folgestränge daraus entwickeln. Auf der letzten Seite stellt die junge Heilerin Johanna sogar eine entsprechende Frage an Alanus: „Die Geschichte geht also weiter?“ – Nun, die Figuren des Romans sind mir sehr ans Herz gewachsen. Da ließe sich ausgehend vom „Pergament“ manch Spannendes und Kluges entwerfen. Andererseits befinden sich in meinem Skizzenbuch längst einige gute Gedanken ganz anderer Art, und es ist immer auch reizvoll, etwas völlig Neues zu beginnen. Noch ist alles offen …

Das Interview führte Carsten Jaehner